Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 22 (29.5.1908)
- Date
- 1908-05-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 400 DL. Blvch's WocheMtzrM» Nr. 22 noch in späteren Nächten von Logarithmen, Realien, von mittelalterlichen Königen, physikalischen Formeln träumen, die Gesichter strenger Examinanden, die auf die Ausführungen des nervösen „Jobses" „mit einem bedenklichen Schütteln des Kopses" antworten, sind für immer entschwunden — kurz man atmet auf. Die neue Reifeprüfung soll das werden, was sie eigentlich schon lange hätte sein sollen: keine Gehirnturnerei, kein Prüfen der Kenntnisse, sondern der Kenntnis, kein Forschen und Graben nach Namen und Zahlen, sondern eine Erforschung dessen, ob der junge Mann, das was er lernte, auch erlernte, was ihm in 8 Jahren mitgeteilt wurde, auch zu seinem geistigen Besitztum gemacht und was auf ihn vererbt wurde, auch erworben hat. Wir begrüßen den neuen Geist, der durch die jüngst herausgegebenen Vorschriften für die „Matura" geht, auf das Wärmste, wir begrüßen ihn als Lehrer und Vater — und moderne Menschen. Nur eines wünschen wir, es möge dieser neue freiheitliche Geist auch unsere gesamten Mittelschulstudien erfüllen, und erwarten, daß mit dem alten Ballast bald aufgeräumt werden wird. Wir erwarten dies wohl nicht ohne Grund, wenn wir sehen, wie erleuchtete Männer sich, den wichtigsten Fragen des Kulturlebens der Menschheit, den Unterrichtsfragen, mit ebensoviel Wohlwollen als Energie zuwenden. Und dennoch hatten wir gewünscht, man wäre einer Frage bei der Reform der „Matura" näher getreten. Wir schicken gleich voraus, daß die folgenden Ausführungen durchaus nicht reaktionären Anschauungen eines Dunkelmännertums entstammen, von denen wir uns ganz frei fühlen. So wagen wir es denn auszusprechen: Man hätte vielleicht auch die Frage in Erwägung ziehen sollen, ob es nicht angezeigtgewesen wäre, rin Kolloquium aus dem Religionsgegenstande zu verlangen. Ich schicke gleich voraus, auf diese Prüfung möge nicht etwa das Odium der Ueberbürdung fallen. Der ganze Stoff der Religionslehre hätte in der letzten Klasse wiederholt werden müssen und in einer etwa 20 Minuten dauernden Besprechung hätte sich der Lehrer überzeugen können, ob der junge Mann die Grundlehren der Religion und Religionsgeschichte in sich ausgenommen und das Verständnis für sie sich erworben hat. Mancher und Manche wird auflachen, wenn sie dies lesen, aber viele werden wohl diesen Ausführungen auch beistimmen und sie nicht rundweg zurückweisen. Wir wollen natürlich hier nur vom Standpunkte unserer Religionslehre sprechen und was wir sagen, vorurteilslosen Erwägungen zum Nachdenken überlassen. Die Religionslehre ist nach dem Organisationsentwurfe ein Unterrichtsgegenstand. Es läßt sich darüber mit Worten „wacker streiten", ob Religion gelehrt werden kann. Und es ist darüber viel disputiert und diskutiert worden. Mehr als von jedem anderen Gegenstände gilt von diesem das Wort des Dichters: „Wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen, wenn es nicht aus der Seele dringt und mit urkräftigem Behagen die Herzen aller Hörer zwingt." Unsere großen, alten Lehrer haben dies einfacher ausgedrückt, wenn sie sagten: „Die Religion wendet sich an die Herze n" Sie muß, und dies gilt insbesondere für uns Juden, erlebt werden. So war es. Wir alle haben die Religion und ihre Uebung vor Augen gesehen. Sie begleitete uns vom frühen Morgen bis zum späten Abende, vom Aufftehen bis zum Niederlegen. De^ Schulunterricht in der Religion war für uns wirklich überflüssig, denn das Haus ersetzte die Schule. Wäre zum Beispiel unseren ehemaligen Lehrern beigefallen, uns die Feste zu erklären? Wir hätten eine solche Erklärung mit mitleidigem Lächeln angehört. Jeder Neligionslehrer von heute aber weiß, wie schwer es fällt, gerade die Bedeutung der Feste unserer Jugend durch Auseinandersttzungen theoretischer Art beizubringen. Denn was nützen alle Erklärungen, wenn die jungen Leute selten im Hause das üben scheu, was ihnen in der Schule als das Heiligste hingestellt wird? Kommen sie nicht vielmehr durch solche Belehrungen in einen oft verhängnisvollen Widerspruch? Und Widersprüche zu erzeugen, kann doch nicht Zweck eines pädagogischen Unterrichtes sein! Da kann nun der vernünftige Lehrer wahrhaft Heilsames