Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 21 (22.5.1908)
- Date
- 1908-05-22
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 21 m. Liocv's Mocbenscvnn< Sette 393 billig mit den Worten: ,Bewahre diesen Ring, den ich Dir da übergebe, recht wohl! Schärfe aber auch deinen Kindern, die bestimmt sind, in den Besitz dieses Ringes zu gelangen, ja gut ein, daß sie ihn wie ihren Augapfel behüten. Denn wisse, so lange sich dieser Ring in euerem Besitz , befindet, wird euck die Sonne des Glückes lächeln; geht er euch verloren, ist dann auch euer Glück dahin'. Und so vererbte sich der Ring immer vom Vater auf den Sohn durch viele, viele Generationen und wurde vom jeweiligen Besitzer seinem Werte gemäß in Ehren gehalten. Endlich aber gelangte dieses Kleinod in den Besitz eines Menschen, welcher die Unvorsichtigkeit beging, eS zu verkaufen und seinen Erlös in Speise und Trank auszugeben. Und wirklich, sofort wich das Glück aus dem Hause des betreffenden Mannes und von diesem Tage an sanken er und seine Nachkommen immer mehr und mehr. „Ich meinerseits behaupte", fuhr der Greis fort, „falls diese Erzählung auf Wahrheit beruht und nicht bloß Fabel ist, daß, wenn der betreffende Mann bloß den Ring veräußert hätte, das Glück möglicherweise und sogar wahrscheinlich von seinem Hause nicht gewichen wäre. Da er aber so schlecht war, den Ring, der in den Augen seiner Väter so kostbar und wertvoll erschien, zu verkaufen und leinen Erlös zu verprassen, so ist dies schon ein Beweis dafür, daß er zuvor alles, was er besaß, bereits veräußert und in leichtfertiger Weste verausgabt hat, bis ihm nichts mehr übrig blieb als eben dieses Kleinod, welches er nun ebenfalls anbrachte. Es ist mithin ranz natürlich, daß das Glück in diesem Hanse nicht mehr wohnen durfte!" Nun, zur Zeit der frommen und gottesfü-chtigen Könige gab es zwar auch viele, welche gar manches Gebot der Thora außeracht ließen, allein sie schickten ihre Kinder in die Schule, damit sie Thora lernen sollen. Und wenn schon die Eltern, sei es aus Gewohnheit, sei es aus Mangel an Erkenntnis, sündigten oder sei es auch, daß sie ihren Begierden nicht widerstehen konnten, war doch die Möglichkeit gegeben, daß die Kinder in den Wegen Gottes gehen werden. Als aber die Kinder Israels in den Tagen der gottlosen Könige aufgehört haben, die Kinder in der Thora zu unterweisen, wurde über sie sofort Verbannung verhängt. Denn zweifelsohne haben sie zuvor alle Gebote der Thora verletzt und zum Schluffe sogar die Kinder in die Schule zu schicken aufgehört, damit sie Thora lernen; dadurch aber ist die Möglichkeit auf Besserung genommen worden." Inzwischen gelangten die Gefangenen an den Euphrat und als sie die Bäche und Ströme Babyloniens erblickten, fingen sie an heftig zu weinen. Hierauf wandten sie das Antlitz gegen ihr Geburtsland, erboben die Hände zum Schwure und sprachen feierlich: „Jerusalem! Vergess' ich dein, so vergesse meine Rechte! Meine Zunge klebe am Gaumen, wenn ich deiner nicht gedenke!" Ein Jüngling aber, ein Lewite, der ebenfalls zu dieser Schar gehörte, sprach: „Wiewohl die Not und Bedrängnis Israels gegenwärtig sehr groß sind, so enthält gerade dieser scheinbar trostlose Zustand einigen Trost. Wie schon der Prophet Jeremias tröstend ausrief: „„Es ist eine Zeit der Not für Jakob, doch soll ihm durch sie geholfen werden."" Das heißt: die Not selbst soll