Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 21 (22.5.1908)
- Date
- 1908-05-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 380 Dr. Vlocb's Moebenscdrln. Rr. 21 so zu benehmen, daß man weiß: Das sind Menschen, Männer und Frauen, aus dem ältesten Adel der Welt, die keine Veranlassung haben, vor irgend einem die Augen niederzuschlagen. Wir werden die Forderungen, die wir als Juden haben, nur durchsetzen, wenn wir uns selbst erst einmal mit diesem echten Judenstolz ersüllen, der uns nottut, und dann vor die Völker treten und sagen: Wir find, was Ihr seid, und verlangen die Gleichberechtigung, die Ihr jedem Menschen gebt. Dazu wird nötig sein, daß wir das Wort des Zentrumsabgeordneten Bachem uns zu eigen machen: „Heraus aus dem Turm!" Denn das Wort gilt mntatis matanäis auch für uns. In der vorigen Generation bauten wir die Synagogen auf den Hintergrundstücken. Dieser Standpunkt muß verlassen werden. Die große Oeffentlichkeit muß wissen, daß wir Juden sind und was bei uns vorgeht. Wir haben ungeheure Leistungen auf den verschiedensten Gebieten auszuweisen, in unseren Gemeinden, in unseren Wohltätigreitsinstituten, in unseren Verbänden. Das aber weiß der Christ nicht; — er kennt nichts von allen diesen Dingen. Und warum? Weil wir Juden die Presse nicht genügend informieren über das, was bei uns vorgeht. Darum heraus aus dem Turm! Die Gleichberechtigung und die Achtung wird mehr und mehr kommen, wenn unser Leben mehr im vollen Licht der Oeffentlichkeit verläuft. Weiter sind wir Juden auch Glieder der großen jüdischen Diaspora, auch Söhne des über alle Lande zerstreuten jüdischen Volkes. Aus dieser Stellung erwachsen uns charakteristische Aufgaben. Ein eminent moderner Gedanke ist in der letzten Zeit in die Diskussion hineingeworfen worden, nämlich der, eine Vereinigung der großen jüdischen Organisationen der Welt herbeizuführen. Aus der Brüsseler Konferenz ist zum ersten Male der Gedanke agitatorisch ausgesprochen worden: Wir brauchen einen Verband der Verbände. Die Konferenz hat dann eine Kommission eingesetzt, um diesen Gedanken zu verwirklichen, aber die Arbeit ist nicht ganz gelungen, da die großen Organisationen, wie die Alliance Jsraelite Universelle und die Jewish Association, sich gegen das Projekt erklärt haben. Als die Konferenz von Algeciras zusammentrat, wurden die jüdischen Organisationen in den verschiedenen Ländern für die Lage der Juden in Marokko interessiert. Es ist dann erreicht worden, daß die Konferenz eine Resolution zu Gunsten der marokkanischen Juden faßte. Ein von Jahr zu Jahr schwierigeres Problem wird die Einwanderung der Juden in den Vereinigten Staaten. In New-Iork ist ein Ghetto entstanden von über eine Million Seelen. Aber obwohl in Amerika die Einwanderung der Juden so wohlwollend wie möglich behandelt wird (der Handelsminister Oskar Strauß ist selbst Jude!), so existiert doch die große Frage: Wohin mit all' den Juden, die nach Amerika kommen? Auf Israel Zangwills Vorschlag wird die Einwanderung der Juden nach den Häfen der Südstaaten, speziell nach Galveston, abgelenkt und die Juden in den Städten von Texas, Louisiana usw. angesiedelt, wo sie viel leichter ihr wirtschaftliches Fortkommen finden. Als Glieder der jüdischen Diaspora haben wir an der Lösung der Judenftage mitzuarbeiten. Wiederum ist es der englische Israel Zangwill, der den wandernden Juden eine Heimat schaffen will. Aus seiner letzten in Manchester gegehaltenen Rede geht hervor, daß er seinem Ziele recht nahe ist, ein großes wertvolles Territorium für die Ansiedlung der Juden zu erwerben. Es besteht eine „Jüdische territoriale Organisation", gewöhnlich „Jto" genannt, der Lord Rothschild in London, der amerikanische Handelsminister Oskar Strauß, der Vorsitzende des Hilfsvereines der deutschen Juden James Simon in Berlin, Dr. Paul Nathan, und der namhafteste Führer der russischen Juden, der berühmte Ophthalmologe Profeffor Dr. Mandelstamm in Kiew angehören. Diese „Jto" will ein großes schönes Territorium in Afrika erwerben, um dort Tausende von Juden