Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 22 (29.5.1908)
- Date
- 1908-05-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Dr. Bloch’s .m- *«***«« s Zentralorgan für die gesamten Unter essen des Judentums. Wien, 29. NkaHüK. - Lrscbetnt jeden Fr et tag. m Brief-Adresse: Wien» H/i, D»bng»SSe LS. Telegramm-Adresse: Llocb's Wocbenscbritt» Wien. A. X. Postsp»r^»arn»«lt Sleartng-Verkebr Nr. 810.976. Kebaltlon und Administration: Wir» IX/i, Dabngasse Nr. 15. Telefon Nr. 14.847. OG =QO ) Bt?H0»pxxt» Me -»stornier Halbjährig 8 Krone»: Lin»elexemplare 50 Heller. Für'» Air»l»»tz>r Halbjährig iv Krone», »an^ährig 20 „ Anzeigen: Die 4««l ) teae PetttzeUe 24 Heller. 0 0: -So Inhalt: Leitartikel: Eduard VII. bei Nikolaus II. — Israelitische Allianz zu Wien. — Die neue Reifeprüfung. — Jahrmarkt des Lebens: Die Bibel ist das gemeinsame Kleinod. Ein jüdischer Neger. Ein jüdisches Leichenbegängnis am Sabbath. Zur Naturgeschichte des Renegatentums. Eduard Glaser. — Korrespondenzen: Oeffentliche Plenarsitzung des Vorstand s der Wiener israelitischen Kultusgemeinde Der Fall Jakob Stern. Weitere Judenvertreibungen in Rumänien. Die erste jüdische Sparkasse in der Bukowina. Große Feuersbrunst in Dukla. Hilfsverein der deutschen Juden. Der Jahresbericht der Alliance Jsraelite Universelle für 1907. Eröffnung des Baronin Hir^ch-Spitales in Salonichi. Das Baronin Hirsch-Denkmal in Paris. Die finnländischen Fortschrittlichen über die Judenfrage. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden rc. Wien. Verein „Nationale Autonomie". Jüdisches Museum. Kaiser-Jubiläumsfeier im israelitischen Bethause „Talmud Thora". Wiener Spar- und Kreditgesellschaft. Austritte aus dem Judentum. Judenbedrückungen in Rumänien. Stadt Kanitz. Straßnitz. Pohrlitz. Holleschau. Bisenz. Kaiser-Jubiläumsfest des Mädchen-Pensionats R. u. C. Altschul in Teplitz-Schönau. Preßburg Horazdiowitz. Nachod. — Feuilleton: Zur Geschichte des Luftschiffes. — Neue Bücher. - Briefkasten. — Inserate. Eduard YIL der Nikolaus ll. Der Besuch des englischen Königs beim Zaren steht nunmehr fest und bedeutet mehr als jede andere Monarchenbegegnung. Denn Eduard VII., einer der genialsten Minister des Auswärtigen, die sein Reich jemals hatte, geht nunmehr daran, die deutschen Säbelschleifer auch von Osten her einzukreisen und sich Bundesgenossen oder wertvolle Neutrale für den Fall zu sichern, als der wirtschaftliche Krieg zwischen England und Deutschland schließlich zu einem militärischen werden sollte. Es wird ihm auch diesmal gelingen, was ihm bei Frankreich und Spanien, bei Dänemark und den skandinavischen Reichen gelang, denn die offiziöse „Nowoje Wremja" in Petersburg begrüßt bereits den Bund zwischen der größten Macht zu Lande und der größten Macht zur See mit Enthusiasmus, und es steht' fest, daß nach der Begegnung russische Obligationen an allen Börsen um ein Perzent steigen werden. Der englische König beweist nicht wenig Mannesmut mit seiner Reise nach einem Lande, wo Knute und Bombe in einem erbarmungslosen Kampfe miteinander liegen und wo der Zar, Papst und Herrscher des Volkes zugleich, sich in seinem gewaltigen Reiche nicht zeigen darf, ohne daß ihm Nihilistengrüße vor die Füße fliegen. Nikolaus wird seinen Gast zwischen die