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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-06-05 · 23 (5.6.1908) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
23 (5.6.1908)
Date
1908-06-05
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 420 Nr. 23 heit gestellt werden, konnte man noch lange nicht nach allen Seiten hin gerecht werden. Eine Neugründung will hier eingreifen, der „Verband jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina". Er sucht die Gebiete auf, die Frauen am nächsten liegen, vor allem Haushalt und Krankenpflege. Der Verband will schaffen, was Palästina am meisten nottut: tüchtige Hausfrauen. Er will Haushaltungsschulen gründen, um die jungen Mädchen für den Beruf in ihrem späteren Heim vorzubereiten. Abteilungen für ländliche Wirtschaftsführung find für später vorgesehen. Der zweite Punkt betrifft die Errichtung eines Krankenpflegedienstes. Es gibt zwar eine Anzahl jüdischer Krankenhäuser, in Jerusalem allein deren vier; doch reichen sie längst nicht aus, auch nur einen Bruchteil der Hilfesuchenden aufzunehmen. Da kann die gut ausgebildete Pflegeschwester vieles leisten, deren Mitarbeit die Aerzte in Dorf und Stadt mit Freude begrüßen werden. Eng damit verknüpft ist die Sorge für Wöchnerinnen und Säuglinge. Der letzte Punkt ist die Errichtung eines Frauenheims für Krankenschwestern, Lehrerinnen und andere gebildete Damen. Der Verband, der im Jahre 1907 begründet worden ist, hat seine Tätigkeit bereits ausgenommen. Vorsitzende ist: Frau Professor O. Marburg, Berlin W. 15, Uhlandstraße 175, an welche Anfragen und Beitrittsanmeldugen zu richten find, Der Jahresbeitrag beträgt mindestens Mark 3.— . Um die vielen und bedeutenden Aufgaben, die sich der Verein gestellt hat, zu erfüllen, bedarf es einer regen Teilnahme der weitesten Kreise der jüdischen Frauen; vor allem aber müssen Lokalkomitees in jeder größeren Stadt gegründet werden. Es existieren solche schon in Berlin, Hamburg, Köln; dem Berliner Komitee gehören unter anderem an: Frau Dr. Leszynsky, Frau Dr. Friedemann, Frau Dr. Eschelbacher, Frau Professor Philippson, Frau Justizrat Timendorfer. Auch in Holland und Belgien sind Lokalkomitees in Gründung begriffen, und es ist begründete Hoffnung vorhanden, daß die übrigen Länder bald folgen werden. Die Freunde des Verbandes werden gebeten, sich betreffs der Begründung von neuen Lokalkomitees mit der Vorsitzenden Frau Professor O. Marburg, Berlin W. 15, Uhlandstraße 175, oder der Schriftführerin Frau Dr. Leszynsky, Berlin W., Bayreutherstraße 36, in Verbindung zu setzen. Die Zahlstellen des Verbandes find: 1. ^ür Deutschland : A. H. Heymann u. Co., Berlin N. W. 7, Unter den Linden. 2. Für England und die übrigen Länder: The Jewish Colonial Trust, London E. C, Walbrook, Brook House. 3. Für Oesterreich-Ungarn: Sammelstelle des Jüdischen Nationalfonds, Wien, IX., Türkenstraße 9. 4. Für Rußland: I. L. Goldberg, Wilna. 5. Für Holland: Lissa und Kann, Haag, Waagenstraat 8. Charles Hall garten, dem unvergeßlichen und unersetzlichen Philanthropen widmet auch die „Gemeinde", das im Aufträge der Evangelischen Vereinigung zu Frankfurt a. M. von Pfarrer Veit herausgegebene evangelische Wochenblatt, einen warmen Nachruf, dem wir das Folgende entnehmen: „Hallgarten war der opferwilligste und entschiedenste Freund seiner Volksgemeinschaft und er war andererseits wie nur wenige herausgewachsen aus den Schranken seiner Konfession, er war der unbefangenste und weitherzigste Menschenfreund, er war der edelste Vertreter einer Toleranz, die den anders Gesinntin nicht nur erträgt und' gewahren läßt, sondern auch würdigt und zu verstehen sucht. Hallgarten war kein gelehrter, aber er war ein hochgebildeter Mann, der ein feines Verständnis hatte für alles Menschenwürdige, für jegliche Kunst, für alles wifienschaftliche Streben. Aber starker noch als sein Urteil und sein ästhetisches Empfinden war sein Herzei,sleben. Welch ein werktätiges Erbarmen bewies dock dieser Mann gegenüber allen Bedrückten und Notleidenden, bisweilen auch solchen gegenüber, die ihm mit offenem Undank lohnten, oder offenkundige Gegner seiner Bestrebungen waren. Gegenüber den unzähligen Hilfesuchenden war seine Frage nie: „Ist dieser der Hilfe würdig?" rändern stets die andere: „Ist er der Unterstützung bedürftig?" Die Menge und die Höhe seiner Unterstützungen geht ja ins Unglaubliche, sie ist überhaupt gar nicht kontrollierbar, weil er das meiste im Verborgenen tat und man immer nur durch Zufall auf die Entdeckung kam: „Also in diesem Fall hat er auch geholfen!" Aber wertvoller noch als das, was er gab, war die