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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-06-05 · 23 (5.6.1908) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
23 (5.6.1908)
Date
1908-06-05
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 23 m. Moeb's Mocdenscvrikt. Sette 429 der Sache nahm. Nach rasch beendigten Vorverhandlungen wurde ihm aus dem Tempelhofer Felde für den Bau seines Schiffes ein eigenes Werkhaus errichtet und eine Elsässer Fabrik, glaube ich, lieferte das Aluminium. Damals nun wurde ich mit ihm bekannt, er stand auf der Hohe seines Glückes und seiner Hoffnung. Da begann es an Geld zu fehlen, die Lohnauszahlungen machten Sorgen, und er kam nach Wien und Agram, auf der Suche nach Mitteln, doch vergebens! Alte Freunde sagten: Nein. Nur einer, ein kleiner Gewerbsmann, den er in seinen guten Tagen viel beschäftigt hatte, fühlte Mitleid, als der Herr von einst mit so kreideweißem Gesichte vor ihm dastand, und lieh ihm 800 fl.; aber was lag daran? War doch der Termin für die Probefahrt in Gegenwart des Kaisers bereits angesagt! Am 23. oder 24. August sollte sie vor sich geben und der Erfolg war so sicher; hatte das Schiff doch in Rußland schon so exakt manövriert! Und dann war Alles erreicht, das Schiff ging um so und so viel Hunderttausende in das Eigentum der deutschen Kriegsverwaltung über, und kraft Vorvertrages gab sie dann sofort zwanzig weitere Schiffe um zusammen 6 Millionen Mark in Bau. Und richtig begann man schon auf dem Tempelhofer Felde das Werkhaus niederzureißen, da sich das Schiff am Probetermin direkt von dort aus in die Luft erheben sollte, und in unzähligen Flaschen lag, unter Sand und Strohmatten verwahrt, die nötige Menge Wasserstoffgas zur Füllung der Ballonets da. Denn man weiß ja, das Gas muß vor Verdünnung und Verflüchtigung geschützt werden, weil es sonst ungeheuer an Tragkraft verliert. Da auf einmal ein Donuerschlag: Absage des Termines und Verschiebung des Probeaufstieges, weil sich gerade für die Zeit des Termines Zar Nikolaus II. zu den Breslauer Manövern ansagte und Kaiser Wilhelm also dort gefesselt war. Und als dann drei oder vier Wochen später und nach schweren Regenwettern der Aufstieg stattfand, erhob sich das Schiff, machte einige Bewegungen und fiel, weil das Gas um seine Tragkraft gekommen war, rasch wieder zurück. Man spricht von den Schmerzen, in denen ein Autor der Ausführung seines Dramas entgegenbangt, und schildert die hundert Zufälle, von denen der Ruhm und Erfolg abhängt. Welches Schicksal aber verglich sich mit dem hier? Nicht mehr mutig, sondern gebrochen kehrte also der arme Erfinder noch einmal nach Wien zurück, auf der ewigen Suche nach Geld; es handelte sich nicht mehr um 800 oder 1000 fl., sondern um das Sechsfache des Betrages, und wenn er auseinandersetzte, daß einzig die Jnsusfizierung des' durch wochenlange Lagerung auf feuchter Erde entkräfteten Gases den Mißerfolg verschuldet habe, daß aber sein Werk sich darum doch beim zweitenmale triumphierend in die Luft emporschwingen und sie meistern werde, sagte Jeder artig und teilnahmsvoll: Sie werden ja recht haben, und innerlich dachte man: „Ach, inkurabel! Jetzt sieht man's ja!" Gerade in diesen letzten Tagen seines Lebens sah ich an ihm aber, was Stolz ist. Ueberall hörten wir: „Luftschiff? Sprechen Sie mit Jules Verne . . . Eisenbahn zum Monde", und er klagte nicht, sprach nicht, wie andere in ähnlicher Lage es tun, von Menschenbrut und dem Elend des Feuergeistes auf Erden, sondern er lächelte, ich kann nicht einmal sagen, mit Bitterkeit, und sagte mit der alten Leuchtkraft in den großer! grauen Bismarck-Augen einfach: „Man glaubt's nicht — man wird es glauben, wenn ich tot fein werde. Eine Schachpartie gefällig?" Und wir spielten Partien, in denen er hartnäckig immer die Königin preisgab, um zu demonstrieren, daß man sich genial verteidigen kann — nur nützt es nichts. Dabei raffelte und röchelte die Stimme und das Gesicht war aschfahl. An einem jener Tage saß ich nun mit einem Freunde, unserem lieben Kollegen BerenyiLaczi aus Budapest, im Stephanskeller beim Speisen, da stand auf einmal der Gianachs, der Egypter, von dem ich oben gesprochen habe, im Türrahmen, wortlos und stumm wie eine Bildsäule — ich verstand nicht gleich. Aber auf einmal durchfuhr es mich, und ich fragte, die Bewegung des Schießens nachmachend: „Selbstmord?" — „Nein", erwiderte