Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 22 (29.5.1908)
- Date
- 1908-05-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 22 Dr. Llocd s Moedenscbrin. Seite 401 Auskunft geben kann, wie sich die Religionen oder, wenn man will, die Konfessionen in ihren Wahrheiten begegnen, wie sie auf derselben Grundlage aufgebaut sind, dann wird eine solche Wissenschaft versöhnend, vereinigend wirken. Wie sehr wird unsere Bibel, bei richtiger Erfassung ihrer Bedeutung, in den Augen unserer Jugend steigen, wenn sie davon durchdrungen ist, daß aus ihrer Wurzel der Baum erwachsen ist, in dessen Schatten alle Menschen sich bergen, die wir als Bekenner des Monotheismus bezeichnen. Unsere jungen Leute werden dann jene Frivolität auf ihren wahren Unwert zurückführen, welche die großen Gestalten des „Alten Testaments" entwürdigt und damit einen Stein auf diejenigen wirft, die, ohne diese großen Weisen, nie hätten in die Welt kommen können. Wir dachten uns demnach eine solche „Besprechung" in unserer Religionslehre derart, daß man einen Maturanten über die Bedeutung unseres Schrifttums für die Kultur der Menschheit befragt hätte. Und man wird doch, selbst in sehr freisinnigen Kreisen, zugeben, daß die Religion ein wichtiger, wenn nicht der wichtigste Kulturfaktor ist. Es ist sehr löblich, daß man den Religionslehrern, auch nach der neuen Reifeprüfung-Ordnung, wie bisher, Sitz und Stimme in der Prüfungskommission eingeräumt hat. Wer könnte auch besser über einen jungen Menschen urteilen, als der, welcher ihn auf seinem ganzen, oft beschwerlichen Wege, während der Zeit seiner Mittelschulstudien begleitete und zu beobachten Gelegenheit hatte. Das Ansehen des Religionsgegenstandes wäre aber sehr gehoben worden, — und darin liegt kein geringer pädagogischer Vorteil — wenn man ihn auch, in der dargelegten Form, zum Gegenstände eines Kolloquiums gemacht hätte. Wir gönnen unseren Maturanten alle Erleichterungen, die ihnen gewährt wurden. Es spricht aus ihnen ein erleuchteter Geist des Fortschritts, eine richtige Erkenntnis der Bedürfnisse und Forderungen unserer Zeit. Die Religionsprüfung sollte auch keine Erschwerung und Ueberbürdung bezeichnen. Sie hätte nur dafür Zeugnis ablegen sollen, wie der Unterricht in der Religion betrieben wird und ob der Jüngling ihren ethischen Gehalt erfaßt hat. Wir haben nicht „pro domo“ gesprochen, sondern nur im Interesse der großen Sache, die wir vertreten, und wünschen auch, daß diese Darlegungen so ausgenommen werden. Dr. Max Grünfeld. Vom Zubrmarkt des Lebens. Die Bibel ist das gemeinsame Kleinod. Bei dem neuen katholischen Bischof Dr. C z e r n o ch erschien dieser Tage anläßlich seiner Installation eine Abordnung der dortigen Judenschaft. In der Erwiderung auf die Ansprache des Sprechers der Deputation sagte der Kirchenfürst, der übrigens vor seiner Ernennung zum Bischof als Reichstagsabgeordneter der antisemitischen Volkspartei angehörte, u. A. Folgendes: „Meine Seele ist von Liebe für alle Religionen und deren Bekenner erfüllt. Ich will ein treuer Diener der Sache sein, zu deren Schutz mich Gott auf diesen Posten gestellt und darum will ich kämpfen gegen den Unglauben, gegen jenen Geist, der nicht nur die christlichen Religionen, sondern auch die jüdische angreift, gegen die Irrlehren, vor welchen nichts heilig ist. Sie wissen ja, daß vor nicht allzulanger, Zeit ein Gelehrter (Prof. Delitzsch) im vornehmsten Kreise, in Gegenwart fürstlicher Personen, die Heiligkeit der Bibel in Zweifel zog. Die Bibel aber, auf deren Grundlage das Judentum steht, ist das gemeinsame Kleinod aller Religionen." Ein jüdischer Neger. In Newark (Staat Newyork) besteht ein jüdischer Sträflingsfürforgeverein, der unter anderem auch dafür sorgt, daß die jüdischen Sträflinge während der Pessachtage mit ritueller Kost versehen werden. So war es auch diesmal.und die