Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 20 (15.5.1908)
- Date
- 1908-05-15
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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«rite 974 Dr. SUocb’s MocbenscvrLN. Kr. 20 Zeder, von dem Kretin bis zu Sokrates ist kein Wesen auf der Stufenleiter der Schöpfung ganz reizentblößt, ganz interessenackt, ganz unbemerkenswert. Sehen wir zum Beispiel den bläßlichen Herrn Spindelfuß an. Er ist fade, wie ein kaltes Kataplasma, abgeschmackt wie ein altgebackener Grieskuchen; roh wie ein Russe, der in Rußland für roh gilt, hirnlos wie eine ausgewachsene Mumie, langweilig wie eine Cholera - Quarantaine, ignorant wie ein Mameluk und er ist so unbedeutend, daß der liebe Tod einstens große Mühe haben wird, ihn herauszufinden, und daß er bei der Wiederauferstehung gewiß liegen bleibt, ohne daß es die liebe Vorsehung bemerken wird. Allein auch dieser personifizierten Null, dieser in Fleischmakulatur einhergehenden Nichtigkeit hat die gütige Allbarmherzigkeit Gottes eine Seite gegeben, von welcher er sich bemerkbar machen kann — er ist nämlich ein Judenfeind. Auf eine wohlfeilere Weise kann ein charakterloser Mensch nicht zu einem Charakter kommen. Man fragt fich in Gesellschaft: wer ist denn dieses Schattenspiel von einem Menschen? Ist er ein Gelehrter? Nein! — Ist er ein Dichter? Nein! — Ist er ein Gutsbefitzer? Nein! — Ist er ein Banquier? Nein! — Ist er ein Handwerker? Nein! — Ein Künstler? Nein! — Ein Doktor? Nein! — Ein Advokat? Nein! Ei, was ist er denn? — O! er ist ein Judenfeind! — Da hat er Plötzlich einen Charakter. Mit dieser Judenfeindschaft macht sich Müsse Spindelfuß höchst liebenswürdig. Wenn er nach md nach seinen seit dreißig Jahren an alle Frauenzimmer spendierten Liebreiz aufgezehrt sieht, wenn seine vierzigtdusend Liebeserklärungen auf der Post liegen geblieben sind, wenn alle seine Heiratsbewerbungen unerbrochen auf Eilwagen wieder zurückarrivierten, da nimmt sein zusammengeschnürtec Geist sich zusammen, er tritt vor den Spiegel, setzt den Hut hochverwegen schräg auf sein Kopfgestell, streicht sich den Backenbart in die Wangenhöhlen, , bie, fleischlos wie ein Fastentisch, ihre eigenen Einfälle belächeln, und sagt zu sich selbst: „Ich bin doch ein liebreizendes Bürschchen, und es kann mir Keiner absprechen, daß ich ein interessanter Judenfeind bin!" — Der gute Musje Spindelfuß kann alles ertragen, bedeutende Grobheiten, zarte Händel, Fingerfamiliaritäten mit seinen interessanten Mondscheinwangen, er sucht sogar selbst gern allerlei Hader und Stänkereien an allen Orten, bei allen Gelegenheiten, kurz, das Allergemeinste ist seiner zarten Seele angenehm, bloß gegen Juden find seine Nerven reizbar! All' sein Witz, all' sein Mut, alle seine Einfälle, all' seine Beredsamkeit, all' sein sanftseliges Lächeln dreht sich um die Juden herum, und wenn ihm einmal die Juden den verdammten Streich spielen wollten, ganz auszusterben, er wäre das geschlagenste, erbärmlichste, miserabelste Männchen aller fünf Weltteile, er hörte auf, etwas zu sein, er müßte stumm herumwandeln! An der Table d'höte verzehrt er die Juden als Salz, als Salat, als Dessert. Liest er auf der Karte „Judenfisch mit brauner Sauce", dann ist er geborgen, sein Leben beginnt; er weiß, von was er sprechen soll! Er bedauert, daß man „Judenfisch mit brauner Sauce" hat, denn er würde viel lieber „braune Juden mit Fischsauce" essen. Ist der gute Spindelfuß auf einem Platze, wo keine Juden find, so dreht er sich wie ein von der Sonne aller Farben ausgezogener Regenschirm herum und bemerkt, es ist gottlob kein Jude da. Dabei lächelt er selig wie ein gedörrter Schwarzreiter, denn nun weiß er, was er sprechen soll; die Damen, die so unglücklich sind, ihn anhören zu müssen, wissen nun, daß sein Mund von Juden überfließt. Ist er an einem Orte, wo Juden sind, o, da ist er erst recht glücklich! Denn nun kann er gleich zu sprechen anfangen, ohne erst Leibzwicken zu haben. Denn in seiner endlosen Fadheit nicht einmal geschickt genug, noch vom Wetter oder von der Cholera zu sprechen, find es nur die armen Juden oder vielgeflosfen, und Jeder aus unserer Mttte wird auf