Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 24 (12.6.1908)
- Date
- 1908-06-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 434 Dr. Elocv's Mocbenscbrtikt. baust aufgetaucht, um die Mauen seines Retters zu ehren. In bescheideuer Verborgenheit saß er auch im Pantheon unter den Trauergästen zwischen seinem Bruder und seinem jungen Sohne, aber weder der Ort noch die Umgebung hinderten Gregori, dessen drciundsechzig Jahre nicht genügten, um sein Herz gut und menschlich zu machen, auf den Mann zu schießen, den eine Schwindlerbande als angeblichen Vaterlandsverräter zum Märtyrer gemacht hatte. Gregori hat als Beweggrund angegeben, daß er gegen eine Teilnahme der Armee an der Zolafeier demonstrieren wolle. Ein antisemitischer Mörder, ein feiger Mörder also. Demonstriert wurde ja schon vor dem Pantheon. Demonstranten schießen in die Luft, gegen die Säulen, aber nicht auf Menschen. Aber es war weiter nichts die Ursache, als die Tollheit eines Bluthundes, der als Redakteur des „Gaulois" seine ganze Gemeinheit gegen Dreyfus verspritzte, dem sein Opfer dennoch entkam uno der es jetzt mit eigener Hand zur Strecke bringen wollte. Er wird leider sein Verbrechen allein büßen müssen und nicht auch seine direkten oder indirekten Auftraggeber mit chm. Er hat infolge der nationalistisch-klerikalen Hetze gehandelt, wie er es tat. Seine Mitschuldigen bei dem Mordversuch sind die berüchtigten Stützen des Altars, angeblich auch des Thrones, die heute noch Raubritterpolitik treiben wie vor vierhundert Jahren, Anarchie predigen, Religionskriege entzünden möchten, keinen Willen kennen als den eigenen, vor Meuchelmord nicht zurückschrecken — alles wie zur Zeit, wo jeder rings um seine Burg und seinen Bischofssitz herum ein absoluter König war. Sind nicht nach den Regimentsmeutereien, nach den bewaffneten Aufständen gegen die Kirchentrennung alle Menschen davon überzeugt, daß die klerikal-feudalen Elemente Frankreichs heute noch eine Bartholomäusnacht veranstalten würden, wenn sie nur könnten, wenn sie die Majorität hätten? Der Schuß auf Dreyfus paßt in ein solches Massakre, hätte es vielleicht Hervorrufen sollen. Alles möglich in Paris, wo man die Erinnerung daran bewahrt, daß Könige in achtundvierzig Stunden gestürzt worden sind. Gregori wird aber für seine Tat doch nicht in die Geschichte kommen, sondern in den Kerker. Die französische Regierung ist jetzt stärker als ihr innerer Feind und es war ein Schlag ins Gesicht aller Dunkelmänner, daß sich ihre Mitglieder fast durchgehends um das Befinden von Dreyfus erkundigen ließen. Sie haben es nicht nötig gehabt, den» Dreyfus ist ein gewöhnlicher Privatmann; es war gefährlich für sie, denn sie entfesselten alle nationalen Leidenschaften gegen sich. Aber es gibt eben Regierungen, die nicht mit den Klerikalen gehen, sondern mit dem Fortschritt, die nicht den Stolz darein setzen, überhaupt am Ruder zu bleiben, sondern nur dann, wenn sie das Staatsschiff auch nach ihrer Ueberzeugung und ihren Prinzipien lenken können. Der Schuß vom Pantheon, der inmitten eines hochkultivierten Landes, in einer Kapitale der Kultur gefallen ist, hat erschreckend kundgetan, wie locker die Rechtsbegriffe selbst mitten in der Zivilisation einem Juden gegenüber sitzen, daß der Jude nachgerade einem jeden vogelfrei zu sein scheint. In Rußland Pogrome, in Rumänien Verfolgungen, in Oesterreich Krawalle, in Paris ein Mord. So bekommt Mommsens Wort „der Antisemitismus ist die Gesiuuuug der Kanaille" einen tieferen, furchtbaren Sinn. Man hat die Kanaille in der Theorie gewähren lassen, jetzt schändet sie das Jahrhundert durch prattische Bestialitäten. Da» »0jährige Jubiläum des Leopoldstädter Tempels. Zur Erinnerung an die am 16. Juni 1858 (3. Thamus 5618) erfolgte Einweihung. Von Sigmund Husserl Archivbeamter der Wiener israelitischen Kultusgemeinde. Der Tempel in der Seitenstettengaffe, bei dessen Bau leider nur das momentane Bedürfnis ins Auge gefaßt wurde, hatte sich schon bald nach seiner im Jahre 1826 erfolgten Eröffnung als zu beschränkt und für die Zahl der Andächtigen nicht ausreichend erwiesen. Umso weniger konnte er räumlich genügen, als durch den Umschwung der allgemeinen Verhältnisse im Jahre 1848 sich die Zahl der Glaubensgenossen in Wien rasch vermehrte. Die Folge war, daß man sich aus Mangel eines entsprechenden Gotteshauses in enge Betstuben flüchten mußte; dies wurde umso schmerzlicher empfunden, als durch die Einmischung störender Elemente, durch Herabziehung des geheiligten Zweckes zu einem Broterwerbe, der Gottesdienst nicht selten unter ganz weihe- und würdelosen Formen abgehalten wurde.