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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-05-15 · 20 (15.5.1908) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
20 (15.5.1908)
Date
1908-05-15
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 20 Dr. MoEs Wochruschrin. Korrespondenzen. Wien. (Interpellation Kuranda.) In der Sitzung vom 13. Mai richtete der Abgeordnete Hofrat Kuranda an den Präsidenten folgende Anfrage: „In der Osterzeit dieses Jahres wurde in einem Walde zwischen Zwittau und Policka die Leiche eines zehnjährigen Knaben gefunden, welcher, wie wenigstens die zuerst in die Oeffentlichkeit gelangten Gerüchte bezeugen, die sich auf die gerichtsärztliche Obduktion stützen, dem Tode des Verhungerns und Erfrlerens erlegen war. Am 18. April brachte die in Zwittau erscheinende „Grenzpost" einen Artikel, durch welchen unter vollständiger Verdrehung des Tatbestandes der Anschein erweckt werden sollte, als wäre dieser Knabe einem rituellen Morde zum Opfer gefallen. Hieran wurden Aeußerungen und Konsequenzen des blutrünstigsten konfessionellen, nicht Rassenhasses geknüpft. Der Artikel wurde konfisziert. In der Sitzung vom 5. d. M. haben Abg. Bu d ig un d z w a nzi g G e n o sse n d i e se n Artikel durch wörtliche Aufnahme in eine Interpellation immunisiert. welche anstandslos in öffentlicher Sitzung vorgebracht und im Anhang zum Protokoll dieser Sitzung publiziert wurde. Die Immunisierung hatte zur Folge, daß sowohl die in Wien erscheinenden antisemitischen Blätter wie sämtliche judenfeindlichen Provinzorgane — und er wisse wenige, die es nicht wären (Heiterkeit) — diesen Artikel weiterverbreitet haben. Abg. E. v. S t r a n s k y: Es muß ein Grund vorhanden sein, daß wenige nicht antisemitisch sind! Abg. Kuranda: Die ganze Oeffentlichkeit steht infolgedeffen unter dem Eindrücke dieses gefälschten Tatbestandes. Es liegt mir ferne, den tiefen Entrüstungsschrei und den in mir vibrierenden Schmerz in eine Anfrage ausklingen zu lassen, warum im zwanzig st en Jahrhundert in einer we st europäischen Legislative 21 Menschen sich gefunden haben, dieses vergiftende Märchen, das seit Jahrhunderten und Jahrhunderten Tausenden meiner Glaubensgenossen den Feuer- und den Wassertod eingetragen hat. von neuem zu verbreiten. (Lachen bei den Deutschradikalen und Christlich-Sozialen.) Lacken Sie nur! Das Jahrhundert lacht über Sie! Die Regierung aber darf nicht durch längeres Schweigen den Satz auf sich beziehen laffen, daß derjenige, der schweigt, znstimmt, und dadurch den Anschein erwecken, als wenn der dargestellte Tatbestand nur den geringsten Schein der Wahrheit an sich hätte. Es liegt vielleicht nicht im Interesse des Interpellanten, die Beantwortung dieser Interpellation zu beschleunigen. Es ist vielleicht in seinem Interesse, sie gar nicht beantwortet zu sehen. Infolgedessen aber stelle Redner nicht nur im eigenen Namen, sondern auch, ermächtigt von sämtlichen Mitgliedern mosaischer Konfession, welche die Ehre haben, dem Hause anzugehören, die Anfrage an den Präsidenten, ob er geneigt sei, den Justizminister zu ersuchen, diese Interpellation mit tunlich st er Beschleunigung zu beantworten." (Beifall.) Präsident erwidert, er werde den Justizminister von der Anfrage Mitteilung machen. Wien. Bei der Beratung des Gesetzes betreffend die Vermehrung der Landwehrrekruten nahm der sozialdemokratische Abgeordnete Dr. L i e b e r m a n n das Wort, um die Verhältnisse in der Armee zu besprechen. Er betonte u. a., daß in Galizien sowohl die ruthenischen, als auch die polnischen Soldaten in ihren nationalen Gefühlen fortgesetzt beleidigt und gekränkt werden, aber auch die jüdischen Soldaten Ungerechtigkeiten ausgesetzt sind. „Ich weiß sehr wohl", sagt Redner, „daß ich nicht gut daran tue, wenn ich mich einem Hause, dessen Majorität im Budgetausschusse eine so feindliche Stellung gegen die Juden eingenommen hat, der jüdischen Soldaten annehme. Wir Sozialdemokraten, mögen Sie uns hundertmal Judenpartei schimpfen, werden dem jüdischen Volke und der jüdischen Jugend treu zur Seite stehen, so oft es gelten wird, ihre staatsbürgerlichen Rechte gegen Raubzüge zu verteidigen. Die Schüsse, die in Lemberg gekracht haben, scheinen nicht laut genug gewesen zu sein, um die Regierung zu belehren, daß es auch anderswo etwas zn