Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 24 (12.6.1908)
- Date
- 1908-06-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Str. ä4 Dr. Llocv's Mocvenscdrltt. länger erhalten als in anderen Ländern. Bürger und Bauer, wenn sie auch unter dem „hochgeborenen" Adel und dem ..hochwürdigen" Klerus standen, hatten doch eine unter ihnen stehende Klasse — die Juden, auf die sie mit Stolz herabsehen, die sie gelegentlich auch ungestraft drangsalieren konnten. Mit der Gleichberechtigung der Juden ist diesen Klassen gleichsam der Schemel unter den Füßen weggpzogen worden. Als dann die Juden von der Gleichberechtigung ernstlich Gebrauch zu machen anfingen, Beamte, Professoren, ja sogar Apotheker werden wollten, da gesellte, fich der Brotneid zum Klassenhochmut. Unverschämt, aber nicht nackt, denn mit dem Mäntelchen der ziffermäßigen Gleichberechtigung drapiert sind diese Triebfedern ans Tageslicht getreten mit dem vom Budgetausfchuffe des Reichsrats angenommenen Anträge des Jugendbildners und christlichsozialen Gemeindenates Heinrich Schmid, den Juden den Schulbesuch nur nach dem Verhältnis ihrer Kopfzahl zur Gefamtbevölkerung zu gestatten. Ich will nicht mit dem billigen Witze antworten, daß. wenn man die Köpfe nicht zählen sondern wägen würde, das Verhältnis für die Juden viel günstiger ausfallen müßte, aber selbst ein verbohrter Antisemit wird zugeben müssen, daß. wenn man einmal den „Proporz" einführt, er nicht auf die Mittelschulen beschränkt bleiben könnte. Professor Schmid ist mit seinem Antrag in bezug auf die Mittelschulen erst Anfang April dieses Jahres hervorgetreten, aber schon Anfang Dezember v. I. hat sein, Gefinnungsgenosse Dr. Mayr ein ähnliches Verlangen in bezug auf die Universitäten im Reichsrat geäußert und Dr. v. Mühlwert, ein Deutschnationaler, hat ihm zugestimmt. Die schönen Seelen begegnen sich. In seinem neuesten Gerede (am 2. Juni) hat der „Herr Professor schon fast unverblümt die christlichen Studenten aufgefordert, auf die Juden loszuschlagen. Da er aber zugleich die Errichtung von pädagogischen Seminaren „zur Heranbildung von tüchtigen Pädagogen an den Mittelschulen" gefordert hat, so scheint er wohl selbst der Ansicht zu sein, daß ihm eine solche Heranbildung fehlt. Aber wie gesagt, wir Juden könnten uns mit dem „Proporz", wie sie in Süddeutschland sagen, vielleicht einverstanden erklären, wenn er sich nicht auf die Schulen beschränken, sondern auf alle Aemter und Würden in Staat, Land, Bezirk und Gemeinde ausgedehnt würde. Es gibt zu viele jüdische Universitätsprofessoren sagt man, aber bei den Gymnasien bleibt schon die Zahl der jüdischen Professoren unter dem Bevölkerungsverhältnis. Und erst in den höheren Stellen! Gibt es in Oesterreich oder hat es je gegeben einen jüdischen Minister, Statthalter, Legationsrat, Statthaltereirat. Bezirksvorsteher u. dgl.? In Wien kann ein Jude jetzt nicht einmal Stadtrat, Stadtarzt oder Nachtwächter werden. Selbst bei Ausstellung der Geschwornenlisten wird ihnen die verhältnismäßig gebührende Zahl nicht immer gegönnt. Wenn man die Tausende zählt, welche seit Einführung der papierenen Gleichberechtigung diese vielen Aemter bekleidet haben, so wird man finden, daß den Juden noch sehr, sehr viel zu den 4% Perzent, die sie von der Gesamtbevölkerung bilden, fehlt. Man wird mir vielleicht einwenden, daß dieser Berechnung nicht die Zahl aller seit vierzig Jahren in Dienst gestandenen, sondern nur die der jetzt im Amt befindlichen Beamten zugrundegelegt werden sollte. Aber ich folge darin nur dem Beispiele unseres Landesverteidigungsministcrs, der in Beantwortung der Interpellation des Dr. Gabel auf die Klage, daß die Juden in den letzten Jahren bei der Ernennung von Militärärzten und bei Verleihung von Stipendien zurückgesetzt wurden, mit einer Statistik antwortete-, die auf Zahlenangaben seit dem Jahre 1888 beruht, während ja gerade über das jetzige Regime geklagt wird. Im Uebrigen mag es genügen, auf die Berichtigung der ministeriellen Erklärung durch Dr. Gabel in der Sitzung vom 15. Mai zu verweisen. 