Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 19 (8.5.1908)
- Date
- 1908-05-08
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 358 Dr. Llocv's Mocdenscbrm. Rr. 19 Der Autor ist mit dem Helden seiner Erzählung gereist, die schwere Bürde des Lebens Hat sich auf seine Schultern gesenkt und den tatenlosen Chedertraumer geweckt. An den armen, sinnenden Dawid Segenreich ist die Wirklichkeit in ihrer ganzen Rauheit herangetreten, hat ihn brutal gepackt, ihn erbarmungslos geschüttelt und ihn fast zu Boden geworfen. Verflogen sind die seligen, wonnevollen Träumereien seiner Kindheit. Unverständige beschränkte Menschen haben seine arme Seele so lange mißhandelt, bis sie still resignierte. Doch es ist nicht die Resignation eines Hoffnungslosen, sondern die stille Verzweiflung eines Geduldigen. Denn in seinem Herzen glimmt noch unter der grauen Asche der Stumpfheit der göttliche Prometheussunke, der nicht erlöschen will in dieser furchtbaren Enge und Banalität seiner kleinbürgerlichen Existenz. Da ist in diesem trostlosen Hause die kleine Fanny. Auch so ein stilles, armes, freudenloses Geschöpf. Und Dawids zuckendes, liebessehnsüchtiges Herz hängt sich mit der ganzen Sturmseligkeit seiner jungen Jahre an sie. Der Verlassene kommt zur Verlaffenen. Und jeder flüchtige, gestohlene Kuß, jeder warme Blick aus ihren sanften Augen, birgt für ihn die große Offenbarung, die große Lust und das große Leid, ohne die ein Dawid Segenreich seinen Lebensgang nicht gehen kann. Das ist für ihn die Zeit des ersten Rausches. Inmitten einer engen, furchtbaren, kleinlichen Umgebung ertönt ihm der erste Lockruf der Lebensfreude. Ganz leise hat ihn der Flügelschlag der gewaltigen Leidenschaft gestreift, aber sein Herz bebt bereits in allen Tiefen. Er ist schon ein Dichter. Noch hat er zwar nichts Wirkliches geschaffen. Aeußerlich lebt er dahin wie die Anderen und taucht unter in der großen Maffe der Arbeitenden. Aber in seinem Herzen vollzieht sich ein wunderbares Erwachen. Durch eine harte Schule und Entbehrungen gestählt, wird er die Feuerprobe bestehen. Und schon reift es in ihm wie junger köstlicher Wein, der ausgährt. Wie alle subjektiven Romane hat das „Knabenalter" hauptsächlich Empfindungswert und ist in seiner lyrischen Art von ungemein impressionistischer Wirkung. Wenn auch einzelne Gestalten wie die beiden Taubeles und Karfunkelstein von köstlicher Charakterzeichnung find, so konzentriert sich das Jntereffe des Lesers doch nur auf die Hauptgestalt des Romanes, deflen Werdegang zu schildern des Autors vornehmlichste Absicht ist. Und da stört ein wenig die etwas zu knappe Form der Sprache, die weniger empfindungsvoll ist, wie im ersten Bande und an einigen Stellen eine gewisse, derbe, naive Realistik in der Schilderung erotischer Evolutionen, denen der junge Held unterworfen ist. Das find aber in diesem Falle Kleinigkeiten, die den gesamten subtilen und innigen Wert des Romanes nicht herabsetzen können und die Blumenthal mit der Zeit gewiß abstreifen wird. Aber in seiner echt jüdisch empfindenden und dabei allgemein sympathischen Art ist dieser Roman gewiß einer der besten jüdischen Romane. Denn das Schicksal dieses Einen, Ringenden ist. das Schicksal einer ganzen, neuen Generation, die um jeden Sonnenstrahl kämpfen muß und die in ihrem unaufhaltsamen Siegerlauf das Ende einer bigotten, armen, verblendeten Gesellschaftsklasse vorbereitet. Thekla Blech. Funk S., Dr. Die Juden in Babylonien (200 bis 500). Mit einer Karte von Babel. II. Teil. Berlin. M. Poppelauer, 1908. 160 S. Der zweite Teil des Funkischen Werkes, welcher die politischen, sozialen und geistigen Verhältnisse der Juden in Babylonien während der persischen Oberherrschoft vom Regierungsantritte Sabur II. bis Jezdegerd H. (309—500) schildert, schließt sich dem ersten würdig an. Das durch mehrjähriges, Mühevolles Studium herausgeschachtete reiche Quellenmaterial ist durch den gelehrten Verfasser zu einem in jeder Hinsicht lehrreichen und anziehenden Kulturbilde gestaltet worden, das nicht nur für die Gesamtgeschichte des Judentums von großem Werte ist, sondern auch für die Altertumswissenschaft überhaupt, speziell für die immer mehr emporblühende Affyriologie hohe Bedeutung hat. Wer von den Assyriologen heute noch mit einer gewissen Geringschätzung auf die alten jüdischen Traditionen, wie sie in den beiden Talmuden und in dem alteren Midraschschrifttum aufgespeichert sind, blickt, dem sollten durch die Funk'sche