Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 22 (29.5.1908)
- Date
- 1908-05-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 398 Dr. Mocb's MoedenscbrLtt. Nr. 32 rayon veranlaßt, welche dann den Unwillen in allen Ländern Hervorrust, wo eine Einwanderung armer Leute nicht willkommen ist. Nun beteuert der Zar unausgesetzt vor der Oeffentlichkeit, daß er voll des besten Willens sei und daß das Glück der Menschen das seine wäre. Die Wahrheit dieser Behauptungen ist ganz gut möglich. Die Weltgeschichte kennt den Fanatismus irregeleiteter Idealisten, kennt Cromwell und Robespierre. Es müßte sich in diesem gleichen Falle nur darum handeln, dem Zaren seinen Irrtum zu nehmen und ihm die loyale Bereitwilligkeit der Juden zu zeigen, die, wenn sie sündigten, nur Taten der Verzweiflung begingen. Es sind schüchterne Versuche dazu gemacht worden, am hessischen, am dänischen Hofe, aber stets wirkungslos, weil durch bürgerliche Mittelpersonen, die kaum eine Andeutung machen durften. Wenn aber von einer Seite, von der jedes Wort historische Wucht besitzt, von einer Seite, der alle Ausmerksamkeit und Achtung entgegeugebracht wird, dem Zaren die Wahrheit über die Juden gesagt würde, dann wäre es denn doch möglich, daß der von Feinden des Volkes und der Menschheit eingesponnene Herrscher die feindselige Einseitigkeit seiner Ansichten ausgibt und einen Versuch zur Gerechtigkeit macht, der sicherlich mit einer Fülle von Beweisen für Vaterlandsliebe beantwortet würde. König Eduard müßte dem Zaren die Wahrheit über die Juden sagen, müßte all dem politischen Gesindel widersprechen, das jetzt Nikolaus'Ohr besitzt. Er müßte dem Zaren nur sagen, was sein aufmerksames Auge gesehen, sein kluger Sinn erfaßt hat: wie überall die Juden ihr vollgestrichen Maß von Pflichten gegen den Staat erfüllen, wenn man ihnen auch nur den Schein von Gerechtigkeit leuchten läßt, wie sie darüber hinaus Talente in den Dienst des Vaterlandes und der Menschheit stellen, welche manche Seite der Kulturgeschichte füllten. Daß Tatkraft ihr erstes Merkmal ist und Dankbarkeit ihre größte Tugend. Und daß sie mit diesen Eigenschaften Wunder verrichten könnten in einem Lande, dessen natürliche Schätze Entdecker brauchten und dessen Staatsleben eine geschlossene Masse loyaler Bürger nötig hat. König Eduard ist legitimiert zu dieser Rede. Vor allem als Oberhaupt eines Staates, der durch die zarische Willkür gegen die Juden in Form der Einwanderung in Mitleidenschaft gezogen wird. Als Herrscher eines Landes, zu dessen politischer, kultureller und materieller Größe Juden nicht wenig beigetragen haben. Und so wäre es der höchsten Anstrengung der jüdischen Politiker in England wert, vom König diesen für ihn kleinen Versuch beim Zaren zu erbitten, der für die Juden eine historische Großtat bedeutet. Sie werden wahrscheinlich nicht lange zu bitten haben bei einem Monarchen, der täglich durch praktische Beispiele zeigt, daß er erhaben ist über niedrigen Menschenhaß, bei einem König, der die Blüte einer ritterlichen und großherzigen Nation ist und dessen Gemüt seinen Thron über viele andere erhebt. Mögen die Juden Englands zu ihrem Monarchen gehen und ihm sagen, daß jetzt seine Königsmacht der Hoffnungsschimmer in den Hütten von fünf Millionen hinsterbender russischer Juden ist, die sein erlösendes Wort voll heißer Sehnsucht erwarten. Für die Menschlichkeit wird Eduard VH. sprechen. Israelitische Allianz;« Wien. Der soeben erschienene Bericht über die Wirksamkeit der „Israelitischen Allianz zu Wien" im Verwaltungsjahr 1907, erstattet an die 35. ordentliche Generalversammlung am 27. Mai 1908, ist wieder einmal ein ehrenvolles Zeugnis für die umfaßende humanitäre Tätigkeit dieser in Reih und Glied mit den anderen großen jüdischen Organisationen in Europa wirkenden Vereinigung. Er zeigt auch in ersteulicher Weise, daß die österreichische Judenheit bei den großen Hilfswerken für die verfolgten Glaubensgenoffen nicht nur nicht zurücksteht, sondern manchmal auch den ersten Platz einnimmt. So war es im vorigen Jahre der Fall mit Bezug auf die internationale