Art, wie er gab. Ihm war es wahrlich nicht darum zu tun, mit seinem Namen in den Unterstützungslisten der Zeitungen zu glänzen, wiewohl es andererseits zu seinen des öfteren ausgesprochenen Grundsätzen gehörte, daß die Aufgabe der Philanthropen sei, nicht nur selbst zu geben, sondern durch ihr Beispiel auch andere reiche Leute zum Geben zu veranlassen. Und mir ist ein Fall bekannt, wo er einem anderen jüdischen Geldfürsten einen Taufen d- Mark-Schein wieder znrückschickte mit dem Bemerken, diese Gabe sei im Verhältnis zur Höhe des Notstandes und dem Vermögen des Gebers nicht angemessen. . . ." Bei einer von der „Frankfurt-Loge" veranstalteten und überaus eindrucksvoll verlaufenen Trauerfeier hielt Herr Rabbiner Dr. M. H o r o v i tz, ein Freund des Verstorbenen, die Hauptgedächtnisrede. Aus seinen Erinnerungen wußte er viel des Interessanten mitzuteilen; so berichtete er: , Unvergeßlich bleibt mir eine Stunde, da wir zusammenkamen, um ein Komitee zu gründen zur Linderung der Not der russischen Glaubensgenossen. Es waren drei zusammen: Hallgarten, Plotke und ich. Da trat der unvergeßliche Nickert ein und sagte: „Warum müssen Sie denn immer die ersten sein?" Und Plotke sagte: „Ja, die Familie muß immer zuerst helfen; das sind unsere Glaubensgenossen, da müssen wir zuerst dabei sein." Nickert aber sagte: „Die Verfolger sind doch aber Christen, da müssen wir doch die ersten sein, das wieder gut zu machen." Da sprach Hallharten: „Die Leute, die dort in Rußland 'das getan haben, die haben das nicht als Christen getan. Verfallen wir nicht in den Fehler, den unsere Gegner machen. Das haben sie nicht als Christen getan, darum müssen wir als Menschen den Fehler gut machen. Die Juden aber haben gelitten, weil sie Juden sind; darum müssen wir noch schneller dabei sein, weil wir Juden sind. Auch eine andere Episode, die für die außerordentliche Vielseitigkeit Hallgartens spricht, sei hier festgehalten: Der Zentrumsführer Dr. Lieber fuhr von Wien, wo er in einem katholischen Verein einen Vortrag gehalten hatte, über Frankfurt nach Hause und besuchte mich, der ich mit ihm langjährige Beziehungen hatte. Da erzählte er, in Wien sei ein Mann aufgetreten, Dr. Lueger, den er auch sprechen hörte. Da sollten wir doch vorsichtig sein, das sei ein gefährlicher Mann. Damals war Dr. Luegers Stern erst im Aufsteigen begriffen. Während wir sprachen, kamen Hallgarten und Plotke zu mir, um in einer Angelegenheit mit mir zu sprechen. Selbstverständlich unterhielten sie sich mit Lieber, und Lieber erzählte, es sei ihm aufgefallen, wie schlagfertig dieser Dr. Lueger sei. Es sei in dieser Versammlung dem Dr. Lueger entgegnet worden, es stünde doch im Pentateuch, im 3. Buck, im 19. Kapitel: „Du sollst lieben deinen Nächsten wie dich selbst!" Da antwortete Dr. Lueger: „Das heißt nicht deinen Nächsten, das heißt deinen Volksgenossen!" und Lieber sagte: ..Ich muß Ihnen sagen, ich war frappiert". Da sprach Hallgarten: „Nun wissen Sie denn nicht, Herr Doktor, daß in dem Pentateuch auch der Satz steht: „Und ihr sollt lieben den Fremdling, und du sollst ihn lieben, wie dich selbst, denn ein Fremdling warst du in seinem Lande." Also derselbe Ausdruck steht doch auch beim Fremdling. Und Plotke fügte hinzu: „Das steht in demselben Kapitel". Da sagte Lieber: „Meine Herren, Sie scheinen alle Theologen zu fein. Das ist doch wirklich herrlich, wie man sich von Ihnen belehren lassen kann." Da sagte Hallgarten: „Ich bin kein Theologe, aber wissen Sie, das ist mein Fach. Ich bin mit im Verein zur Abwehr des Antisemitismus, und da muß ich doch erst unser Judentum kennen, um Angriffen gegenüber gewappnet zu sein. Und so habe ich mich mit der Sache beschäftigt." Ich aber fügte hinzu, und ich wiederhole das jetzt: „Hallgarten ist darin ein Fachmann. Denn in dem Fach „Du sollst lieben deinen Nächsten als dich selbst", gibt es keinen besseren Fachmann als Hallgarten. . . ." Die jüdischen Soldaten der Paeifie-Flotte. Die amerikanische Pacific-Flotte hat auch eine recht hübsche Anzahl jüdischer Soldaten an Bord. Wie die „Newyork Times" erzählt, waren die jüdischen Soldaten während der ganzen Demonstrationsreise an jüd schen Festtagen dienstfrei und konnten an Bord gemeinsamen Gottesdienst abhalten. Während der Pessachtage lag die Flotte vor Los Angeles (Kalifornien). Die jüdischen Offiziere, wie auch die jüdische Mannschaft durfte in die Stadt gehen und in der dortigen „B'nei B'rith"-Synagoge dem Festgottesdienste anwohnen. Rabbiner Dr. Sigmund Hecht hielt an die Soldaten eine dem Anlasse entsprechende patriotische Predigt.

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