Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 20 (15.5.1908)
- Date
- 1908-05-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr 20 Dr. Vlocv s Mocvenscbrin. Sette 363 Heme als Denker. Bortrag de» Bibliothekars Dr. Bernhard Münz» gehalten im Verein zur Abwehr des Antisemitismus. (Schluß.) Der Bekannte war ein Buch, „groß und weit, wie die Welt, wurzelnd in den Abgrund der Schöpfung und hinaufragend in die blauen Geheimnisse des Himmels" — „ein altes, schlichtes Buch, bescheiden, wie die Natur, auch natürlich wie diese; e'n Buch, das werkeltäglich und anspruchslos aussieht wie die Sonne, die uns erwärmt, wie das Brot, das uns nährt; ein Buch, das so traulich, so segnend gütig uns anblickt wie eine alte Großmutter, die auch täglich in dem Buche liest, mit den lieben, bebenden Lippen und mit der Brille auf der Nase — und dieses Buch heißt auch kurzweg das Buch, die Bibel. Mit Fug nennt man diese auch die heilige Schrift; wer seinen Gott verloren hat, der kann ihn in diesem Buche wiederfinden und wer ihn nie gekannt, dem weht hier entgegen der Odem des göttlichen Wortes." Ich habe es als einen Irrtum bezeichnet, daß das Judentum den Leib als etwas Geringes, als eine armselige Hülle des heiligen Hauches, des Geistes achtet und nur auf die Pflege des Letzteren bedacht ist. Ich berufe mich hiefür darauf, daß im Vordergrund jeder Betrachtung über die Natur der Gedanke steht, daß sie die Schöpfung Gottes, „seiner Hände Werk" ist. Als solches ist sie für die Menschen ein würdiger Gegenstand der Freude. Die Propheten, das Buch Hiob und die Psalmen sind reich an herrlichen Naturschilderungen. Durch zahlreiche Naturbilder verdeutlichen sie die religiös sittlichen Begriffe und ziehen die verschiedenen Gegenstände zu den kühnsten Vergleichen für Gottes Wesen und Walten heran. Auch die Schönheit gilt dem Judentum als göttliche Schöpfung, also als gottgewollte Eigenschaft der Dinge und der Person. Von Rabbi Simon ben Gamliel wird erzählt, daß er, ergriffen von der außerordentlichen Schönheit eines heidnischen Weibes, das er auf den Stufen des Tempelberges sah, in den Ruf des Psalmisten ausbrach: „Wie groß sind Deine Werke. Ewiger, sie Alle hast Du mit Weisheit gebildet." (Abodah sarah, 20 a.) Aber auch die irdischen Genüsse gelten nicht bloß als erlaubt, sondern als integrierende Teile eines völlig gegesunden Lebens. Da Gott dem Menschen das Leben gegeben hat, so will er auch, daß er sich des Lebens freue. Sogar Kohelelh, dessen pessimistische Anschauung ätzende Lauge des Spottes über die Welt ausgießt, mahnt zum Lebensgenüsse, ehe das Greisenalter mit seinen Mühsalen und Beschwerden hereinbricht: „Freue Dich, Jüngling, in Deiner Jugend und lass' Dein Herz guter Dinge siin in Deinen Jünglingstagen und wandle, wohin es Dein Herz zieht, und nach dem, was Deine Augen schauen (11, 9). Der Psalmist besingt den Wein, der das Menschenherz erfreut. „Jedermann unter seinem Weinslocke und jeder unter seinem Feigenbäume" und „Die Kinder um den Familientisch gereiht wie die Oelbäume" — dies ist das idyllische Ideal des Propheten. Die Wertschätzung des Weines geht am deutlichsten aus der Vergleichung des Gottesreiches mit dem Weinstocke hervor, an dem die Rebe Israel reist, (Ps. 80, 9, Jes. 3, 14; Jer. 2, 21.) Das Spruchbuch preist das Glück der ehelichen Minne mit den Worten: „Erfreue Dich an dem Weibe Deiner Jugend. Die Hündin der Liebe und Gazelle der Anmut — ihre Brüste mögen Dich allezeit tränken, befasse Dich mit ihrer Liebe immerdar'" (5, 18, 19.) Selbst Koheleth predigt: „Genieße das Leben mit einem Weibe, das Du lieb hast, alle Tage Deines eitlen Lebens hindurch, die er Dir gegeben hat unter der Sonne" (8, 9). Im Deuterojesaja dient das Liebesverhältnis zwischen Brautleuten zur Versinnbildlichung des Liebesverhältnisses zwischen Jahve und der neuen Zionsgemeinde, die nach ihrem Abfalle wieder