Aktion zugunsten der Opfer der Judenexzeffe in Rumänien. Die Wiener Allianz hat da, wie erinnerlich, sofort mit großer Energie und Umsicht helfend eingegriffen und schon im März 1907, als die Ansammlung der Flüchtlinge an der österreichischen Grenze begann, war der Sekretär der „Allianz" Herr Doktor Kaminka an Ort und Stelle, um im Verein mit der Leitung der Filiale in Czernowitz und dem Grenzkomitee in Suczawa- Jtzkany die Hilfe zu organisieren. In der hierauf am 5. Mai 1907 in Wien abgehaltenen Konferenz der Organisationen, bei der die „Alliance Jsraelite Universelle" in Paris, der Hilfsverein der deutschen Juden in Berlin, das Hilfskomitee von Frankfurt, die englischen und amerikanischen Komitees, sowie die Komitees von Bukarest und Jassy vertreten waren, wurde die gesamte Führung des Hilfswerkes der Wiener Allianz übertragen. Die von der österreichischen Organisation aufgebrachten Spenden in der Gesamthöhe von über K 176.500 bilden auch den größten von einer europäischen Organisation für diesen Hilfszweck zustande gebrachten Beitrag. (Dem Hilfsverein der deutschen Juden in Berlin sind, wie aus seinem soeben ebenfalls ausgegebenen Geschäftsberichte hervorgeht, für Rumänien aus ganz Deutschland im ganzen Mk. 109.988 zugegangen.) Einen ähnlichen Beitrag hat nur noch das amerikanische Hilfskomitee aufgebracht, das unter der tatkräftigen Leitung des Herrn Dr. P. A. Siegelstein in New-Iork Frcs. 176.591 gesammelt hat. Von der Alliance in Paris und vom Berliner Hilfsverein unter Beteiligung von Frankfurt wurden der Wiener Zentrale auf Grund der Konferenzbeschlüffe zugunsten der geschädigten Familien je Frcs. 87.500 zur Verfügung gestellt. Das Komitee in London sandte K 30 829. Außerdem brachten die Komitees in Bukarest und Jassy selbst durch Sammlungen über Frcs. 85.000 auf. Die Listen der Geschädigten wurden nach Anordnung der Wiener Allianz von den in Rumänien eingesetzten Distriktskomitees sorgfältig redigiert und von Vertrauensmännern in Bukarest (Herrn Oberrabbiner Dr. M. Beck und Herrn Js. Astruc) überprüft. Ueberdies hat der Sekretär der Allianz Herr Doktor Kaminka im Laufe des Jahres wiederholt an den Beratungen der Komitees in Jassy, Botosani, Jtzkany und Bukarest behufs Sicherung einer gerechten Verteilung der Unterstützungen teilgenommen. Auf diese Weise gelang es, das große Werk brüderlicher Hilfe an mehr als 3000 durch barbarische Hetze in Not und Elend gebrachte Familien in mehr als 40 Städten und Ortschaften, soweit es die Verhältnisse in Rumänien zuließen, in vollkommen befriedigender Weise durchzuführen. Aus der Uebersicht der geleisteten Hilfe geht hervor, daß im Distrikt Bukarest (Aktion geleitet durch die erwähnten Vertrauensmänner und Herrn Adolf Salvmon) Frcs. 60.836.95, im Distrikt Jassy (Aktion geleitet durch die Herren M. Schnürer, M. Wachtel, Dr. Niemirower, Dr. Steuermann und Dr. Burstyn) Frcs. 105.265.75, im Distrikt Vaslui durch das Komitee Jaffy Frcs. 85.553, im Distrikt Roman ebenfalls durch das Komitee Jaffy Frcs. 68.852, im Distrikt Botosani durch die Herren M. Moskovici, A. Wahrmann, Rabbiner M. L. Landau und Spanier Frcs. 142.558 und im Distrikt Burdujeni-Bucecea (durch die Herren Oberrabbiner Dr. I. Rosenfeld, Professor Dr. L. Kellner und den Bürgermeister von Jtzkany kais. Rat S. Hellmann) Frcs. 89.329.90 zur Verteilung gelangt find und die Ausgaben für diesen Teil der Hilfe zusammen Frcs. 552.396.55 ausmachen. Im Herbst 1907 hat die Allianz im Einvernehmen mit den anderen Organisationen eine besondere Aktion zugunsten der aus den Dörfern vertriebenen Juden einleiten müffen. Es wurden hiefür von der Wiener Organisation und ebenso von Paris und von Berlin (unter Beteiligung von Frankfurt) separat je 22.500 Frcs. bewilligt. Die separate rumänische Aktion der Wiener Allianz erforderte neben den an das gemeinsame Hilfswerk geleisteten Beitragen eine Ausgabe von K 29.288 für den Unterhalt von Flüchtlingen auf österreichischem Gebiete, sowie für Bahnbeförderungen und Unterstützungen in denjenigen Fällen, wo nach den Konferenzvereinbarungen aus den gemeinsamen Mitteln die