heilen und zu lösen gibt. Ich frage den Ministerpräsidenten, nach welchen Grundsätzen er das Kronland Galizien in Zukunft zu regieren gedenkt, nachdem das jetzige System so schmählich zusammengebrochen ist?" Gedenkfeier für weil. Präsidentin Bertha Krüger. Der Vorstand des Kaiserin Elisabeth-Lehrmädchen- und Arbeiterinnen-Heims hatte für Donnerstag den 7. Mai eine Gedenkfeier seiner im Vorjahre verstorbenen Präsidentin Frau Bertha Krüger im großen Tempel des II. Bezirkes veranstaltet, welche sehr würdig verlief. Vorher versammelten sich die Vereinsmitglieder, der Vorstand. die Beiräte, sowie sämtliche 60, derzeit im Kinderheim verpflegten Zöglinge, der Gatte der Verstorbenen und nunmehrige Vereinspräfident Herr kaiserlicher Rat Dr. Krüger mit seinen Kindern und Familienangehörigen im Vereinshause, wo die Enthüllung einer vom Gesamtvorstande des Vereines zum Andenken an das segensreiche Wirken der verewigten Präsidentin gestifteten Gedenktafel aus Marmor stattfand. Herr Beirat Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Josef W i n t e r n i tz leitete die Gedenkfeier mit einer herzlichen, tief empfundenen Rede ein. Er erinnerte an den hingebungsvollen Eifer und die opferfreudige Tätigkeit, welche die Hingeschiedene Präsidentin zeit ihres Lebens zugunsten des Vereines entfaltete, daß sie es sich zur Lebensaufgabe gestellt hatte, den Verein ins Leben zu rufen und bis zu ihrem letzten Atemzuge für denselben in mustergiltiger Weise zu wirken. Dafür sei ihr der Dank und die Liebe des Vereines über das Grab hinaus gesichert; zum Zeichen hiefür habe der Verein die bezeichnete Stiftung beschloffen. Und wie die Stätte, nach dem Worte des Dichterfürsten, die ein edler Mensch betrat, geweiht sei für ewige Zeiten, so sei auch dieses Haus der Wohltätigkeit und Humanität den edlen Intentionen seiner ersten Präsidentin entsprechend für ewige Zeiten geweiht. Hierauf dankte der Gatte der Verstorbenen dem Redner und allen Anwesenden, womit diese Vorfeier beendet wurde. Herr Dr. W i n t e r n i tz forderte nunmehr die Ehrengäste und die Versammlung auf, sich gemeinsam in den Tempel zu begeben, wo der Gottesdienst um 7 Uhr begann. Das Gotteshaus war bis auf den letzten Platz besetzt. Unter den Anwesenden bemerkten wir: Die Vertreter vieler Wohltätigkeitsvereine. Frau Baronin Königswarter, Frau Rosa Zifferer. Präsidentin des Vereines „Frauenhort" im IX. Bezirke; Frau Dr. Emilie Weiß, Präsidentin des Frauen-Wohltätigkeitsvereines im XX. Bezirke; Frau Grünwald, Präsidentin des Frauen- Wohltätigkeitsvereines Floridsdorf; Frau Dr. Frischauer, Präsidentin des Kaiser Franz Josef-Kinderhortes; den Präsidenten des Vereines zur Hebung der Gewerbe Herrn S. Brod; sämtliche Damen und Beiräte des Gesamtvorstandes des Kaiserin Elisabeth-Lehrmädchen- und Arbeiterinnenheims, die Präsidentin des Mädchenkomitees Fräulein Selma Lichtenst a d t, Frau Rabbiner Dr. S ch m i e d l, Frau Lektor Schwarz, Reichsratsabgeordneten Dr. Ofner, die Bezirksräte Brill und Neustadt!, Dr. I. S. B l o ch, Herrn Regierungsrat Dr. S ch l a g und Herrn Regierungsrat E y s e r t, Herrn Hofrat Prof. S ch a u t a; den Kultusvorstand, repräsentiert durch den I. Vize-Präsidenten Landesschulrat Dr. Gustav K o h n, den Kultusvorsteher, Bezirksschulrat Herrn Dr. Markus Spitzer, Herrn Adolf S ch r a m e k, Herrn Dr. Hermann L ö w i, Herrn Max Frank. Der greise Rabbiner Herr Dr. Schmied! betonte in seiner Ansprache und in überaus warmen Worten die großen Verdienste der verstorbenen Präsidentin, er erinnerte an das Chanuka-Fest, welches auch mit einem Lichte beginne und jeden Tag ein Licht zunrhme, bis es in voller Entfaltung mit acht Lichtern aufhöre; so habe auch der Verein mit bescheidenen Mitteln begonnen und durch die Energie und Tätigkeit seiner Präsidentin und seiner Vereinsmitglieder stets zugenommen, sei stets gewachsen bis zu seiner heutigen Kraft und Größe. Er wünsche dem Vereine, der so segensreich wirke, daß er im Sinne seiner leider allzufrüh verstorbenen Präsidentin auch weiter blühe und sich entwickle. Oberkantor G u t t m a n n versah in seiner gewohnten exzellenten Weise die kantoralen Funktionen, bei welchen er vom Chore, der unter Leitung des Dirigenten H e i m a n n stand, begleitet und unterstützt wurde.

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