1-. Seite 433 Das Attentat auf Dreyfus. Zolas Sarg wurde von der französischen Regierung im Pantheon beigesetzt. Einem Toten wurde die höchste Ehi e erwiesen, die man schon dem Lebenden schuldig war. Was immer einer gegen den Politiker Zola haben mag, dem Dichter wird er die Verehrung nicht versagen dürfen. Das war einer jener geistigen Titanen, von denen ein Jahrhundert immer nur sehr wenige hervorbringt und der zum Kulturmonument der französischen Nation mit der Kraft des Genis einen gewaltigen Block herbeiwälzte. Man halte nur andere Romane gegen Zolafche, und die Gerechtigkeit auszuübeu wird leicht sein. Dort ein belangloses Schicksal mit Zuckersaft für den Salon geschrieben; hier ein Kolossalgemälde des Volkes mit seinen wirklichen Menschen, wirklichen Leidenschaften, die Massen der modernen Sklaven bei der Arbeir, im flammenden Hintergründe die Revolution, Kapitalismus. Alkoholismus und all die großen Probleme der Jetztzeit mit überzeugender Lehrhaftigkeit dargestellt. Zola ist der Eronk nicht ausgewichen. Der große Realist konnte nicht lügen und sagen, daß nicht die Liebe der größte und stärkste Motor des Lebens sei und nicht den mächtigsten Anstoß zu allen Dingen gäbe. Aber darüber hinaus ist er nie pornographisch geworden. Und die nationalistischen Redakteure und ihre nationalistischen Hintermänner aus dem adeligen Faubourg St. Germain in Paris, die notorisch mit ihren Maitressen eine Pariser Sittlichkeit betreiben, an die ein Zola nickt einmal dachte, diese Lumpen, die nach wüsten Nächten sich an Artikeln begeistern, „Von der Kloake ins Pantheon", gehören selbst in die Kloake, sind verächtliche Verächter eines Großen ihres Volkes. Aber die Klerikalen und ihre feudale Abart sind schon einmal so, daß ihnen die sogenannten Ideale, Wahrheit und Gerechtigkeit darunter, die lächerlichsten von allen Dingen sind. Ihnen zu willen muß man sein, das übrige ist alUs Nebensache. Wollten sie nicht wegen der Kongregationsgesetze ihr französisches Vaterland in Trümmer schlagen? Sie sind auch bei uns nicht anders. Dem Kaiser, dem sie jetzt für Orden lobhudeln, haben sie Demonstrationen gemacht, wie cr ihnen den Lueger nicht bestätigen wollte und als er den Ausgleich mit Ungarn machte. An allen leitenden Stellen, auf allen Lehrkanzeln nicht die tüchtigsten, aber die gesinuungsfestesten Zutreiber der schwarzen Partei, wenn unter ihnen auch alles versumpft. Dieser Sorte kann man es schon zumuten, daß sie die Ehre und Größe ihres Vaterlandes anspuckten und von bezahlten Mietlingen einen ekelhaften Radau bei der Totenbestattung Zolas aufführen ließen, der ihr politischer Feind war, weil er bei allen Dingen nur die Wahrheit sah. Dabei hat aber der verbrecherische Fanatismus, den sie aufstachelten, eine Meisterleistung der Niedertracht vollbracht. Der antisemitische Journalist Gregori hat bei der Leichenfeier für Zola im Pantheon drinnen auf Alfred Dreyfus geschossen. Man darf sich bei der Beurteilung dieser meuchlerischen Tat nicht von dem Zufall der mißlungenen Ausführung bestechen lassen. Dreyfus ist rur am Arme verwundet, aber gerade so gut hätte das Herz getroffen werden können. Es war die Absicht zu einem Morde vorhanden, zu einem von den Antisemiten verlangten Morde. Der klerikale Meuchelmörder Gregori hat nur ausgeführt, was er auf den Plakaten und Tafeln zur Zeit des Dreyfus- Prozesses las: Mort a jaifs! Was hat denn der arme jüdische Major a. D. dem Gregori getan? Als man Dreyfus das Leben und die Ehre zurückgab, hat er sich als ein Jude, dessen blutiges Menschenrecht schon eine Provokation ist, im tiefsten Mauseloch versteckt. Er hat die Regierung nicht vor die Verlegenheit gestellt, ihn zum Obersten und Regimentskommandanten ernennen zu müssen, sondern hat den Abschied genommen, nachdem er seinen militärischen Rang mehr symbolisch als effektiv eingenommen hatte. Bei der Leichenfeier Zelas ist er für einen Augenblick gekommen, aus seinem Privat-