Israel aus einem andern Verhängnis, das vielleicht noch schwerer ist, befreien. Die Kinder Israels nämlich, welche bis nun auf die Stimme der Propheten nicht hörten, die ihnen anriete, die Sünden zu bereuen und Rückkehr zu halten, werden im babylonischen Exrl ihren schlechten, gottlosen Wandel lassen und zu Gott mit ganzem Herzen zurückkehren. Und hat man zu ihnen gesprochen: „„Ihr seid nicht mein Volk!"", wird man alsdann zu ihnen sagen: „„Ihr seid Kinder des lebendigen Gottes!"" Und nun, wiewohl ich meine Harfe heute an die Weldensträuche hinhänge und kein Gesangeslaut im Feindeslande aus meinem Munde kommen wird, hoffe ich doch, daß ich dereinst wieder zu meiner Harfe greifen werde, um Lieder anzustimmen. Nämlich sobald auf den Bergen die Fußtritte des Verkünders, welcher Frieden ansagt, Wohlfahrt und Heil ausruft, vernommen sind. Denn wahrlich, das Wort Gottes, das er durch den Mund des Propheten hat verkünden lassen, wird ja in Erfüllung gehen und dies Wort lautet: „„Fürwahr! In Freude sollt ihr ausziehen (aus Babel) und in Frieden sollt ihr geleitet werden: die Berge und die Hügel brechen aus vor euch in Jubel und alle Bäume des Feldes schütteln die Zweige."" Soweit die Unterhaltung der Gefangenen. Meine Freunde! Zweimal ist Israel ob seiner Sünden aus dem Lande der Väter vertrieben worden. Und war die Verbannung nach Babylonien nicht allzu hart, indem die Kinder Israels in der Fremde mit den Söhnen des Landes friedlich leben konnten, bedeutete die Verbannung durch die Römer für sie eine lange Kette von Leiden und Verfolgungen. Nun hätten die Kinder Israels durch Abschwörung ihres Glaubens aus allen Leiden des Exils sich befreien können, sie blieben jedoch standhaft, vergaßen und verleugneten den Namen Gottes nicht und breiteten ihre Hände nach einem fremden Gotte nicht aus. Der Umstand aber, daß die Kinder Israels gerade durch Verbannung gestraft wurden und nicht etwa durch Heimsuchungen im eigenen Lande, deutet darauf hin, daß damit noch eine andere Absicht die göttliche Vorsehung verbunden hat. Die Verbannung soll ihnen zur Strafe sein, aber auch zum Verdienste gereichen, beziehungsweise ihnen Gelegenheit geben, sich verdient zu machen. Wenn sie nämlich, in der Verbannung lebend, ihren Glauben nicht um einen anderen vertauschten, um den Verfolgungen zu entgehen. so ist es eine große Tugend und muß ihnen das zur Ehre und zum Ruhme gereichen. Das Festhalten jedoch am Glauben der Väter im eigenen Lande, wo doch das Aufgeben des Glaubens keinen Vorteil bringt, wäre kein Verdienst und keine Tugend. Meine Freunde! Auch uns wird es gewiß zum Verdienst vor Gott angerechnet werden, daß wir unter den gegebenen Verhältnissen am Glauben der Vater festhalten. Die Volker, in deren Mitte wir wohnen, stehen leider nicht immer auf dem Standpunkte der Thora, welche schon vor tausenden von Jahren geboten hat: „Einerlei Satzung und einerlei Recht sei für euch (für euch alle Bewohner des Landes, sondern gar manches Amt und gar manche Stelle im Staate find dem Juden unzugänglich und zwar aus keinem andern Grunde als dem, weil er Jude ist und die Charakterfestigkeit besitzt, eS auch unter allen Umständen bleiben zu wollen. Und doch find wir ja friedliche Bürger im Lande, sind dem Herrscher stets treu ergeben und lieben aufrichtig das Land, in welchem wir das Licht der Welt erblickt haben. Allein trotz alldem kann man