Arbeit endlich die Augen aufgehen, was alles aus ihnen für ihr Gebiet zu holen ist. und wie es wohl der Mühe lohnt, sie fleißig zu studieren. Nehmen schon die politischen und sozialen Zustände, unter denen die Juden während des gedachten Zeitraumes lebten und die bald fördernd, bald hemmend auf sie einwirkten, unser volles Interesse in Anspruch, so fesseln noch mehr die literarischen Bestrebungen, das gewaltige Gesetzesstudium und die an dasselbe sich knüpfenden Debatten und Diskussionen. Eine Reihe hervorragender Lehrautoritäten zieht an unserem Geiste vorüber. Wir tun tiefe Blicke in ihren Charakter und gewinnen ein scharfes Bild von ihrer ganzen Denk- und Lehrweise, von ihrem Kampfesmut und ihrem Disputationseifer. Der Traditionsstoff schwillt immer mehr an, bis es endlich zur Redaktion des babylonischen Talmuds kommt, in dem alle Diskussionen niedergelegt werden. Von besonderer Wichtigkeit sind alle die Ausführungen, welche uns die engen Beziehungen der Juden zu den Andersgläubigen, zum Mazdayanismus und Christentum, schildern. Groß war der Einfluß dieser Religionen, die das Judentum in seiner Existenz bedrohten und zu verschlingen strebten; verschiedene Elemente sind auch eingedrungen und haben Aufnahme gefunden, im Ganzen aber wußten die Lehrer an den Hochschulen zu Mechusa, Pum Narava, Pumbaditha, Naresch, Nahardea, Sura, Matha Mechasja u. s. w. den streng monotheistischen Charakter der jüdischen Religion aufrechtzuerhalten und nach allen Seiten hin zu rechtfertigen. Für mich ist die Lektüre der Funkschen Arbeit äußerst lehr- und genußreich gewesen und ich fühle mich dem Verfasser geradezu zum Danke verpflichtet. Es wäre Nörgelei, wenn ich kleine Versehen in der Schreib- und Ausdrucksweise hier breit auszählen wollte, gewundert habe ich mich nur, daß wichtige Vorarbeiten, wie M. I. Mühlfelder, „Rabh, ein Lebensbild" (Leipzig 1871), Dr. Feßler, „Mar Samuel" (Breslau 1879) im 1. Teil und E. Stave, „Ueber den Einfluß des Parsismus auf das Judentum" (Haarlem 1898) im 2. Teil wenig oder gar nicht vom Verfasser zitiert worden sind. Eine Landkarte von Babel nach talmudischen Quellen erhöht den Wert des Buches und erleichtert das Studium. A u g. Wünsche. Die Grundprobleme Rußlands von Prof. Marian Zdziechowski. Die Geschichte des tönernen Kolosses auf ehernen Füßen, des heiligen Rußland, mit ihren vielfachen Rätseln und Schauerlichkeiten begegnet insbesondere in den intelligenten jüdischen Kreisen lebhaftem Interesse. Dieses dürfte Befriedigung finden in dem vorliegenden Werke, darin nicht nur aus den Ereignissen heraus, Art und Wesen des Russentumes dargelegt und die moderne Lüge von der Europäisierung des Moskowiterreiches durch den großen Peter und seine Nachfolger auf dem Zarenthron überzeugend widerlegt wird, sondern auch, wo das Verhältnis zwischen Russentum und Judentum in einem glänzenden philosophischen Exkurse als eines der wichtigsten Probleme Rußlands bewiesen erscheint. Heine und Herzen werden da als Repräsentanten des Russentums und Judentums porträtiert und die Verwandtschaft der romantischen Neigungen in den Beziehungen Heines zum Sozialismus und Herzens zum Anarchismus aufgedeckt. Auch die Polemik des Autors gegen die Slawophcken und den christlichen Anarchismus Tolstois wird vielfach ansprechen. Das Werk als Ganzes ist ein bedeutsamer Beitrag zum Eindringen in die Wirrnisse der russischen Frage, die für jeden gebildeten Menschen unserer Zeit eine der wichtigsten aus dem Stück Geschichte sein muß, das wir mitleben. Ein Lesezeichen nennt sich das gefällig ausgestattete Blättchen, das Herr Religionslehrer L. W r c s n e r der israelitischen Schuljugend übergibt und das den hebräischen Leseunterricht wesentlich zu unterstützen geeignet ist. Das Verwechseln ähnlicher Buchstaben miteinander ist erfahrungsgemäß der häufigste Fehler, der den Kindern beim hebräischen Unterrichte unterläuft und dem Bemühen des Lehrers, ein korrektes Lesen zu erzielen, am hartnäckigsten trotzt. Auf der Innenseite des Lesezeichens findet das Kind nebst dem vollständigen Alphabete eine Znsammenstellung der Buchstaben nach ihrer Formähnlichkeit und ist dadurch in der Lage, sich jederzeit die unterscheidenden Merkmale, die besonders scharf ausgeprägt erscheinen, vor Augen zu führen. Die Nebeneinanderstellung der ähnlichen Buchstaben zwingt zum Beobachten der Unterschiede und bewirkt, daß das geschärfte Auge auch beim Lesen im Gebetbuche über diese nicht flüchtig hinwegeilt. Dr. M.