ein Beispiel Hinweisen können, wo, wie bei „Musje Spindelfuß", die simpelhafte Unbedeutendheit sich durch die Judenfeindschaft eine Folie zu geben ttachtet. Die Saphir'sche Humoreske birgt somit einen tiefernsten Kern — doppelter Grund, dieselbe aufzufrischen, zumal sie nur den wenigsten unserer Leser bekannt sein dürste. Red. mehr die reichen Juden, die sich ihm aus die Sprachwerkzeuge geschlagen haben! Er sagt erst: „Ach, es wäre hier schön, wenn nur nicht so viel Juden da wären!" Nach dieser Geistesanstrengung ruht er auf seinen Nednerlorbeeren aus; dann wendet er sich in seiner überschwänglichen Liebenswürdigkeit zu einer andern Dame, und sendet ihr postfrei die Bemerkung hin: „Ueberall sind Juden!" — Hierauf knickt er, erschöpft von diesem Aufwand an Witz und positivem Wissen, wie ein Taschenmesser zusammen, erholt sich nach einigen Augenblicken und frankiert an eine dritte unglückliche Dame die Worte: „Daß doch die Juden überall sind!" Nachdem er sich nun selbst über die Fülle seiner Genialität angestaunt, wendet er sich zu dem vierten bedauernswerten Gegenstände seiner interessanten Aufmerksamkeit mit dem brillanten Einfall: „Müssen denn überall Juden sein?!" Darauf drängt er sich wie eine maskierte Sardelle durch die Reihen bis an das andere Ende des Saales und näselt mit unendlicher Grazie einer beklagenswerten Dame das herrliche von mot hin: „Findet man doch Juden überall!" — Ich glaube, wenn Musje Spindelfuß einst auf der letzten Poststation des Lebens angelangt sein wird, schnüffelt er dem Tode noch die Worte zu: „Sind hier keine Juden?" Da überhaupt der Judenhaß da anfängt, wo die gesunde Vernunft aufhört, so kann der Leser sicher darauf rechnen, daß, wo er das Wort „Jud" ausgestoßen hat, da der Verstand des Sprechers entweder noch nicht angefangen hat oder er bereits zu Ende ist. Wo das Herz und der Geist gleich dumm und stumm sind oder zu werden beginnen und bloß die fünf Sprachwerkzeuge für Kopf und Herz provisorisch das Wort führen, da ist immer das Feldgeschrei: „Jude! Jude!" Musje Spindelfuß aber läuft als mathematischer Beweis des eben Gesagten unter uns herum. Er ist eben das drolligste und lächerlichste Exemplar dieser Rasse auf Erden, und sollten wir im Verlaufe der Zeit entdecken, daß er sich in dieser Wissenschaft vervollkommne, so werden wir Buffons Naturgeschichte mit einer lithographierten Abbildung dieses Prachtexemplars von einem Judenfeinde gelegentlich vermehren. L. Neue Bücher. Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden. Herausgegkben vom Bureau für Statistik der Juden. Redaktion: Dr. Arthur Ruppin und Dr. Bruno Blau, Berlin-Halensee, Johann Sigmundsstraße 3. 4.Jahrgang. Mai 1908. Heft Nr. 5. Inhalt: I. Abhandlungen: 1. N. W. Gold st ein, New-Iork: Die jüdischen Ackerbaukolonien in den Vereinigten Staaten. 2. B. G o l d b e r g, Wilna: Die Gebrechlichen unter den Juden Rußlands. 3. Doktor phil. Arthur RuPpin, Rechtsanwalt zurzeit in Jaffa: Die bestehenden Mischehen in Preußen und die konfessionelle Erziehung der Kinder. II. Statistisches Archiv. Einkommensteuer bei Christen und Juden in Berlin 1904/05. Die jüdischen Gemeinden in Berlin im Jahre 1905. Die Bewegung der Bevölkerung in Frankfurt a. M. im Jahre 1906. Die israelitische Religionsgemeinschaft.in Baden im Jahre 1907. Die Kriminalität der Juden in Baden 1896—1905. Die Verteilung der Konfessionen in den Schulen im Elsaß-Lothringen. Zur Auswanderung aus Rußland. Alkoholismus unter den Juden in Wilna. Die Zahl der Juden in Budapest seit 1869. Die Sterblichkeit der Juden in Budapest im Jahre 1905. HI. Literatur. Balakom David: Die Sozialdemokratie und das jüdische Proletariat. D ok t o r Eugen: Emigration und Immigration. Weinberg Siegftied: Soziales Strafrecht. Weinberg Siegfried: Einfluß der Geschlechtsfunktiouen auf die weibliche Kriminalität. Kassel Carl: Die Juden in der Ostmark. IV. Mitteilungen. Oft und West. Illustrierte Monatsschrift für modernes Judentum. Herausgegeben vpn Leo Winz. Verlag Ost und West. Berlin W 8. Organ der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft der „Alliance Jsraelite Universelle". 8. Jahrgang. Heft 5. Mai 1908. Inhalt: Charles L.