Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 22 (29.5.1908)
- Date
- 1908-05-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 22 Dr. Llocb's MocdenscbrM. BiVe 39S Hilfe nicht zu gewähren war. Ferner hat die Allianz infolge der besonderen Not zahlreicher rumänischer Gemeinden zur Verköstigung armer Schulkinder einen Beitrag von 3000 Frcs. geleistet und zahlreichen rumänisch-jüdischen Schulen, so den Knabenschulen in Adjut, Vaslui, Piatra, Sulitza, der Schule Or Thore in Botosani, Kultura in Bacau. der Haushaltungsschule Lumina in Galatz, der Schule in Frumusica namhafte Beiträge gewährt. Eine umfassende Fürsorge wurde ferner den jüdischen Emigranten aus Rumänien zugewendet. Durch das Entgegenkommen der Jewish Colonisation Association konnten die Ende 1906 fistierten Gruppenbeförderungen wieder ausgenommen werden und es wurden während der letzten Monate 1907 durch Vermittlung der Allianz nach Kanada 1071, nach den Vereinigten Staaten 146, nach Argentinien 52, zusammen 1269 Personen in Gruppen, außerdem 146 Personen einzeln befördert. Aus der Gesamttabelle der Emigrantenfürsorge des Wiener Bureaus ergibt sich, daß im Jahre 1907 durch dasselbe registrierte russische und rumänische Emigranten zusammen 2596 befördert wurden. In dieser Zahl find nicht enthalten die zahlreichen Auswanderer, die auf kurzem Wege auf der Durchreise in Wien von der Allianz Unterstützungen erhielten und die nach tausenden zählenden Personen, denen die Komitees der Allianz in Ezernowitz, Brody und Krakau ihre Fürsorge zuwandten. Der Bericht erwähnt ferner, die Schulaktion der Allianz in Galizien und die Kooperation der Allianz mit dem Hilfsverein für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien zur Förderung des Unterrichtes in der Spitzenklöppelei, durch welche einer großen Anzahl jüdischer junger Mädchen und Frauen aus den ärmsten Kreisen ermöglicht wird, sich redlich ihr Brot zu verdienen. Die Allianz hat dem Hilfsverein zur Entsendung von fünf Lehrerinnen pro 1908 einen Beitrag von 5000 L bewilligt und das Zusammenwirken ist dadurch erleichtert worden, daß ein Mitglied des Allianzvorstandes zum Vize-Präfidenten jenes Vereines erwählt wurde. Für die Abgebrannten in Konstantinopel (Haskeu) wurde dem Komitee der Alliance Jsradlite Universelle ein Beitrag von 3000 Francs überwiesen. Der Lämmelschule in Jerusalem wurden, wie im vorhergehenden Jahre, 3000 K bewilligt. Die Allianz beteiligte fich auch durch einen Beitrag an der von der Alliance Jsraölite Universelle in Paris entsandten Expedition nach A b e s s y n i e n zwecks Aufsuchung der des Schutzes bedürftigen Falaschas. Der Bericht über die Situation in Rußland hebt hervor, daß fich die Lage der Juden im verflossenen Jahre leider wieder wesentlich verschlechtert hat, da fie in ihrer Hoffnung, bürgerliche Rechte zu erlangen, um mehrere Jahrzehnte zurückgedrängt erscheinen und fich nicht einmal die liberale Kadettenpartei, auf welche so große Hoffnungen gesetzt wurden, einen Antrag zugunsten der Juden zu stellen getraut. Jntereffant ist die Mitteilung des jüdischen Abgeordneten Niffelowitsch, welche in rusfischen Blättern erschien und im Berichte zur Charakterifierung der Situation wiedergegeben wird. „Seit fünf Monaten gehöre ich in der Duma der Kadettenfraktion an. Es hat aber noch nie ein Mitglied derselben in seinen Reden die Judenfrage berührt, als würden die beispiellosen Gesetze, Verordnungen und temporären Vorschriften gar nicht bestehen, durch welche über fünf Millionen Menschen, im Riesenghetto des Anfiedlungsrayons zusammengedrängt, der Verelendung preisgegeben werden. Auf mein Drängen sagt man mir immer, die gegenwärtige Duma sei für ein judenfreundliches Gesetz nicht günstig. Während aber z. B. Roditschew es für möglich gehalten hat, glänzende Reden zugunsten der Polen zu halten, gegen welche ja ein ebenso feindlicher Geist herrscht, haben unsere liberalen Freunde nicht nur selbst kein Wort bis jetzt zu unseren Gunsten gesprochen, sondern auch mich jedesmal daran gehindert, wenn ich als Jude unsere Verhältniffe zur Sprache bringen wollte. Vor einigen