Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 22 (29.5.1908)
- Date
- 1908-05-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 22 Dr JSlCCÖ’g Moebensebntt« Seite 405 Große Feuersbrnnst in Dntla. Am 24. Mai, abends, brach hier ein furchtbares Feuer aus. In kaum einer Stunde war eine ganze Häuserreihe (eine Seite des Ringplatzes) niedergebrannt. Mit großer Mühe gelang es, das Feuer zu lokalisieren, doch brennt es noch bis heute. Neber 80 Familien sind obdachlos. Die Mehrzahl hat kaum das nackte Leben gerettet. Dringende^ Hilfe tut not. 8. Hilfsverein der deutschen Inden. Der Hilfsverein der deutschen Juden bringt soeben seinen sechsten Geschäftsbericht über das Jahr 1907 zum Versand. Der Bericht, dem ein vollständiges Mitgliederverzeichnis beigeheftet ist, konstatiert ein weiteres, erfreuliches Wachstum des Vereines, der im Jahre 1907 wieder 4000 neue Mitglieder gewonnen hat und jetzt insgesamt 18.000 Mitglieder zählt. Die ausführlichen Einzelberichte über das Schulwerk des Hilfsvereines in Galizien, Rumänien, Bulgarien, der Türkei geben ein anschauliches Bild von der segensreichen und fruchtbaren Tätigkeit, die der Hilfsverein durch Kindergärten, Elementar-, Ackerbau- und Handelsschulen entfaltet. Was die Arbeit des Hilfsvereines, besonders im Orient, so vorteilhaft auszeichnet, ist die Erkenntnis, daß man den jüdischen Kindern im Oriente nicht eine europäische Sprache und Kultur künstlich aufpstanzen darf — das macht sie nur zu heimatlosen Wanderern — sondern daß sie die Landessprache erlernen müssen und daß die natürlich gegebene Umgangssprache für die Juden im Orient das Hebräische ist. Die Kenntnis der Landessprache eröffnet ihnen in der Türkei beispielsweise Tür und Tor zu allen Staatsämtern, ermöglicht ihnen die Anfiedlung im Innern der Türkei und erschließt ihnen ganz neue Gebiete und Arbeitsfelder. Die Pflege der hebräischen Sprache andererseits ist das einzige Mittel, die Kinder im Geiste des Judentums zu erziehen und sie bietet das einigende Band, das alle die aus verschiedenen Ländern und Sprachgebieten stammenden Kinder ihre Zusammengehörigkeit erkennen und bewahren läßt. — Der. über 140 Druckseiten umfassende Bericht des Hilssvereines gibt dem Leser den erfreulichen Eindruck wahrhaft jüdischer Arbeit von Juden für Juden, die letzten Endes auch eine wirkliche Kulturtat darstellt. Der Bericht ist mit einer Reihe von Bildern, meist aus den Schulen des Hilfsvereines, geschmückt, unter denen auch die Porträts des Chacham Baschi (Oberrabbiner) der Türkei, Moses Halevy, und des Chacham Baschi von Jerusalem, Eliahu Panigel, sich befinden. Der Jahresbericht der Alliance Jsraelite Universelle für 1907. Unmittelbar nach der französischen ist jetzt die deutsche Ausgabe des Jahresberichts der Alliance Jsraelite Universelle für 1907 erschienen. Der Bericht, ein wohlausgestattetes Bändchen von 232 Seiten Text, legt Rechenschaft ab von der über drei Erdteile sich erstreckenden Tätigkeit der ältesten und größten jüdischen Hilfsorganisation. Durch Vermittlung der Alliance Jsraelite Universelle wird von der Judenheit für die Judenheit gearbeitet. Den wirtschaftlich Notleidenden wird materielle Hilfe gebracht, den geistig Notleidenden geistige Speise durch Unterricht und Erziehung geboten. Auch im Jahre 1907 hat der Wirkungskreis der Alliance Jsraelite Universelle neue Erweiterung erfahren, ist in dem früher bereits von ihr beackerten Gebiet die Wohlfahrtstätigkeit intensiver geworden. Der letzte Abschnitt der deutschen Ausgabe des Jahresberichts handelt von der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft, der besondere Aufgaben hinsichtlich der rumänischen und russischen Glaubensgenossen zugeteilt sind. In stetig wachsendem Maße hat die Deutsche Konferenz-Gemeinschaft in herzlicher Uebereinstimmung mit dem Zentral-Komitee in Paris namentlich die Fürsorge für die Auswanderer und Rückwanderer russischer und rumänischer Staatszugehörigkeit übernommen und selbständig organisiert. Zahlreiche Lücken, die in dem Organifationsnetz vorhanden waren, sind ausgefüllt worden. Die Zustimmung, deren sich die Alliance Jsraelite Universelle im Allgemeinen und die Deutsche Konferenz-Gemeinschaft der Alliance Jsraelite