er, „aber zehn Schritte von hier, bei dem Restaurant „zur Linde", ist er soeben gestorben, an Berstung der Aorta. . . Und so war Alles aus." Sie waren dort Beide vorbeigegangen, und David Schwarz sagte eben: „Das ertrage ich nicht länger" — da quoll plötzlich ein Strom von Blut aus seinem Munde, er stürzte in den Hausflur, hielt sich, beide Arme gegen die Wand stemmend, noch eine Sekunde aufrecht, brach dann zusammen und war tot. Nun, und jetzt kam unsere Unterredung mit dem Grafen Eulenburg und als ihr Resultat trotz des gewünschten Erfolges etwas, was in uns noch später nachzitterte. Denn ohne daß das Gespräch auch nur eine Sekunde den Charakter des rein Amtlichen und Geschäftlichen verließ, gab es darin doch etwas, was nicht recht zu der Vorstellung eines Staatsmannes Paßte, von dessen großem Unabhüngigkeitssinn damals viel die Rede war. In Wien spielte Graf Eulenburg um jene Zeit eine glänzende Rolle. Er trug die doppelte Glorie des Vertrauensmannes des deutschen Kaisers, und desjenigen, der von Bismarck des besonderen Haffes wert gehalten ward. Dabei war er, wie seine Freunde versicherten, nicht etwa nur Schoßkind einer fürstlichen Laune, sondern wirklich selbst ein Element voller Umsicht und Kraft. Er war, so hieß es, von großer geistiger Elastizität; bei vollkommener Delikatesse des Auftretens war er Meister im klugen und energischen Pointieren; alles, was er sagte, klang wie nebensächliche Frage und verriet sich durch Ton und Blick als Argument, das man um seiner Logik willen respektierte, in schwierigen und verwickelten Situationen aber war er, so hieß es, aller Auswege kundig und erfinderisch. Und noch etwas, was ihm hoch angerechnet werden mußte. Grandseigneur, war er doch nicht abweisend, sondern im Gegenteil, er fühlte sich wohl in bürgerlichen, literarischen und künstlerischen Kreisen, und durch und durch modern, versagte er sich nie, wenn Jemand mit der Bitte um Wahrnehmung seiner bürgerlichen Jntereffen auf der Botschaft erschien. Und solch ein Fall von der letzteren Art führte ja auch uns zu ihm. Denn wir erinnerten uns der Gefahr, die den Hinterbliebenen drohte, sobald man in dem Hotelzimmer bei der Todesfallsaufnahme die genauen Pläne des Luftschiffes fand; denn nichtpatentierte Erfindungen sind noch weniger vor Diebstahl und Mißbrauch gesichert, als Manuskripte vor Plagiatoren und eingereichte Werke in räuberischen Theaterkanzleien. Darum rasch zur deutschen Botschaft; Deutschland ist ja in der Sache selbst interessiert — allein bald zeigte sich, daß das doch nicht Jedem gleich klar und offenbar war. Der Herr Botschafter zu sprechen? — Ist es dringend? — Jo, sehr. — Wirklich dringend? — Absolut. — Denn Se. Erlaucht ist beim Speisen. — Bitte, dann warten wir. — Und hat nach dem Speisen auch zu tun. — Nun, wir warteten aber doch, bis Graf Eulenburg, noch kauend und den Zahnstocher in der Hand, eintrat und um Entschuldigung bat, er sei sehr beschäftigt. Dabei wiegte er sich in den Hüften und sah nicht sehr angestrengt aus. Ich berichtete, er hörte, den seltsam toupierten Kopf immer rechts geneigt, lässig zu und fragte schließlich gedehnt, mit dem Zahnstocher von Alabaster spielend: „Ich sehe nicht ein, inwiefern..." Und das wiederholte er ein zweites und drittes Mal, so, daß wir uns betroffen ansahen; denn Gott im Himmel, das hatten wir nicht erwartet, da in meinen Ausführungen gewiß keine Lücke betreffs des Baues auf dem Tempelhofer Felde, sowie des deutschen Interesses war. „Darf ich voraussetzen", meinte ich schließlich so höflich als möglich, aber innerlich verzweifelt, „Ew. Erlaucht wäre das Jntereffe unbekannt, das Se. Majestät Kaiser Wilhelm an der Sache genommen hat?" Da richtete sich der Kopf plötzlich gerade und in den Augen wurde ein angestrengter Ausdruck sichtbar, worauf ich von den wiederholten Besuchen des Kaisers im Werkhause zu sprechen begann, von seinem Wunsche nach beschleunigter Herstellung des Luftschiffes, und auch davon, daß bereits Auftrag zur Lieferung frischeu Gases für eine zweite Probe erteilt wurde — Beweis, daß durch den Verlauf der ersten Probe noch immer nichts gegen die Leistungsfähigkeit der Erfindung bewiesen sei. Nun, und ich sagte es ja schon, mit einemmale war Stimmung und Situation wie verändert; der Zahnstocher verschwand, die wiegende Bewegung der Hüften war zu Ende; die

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