Wochen kündigte ich Herrn Miljukow an, daß ich anläßlich der Besprechung des Budgets für das Ministerium des Aeußern über die jüdischen Emigranten sprechen möchte, denen unsere auswärtigen Konsulate auf ihren leidensreichen Wanderungen durch fremde Länder nicht den jedem Staatsangehörigen sonst von den Organen desselben im Auslande zustehenden Schutz gewähren. Bei dieser Gelegenheit wollte ich von unserer Emigration -überhaupt sprechen und von den Demütigungen und Kränkungen, welche die Juden zu ertragen haben. Miljukow versprach mir, daß die Partei mir die Rede gestatten würde. Nachträglich aber wurde dies unter nichtigen Vorwänden wieder hintertrieben. Bei der Generaldebatte, wo Gelegenheit gewesen wäre, den Gegenstand von höherem Gefichtspunkte zu beleuchten, durfte ich den Mund nicht auftun. . . Ich gelangte nun zur Ueberzeugung, daß wir Juden aus eigener Kraft eine Aktion zu unfern Gunsten einleiten müßten, und unsere Freunde außerhalb der Duma bestärkten mich darin, daß, wenn man Vereinbarungen erwirken könnte, wonach ein die Juden betreffender Gesetzesantrag durch Majoritätsbeschluß wenigstens einer Kommiffion überwiesen werden würde, wir unter allen Umständen einen selbständigen Antrag riskieren müssen. Ich begab mich nun in die Höhle des Löwen und verhandelte zunächst mit den Führern der äußersten Rechten. Der Führer dieser Partei, A. Bobrinski, erklärte mir zu meiner angenehmen Ueberraschung, daß, wenn er auch ein Gegner der Gleichberechtigung der Juden sei, er doch gegen die Aufhebung einiger besonders harter Beschränkungen keinen Einwand erheben werde, da ihm auch bekannt sei, daß diese zu einem unhaltbaren Zustand der Willkür geführt haben. Auch andere Mitglieder der Rechten haben merkwürdiger Weise wohlwollendes Verständnis meinen Bestrebungen entgegengebracht. Dagegen hat schon der der gemäßigteren Richtung angehörende Abgeordnete Gutschkow mit Entsetzen von meinem Vorhaben Kenntnis genommen. Er fragte mich: „Sind Sie von Sinnen? Wollen Sie neue Pogrome gegen die Juden durch Ihren Antrag heraufbeschwören?" Nachdem ich ihm erklärte, daß es schlimmer für uns nicht werden könne, und ich infolge meines Antrages Pogrome, wenn fie nicht sonst veranlaßt werden, nicht befürchte, gab er mir den charakteristischen Rat, mich zunächst an Stolypin zu wenden, um seine Meinung zu hören. Den Ministerpräfidenten Stolypin aufzusuchen, hatte ich nun auch besondere Veranlaffung. Wir erhielten in der letzten Zeit hunderte von Briefen von jüdischen Gemeinden des Anfiedlungsrayons, namentlich aus Südrußland, worin uns angezeigt wurde, daß anläßlich der Osterfeiertage wieder eine heftige Agitation zur Veranstaltung von Krawallen fich bemerkbar mache. Wir wurden mit flehentlichen Bitten bestürmt, uns an Stolypin zu wenden und um Schutz anzusuchen. Ich brachte diese Briefe dem Minister und schilderte ihm die herrschende Panik. Stolypin versicherte mir mit der größten Bestimmtheit, daß kein einziger Pogrom stattfinden würde, da er die striktesten Befehle an die Gouverneure erteilt habe, unter keinen Umständen Unruhen zuzulaffen. Ich fragte ihn nun um seine Ansicht mit Bezug auf meine parlamentarische Aktion. Er erklärte mir darauf, es sei nach seiner Meinung noch verfrüht, eine Gesetzesvorlage wegen Gleichberechtigung der Juden einzubringen. Wenn aber in der Duma sich hiefür eine günstige Stimmung herbeiführen ließe (!) würde die Regierung allen denjenigen Bestrebungen entgegenkommen, welche darauf hinzielen, die Situation namentlich der der armen Juden innerhalb und außerhalb des Rayons zu verbessern." Die neue Reifeprüfung. (Posthume Gedanken eines Lehrers.) Wer es nicht glauben will, dem ist nicht zu helfen. Alle Zeitungen versichern uns, daß man in den Häusern aufatmet, in denen mit der „Matura" beschwerte Jünglinge ihre bleichen Gesichter zur Schau tragen. Ein großer Stein ist Eltern und Kindern vom Herzen gefallen, man kann frohgemut in die nächste Zukunft blicken. Die Reifeprüfung, dieser aus dunklen Tagen stammende Popanz, hat seine Schrecken verloren, kein Alp bedrückt mehr schwerbekümmerte Herzen, man wird nicht mehr