Gnade bei ihm gefunden hat: „Wie sich der Bräutigam an der Braut ergötzt, so wird sich Dein Gott an Dir ergötzen." (62, 5.) Größere Festlichkeiten, die mit einem Trinkgelage verbunden waren, wurden zur Feier freudiger Ereignisse veranstaltet, so bei der Ankunft lieber Freunde oder vornehmer Gäste, bei Hochzeitsfeierlichkeiten, bei der Entwöhnung der Kinder, bei der Vollendung eines Hauses, anläßlich der Ernte, der Schafschur und Weinlese. Zecher bekränzten schon in alten Zeiten ihr Haupt mit Blumengewinden (Jes. 28, 1) und Parfüm mannigfacher Art wogte durch die Räume, in denen die Gelage abgehalten wurden. (Ps. 23, 5.) Auch Scherz. Spiel, Tanz und Wettlaus sind der jüdischen Lebensführung nicht fremd. Nicht Unterdrückung des Sinnlichen, sondern innige Durchdringung des Seelischen und Körperlichen, eine Durchdringung, die bei aller Ueberordnung des Geistes doch auch eine volle, blühende Entfaltung des Leibes gestattet, drückt dem Judentume das Gepräge auf. Die Natur — sowohl im physikalischen Sinne, als auch im Sinne der natürlichen Triebe und Neigungen des Menschen — wird, mit den Aufgaben der Sittlichkeit verflochten, in deren Dienst gestellt und so in das Reich der Idee emporgehoben. Gesundheit und Rüstigkeit, Genußfähigkeit und Arbeitsfreudigkeit bilden die Elemente des natürlichen Organismus, in welchem die Seele der Sittlichkeit als leitende Kraft webt und waltet. Es ist und bleibt merkwürdig, daß Heine sich an der Hand der Bibel nicht zu dieser Erkenntnis emporgerungen hat. Doch hat sie ihm die Augen über Moses und die durch ihn ins Rollen gebrachte jüdische Volksseele geöffnet. Er läßt sich in den „Geständnissen" über beide in markigen, wuchtigen Worten vernehmen: „Ich hatte Moses früher nicht sonderlich geliebt, wahrscheinlich weil der hellenische Geist in mir vorwaltend war und ich dem Gesetzgeber der Juden seinen Haß gegen alle Bildlichkeit, gegen die Plastik nicht verzieh. Ich sah nicht, daß Moses, trotz seiner Befeindung der Kunst, dennoch selber ein großer Künstler war und den wahren Künftlergeist besaß. Nur war dieser Künstlergeist bei ihm, wie bei seinen egyptischen Landsleuten, auf das Kolossale und Unverwüstliche gerichtet. Aber nicht, wie diese Egypter, formierte er seine Kunstwerke aus Backstein und Granit, sondern er baute Menschenpyramiden, er meißelte Menschenobelisken, er nahm einen armen Hirtenstamm und schuf daraus ein Volk, das ebenfalls den Jahrhunderten trotzen sollte, ein großes, ewiges, heiliges Volk, ein Volk Gottes, das allen anderen Völkern als Muster, ja der ganzen Menschheit als. Prototyp dienen konnte: er schuf Israel! Mit größerem Rechte, als der römische Dichter, darf jener Künstler, der Sohn Amrams und der Hebamme Jochebed, sil) rühmen, ein Monument errichtet zu haben, das alle Bildungen aus Erz überdauern wird!" „Wie über den Werkmeister, habe.ich auch über das Werk, die Juden, nie mit hinlänglicher Ehrfurcht gesprochen, und zwar gewiß wieder meines hellenischen Naturells wegen, dem der judäische Asketismus zuwider war. Meine Vorliebe für Hellas hat seitdem abgenommen. Ich sehe jetzt, die Griechen waren nur schöne Jünglinge, die Juden aber waren immer Männer, gewaltige, unbeugsame Männer, nicht bloß ehemals, sondern bis auf den heutigen Tag, trotz achtzehn Jahrhunderten der Verfolgung und des Elends. Ich habe sie seitdem besser, würdigen gelernt, und wenn nicht jeder Geburtsstolz bei den Kämpen der Revolution und ihrer demokratischen Prinzipien ein närrischer Widerspruch wäre, so könnte der Schreiber dieser Blätter stelz darauf sein, daß seine Ahnen dem edlen Hause Israel angehörten, daß er ein Abkömmling jener Märtyrer, die der Welt einen Gott und eine Moral gegeben und auf allen Schlachtfeldern des Gedankens gekämpft und gelitten haben." Und er löscht seine hellenische Vergangenheit aus, indem er schreibt: „Gutsein . ist besser, denn Schönheit".