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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-05-15 · 20 (15.5.1908) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
20 (15.5.1908)
Date
1908-05-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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€ciic aö4 5h. SO Or. &iecD's Mscdenscdrttr. Man kann unsere Zeit nicht eindringlich genug auf Heines völkerpsychologische Betrachtung des Judentums verweisen, die in folgender Ausführung gipfelt: Judäa erschien mir immer wie ein Stück Okzident, das sich mitten in den Orient verloren. In der Tat. mit seinem spiritualistischen Glauben, seinen strengen, keuschen, sogar asketischen Sitten, kurz mit fehler abstrakten Innerlichkeit, bildete dieses Land und sein Volk immer den sonderbarsten Gegensatz zu den Nachbarländern und Nachbarvölkern, die, den üppigbuntesten und brünstigsten Naturkulten huldigend, im bacchantischen Sinnenjubel ihr Dasein verluderten. Israel saß fromm unter seinem Feigenbaum und sang das Lob des unsichtbaren Gottes und übte Tugend und Gerechtigkeit, während in den Tempeln von Babel, Ninive, Sidon und Tyrus jene blutigen und unzüchtigen Orgien gefeiert wurden, ob deren Beschreibung uns noch jetzt das Haar sich sträubt! Bedenkt mau diese Umgebung, so kann man die frühe Größe Israels nicht genug bewundern. Von der Freiheitsliebe Israels, während nicht bloß in seiner Umgebung, sondern bei allen Völkern des Altertums, sogar bei den philosophischen Griechen die Sklaverei justifiziert war und in der Blüte stand, will ich gar nicht reden. Es gibt wahrhaftig keinen Sozialisten, der terroristischer wäre als unser Herr und Heiland, und bereits Moses war ein solcher Sozialist, obgleich er als ein praktischer Mann bestehende Gebräuche, namentlich in Bezug auf das Eigentum, nur umzumodelu suchte. Ja, statt mit dem Unmöglichen zu ringen, statt die Abschaffung des Eigentums tollköpfig zu dekretieren, erstrebte Moses nur die Moralisation desselben, er suchte das Eigentum in Einklang zu bringen mit der Sittlichkeit, mit dem wahren Vernunftrechte und Solches bewirkte er durch die Einführung des Jubeljahres, in dem jedes alienierte Erbgut, welches bei einem ackerbauenden Volke immer Grundbesitz war, an den ursprünglichen Eigentümer zurückfiel, gleichviel, in welcher Weise dasselbe veräußert worden. Diese Institution bildete den entschiedensten Gegensatz zu der „Verjährung" bei den Römern, bei denen nach Ablauf einer gewissen Zeit der faktische Besitzer eines Gutes von dem legitimen Eigentünier nicht mehr zur Rückgabe gezwungen werden kann, wenn letzterer nicht zu beweisen vermag, während jener Zeit eine solche Restitutiou in gehöriger Form begehrt zu haben. Diese letzte Bedrängnis ließ der Chikane offenes Feld, zumal in einem Staate, wo Despotismus und Jurisprudenz blühten und dem ungerechten Besitzer alle Mittel der Abschreckung, besonders dem Arme» gegenüber, der die Streikposten nicht erschwingen kann, zu Gebote stehen. . . . Moses wollte nicht das Eigentum abschaffen, er wollte vielmehr, daß jeder dessen besäße, damit niemand durch Armut ein Knecht mit knechtischer Gesinnung sei. Freiheit war immer des großen Emanzipators letzter Gedanke, und dies atmet und flammt in allen seinen Gesetzen, die den Pauperismus betreffen. Die Sklaverei selbst haßte er über alle Maßen, schier ingrimmig; aber auch diese Unmenschlichkeit konnte er nicht ganz vernichten, sie wurzelte noch zu sehr im Leben jener Urzeit, und er mußte sich darauf beschränken, das Schicksal der Sklaven gesetzlich zu mlldern, den Loskauf zu erleichtern und lie Dienstzeit zu beschränken. Wollte aber ein Sklave, den das Gesetz endlich befreite, durchaus nicht das Hans des Herrn verlassen, so befahl Moses, daß der unverbesserliche, servile Lump mit dem Ohr an den Türpfosten des herrschaftlichen Hauses angenagelt würde, und nach dieser schimpflichen Ausstellung war er verdammt, auf Lebenszeit zu dienen." So lange Heine dachte, Hut er über die Sittlichkeit uachgedacht. Er wünschte, daß wir ein anderes Wort zur Bezeichnung dessen besäßen, was wir jetzt Sittlichkeit nennen. „Wir könnten sonst", sagt er in der Denkschrift über Ludwig Börne, „verleitet werden, die Sittlichkeit als ein Produkt der Sitte zu betrachten. Die romanischen Völker sind in demfetten Falle, indem ihr moral« von