Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 22 (29.5.1908)
- Date
- 1908-05-29
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 23 Dr. Llocd's Mocbenscbrttt. Seite 409 Er ward zur heiligen Thora gerufen, wo der Kantor einen vom Herrn Rabbiner Dr. Sicher eigens zur goldenen Hochzeit verfaßten Segensspruch (Mi scheberacli) vortrvg. Vom Herrn Vorsteher und feinen Angehörigen wurden zur Erinnerung an diesen Tag sehr bedeutende Spenden gemacht, die sämtlich wohltätigen Zwecken entgegengeführt werden. Sonntag den 17. Mai, gratulierten, der Vorstand der israel. Kultusgemeinde, der Herr Rabbiner Dr. Sicher, der eine dem Gedenktage entsprechende Anrede hielt, die Behörden, Korporationen und viele Freunde von Nah und Fern; auch zahlreiche Depeschen liefen ein. Tief gerührt von den vielen Beweisen der Freundschaft und Teilnahme, dankte das Jubelpaar allen mit den herzlichsten Worten. Feuilleton. Zur Geschichte des Luftschiffes. (Eine Audienz beim Grafen Eulenburg,) Von Adolf Gelber. Vor zehn oder zwölf Jahren hatte ich mit dem damaligen Botschafter Grafen zu Eulenburg, in Wien, eine Unterredung, deren Verlauf mich sowie einen Freund, der an derselben teilnahm, aus verschiedenen Gründen verblüffte, weil in ihr wie unter einer dünnen Oberfläche Manches merkbar wurde, was wir bei dem Manne, der damals als politischer Charakter von blitzartigem Verständnis und äußerster Unabhängigkeit gepriesen wurde, am allerwenigsten zu finden erwarteten. Die Sache verlangt es, daß ich weiter aushole und von der Person erzähle, um die es eigentlich ging; und vielleicht darf ich dabei auf das Interesse der Leser schon darum rechnen, weil es in Budapest so Manchen geben mag, der diese Person selbst gekannt hat. Es war im Juni oder Juli 1897, da erschien eines Tages einer meiner Freunde, der lange in Kairo gelebt hatte und den wir darum den Egypter oder den Gianachs nennen, in meinem Bureau, um mir mitzuteilen, der David Schwarz aus Berlin sei wieder da. Und wer war der? Nun, ein damals in Petersburg, Berlin und Paris nicht Unbekannter; er war der Erfinder des ersten lenkbaren Aluminiumbaüons, der um jene Zeit unter den Auspizien des deutschen Generalstabs auf dem Tempelhoser Felde gebaut wurde, und dem Grafen Zeppelin ist der Name auch vertraut. Denn nachdem Schwarz, wie hier erzählt werden soll, gestorben war, assoziierte sich Graf Zeppelin mit dessen Witwe zum Ausbau und zur weiteren Entwicklung der Schwarz'schen Erfindung. Nun, mit diesem David Schwarz war es im Leben sonderbar gegangen, und wenn bei Einem, so wurde bei ihm das Wort vom Erfinderschicksal und der Erfindertragik wahr. Er war ein geborener Ungar und in Kroatien zuhause; und wenn man ihm in den späteren Jahren schmeicheln wollte, apostrophierte man ihn als den Landsmann Tesla's, deffen wundervolle elektrische Scherze: die Flammenschrift auf der Kreideplatte, die im Raume aufgehängten Glasstäbe, die plötzlich zu leuchten beginnen u. s. w., ja in der Tat zu dem Packendsten gehören, was in einem Experimentiersaal gesehen werden kann. Nur hatte Tesla einen regelmäßigen und methodischen Studiengang hinter fich, indessen Sckwarz beinahe bis in sein vierzigstes Lebensjahr von physikalischen Problemen nicht einmal träumte, sondern als Kaufmann, der er war, und zwar als Holzhändler, wohl eher an indische Pagoden und den Sultan von Kaschgar dachte, als an die Fragen der Luft und des Flugs. Nun brachte es sein Geschäft mit fich, daß er einmal in unangenehmer geschäftlicher Situation und dazu gerade zu Winterbeginn in einen frisch angekauften Forst hinausziehen mußte, um, in einer elenden Blockhütte einquartiert, in Person die Holzfällerarbeiten zu kontrollieren; und in Schaf- und Ziegenpelze eingehüllt, lebte er also im Walde, während seine Familie in Agram war. Und da gings an, denn er verzweifelte schier vor langer Weile, wenn das Tagewerk vorüber war und die lange Nacht in der Blockhütte begann. Und die Bücher, die man ihm aus der Stadt schickte, schickte er wieder zurück, weil fie ihn noch heftiger und ungeduldiger machten. Romane, über die er lachte, Verfifiziertes, das ihn anödete. Den Blick immer auf Positives gerichtet, das zugleich der