anzusiedeln. Der allergrandioseste Plan der Repatriierung derjenigen Juden, die keine Heimat haben, in Palästina, ist dank der genialen Tätigkeit Theodor Herzls ins Bereich der Ausführlichkeit gerückt. Wenn sich dies Projekt realisieren läßt, dann haben wir wieder einen Kristallisationspunkt geschaffen für jüdisch-religiöses und jüdischkulturelles Leben. Redner behandelte dann die Fragen, welche Aufgaben die Juden in religiöser und in kultureller Hinsicht gegenwärtig zu erfüllen haben. Er betonte, daß der Inhalt der jüdischen Religion im eminentesten Sinne modern sei. Einen christlichen Sozialismus gebe es nicht, denn Christus habe gelehrt: Mein Reich, ist nicht von dieser Welt! Aber einen jüdischen Sozialismus könne es geben. Von besonderem Interesse war die Bemerkung, daß Moses der erste Bodenreformer gewesen sei. Henry George, der bekannte amerikanische Bodenreformer, habe daher auch ein Buch geschrieben: „Moses". Der Gedanke der sozialen Hilfe, der durch unsere Zeit gehe, finde seine Urkraft und seine Urbegründung in den alten heiligen israelitischen Urkunden. ' Redner streifte weiter die jüdische Missionstätigkeit. Es gebe versprengte Reste des jüdischen Volkes, die sich mit der Bitte an die Glaubensgenossen gewandt hätten: „Gebt uns Judentum!" So lebe z. B. im Hochland von Abessynien, seit tausend Jahren von der jüdischen Gemeinschaft getrennt, ein dunkelgebräunter Bergstamm, der sein Judentum bewahrt habe. Es sei eine eminente Gegenwartsaufgabe, diese „Falaschas", die von Muhammedanern und koptischen Christen bedrängt würden, wieder mit dem alten Israel zu verbinden. Ferner gebe es noch in China, in Afghanistan, in Jemen versprengte Reste israelitischer Bevölkerung. Auch da sei Missionsarbeit zu leisten. Lebhaftester Beifall wurde dem Redner am Schluffe seiner Ausführungen gespendet. Landrabbiner Dr. Mannheimer sprach ihm den Dank aller Anwesenden für seinen Vortrag aus und insbesondere den Dank des jüdischen Landesgemeinderates. Cr bat die Anwesenden, sich zu Ehren des Redners von den Plätzen zu erheben. Der Aufforderung wurde bereitwilligst Folge geleistet. An den Vortrag schloß sich noch eine halbstündige Diskussion, in der an den Redner eine Reihe von Fragen, gerichtet wurden, auf die dieser in seinem Schlußwort Auskunft gab. Besonders bemerkenswert war die Angabe, daß Palästina nach dem Urteil der namhaftesten Autoritäten auf dem Gebiete der Landwirtschaftslehre bei rationeller Bewirtschaftung wieder das Land werden könne, in dem Milch und Honig fließe. Zum Schluß richtete Dr. Klee noch einen warmen Appell an die jüdischen Frauen, die in der Jugenderziehung die Zukunft des Judentums in der Hand hätten. Vom Anbrmarkl des Lebens. Der Triumph jüdischer Speisegesetze. In jüdischen Kreisen vermindern sich leider von Tag zu Tag die treuen Anhänger der altjüdischen Speisegesctze. Wer wird „heutzutage" so lächerlich rückständig und altväterisch zopfig sein, sich an die so alten und schon längst „veralteten" Vorschriften und Verbote der mosaischen oder gar der talmudrschen Speisegesetze zu „binden"! In der Wissenschaft feiern diese Gesetze Triumphe, so daß sogar christliche Männer der Wissenschaft immer mehr die tiefe Lebensweisheit des jüdischen „Gesetzes" erkennen und würdigen lernen. Diese Erkenntnis bricht sich naturgemäß zunächst bei Aerzten Bahn, deren Beruf ja nicht bloß die Heilkunst, vielmehr in erster Linie die Gesunderhaltung und Krankheitsverhütung ist, diese Hauptstärke altjüdischer Lebensweisheit in religiöser Fassung.- Unter den Aerzten find es wieder folgerichtig vor allen anderen jene, welche die Gesundheitspflege am strengsten auffassen und daher für das jüdische „Gesetz" das größte Verständnis haben, also die — vegetarischen Aerzte. Ein solcher Arzt, Sanitätsrat Dr. Bilfinger-Eisenach, veröffentlicht soeben in der vegetarischen Zeitschrift „Gesundes Leben" (V. Jahrgang, 1. Heft, April.1.908). einen für das Judentum derart wertvollen Aufsatz, daß die Wiedergabe der wichtigsten Stellen desselben ohne Zweifel für jeden Juden von hohem