Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 21 (22.5.1908)
- Date
- 1908-05-22
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 21 Dr. Llocb's Mocbenscbritt. Gstte 391 „Nicht die Neugierde des konventionellen Touristen," so beginnt Mr. Cohen seine Schilderung, „führte mich nach Venedig, noch war es die einfache, alltägliche seelische Erregung, mit der ich mich über den stillen Kanal Hingleiten ließ oder meinen Weg durch die düsteren, geschäftigen Gäßchen genommen. Mag man noch so seelenblind sein, inmitten der aus Erhabenheit und Melancholie zusammengesetzten Schönheit dieser Jnselstadt werden sich einem die Augen öffnen müssen. Das herrliche Blau seines Himmelszeltes, das selbst mitten im Herbste frei von jeder wandernden Wolke ist, sein Canale Grande, der an den hohen, schlanken Palästen dahinschlängelt und auf seinem Rücken in endloser Reihenfolge die Gondeln, Schwänen gleich, dahingleiten läßt; die zahllosen mit winzigen Brücklein überspannten kleinen Kanäle, die so manche malerische Perspektive eröffnen, und die sonnendurchglühte Piazza di San Marco, die des Nachts den Menschenschwarm aus einem ganzen Netze von sich windenden Gäßchen an sich zieht, all dies macht auf jeden zufälligen Besucher dieser herrlichen Stadt einen mächtigen Eindruck. Wie gewaltig ist aber erst die Vision für Einen, in dem die Romantik der Geschichte vergangener Jahrhunderte lebendig ist und der erfüllt ist von dem Gedanken an die Machtfülle, die von dieser Stätte einst über die ganze Welt ausgegangen ist. Aber nicht solche Gedanken beschäftigten mich, als ich mich der Stadt näherte. Weder die Aussicht auf den Genuß der Naturschönheiten, noch das Bewußtsein, die öden Hallen des Dogenpalastes durchschreiten zu können, hatten mich so sehr bewegt, sondern ausschließlich die Sehnsucht, diesen einzigartigen Platz, der in der großen Leidensgeschichte eines Volkes eine so hervorragende Rolle gespielt hat, mit eigenen Augen zu sehen und in meinem Geiste festzuhalten. Denn Venedig war der erste Ort, von dem der Gedanke ausging, daß die Juden in ein eigenes, abgeschlossenes, bewegtes Viertel gesteckt werden müßten. Hier erstand das erste Ghetto — das Produkt der Verfolgung und ungewollt auch die Ursache der Erhaltung des Judentums. Und ehe die letzten Spuren des einst pulsierenden jüdischen Lebens von dem Strome der Zeit hinweggeschwemmt werden, wollte ich noch einmal hinpilgern und das Andenken derjenigen wieder beleben, die einst in dem Verteidigungskampfe Israels gegen die ihn bedrückenden Völker einen so hervorragenden Anteil hatten. Denn hier, in dieser seeumgürteten Stadt, fanden die Flüchtlinge vor der spanischen Inquisition friedliche Aufnahme. Hier löste der illustre Exulant, Staatsmann und Bibelerklärer Don Isaak Abar'-Banel das Problem der Beziehungen zwischen Venedig und Portugal und von hier aus versah noch vor einem Jahrhundert eine geschäftige Druckerpresse ein ganzes Heer bedrückter Judengemeinden mit jüdischen Büchern. Eines schönen Morgens bestieg ich neben der alten Rialto- Brücke den Dampfer, der mich über den im Sonnenglanz schimmernden Kanal fahren sollte. Wir glitten an den Palästen dahin, von Zeit zu Zeit neue Passagiere aufnehmend, bis endlich anderMündung des breitesten Zuflusses zum Kanal Cannareggio, unser Bootsmann mit weinender Stimme ausrief: „San Geremia!" Wir kamen dem alten Ghetto näher. Das erste, was mein Auge traf, war eine heiligenähnliche Statue von grauem Stein auf einem Piedestal, die die Szene unter ihr mit nachdenklicher Traurigkeit betrachtet. Sollte dies die Gestalt Jeremias darstellen? Und warum wurde der Prophet der Klagelieder an der Schwelle des Ghetto aufgestellt? Als ich jedoch genauer hinsah, bemerkte ich, daß die Steinfigur ein Kreuz in der Hand hält und ihr Haupt mit einer eisernen Krone versehen war, die fünf Sterneim Kreise trug. Es waren dies keine gewöhnlichen Sterne, sondern kleine jüdische Embleme, Davidschildchen, die eigentlich Dornen darstellen sollten. Als ich diese Statue mit der Dornenkrone betrachtete, konnte ich nicht umhin, daran zu denken, daß die Ironie irgend eines dahingeschiedenen Prälaten sie zum „Wächter des Ghetto" an dessen