jüdischen Arrestanten des Newyorker Polizeiarrests freuten sich schon auf die bevorstehende Kost. Als am Erew-Pefsach der Aufseher die jüdischen Inhaftierten zusammenschrieb, meldete sich auch ein Arrestant, namens Sam Johnson, der zu einer Ordnungsstrafe von 10 Dollars verurteilt wurde, und da er diese nicht erlegen konnte, sie abfitzen mußte. Zwischen Johnson und dem Aufseher entspann sich nun folgendes Gespräch: Johnson: „Herr Aufseher, ich melde, daß ich von heute an kein Brot esse, da ich Jude bin!" Aufseher: „Aha, Sie hätten Lust auf Mazzos und möchten nun die jüdischen Vereine Wurzen, was? Aber daraus wird nichts. Wer hat jemals gehört, daß ein Neger von Ihrer Gesichtsfarbe Jude sei?" Johnson: „Es ist aber dennoch so; ich bin Jude und lieber will ich hungern, als zum erstenmale in meinem Leben am Peffach Brot essen." Nun wurde der Obmann des Fürsorgevereines herbeigeholt-. Auch dieser schenkte dem Arrestanten wenig Glauben, denn seine Gesichtsfarbe war so schwarz wie die eines Negers und außerdem sprach er den südlichen Dialekt. Als Johnson das Mißtrauen merkte, das seinen Behauptungen entgegengebracht wurde, begann er in reinem Hebräisch dagegen zu protestieren, daß ihm nicht gestattet werde, das Fest mit seinen Glaubensbrüdern zu feiern. Er sprach nicht nur hebräisch, sondern schrieb auch in dieser Sprache. Er erzählte nun, daß er in Jerusalem geboren wurde, mit seinen Eltern dann nach Virginia kam, wo er dann den Dialekt und die Sitten der Neger sich aneignete. Sein ursprünglicher Name war Klowsky und hat er erst in Virginia den Namen Johnson angenommen. Der Obmann des Vereines, Mr. Davidson, schien noch nicht ganz beruhigt und ließ sich die Geschichte vom Peffach erzählen. Johnson alias Klowsky rezitierte nun auswendig fast die ganze Haggadah im Urtext. Nun erst schenkte Mr. Davidson den Erzählungen des Arrestanten Glauben und versah ihn nicht nur für die nächsten zwei Tage mit Peffachkost, sondern veranlaßte auch, daß die Ordnungsstrafe für ihn erlegt werde, damit er den Arrest verlassen konnte. Ein jüdisches Leichenbegängnis am Sabbath Ein interessanter Streitfall hat sich, wie uns aus Paris berichtet wird, vor einigen Tagen zwischen dem Grand Rabbin und der Pariser Munizipalbehörde ergeben. Am vorigen Freitag verstarb ein jüdisches Kind an einer infektiösen Krankheit und die Munizipalbehörde hatte angeordnet, daß die Leiche am darauffolgenden Tage begraben werden müsse. Der Grand Rabbin intervenierte und machte Vorstellungen gegen diese Anordnung, da nach den Satzungen der jüdischen Religion eine Leichenbestattung am Sabbath verboten sei. Die Behörde antwortete hierauf, daß in einem Staate, in welchem die Trennung von der Kirche vollzogen sei und der alle Religionen in gleicher Weife ignoriere, die religiösen Traditionen der einen oder anderen Konfession nicht berücksichtigt werden können und daß in diesem Falle die öffentlichen Sanitätsrücksichten es nicht gestatten, daß die Bestattung der Leiche bis Sonntag verschoben werde. Unter dieser gesetzlichen Zwangslage und damit die Eltern sich nicht veranlaßt sehen, das Kind ohne synagogalen Beistand zu beerdigen, gestattete der Grand Rabbin die Bestattung der Leiche nach jüdischem Ritus. _ Zur Naturgeschichte des Renegatentums. Berlin. In der Reichstagsfitzung vom 6. d. M. bemerkte der Abg. Mugdan (getaufter Jude) gegen Abg. Fischer (Soziald.): „Die Aeußerungen des Abg. Fischer haben eine Bestätigung des Satzes gebracht: daß man immer zu seiner ersten Liebe zurückkehrt, denn er war ja früher selbst einmal ein Zentrumsmann. (Große Heiterkeit.) Ich bitte um Ablehnung aller Anträge. (Beifall links.) Abg. Fischer-Berlin (Soz.): Ich stehe zwar nicht auf der geistigen Höhe des Herrn Doktor Mugdan (Große Heiterkeit bei den Sozialdemokraten), aber ich muß mir doch verbitten, daß er eine Parallele zwischen uns