Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 20 (15.5.1908)
- Date
- 1908-05-15
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 870 Nr. 20 Dr. Lloeb s Mocdenscbrm. Rabbin zur Ueberzeugung, daß es seine Pflicht sei, sür die Juden den Schutz der Regierung anzurufen. Er suchte den damaligen Präsidenten der Republik Felix Faure auf und schilderte ihm in beredten Worten die unverdiente traurige Lage der Juden. Der Präsident fand nicht ein Wort des Mitleids. Alles,- was er dem Grand Rabbin zu sagen hatte, war: „Sagen Sie ihren Frauen, daß sie, wenn sie in die Oper gehen, weniger Diamanten aulegen sollen!" Der Zufall fügte es, daß noch Zadoc Kahn schon früher als Scheurer-Kestner die Entdeckung machte, daß das Bordereau ein Werk Esterhazys war. Ein Sohn Zadoc Kahns, der bei einem Advokaten beschäftigt war, bekam einen Brief Esterhazys zu Gesicht, dessen Schriftzüge denjenigen des Bordereaus ähnlich waren. Eines Abends, nach einer Sitzung der „Alliance Jsraelite" erwähnte er dem Salomon Reinach diese Tatsache, dem jedoch die Mitteilung unwahrscheinlich erschien, da ihm bekannt war. daß Esterhazy nicht lange vorher einem jüdischen Offizier, Cremieux-Foa, in einem Duell mit einem notorischen Antisemiten sekundiert hat. Kurzum, damals kam dabei weiter nichts heraus. Hierbei bemerkte Reinach in seinem Vortrage: „Leider waren wir, denen Zadoc Kahn die Geschichte erzählte, an jenem Abend blind genug, um seinen Worten keine weitere Bedeutung beizumeffen. Obgleich der Grand Rabbin, wie ich schon bemerkte, gezwungen war, zurückhaltend zu sein, so munterte er dennoch Bernhard Lazare zu eifriger Tätigkeit auf. Zur selben Zeit empfing Zadoc Kahn die häufigen Besuche eines jüdischen Offiziers, der seines Rates in einer Familienangelegenheit bedurfte. Eines Tages richtete er an diesen Offizier die Frage bezüglich Esterhazy. Der Offizier machte hievon, um seinem Vorgesetzten sich gefällig zu zeigen, dem Regimentskommandanten Mitteilung. Am anderen Tage schon erhielt der Grand Rabbin von der Regierung einen strengen Verweis. Er beantwortete diesen Verweis mit der Würde eines reinen Gewiffens. Für diesen Verweis allein gebührt schon seinem Andenken die größte Ehre. Grand Rabbin Zadoc Kahn hatte wohl nicht das Glück, die vollkommene Gutmachung des Verbrechens zu erleben, das durch das Urteil vom Jahre 1894 begangen wurde, aber er sah die Wahrheit, wie sie auf dem Marsche war. Ludovie Halevy gestorben. Paris. Ludovic Halevy, der letzte aus der fröhlichen Dreieinigkeit Offenbach, Meilhoc und Halevy, ist in der Nacht zum Freitag nach monatelangem Leiden sanft entschlafen. yalevy, der 1834 geboren wurde, begann seine Laufbahn als Beamter, entdeckte aber schon früh sein literarisches Talent. Erschri/b unter dem Pseudonym Serviöres Bücher für kleine Operetten, für Offenbachs „Fortunios Lied" und Bizet „Docteur Miracle". Als er tn Meilhac einen gleichgestimmten Freund kennen lernt", wandte er sich ganz der Arbeit für die Bühne zu. und nun entstanden, durch . Offenbachs Musik mit Leben erfüllt, die klassischen Werke der Operette, die bis heute unerreicht sind, von der „Schönen Helena" bis zu den „Briganten". Nach Offenbachs Tod schufen beide Dichter für Lecocq den „Kleinen Herzog", gaben dann aber das leichte Genre auf und stiegen mit „Fron-Fron" erfolgreich zum „Grand Theütre" empor. Nach der „Rouffotte" verzichtete Halevy auf die Bühnenproduktion. Er schrieb mehrere Bände Romane und Erinnerungen. Seinen erfolgreichsten Roman „Abbe Konstantin" brachte er dramatisiert auf die Bühne. Er ist auch im Berliner R^sidenztheater Lautenburgs mit Beifall gespielt worden. 1884 wurde Halevy Mitglied der Akademie. Seit 1892 hat er nichts mehr geschrieben. Verheiratet mit einer ungewöhnlich klugen Frau aus der berühmten Uhrmacherfamilie Breguet, führte er ein zurückgezogenes Leben, nahm aber interessiert an allen Entwicklungen der Literatur und Kunst teil. Er war sehr beliebt. Die vielen jungen Schriftsteller, die er tatkräftig zu fördern bereit war, werden seinen Tod ebenso aufrichtig betrauern wie die alte Garde aus den glücklichen Zeiten der Sechziger-Jahre. Ludovic Halsvy war ein Neffe des Komponisten Fromental Halevy, des Schöpfers der Musik der „Jüdin", des Rivalen von Meherbeer und Auber, und der Sodn des Schriftstellers Leon Halevy, der im historischen Genre machte. Viel gelesen wurden Ludovics Bücher „Madame Cardinal" und „Die