Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 21 (22.5.1908)
- Date
- 1908-05-22
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Set U 392 Dr. Llocb s MocdenscvrtN. Nr 21 Kanal getrennt ist, über welchen die „Ponte di Ghetto Vecchio" führt. Neu ist an diesem Ghetto nichts als der Name. Es ist ebenso düster und schmutzig als jenes und beherbergt ebenso wenig oder noch weniger Juden als das alte Ghetto. Es bildet ein unregelmäßiges Viereck, in dessen Mitte drei außer Benützung stehende Brunnen stehen, das von finsteren, hohen Gebäuden umrahmt ist, von deren Fenstern die unerläßliche Trockenwäsche flattert. Ein kurzer Steinpfeiler, den die Buben zum Bockspringen verwenden, trägt das Datum 19. Oktober 1866 und eine Huldigungsinschrist für „Vittorio Emanuele Re d'Jtalia". Die Architektur der deutschen Synagoge unterscheidet sich von ihren anderen venezianischen Kolleginnen nur durch ihre weitestgehende Einfachheit. Es ist ganz gut möglich, daß jemand das neue Ghetto besucht und die Existenz des Gotteshauses gar nicht gewahr wird, denn den Eingang in dasselbe bildet eine genau so einfache Pforte, wie sie fast alle gewöhnlichen Wohnhäuser aufweisen. Aber dem geübten Beobachter wird der weiße Fleck hoch oben an der schmutzigbraunen Fassade, gerade unter dem mittleren der fünf Fenster nicht entgehen, auf welchem die hebräischen Worte zu lesen find: „Leeber leeburbLn". („Zum Andenken an die Zerstörung.") Mit dieser Inschrift soll weder die Zerstörung des Ghettos, noch der jüdischen Gemeinde in Venedig, sondern die Zerstörung des heiligen Tempels in Jerusalem in Erinnerung gebracht werden . . . „Venge, venge!“ rief mir meine zerlumpte Begleitung zu. Wetteifernd bemühten sie sich, mich durch die Eingangstüre in die Synagoge zu bringen, wobei sie die Hände ausstreckend, wiederhott murmetten: „Arme Juden!" Einige Jungen >aren herangekommen, produzierten einige Purzelbäume, als wollten sie sagen, daß sie für das angesprochene Almosen wenigstens etwas „leisten". Meine Eskorte hieb auf sie ein, unterdessen verschwand ich im Tore, stieg einige Treppen auswärts und befand mich in dem Bethause. Obgleich ziemlich klein, verriet das Innere der Synagoge doch eine gewiffe künstlerische Schönheit, die aber angesichts dieser eiligen, ruhelosen, die Gebete rasch abhaspelnden „Andächtigen", die zum größten Teile aus jungen Leuten bestanden, nicht' recht zum Bewußtsein zu kommen vermag. Der Kantor sang noch die Keduschah und schon warf alles die Tallesim von sich und selbst der fettleibige „Gabbe" verließ, von seinen drei jungen Söhnen umgeben, seinen Freunden die Hände schüttelnd, die Synagoge. Als ich aus der Synagoge kam, schlug wieder der traurige Chor meiner drei Begleiter „Arme Juden!" an mein Ohr. Bei einem Hause, das auf der entgegengesetzten Seite des Platzes stand, machten sie Halt. Es war das Asyl für alte Frauen. Eine nette junge Frau zeigte mir die Einrichtung des Hauses, welches sechs grauhaarige Matronen mit zufrieden resignierten. Gefichtszügen beherbergte. Der kleine Krankensaal war leer. „'Tutte bene,“ meinte die Wärterin mit fröhlicher Stimme. Dann führte sie mich über die Treppen in den Garten, wo eben eine Abteilung für Männer errichtet wurde. „Gibt es in diesem Ghetto viele Juden?" frug ich. Lächelnd antwortete sie: „Sehr wenige. Sie übersiedelten fast alle auf die Piazza, wobei sie mit der Hand nach der Richtung des berühmten Platzes wies. Resolut warteten die drei Bettler beim Tore und als fürchteten sie, daß ich ihre Zugehörigkeit zum Judcntume iu Zweifel ziehe, knöpfte der Eine seine Weste auf und zeigte sein sehr wäschebedürftiges „Arba-Kanfos." Ich gab ihnen entsprechend der lokalen Sitte (die unerläßliche Benützung des Dampfers am Sabbat, um zur Synagoge zu kommen, macht den Umgang mit dem Gelbe unentbehrlich) einige Soldi, wofür ich einige Bücklinge mit „Tausend Segen" erhielt. Auf meiner Rückfahrt über den Canale Grande bewunderte ich von Neuem die herrlichen Paläste, von denen manche heute die Kinder des Ghetto zu Besitzern haben. Nicht nur die Familie des Barons Treves ist hier zuhause, der Historiker Samuel Romanu, dessen Büste im Pantheon von Venedig ausgestellt ist, der Politiker, einstige Präsident der Deputiertenkammer Maurogonato und selbst der berühmte finanzielle Ratgeber des Königs von Italien, Luigi Luzzattt, find venezianische Juden . . . Literatur. Rabbinowiez H. Beth-ha-Midrasch, L Teil, Podgorze 1808, S. & Deutscher. Der Verfasser dieses in hebräischer Sprache geschriebenen Werkes ist mein Bruder inb so muß ich mich hier bloß auf eine Anzeige beschränken. Soviel darf ich aber sagen, daß ich dieses Buch nicht nur mit Interesse, sondern auch mit Nutzen gelesen habe. Ich habe daraus manches gelernt und lerne immer daraus, so oft ich es zur Hand nehme. Das Buch enthält in einem guten und leichten