Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 23 (5.6.1908)
- Date
- 1908-06-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3020846-3021764-3021788--17399-3042271- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Rr. 23 Br. Vloch's Wochenfchrtst. Seite 419 Eine Erklärung des Professors Harnack gegen den Antisemitismus. Seit Erscheinen des vielgelesenen, vielgepriesenen und vielkritisierten Buches „Das Wesen des Christentums" ist es selbst in manchen liberalen Kreisen des Judentums fast zum Dogma geworden, den Verfasser desselben, Professor Ad. Harnack in Berlin, unter die Reihe der Antisemiten einzurechnen, weil er in seinem Buche, angeblich auf Kosten des Alten Testaments und des Judentums, eine übertriebene Verherrlichung des Christentums als der höchstvollendeten Religion gegeben habe, während doch in Wahrheit in demselben auch sehr häufig an dem Neuen Testament eine scharfe und abweisende Kritik geübt wird. Dem Einsender dieser Zeilen, welcher während seiner Amtstätigkeit in Deutschland Gelegenheit hatte, mit Herrn Professor Harnack persönlich bekannt zu werden, ist darum auch der von jüdischer Seite hin und wieder gegen ihn erhobene Vorwurf immer als hart und ungerecht erschienen und freut er sich, eine Gelegenheit bekommen zu haben, Herrn Prof. Harnack auf die gegen ihn erhobene Anklage mit seinen eigenen Worten rechtfertigen und verteidigen zu können. Im Jahre 1896 erschien eine Sammlung von Reden und Aufsätzen von Ad. Harnack und Hans Delbrück unter dem Titel: „Evangelisch-Sozial" bei Herm. Walther in Berlin, in welcher sich im Eingang ein aus den „Preußischen Jahrbüchern" abgedruckter Aufsatz von Prof. Harnack befindet, den er bei Begründung und Eröffnung des Evangelisch-sozialen Kongresses in Berlin im Jahre 1890 geschrieben hat. Wer da weiß, daß gerade in den Achtziger- und Neunziger-Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Wogen des Antisemitismus in Deutschland besonders hoch gingen und überschäumten, wem da bekannt ist, daß. Stöcker und andere seines Schlages in dem Evangelisch-sozialen Kongreß eine hervorragende und tonangebende Stelle einnahmen und denselben für die Befriedigung niedriger Instinkte und volksverhetzender Agitation zu benützen versuchten, der wird beim Lesen des Artikels von Professor Harnack umso freudiger und angenehmer überrascht sein und Prof. Harnack umsomehr Anerkennung und Dank zollen für seine unmißverständlichen, schönen und von einer wahrhaft hohen, edlen und menschenfreundlichen Gesinnung zeugenden Worte, welche zu den bemerkenswertesten und treffendsten Zeugnissen gehören, welche jemals im Namen des Christentums und des Evangeliums gegen den Antisemitismus gerichtet worden sind. Ohne Zweifel mit dem Blick auf Stöcker und Konsorten heißt es nämlich in Bezug auf das Arbeitsprogramm und die Aufgaben des Evangelischsozialen Kongresses am Schluffe des erwähnten Artikels: „Endlich gilt es, noch einen Punkt ins Auge zu fassen und vor der Beschäftigung mit ihm zu warnen: Das ist die Judenfrage. Es mag eine Judenfrage im nationalen und im wirtschaftlichen Sinne geben — ich weiß das nicht und bin darüber nicht kompetent — das aber weiß ich, daß den Antisemitismus auf die Fahnen des evangelischen Christentums zu schreiben, ein trauriger Skandal ist. Die, welche das getan haben, haben freilich immer das nationale und wirtschaftliche Interesse mit hineingezogen, weil sie als Christen hätten schamrot werden müssen, wenn sie einfach im Namen des Christentums die Parole d es Antisemitismus ausgegeben und das Evangelium in einen neuen Islam verwandelt hätten. Aber wer kann leugnen, daß auch das geschehen ist? Das heißt aber die Macht, welche dazu in der Welt ist, die Gegensätze der Rassen und Nationen zu mildern und Menschenliebe selbst dem Feinde gegenüber zu erwecken, in entgegengesetzter Richtung mißbrauchen. Wir dürfen voraussetzen, daß auf dem Kongreß, der der Verbrüderung dienen soll und nicht der Vergiftung, kein Versuch gemacht