Familie Crrdinal", humoristische Schilderungen der Pariser Kuliffenwelt mit der Gestalt einer Tänzerinnenmutter. Im vorigen Sommer war Halevy in seinem Landhanse Haute Maison in Such en Brie an einer nervösen Krise schwer erkrankt. Mit seiner eleganten Erscheinung und dem wohlgepflcgten Diplomatenvollbart war er früher neben dem robusten Halevy eine überall bekannte Figur. Das Blittmärchen als Erpressungsmittel. Die „echten Russen" sind, wie uns aus Warschau berichtet wird, auf den genialen Gedanken gekommen, daß die Angst der Juden vor der Blutbeschuldigung und ihren Folgen zu erpresserischen Zwecken auszunützen sei. Als klassisches Beispiel hierüber wird der folgende intereffante Fall erzählt: Bei dem Warschauer jüdischen Kaufmann Zechowitsch steht schon seit längerer Zeit ein christliches Mädchen im Dienst. Der Dienstgeber bemerkte nun einige Tage vor Pessach, daß das Dienstmädchen wie umgewechselt sei und sich gegen seine bisherige Gewohnheit seinem Herrn gegenüber sehr frech benehme. Da Zechowitsch der Meinung war, daß das Mädchen darüber ungehalten sei, weil sie nicht das in Rußland übliche Ostergeschenk erhalten habe, veranlaßte er seine Frau, dem Mädchen eine neue Bluse zum Geschenk zu machen. Das Mädchen wies jedoch die Bluse mit dem Bemerken zurück: „Von Juden nehme ich keine Geschenke an! Am zweiten Tage Pessach lief nun das Dienstmädchen plötzlich mit lautem Geschrei in die Wohnung des Hausbesorgers und rief weinend, Zechowitsch habe sie mit einem Messer verwundet, um ihr Blut für Pessach zu verwenden. Der Hausbesorger lief um Polizei, und als ein Polizeiinspektor in Begleitung eines Polizeiarztes erschien und das Mädchen aufforderte, ihnen die Wunde zu zeigen, wurde es erst verlegen und gestand schließlich, daß ihr Dienstgeber sie gar nicht berührt habe. Auf weitere Fragen des Polizeiinspektors gestand das Mädchen ferner, daß ihr „Bräutigam" ihr zuredete, ihren Dienstherrn der Blutabzapfung zu beschuldigen, das Haus zu alarmieren, und er sei sicher, daß Zechowitsch angesichts der zu erwartenden großen Erregung gerne bereit sein werde, sie durch eine Summe Geldes zum Schweigen zu bringen. Das Mädchen klagte weinend, daß es darauf gerechnet habe, der Hausbesorger werde nicht gleich zur Polizei laufen, sondern vor allem die christlichen Parteien des Hauses und der Gaffe gegen Zechowitsch alarmieren. Durch das frühzeitige Erscheinen der Polizei sei nun ihr und ihres Bräutigams großartiger Plan zunichte geworden. Von der russischen Rabbinerkommission. Aus Petersburg wird berichtet: Die in allerkürzester Zeit einzuberufende Rabbinerkommission wird, laut den neuesten Mitteilungen der kompetenten Stellen, einen viel weiteren Wirkungskreis haben, als ursprünglich angenommen wurde. Sie wird sich nicht nur mit denjenigen Angelegenheiten zu befassen haben, welche die jüdische Religion betreffen, sondern auch mit sozialen und organisatorischen Fragen der russischen Juden als Körperschaft. Es wird jetzt das im Gesetze begründete Statut dieser Rabbinerkommission bekannt. Hiernach werden in die Rabbinerkommission 7 Personen — ein Vorsitzender und 6 Beisitzer — gewählt. Die jüdische Bevölkerung wählt insgesamt 40 Kandidaten für die Kommission, aus deren Mitte der Minister des Innern die eigentlichen Kommissionsmitglieder nach eigenem Gutdünken ernennt. An der Wahl der Kandidaten können sich nur Juden innerhalb des Ansiedlungsrayons beteiligen. Die vom Minister des Innern ernannten Mitglieder erhalten einen angemessenen Gehalt, der aus der jüdischen Fleischsteuer (Korobke) bestritten wird. Die Aufgaben der Rabbinerkommission sind: 1. Zu entscheiden in allen jüdisch-religiösen Fragen; 2. Entscheidungen und Gutachten in Ehescheidungsangelegenheiten. Außer diesen feststehenden Agenden hat die Rabbinerkommiffion auch alle anderen mit dem Judentume zusammenhängenden Agenden zu versehen, welche ihr seitens der Regierung zur Begutachtung oder Entscheidung zugewiesen werden. Um die Tagung der Rabbinerkommission zu beschleunigen, gestattet die Regierung die Einberufung von Wählerversammlungen, in welchen die in Betracht kommenden Fragen besprochen werden dürfen. Diese Rabbinerkommission, die als stabile Institution gedacht ist, wird jährlich zumindest drei Monate hintereinander beisammenbleiben und eigene Amtslokalitäten haben. Als wichtigster Punkt, über welchen die Rabbinerkommission neben den laufenden Agenden zu beraten