*) Immer mehr sprach sich daher der Wunsch und nicht nur als Stimme von einzelnen, sondern allgemein empfunden aus: man möge zum Baue eines neuen Gotteshauses schreiten. Die Unabweisbarkeit dieser Forderung machte sich dem damaligen Vorstande in derselben Weise geltend wie seinem Vorgänger, der ein Menschenalter vorher zur Errichtung des Stadttempels aufgerufen hatte. So bemerkte Josef Wertheimer in der am 24. November 1849 stattgefundenen Vertreter-Sitzung, als die Tempelbau-Angelegenheit zum ersten Male in Beratung gezogen wurde: „Wir haben vor aller Welt zu betätigen, daß wir wahrhaft bestrebt sind, die Quellen der Religion und der Sittlichkeit vor dem Verfalle zu bewahren." Es bleibt ein unvergängliches Verdienst der damaligen Leiter unserer Gemeinde, daß sie bei Ausführung des Baues nicht nur Tatkraft und Einsicht bekundeten, sondern, durchdrungen von dem Ernste und der Würde ihrer Mission, in der Erfüllung derselben keinen beengenden Zweifeln an der 'Opferwilligkeit aller Gemeindemitglieder Raum gaben. So sehr später auch die tatsächlichen Erfordernisse das ursprüngliche Präliminare weit überschritten, haben sie die Mittel in munifizenter Weise bewilligt und den Bau überhaupt nicht nur vom Gesichtspunkte der damaligen Bedürfnisse ausgeführt, sondern räumlich auf Generationen hinaus Vorsorge getroffen. In der erwähnten^ Vertreter-Sitzung, der sämtliche..Pertreter: I. L. Hofmann von tzofmannsthal, Heinrich Sichrowsky, M. H. Weikersheim, Bernhard Wertheim, Josef Wertheimer und Leopold von Wertheimstein, letzterer als Vorsitzender, beiwohnten, war eine Einigung, wo und in welchen Dimensionen der Bau erstehen solle, nicht zu erzielen. Auch mehrfache, diesbezüglich später gepflogene Beratungen blieben resultatlos. Am 24. Juni 1851 beantragte Heinrich Sichrowsky, das in der Leopoldstadt, Wällischgasse Nr. 569, gelegene, dem Rafael Foges gehörige Haus um den Preis von 52.000 fl. C.-M., anzukaufen. Da die Grundfläche dieses Gebäudes nach Ausmaß und Lage zu einem Tempelbau vollkommen geeignet schien, wurde der Kauf auch am 30. d. M. abgeschlossen. Obwohl bereits am 3. Juli d. I. eine Kommission gewählt wurde, die ein Bauprogramm zu entwerfen und Vorschläge zur Geldbeschaffung erstatten sollte, wurde doch, da sich der Belhausvorstand entschieden gegen die Erbauung eines Tempels in der Leopoldstadt ausgesprochen hatte, die Beschlußfassung über die ganze Baufrage bis nach der in Kürze zu gewärtigenden Genehmigung des ersten Gemeindestatutes vertagt. Als diese unter dem 14. Jänner 1853, Z. 633, erfolgt und damit zum ersten Male der Bestand der Wiener. Kultusgemeinde gesetzlich anerkannt worden war, , beschloß der neukonstituierte Vorstand am 21. April 1852 den .Bau in der Leopoldstadt zu errichten.f Am 22. d. M. wurde der k, k. n.-ö. Statthalterei die Bitte um Bewilligung zur Errichtung yines zweiten Gemeinde-Bethauses unterbreitet. Diese forderte unter dem 17. August d. I., Z. 28604, die k. k. Polizei-Direktion zur Aeußerung hierüber binnen drei Wochen auf. Letztere kam diesem Auftrag jedoch erst am 31. Oktober d. I. nach. .Am Schluffe des an diesem Tage ad Z. 28604 erstatteten Berichtes, heißt es: „ . . . freilich steht zu befürchten, daß die Gründung des neuen großen Bethauses eine besondere Anziehungskraft für *) Trotz der unablässigen Bestrebungen des Vorstandes, daß im Bereiche der Wiener Kultusgemeinde der Gottesdienst in 'allen Bethäusern in erhebender Weise stattsinde. treten solche beklagenswerte Vorkommnisse auch noch heute — glücklicherweise nur vereinzelt, hie und da ein.