werden wird, die „Judenfrage" hineinzuziehen.' Sollte er gemacht werden, so wird eine kräftige Abwehr nicht fehlen." Der nicht lange nach der Veröffentlichung dieser herrlichen und energischen Kundgebung erfolgte Austritt Stöckers aus dem Evangelisch-sozialen Kongreß hat bewiesen, daß es wirklich ernst gemeint war mit Professor Harnack's Worten und es ist dem Schreiber und Einsender dieser Zeilen auch seither noch keine Tatsache bekannt geworden, welche Prof. Harnack's Erklärung Lügen strafte oder erlaubte, ihn auch nur in die Reihe der „wissenschaftlichen Antisemiten" einzurechnen. Wenn man heutzutage gleich jeden, welcher sich erlaubt, an dem Alten und Neuen Testament vom wissenschaftlichen Standpunkt aus Kritik zu üben, als einen Antisemiten oder Verächter des Christentums erklären und stempeln will, dann werden Judentum und Christentum auch in ihren eigenen Reihen bald wenig Lobredner und Verteidiger mehr finden. Jerusalem. Phil. Kieferndorf. Eine Organisation der in Wien lebenden galizischen Inden. Zu meinem vor Kurzem in diesem Blatte unter obigem Titel erschienenen Artikel nimmt ein Herr Dr. K. Stellung und erklärt, daß es nicht genügt, die Organisation nur für die in Wien lebenden Juden Galiziens, sondern für alle aus dem Osten stammenden auszudehnen. Wir erfahren bei dieser Gelegenheit etwas, was gottlob nicht der Fall ist und nur in der Phantasie des Herrn Dr. K. existiert, daß die Juden des Westens die Juden des Ostens noch mehr verachten als die Feinde des Judentums. Der Zweck meines Artikels war, nachdem speziell die Juden Galiziens in gewissen gelehrten und kaufmännischen Kreisen der Hauptstadt keiner besonderen Beliebtheit sich erfreuen und infolgedessen moralisch und wirtschaftlich dadurch zu leiden haben, daß sich dieselben organisieren sollen, damit sie dadurch der Intelligenz den ihr bis nun durch das ungerechte Vorurteil unzugänglich gemachten Wirkungskreis eröffnen und für die arbeitenden Klaffen Arbeitsgelegenheit schafft. Dadurch, daß man eine Kampforganisation gegen den Vorstand der Kultusgemeinde und gegen einzelne Personen, die Herr Dr. K. überflüffigerweise genannt hat, gründen soll, glaube ich nicht, daß man den Juden Galiziens helfen kann, das Gegenteil davon kann viel eher erzielt werden, denn eine solche Organisation würde begreiflicherweise nur Zündstoff hereinbringen und die Gegensätze noch mehr verschärfen. Die seit kurzer Zeit nach dem Muster der mährischen und ungarischen Juden in Wien gegründeten galizischen Städte- Vereine scheinen leider in den Fehler des Herrn Dr. K. zu verfallen und statt daß sie dafür sorgen sollen, auf welche Weise sie in Wien und in ihren Heimatsgemeinden ihren ökonomisch schwächeren Landsleuten hilfreich unter die Arme greifen können, laffen sie sich von Personen, die in gar keiner Berührung mit ihnen stehen, in Politik hineinhetzen und werden dadurch zum Ausbeutungsobjekt dieser Herren. Unter solchen Umständen muß man zugeben, daß beispielsweise der Verein der Proßnitzer oder der Eisenstädter viel edlere Zwecke verfolgt, er kennt keinen Kultusvorstand oder einzelne materiell höher stehende Personen, gegen die er einen Kampf aufzunehmen hätte, ihm ist nur darum zu tun, seinen Landsleuten in Wien und zu Hause nach bestem Wissen und Gewissen zu helfen. Diese Vereine können auch dadurch auf Erfolge Hinweisen und schließt sich auch jeder, mag er welche politische Richtung immer vertreten, ihnen gerne an. Gelingt es also, ich wiederhole es, für die in Wien lebenden galizischen Juden eine streng neutrale wirtschaftlich und kulturelle Organisation zu gründen, dann wäre dieselbe ein Segen für die Galizianer, in anderem Falle ist es gescheiter, alles beim Alten zu laffen. _ I. Grobtuch. Ein Frauenbund in Palästina. Seit etwa zwanzig Jahren ist von den verschiedensten Vereinen und Anstalten viel zur Hebung der jüdischen Bevölkerung in Palästina getan worden. Aber den tausend Anforderungen, die durch den allgemeinen^Fortschritt an die Juden-