leisten, wenn er die ewigen, unverbrüchlichen Wahrheiten der Religion der Jugend vor Augen führt, den sittlichen Kern aus der Schale löst, die ethische Bedeutung auch der Zeremonien klarlegt, und so durch die Lehren, welchen das jugendliche Herz leichter zugänglich ist, auf das Haus oft e i n w i r k t. Zum Glauben kann man nicht erziehen, aber zum wahrhaft ethischen Handeln kann man anleitcn, und das ist der unvergängliche Wert des vernünftigen Unterrichtes in der Religionslehre. Für uns Juden hat er aber eine noch unvergleichlich höhere Bedeutung. Er soll durch das Beispiel wirken. Und, wenn wir die großen Gestalten unserer Geschichte der Jugend vorführen, von unseren Propheten angefangen, bis zu den großen Männern der Wissenschaft in unseren Tagen, dann lebt das Tote wieder auf; wir beweisen dann, daß man ein religiöser Mensch im Judentum sein kann, ohne mit den Anforderungen der Wissenschaft und Vernunft in Widerspruch zu kommen. Wir gehen weiter. Eine der Hauptforderungen rationellen Unterrichts ist die der Konzentration alles in der Schule Gebotenen. Und wir stellen die Behauptung auf, daß — wir sprechen hier natürlich nur von dem Unterrichte in unserer Religion — in keinem Unterrichtsgegenstande eine solche Zusammenfassung und Vergleichung der scheinbar heterogensten Gegenstände stattfinden kann, wie in dem Unterrichte in der Rcligionslehre. In der Bibel finden wir Vorbilder für alle Gestaltungen des politischen, sozialen und kulturellen Lebens der Menschheit. Vergleiche mit den Größen des klassischen Altertums und der späteren Zeiten lassen sich von dem kundigen Lehrer mit Leichtigkeit ziehen. Und welches Kapitel der Wissenschaft könnte nicht herangezogen werden, wenn wir von unseren talmudischen Heroen und den Geisteshelden im Judentum des Mittelalters sprechen? Jedes Gebiet der Philosophie ist der Besprechung fähig, wenn wir darlegen, wie unsere Denker, alles, was Menschen dachten, in den Kreis ihrer Betrachtung zogen. In Wien hat vor kurzer Zeit ein Gelehrter darüber gesprochen, wie gut unsere Alten bereits die Hygiene kannten, die doch sicherlich eine junge Wissenschaft ist. Wir behaupten auch, daß bei einer vernünftigen Bibellektüre, z. B. beim Lesen des „Buches der Sprüche", wenn man sich natürlich nicht bloß auf grammatische Spielereien einläßt, die modernsten Fragen besprochen werden können. Es würde den Rahmen dieser Ausführungen weit überschreiten, wenn wir uns aus eine nähere Darlegung des Gesagten einließen. Selbst Matemathik, Astronomie und Physik können, wenn wir von unseren Gelehrten reden, in die konzentrischen Kreise unseres Unterrichts einbezogen werden. Wie sehr steigt dadurch unser Judentum in den Augen der Jugend! „Da mah schetoschuw“ lehrte einer unserer weitausblickenden Weisen. „Wisse, was du zu entgegnen hast", wenn man dich angreift, und man greift uns sehr oft an, aber wir können auch auf die Angriffe erwidern. Und jetzt wollen wir auf den Ausgangspunkt unserer Auseinandersetzungen zurückkommen. Es könnte gewiß zur Hebung des religiösen Bewußtseins unserer Jugend beitragen, wenn sie darüber, nach beendigtem Mittelschulstudium, Rechenschaft ablegte, ob sie den ganzen Stoff der Religionslehre in sich ausgenommen und mit Nutzen verarbeitet hat. Man mißverstehe uns nicht. Wir wollen niemand aus Religion „durchfallen" lassen. Auch müßte der junge Mensch nicht genau wissen, wann der oder jener große Mann gelebt hat, es wäre kein Unglück, wenn er nicht wüßte, daß Maimonides ein Werk über Logik oder Jbn Esra ein solches überMathematikgeschrieben, ob Mendelssohn oder einer seiner Schüler den „Biur" zu. einem Buche des Pentateuchs abgefaßt hat. Aber wie diese Männer über die erhabensten Gegenstände, über göttliche und weltliche Dinge gedacht haben, dies auseinanderzusetzen, ist für einen jüdischen Jüngling zumindest so wichtig, wie eine Darlegung des Inhalts von Klopstvcks Oden oder der Werke der „Sturm- und Drangperiode". Kein beschränkter Gesichtspunkt ist es, der uns bei diesen Ausführungen leitete, vielmehr find es wahrhaft pädagogische Erwägungen, die wir im Auge haben. Gerade jetzt steht die Religionswissenschaft, besonders an manchen deutschen Universitäten, in voller Blüte. Diese Wissenschaft weist das Gemeinsame aller Religionen auf und wenn der junge Mensch darüber