Kosakeumauern des Militärlagers von Zarskoje Selo führen oder ihn auf hohem Meere empfangen, wo die Wellen bei Nacht mit Scheinwerfern nach heimlichen Ruderern abgesucht werden. Aber auch schon in Zarskoje Selo wurden Militärverschwörungen entdeckt und auch auf hohem Meere hat schon einmal ein peinlich ausgesuchter kaiserlicher Lotse in einer plötzlichen Anwandlung die Lust bekommen, die Zarenjacht zufällig auf ein Riff zu führen und samt Inhalt dreißig Faden tief sinken zu lassen. Solche Erinnerungen werden die Spannung erhöhen, mit welcher man den Verlauf der Monarchenbegegnung im Osten erwartet. Auch bei uns Juden wird diese Spannung keine kleine sein. Wir haben tiefe Sympathien für König Eduard, welcher auch uns gegenüber stets ein vollendeter Gentleman war und das Königtum seines Gemütes dadurch erwies, daß er unserer Schwäche oft seine mächtige Hand geboten hat. Wir verfolgen seine persönliche Sicherheit mit Besorgnis und unsere besten Hoffnungen begleiten ihn nach Rußland. Darüber hinaus aber ist es noch ein Umstand, der unsere Anteilnahme an dem bevorstehenden politischen Ereignis lebendig macht. Es ist nämlich ganz gut möglich, daß wir von der Monarchenbegegnung an eine günstige Aenderung in unserer Geschichte werden datieren können. Wir oder ein Zufall müßten es nämlich nur veranlassen können, daß unter dem Komplex politischer Fragen, die zur Erörterung kommen werden, auch die Judenfrage sich befindet. Ihre Besprechung wäre in diesem Falle nicht wie in Algeciras oder bei der Friedenskonferenz im Haag ein letzter Punkt der Tagesordnung, sondern gerechte Notwendigkeit. Die Judenfrage bewegt nämlich beide Reiche, deren Herrscher jetzt Zusammenkommen, bewegt England wie Rußland in gleichem Maße. England erklärt, durch die starke Judeneinwanderung in Verlegenheit zu sein, weil durch sie die Wohnungszinse in den Industriestädten wachsen, die Arbeitslöhne geringer werden. Man hat diese Folgen der Einwanderung durch ein Fremdengesetz aufzuheben oder einzudämmen gesucht. Es liegt nun ganz in dem prächtigen englischen Charakter mit seiner Männlichkeit und Gerechtigkeitsliebe, daß dieses Fremdengesetz niemals in seiner Strenge augewendet wurde. Denn man mußte sich sagen, daß man unmöglich arme Teufel wie Verbrecher behandeln dürfe, die ebenso wenig wie andere Menschen ohne äußerste Not ausgewandert waren und keine andere Aussicht haben, als bescheiden mit ihrer Hände Arbeit ihr Stückchen Brot zu verdienen. Englands vernünftige und menschliche Denkungsart konnte es auf die Dauer niemals gutheißen, durch Gewaltmaßregeln die Verzweiflung zu vermehren, zumal die ganze Ungelegenheit durch die Schuld eines dritten Faktors eingetreten ist. Diese Grundursache zu beheben, ist die Gelegenheit nun gekommen. Zar Nikolaus denkt über die Juden mit dem Gehirn der echt russischen Leute, mit dem Gehirn der Großfürsten, mit dem Kopfe aller Leute, welche m ihrer Unfähigkeit, Unwissenheit und Brutalität wie alle kleinen Geister voll Gemeinheit stecken und eine tierische Lust darin finden. Schwächere zu quälen und zu verfolgen. Der von ihnen angelogene Zar hält die Juden für seine Feinde und verfolgt sie, soweit seine Macht nur ausreicht. Sein Wille ist es, der die chronische Massenflucht aus dem Ansiedlungs-