Kombinationslust Raum gab, verlangte er also immerfort nach etwas anderem — nur wußte er selbst nicht, wonach. In ihrer Verzweiflung packte ihm denn seine Frau, eine gescheite und witzige Dame, einmal einen Aristoteles und ein Lehrbuch der Mechanik ein und bemerkte in dem Begleitbrief: „Vielleicht findest Du daran Gefallen, da Dir Dickens und Viktor Hugo nicht gefällt." Der Witz war gut und bezüglich des Aristoteles behielt sie auch recht; aber in dem zweiten Punkte irrte fie, denn die Mechanik gefiel ihm tatsächlich, so daß er fie verschlang und nach einer Woche um die Nachsendung weiterer Werke der Disziplin bat. Dann kamen mathematische und andere an die Reihe und in Agram lachte man und expedierte an ihn Bibliotheken, während er fich in seiner Blockhütte des langen kroatischen Winters und der dichten Schneefälle freute, die es ihm gestatteten, ungestört im einsamen Walde ganz nur der neuen Welt zu leben, die ihn der Witz seiner Frau so zufällig entdecken ließ. Im folgenden Sommer war er nur noch halb beim Geschäft; ebenso im wiederkehrenden Winter, und Verwandte und Bekannte klagten über die Umwandlung, die mit dem früher so klugen und grundgescheiten Manne vor fich gegangen war. Denn das Geschäft ging zurück, ohne daß er dessen achtete. Was treibst Du? fragte man ihn, und er antwortete, mit den ironischen grauen Augen, die einen immer förmlich verschlangen, die Leute anblitzend: „Ich? Dummheiten! Ich konstruiere ein lenkbares Luftschiff." Und natürlich erzielte er mit dem Worte die gewünschte Wirkung; denn daß es kein Luftschiff sei, was er glaube, darauf schwor nun Jeder — und natürlich war es ein Luftschiff: eben der lenkbare Aluminiumballon. Schwarz wählte das Aluminium, weil es das leichteste Metall ist, und entdeckte dabei als allererster eine Methode zu der bis dahin für unmöglich gehaltenen Aluminiumlötung. Neu und überraschend war ferner das System vor Versteifungen, die er innerhalb seines Schiffskörpers anbrachte; einerseits bewirkte er durch sie eine überraschende Erleichterung der Druckverteilung, andererseits erhielten fie das Metall trotz seiner Biegsamkeit und Nachgiebigkeit gegen die stärksten Luftsiöße in Form. Den Holzboden, auf dem seine Motoren ruhten, sowie das starre Gestänge, welches die Gondel mit dem Schiffskörper verband, machte er zu schwer; dafür schuf er an anderen Stellen Stangen, Platten und Bänder aus ingeniös zusammengesuchtem Material von leichtestem Gewicht. Da gab es u. A. ein Gerüste aus fich verjüngendem Bambusrohr mit schier gertendünnem Ende, von welchem die Techniker gutachtlich erklärten, daß es mit seiner töricht-dünnen Spitze oben die hellste Lächerlichkeit sei; bei der Probe hingen sich drei Mann an dieses Nichts am Ende des Rohres, und es hielt fie, vermöge der Versteifungen, auf welche die Last abglitt, hoch oben und trug sie ganz gut. Das Schiff hatte bereits die Steuerung nach unten und nach oben; ferner hatte es rechts und links je zwei Motoren zu vier Pferdekräften, die, in dem Maße, als er fie gleichzeitig, oder nur die einen oder die anderen spielen ließ, das Schiff entweder in gerader Linie fortbewegten oder ihm die Neigung nach rechts, respektive nach lmks gaben, womit von selbst auch der Antrieb zum Kurvenlauf gegeben war. Für den Fall der Notwendigkeit sollte aber, wenn die Motoren versagten, das Gas eintreten und den ganzen Körper als Ballon weitertragen; und hier wieder eine Reihe von Ideen, die wie das Ei des Columbus anmuten. Eines Tages trat er nun mit seiner Erfindung vor den damaligen Kriegsminister Krieghammer und bot ihm sein Luftschiff zum Ankauf für die österreichisch-ungarische Armee an. Krieghammer war ein Mann von lebendigem Geist, dabei weltgewandt und von tadellosen Formen; forderte man aber sein Urteil, dann gab er es mit einer Aufrichtigkeit, daß man ihn darob als Zyniker verschrie. Er war auch einer der genauesten Kenner des bei uns überall herrschenden Zopftums, und als er nun die Schwarzschen Pläne und Berechnungen studiert hatte und fich auch von sachverständiger Seite über das Problem hatte unterrichten laffen, sagte er zum Erfinder: „Lieber^ Herr Schwarz, ich habe es nicht nötig, Ihnen gegenüber Ausflüchte