sagen, daß Gott uns mehr Gutes erwiesen als unfern Vorfahren. Unsere Lage ist im Vergleiche mit der der Vorfahren eine recht gute zu nennen. Darum wollen wir jene Sünden, um derentwillen die Hand Gottes die Vorfahren gestraft, aus unserer Mitte entfernen. Laßt uns alle insgesamt als Brüder fühlen! Zank und Streit von uns fernhalten und nichts in der Welt soll uns die Herzen einander entfernen! Wir wollen auf die Stimme der Eltern und Lehrer hören, den Anordnungen der Behörden willig uns fügen und die Gesetze des Staate» gewissenhaft befolgen! Auch wollen wir die Kinder zum Thorastudium anleiten und so wird sich an uns bewähren, was geschrieben stebt: „Alle deine Kinder sind Schüler Gottes und daher ist groß der Friede und da» Glück deiner Kinder." — Mähr.- Weißkirchen. Dr. I. Rabbinowitz. Die Lösung der Judeufrage in Galizien. Ich habe zufälligerweise eine polnische wissenschaftliche Monatsschrift unter dem Titel „Ateneums polskie“ Rr. 1, Tom II, Koriccien 1908, in die Hand bekommen, in dem ein Artikel von Alfred Kohl, betitelt „Pr^dyi mysli w naszym kraju w kwestyi zydowskiöj“, sehr beachtenswert ist. Der Verfasser, ein polnischer Patriot, bemüht sich, die jüdische Frage — wie er meint — „sine ira et stndio" zu erörtern, und bietet einen Ueberblick über die verschiedenen Richtungen unter den Juden in Galizien. Unleugbar ist es, daß im Mittelalter die Juden in Polen sich verhältnismäßig am wohlsten gefühlt haben im Vergleiche zu ihrer traurigen Lage in anderen Ländern. Sicherlich war Polen die Zufluchtsstätte aller verfolgten und vertriebenen Juden, da von Natur aus der Pole in der Tat edleren Neigungen zugänglich ist und überdies er den Juden gebraucht hat, auf ihn geradezu angewiesen war. Der ganze Handel war ja ausschließlich in den Händen der Juden, die für die. „Herren" Alles zu besorgen hatten, wenngleich die „Hansa" ihnen unerbittliche Konkurrenz zu machen versuchten. In neuester Zeit waren die Juden Galiziens aufrichtig bemüht, dem Polentum zu dienen. Als Gegenwehr des „Szomer Israel" in den Siebziger-Jahren, einer Stütze der Schmerling'schen Tradition, hat Dr. Bernhard Goldmann eine Zeitschrift „Zgoda" 1877 gegründet, in rascher Reihenfolge entstanden „Ojczyzna" 1880, „Agadas Achim", „Przymierze Braci" 1882; all diese. Vereinigungen hatten das ehrliche Bestreben, das Deutschtum zu verdrängen, und die Juden, sagen wir die Heranwachsende Jugend vollständig zu polonifieren. Mit welch ehrlicher Aufopferung nahm sich Bernhard Goldmann dieser Angelegenheit an! Er sah in der vollständigen Assimilation, in der Verschmelzung mit dem polnischen Geiste, in der Verbrüderung die einzige Rettung der Juden in Galizien. Es darf nicht geleugnet werden, daß Eduard Gniewosz, und Smolka diese Bestrebungen anerkannten und die löbliche Absicht gehabt haben, diese Hunderttausende von Bürgern zu treuen, ehrlichen Polen heranzuziehen. Die heranwachst nde Jugend folgte diesen Führern, im Uebereifer wollte sie nur „Polen" werden. Sie gab ihr jüdisches Volkstum, ja sogar Denken, Fühlen auf, um nur in „Polentum" aufzugehen. Die Polen haben diese ehrlichen Intentionen mit schnödem Undank bezahlt. Die „Ojczyzna" hat nach zehnjährigem Bestände ihr Wirken einstellen müffen. Wir haben alle eingesehen, daß wir trotz unserer ehrlichen und aufrichtigen Bestrebungen als „inferior" angesehen werden, und der Fußtritt hat uns empfindlich