Hebräisch verfaßte homiletische Vorträge, welche auf Midraschim, historischen Begebenheiten und wohl auch auf anekdotenhaften Erzählungen aufgebaut sind. Ich bereite gegenwärtig eine deutsche Uebersetzung des Buches vor; um aber dem Leser eine Vorstellung dieses Buches zu ermöglichen, gebe ich hier einen Vortrag in Uebersetzung wieder: Als die Kinder Israels aus ihrem Lande nach Babel vertrieben wurden, zog eine Schar von 40 Männern dahin, mit Ketten aneinander geschmiedet. Hinter dieser Schar schritten die babylonischen Wachtet einher und trieben sie zuüi rascheren Vorwärtsgehen an. Schmerzbewegt riefen die Exulanten aus: Woran haben eigentlich die Kinder Israels sich so versündigt, daß über Jerusalem Zerstörung und über seine Bewohner Verbannung verhänat wurden?! Da Hub ein Greis seine Rede an und sprach: „Es steht geschrieben: .Ehre Vater und Mutter? In diesem Gebote ist auch eigentlich die Pflicht enthalten, daß die Jüngeren vor den Aelteren, die Soldaten vor ihren Vorgesetzten und Höheren, das Volk vor seinen Fürsten usw. Ehrfurcht haben sollen, und darum sagt die Schrift: .Damit Du lange lebest auf dem Erdreiche, welches der Ewige. Dein Gott Dir gibt? Aus dem Positiven ist auf das Negativ.' zu schließen, d. h. wenn aber die Kinder den Eltern nicht gehorchen, die Soldaten vor den Vorgesetzten und Höheren keinen Respekt haben und das Volk seiner Obrigkeit keine Ehrfurcht bekundet, sondern .der Bube dem Greise trotzt und der Verachtete dem Geehrter?, dann kann kein.Volk und keine Nation bestehen. Nun, Israel hat das Gebot der Ehrfurcht vor Vater und Mutter im engeren wie im weiteren Sinne des Wortes nicht erfüllt und so waren seine Tage im Lande gezählt und sein Schicksal ereilte es." Nun Hub ein zweiter Greis seine Rede an und sprach: „Es steht geschrieben, daß, als Moses nach dem Befinden der Brüder zu sehen ausging, er zwei hebräische Männer im Streite miteinander erblickte. Nun, diese Wahrnehmung Moses betrifft alle Zeiten und alle späteren Generationen. Denn überall, wo man zwei hebräische Männer sieht, kann man sicher sein, daß sie im Streite miteinander sind. Dabei heißt es nicht merivim (hadern), sondern nizim, was an zerstören erinnert, um durch die Wahl dieses Wortes die Lehre aufzustellen, daß Eintracht aufbaut und Zwietracht zerstört. Und wenn schon Streit zu allen Zeiten ein gar gefährliches Ding ist, so ist es umso viel mehr in Kriegszeiten, wenn Feinde das Volk bedrohen. Denn solange Friede und Eintracht im Volke herrschen, kann eS selbst mächtigen Feinden gegenüber sich behaupten. Wenn aber die Nation nicht Frieden und nicht Eintracht hat, kann sie selbst von einem schwächeren Feinde besiegt werden. Und darum heißt es: „Der Ewige wird Macht seinem Volke geben, der Ewige wird sein Volk segnen mit Frieden." Wann gibt der Ewige seinem Volke Macht? Wenn er es mit F.ieden segnet. Der Friede bedingt also die Macht des Volkes. Und nicht ohne tieferen Sinn benannten die Propheten den Krieg kerow (das Nahen). Sie wählten den Ausdruck kerow deshalb, weil in Kriegszeiten alle Volkssöhne einander nahen, Streit und Hader lassen und wie ein Mann dem Feinde gegenüberstehen müssen. Israel aber fuhr fort zu hadern und zu zanken, auch als schon die Feinde gegen dasselbe zum Kriege auszogen und darum fiel es auch in ihre Hand. Es ging an uns in Erfüllung, was der Prophet Achijah vorausverkündet hat, daß nämlich die Niederlage Israels im Kriege, „dem Wanken des Schilfrohres im Wasser gleichen wird." Sowie wenn der Wind in die Schilfrohre hineinweht, sie sich her- und hinbewegen und dabei nicht nur vom Wind gepeitscht werden, sondern sich auch gegenseitig schlagen, so ergeht es auch Israel. Wenn Feinde über die Kinder Israels kommen, werden sie nicht bloß von diesen geschlagen, sondern fügen sich noch gegenseitig Schaden zu." Ein dritter Greis, der einer von den wenigen jenes Geschlechtes war, die sich mit dem Thorastudium befaßten, Hub seine Rede an und sprach: „Das Verhängnis brach deshalb über Israel herein, weil es die Kinder dem Thorastudium entzogen hat. Denn es steht geschrieben: .Unterrichtet darin euere Kinder, davon zu reden, damit sich vermehren mögen euere Tage und die Tage euerer Kinder auf'dem Erdreiche, welches der Ewige zugeschworen eueren Vätern, eS ihnen zu geben? Also wenn ihr euere Kinder Thora lernen lasset, vermehren sich euere Tage im Lande. Wo aber nicht, bleibet ihr nicht darin." Es sprachen aber die Zuhörer: „Wie kann es Dir nur in den Sinn kommen, zu glauben, daß der Allerheiligste wegen Außerachtlassung eines Gebotes der Thora und gerade wegen dieses Gebotes Verbannung über Israel verhängen sollte?!" Der Greis erwiderte: „Als ich noch ein Knabe war, hörte ich einmal folgende Geschichte erzählen: .Ein König schenkte einst einem seiner Diener viele kostbare Güter. Hierauf übergab er ihm einen