Eingang gestellt haben mochte. Das Ghetto-Tor ist schon längst spurlos verschwunden. An der Kirche des „San Geremia" vorbei, die Brücke über den Cannareggio übersetzend, gelangte ich an eine lange Häuserreihe, die die Grenze des alten Ghettos bildete. Aus den meisten Fenstern hingen Schürzen, Hemden und verschiedene Wäsche in allen Farben, die zum Trocknen ausgehängt waren. Um einen Kesselofen, auf dem große Kartoffel sotten, standen einige Menschen, die mich auf mein Befragen hin in eine lange, enge und finstere Straße wiesen. In der Straße war es still, man sah wenig Menschen auf der Straße, nur hie und da drang aus einem Fenster eine liebliche Mädchenstimme, die ein Liedchen trillerte. Ich suchte nach einem äußeren Zeichen jüdischen Lebens und wollte schon die Hoffnung aufgeben, ein solches zu finden, als ich vor ein kleines Restaurant kam, in deffen Fenster eigenartig aussehende Fleischspeisen ausgestellt waren. Im Fenster hing ein Zettel, der mit hebräischen Lettern die Inschrift „Koscher" trug. Es war ein niedriges, düsteres Gewölbe, das wohl nicht so schmutzig, aber auch nicht so belebt war, wie ich sie mitunter in den engen Judengassen von Krakau gesehen habe. Das einzige lebende Wesen war ein Mädchen, das sich gerade gelangweilt im Spiegel besah. Einige Schritte weiter wurde ich von drei elend aussehenden Bettlern angesprochen. Ihr Alter rangierte zwischen 20 und 50 Jahren. „Arme Juden!" riefen sie in deutscher Sprache und streckten ihre Hände aus. Das war der erste brüderliche Willkommgruß im ältesten Ghetto von Europa. „Wollen Sie sehen die Schul, la scuola, il tempio?“ frugen sie dann in einem Gemisch von deutsch und italienisch. „Eccoil levantino!“ Sie wiesen hiebei auf ein schmales, düsteres Gebäude ohne äußerlichen Reiz, das an der Ecke des Gäßchens stand und mit demselben ein Rechteck bildete. Am Eingänge stand ein uniformierter Funktionär mit einem Spitzhut und einer an einer Halskette hängenden silbernen Brustplatte, welche die Aufschrift „Portiere" trug. Diese glitzernde Dekoration erinnerte unwillkürlich an den gelben Fleck des Mittelalters. Ich ging die Treppen hinan, stieß eine Schwingtüre auf und befand mich in einer nicht allzu geräumigen, halb beleuchteten Synagoge. Die Versammlung war für einen' Sabbat-Morgengottesdienst recht spärlich und der Kontrast zwischen den weißen Seidentallis und den dunkeln Eichenholzbänken machte den eigentümlichen Eindruck, den die Betenden übten, nur noch fühlbarer. Der Kantor las mit näselnder Stimme und in raschem Tempo auf dem geräumigen Almemmor, das am obersten Ende der Synagoge stand, die Thora, während neben ihm ein junger Mann mit olivenbraunem Gesicht und einem Fez auf dem Haupte neben ihm stand. Der größere Teil der Versammlung trug zum Zeichen seiner levantinischen Abstammung das Fez, was übrigens auch im Rituale zum Ausdrucke kam. Hingegen verriet der wohlgenährte Schammes mit seiner dicken Halskette, der die Anwesenden zu einer „Alijah“ einlud. nichts von einem Levantiner. Die silberne Brustplatte trug die Inschrift „Nunzio“. Die Frauengalerie befand sich in einem unerreichbaren Abstande von der Männerabteilung und verbarg die Töchter Israels in so erfolgreicher Weise, wie ich es in westeuropäischen Synagogen bis dahin niemals gesehen habe. Die Zeit verstrich und da ich noch andere Synagogen aufsuchen wollte, zog ich mich in aller Stille zurück. Mit mir verließen auch einige Gemeindemitglieder das Gotteshaus. Die drei Bettler hatten geduldig auf mich gewartet und hatten inzwischen wahrscheinlich die zu erwartende Gabe untereinander aufgeteilt. Sie begleiteten mich zu weiteren drei Synagogen, die alle durch ihr einfaches Aeußere und desto schmuckvolleres Innere und die Spärlichkeit der Anwesenden auffielen. Aber selbst diese geringe Zahl der Anwesenden hätte nicht so deprimierend gewirkt, wenn sie etwas andächtiger gewesen wären. Unter allgemeiner Unruhe verrichtete der Kantor den Gottesdienst. Mit einem gewiffen Nationalstolze führten mich die drei Bettler nun in die deutsche Synagoge — la senola tedesca. Sie ist im neuen Ghetto gelegen, das den offiziellen Titel „Ghetto Nuovo" führt und vom alten Ghetto durch einen kleinen