morv8 abgeleitet worden. Aber wahre Sittlichkeit ist . . . von den Sitten eines Volkes unabhängig. Letztere sind Erzeugnisse des Klimas, der Geschichte. Es gibt daher eine indische, eine chinesische, eine christliche Sitte, aber es gibt nur eine einzige,nämlich eine menschliche Sittlichkeit. Sehen wir indes genauer zu, so ist alle Sitte im allgemeinen Sinne wirklich sittlich, weil sie ein organisches Entwicklungsprodukt darstellt, welches eine soziale Vereinigung der Menschen voraussetzt. Sie ist etwas von der Willkür des Einzelnen Unabhängiges, etwas Festes, Gewohntes, Geregeltes, eine Norm und Form des Handelns; sie schlingt ein geistiges Baud um die Menschen, sie schließt die einzelnen zu einer Gesamtheit zusammen, sie gründet das Allgemeine und Objektive im Menschen und darum bildet sie den eigentlichen Anfang und Uebergang aus dem noch nicht Sittlichen zum Sittlichen, da in ihr die formale Seite des Ethischen gegeben, ist. Das isolierte Individuum der über den sogenannten Naturzustand spekulierenden Philosophen ist ledigliche ein totes, nirgends in der Wirklichkeit anzutreffendes Abstraktum. Die letzten Gründe und Faktoren der Sitte sind die unmittelbaren, natürlichen, das heißt durch eine bestimmte Organisationsstufe bedingten Beziehungen der Glu der irgend eines sozialen Verbandes zu einander, welche ihrerseits wieder mit der psychischen Eigenart dieser Stammesgenossen Zusammenhängen. Deshalb ist auch alle Sitte nur von diesem sozialethischen Standpunkte aus zu verstehen und sittlich, respektive unsittlich die Übereinstimmung, respekiive der Widerspruch des Einzelnen mit dem Typus der jeweiligen Organisation. Die Sitte ist daher, gleich den anderen objektiven Erscheinungen des psychischen Lebens, nicht nur ein Regulator unseres sittlichen Handelns, sondern auch «ine unmittelbare Vorstufe zu der Erfüllung der letzter und höchsten Ideale: der Verwirklichung der sittlichen Ideen, welche erst der geistigen Gemeinschaft der Menschen den rechten Halt und Zusammenhang geben. Heine hat aber auch außeracht gelassen, daß die Sitte in einem sittlichen Gefühle wurzelt. Dem Menschen kommt von Haus aus und ursprünglich, nach der Natur seiner psychischen Beschaffenheit, die Fähigkeit und Notwendigkeit zu, jede eigene oder fremde menschliche'Handlung, begleitet von einem bestimmten Gefühle der Zustimmung oder Abneigung, wahrzunehmen. Diese Gefühle nun werden zu Antrieben von Handlungen. Die Natur der Gefühle bringt es mit sich, daß sie entweder unmittelbar in Bewegungen übergehen oder Begehrungen Hervorrufen, welche Ursachen von Handlungen werden. Die ursprünglichen und unmittelbar! n Zustände der Seele bei der Wahrnehmung gegebener Verhältnisse reflektieren also in gewissen Tätigkeiten und gewinnen darin einen bestimmten objektiven Ausdruck. Im Anfang ist die Tat. Das sittliche Bewußtsein ist nur praktisches Bewußtsein; man weiß um den Grund und das Gesetz desselben ebensowenig, als man vom Ursprünge der Sprache und von den logischen oder psychologischen Gesetzen des Denkens weiß, obwohl man spricht und denkt. Das sittliche Gefühl ist der letzte, unbewußte Grund der Tat, aus der Tat aber folgt Bewußtsein. Sie ist das Mittel für spätere Zeiten, die sittlichen Gründe in seinem eigenen Innern zu erkennen, die Gefühle zu apperzipieren. So wird also das Sittliche durch die Sitte geschaffen, das heißt zu einem Inhalt und zum Bewußtsein gebracht oder wenigstens fixiert. Zwar ist das sittliche Gefühl das Ursprüngliche, das Treibeide, welches die Sitte erzeugt; aber nur durch die Handlung, die cs nach psychologischen Gesetzen hervorruft, wird das Gefühl erst erkannt, festgehalten. Die Tat ist das Mittel zur Gestaltung, und darum auch zur Apperzeption dessen, was der sittliche Trieb und Keim im Menschen ist. Der psychologische Prozeß ist in den unzähligen verschiedenen Sitten der gleiche, er durchläuft aber nicht überall gleich viele Stadien der Entwicklung, indem die tatsächlichen Vorgänge und die aus ihnen stammenden Gebilde verschieden find; diese sind darin zuweilen so niedrig, daß die Rückwirkung auf die inneren Vorgänge und der Fortschritt ausbleibt. Nach alledem ist Heine als Denker nur euw grano salis zu nehmen." Lebhaftester Beifall lohnte den Vortragenden, der allseits beglückwünscht wird.

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