Universelle in Deutschland im Besonderen erfreuen, wird bewiesen durch die stetig wachsende Zahl der Mitglieder, die im vergangenen Jahre abermals um Tausende zugenommen hat. * * * Aus dem Deutschen Bureau der Alliance Jsraelite Universelle erhalten wir folgende Mitteilung: Die Alliance Jsraelite Universelle hat für die Feuerbeschädigten in Kntais eine Unterstützung von 1000 Francs bewilligt und dem Israelitischen Asyl für arme und obdachlose Kinder der Stadt Odessa eine Zuwendung von 5000 Francs gemacht. Eröffnung des Baronin Hirfch-Spitales in Salonichi. Am 6. Mai fand in Salonichi die Eröffnung des neuen prachtvollen jüdischen Spitales statt, das den Namen der unvergeßlichen Baronin Hirsch trägt. Dieses Spital hat eine interessante Vorgeschichte. Die selige Baronin hatte nämlich noch zu Lebzeiten für den Aufbau eines großen Spitales in Salonichi eine Million Francs in einer Bank deponiert. Ehe die weiteren Raten erlegt wurden, starb die Baronin und die Testamentsvollstrecker weigerten sich, die weiteren 80.000 Francs auszuzahlen. Die Kontroverse zwischen der jüdischen Gemeinde in Salonichi und den Erben der Baronin hatte sich seinerzeit stark zugespitzt und es schien zu einem Prozesse kommen zu wollen. Das ganze Spitalsprvjekt drohte schon zu scheitern, als ein angesehenes Mitglied der Salonichier Gemeinde, Dr. Misrachi, die Sache in die Hand nahm. Es gelang ihm, das Interesse der Baronin Edmond de Rothschild, des inzwischen verstorbenen Henri Pereire und der Familie Allatini für die Angelegenheit zu erwecken, und so kam denn das jüdische Spital zustande, das für 70 Betten Platz hat. Die Eröffnung hat unter großen Festlichkeiten stattgefunden. Unter den Festgästen befanden sich auch der Generalgouverneur von Salonichi, Marschall Efsad Pascha, Generalinspektor der makedonischen Provinzen Hilmi Pascha, das Rabbinerkollegium, sämtliche Mitglieder des Stadtrates, der Oberrichter der Stadt, der griechische Erzbischof mit mehreren Notabilitäten seiner Gemeinde, sämtliche Generalkonsule, die Direktoren der kaiserlichen Ottomanbank, der orientalischen Bank und der Bank von Athen, sowie die Vertreter der Handels- und Jndustriewelt. Die Einweihungsrede hielt Oberrabbiner Meir M. Abrabanel, der dem Generalgouverneur den goldenen Schlüssel überreichte. Die Schlußrede hielt Dr. Misrachi, der Gegenstand großer Ovationen war. Das Baronin Hirfch^Denkmal in Paris. Wie erinnerlich, hat der vor einiger Zeit verstorbene vielfache Millionär Daniel Osiris unter anderen Legaten auch eine Stiftung von 100.000 Francs zum Zwecke der Errichtung eines Denkmals für die große Philanthropin Baronin Clara de Hirsch testiert. Wie nun aus Paris berichtet wird, hat der Pariser Munizipalrat das Legat akzeptiert und geht nun daran, den Willen des Stifters zur Ausführung zu bringen. Die finnländifchen Fortschrittlichen über die Judenfrage. Nach der großen antisemitischen Versammlung in Hclsingfors, welche bekanntlich den Beschluß faßte, den Juden in Finnland keine Rechte zu gewähren, fand vorige Woche eine Protestversammlung in Helsingfors statt, in welcher gegen die antisemitischen Hetzreden Stellung genommen wurde. An der Versammlung hatten einige tausend Menschen, Vertreter aller Klassen und Parteien, teilgenommen. In der Eröffnungsrede teilte der zum Vorsitzenden gewählte frühere Landtagsdeputierte Nuodtewo mit, daß der Zweck der Versammlung sei. gegen die eine Woche früher stattgehabte Versammlung der finnländischen Handelstreibenden und ihre judenfeindlichen Beschlüsse Stellung zu nehmen. Er hoffe, daß die Diskussion das Wesen der Judenfrage in Finnland ohne jede Animosität klarstellen werde. Das Referat hatte Herr S. Jacobson, einer der bekanntesten Vorkämpfer für die Gleichberechtigung der Juden in Finnland. Jacobsohn hielt seine Rede in finnländischer Sprache, die er vorzüglich beherrscht. Der Referent führte aus, daß alle heutigen Begrenzungen der Rechte der Juden in Finnland ihren Ursprung in alten vermoderten Gesetzen haben, die heute keine Existenzberechtigung btsitzen. JmJahre I772, als ein Teil von Finnland noch zu Schweden gehörte, wurde ein Gesetz geschaffen, wonach in Schweden und Finnland nur dic jcnigen Bürgerrechte genießen könnten,