Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 19 (8.5.1908)
- Date
- 1908-05-08
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 19 Dr- Lloeo s Mocvenscvnn» Seite 357 Und kunstvoll, mit der höchsten Vollendung tanzt Basche- Lea diesen Zigeunertanz. Die Gäste können ihre Blicke nicht von den Füßen der Tänzerin losreißen, sie vermögen ihren Bewegungen kaum zu folgen, und mit größerem Staunen, immer höherem Entzücken zucken die Achseln der Zuschauer. „Ah, ah! Wahrhaftig, als ob der Teufel in ihren Füßen steckte!" ruft jemand aus. „Wahrhaftig der Teufel!" bekräftigen die anderen. Aber nun ist sie zu Ende. Ermüdet sinkt sie auf einen Stuhl, und von allen Seiten wird sie durch Applaus und Bravorufen belohnt. „Nun, wie gefällt euch mein Altchen? was?" ruft der Gemahl vom Ofen herab, mit liebevollen Blicken und glücklichem Lächeln seine Frau betrachtend. -- Wenn die Dunkelheit hereinbricht, hören sie mit dem Tanzen auf. Es wird plötzlich still. Die Gäste nehmen alle ihre Plätze ein. Man bereitet sich anscheinend auf etwas vor. . . . Basche-Lea wird singen. Alle Augen -sind auf sie gerichtet; Bitten werden laut: Der verlangt nach diesem, jener nach einem anderen Liede. Und Basche-Leas Augen funkeln, ihr Antlitz glüht, doch ist ihr Blick jetzt ernst, gedankenvoll, ja wehmütigmelancholisch. Sie steht mit einem fast trübseligen Lächeln in der Mitte des Zimmers und schaut auf die Gäste, — aber sie denkt nicht an sie — sie sieht sie nur wie durch einen Nebel. „Nun aber still, ihr losen Dinger!" spricht sie endlich, und aus ihren halb geöffneten Lippen löst sich der erwartete Ton — das Konzert beginnt. Sie singt gewöhnlich traurige Lieder. „Ein lustiges Lied will mir nicht aus der Kehle", pflegt sie zu sagen. Ihr Gesicht wird immer düsterer, ernster und schwermütiger, das Lächeln schwindet von ihren Lippen. Die Wangen find flammengerötet, und die Augen glänzen so mild, so sanft. . . . Sie vergißt alles um sich, wie traumverloren geht fie von einem Ort zum anderen. Und ihre Stimme wird immer lauter und Heller, und immer rasender wogt ihre Brust auf und nieder. Und es ist ihr so schwer ums Herz, und es drängt fie, immer lauter, immer kräftiger zu singen, und fie glaubt, es werde etwas eintreten bei ihrem Gesang, fie werde sich dann so wohl, so glücklich fühlen. Und ihre Lieder, sie erzählen von unglücklicher Liebe, von des Weibes Lohn und dem Elend des Lebens. Sie selbst aber denkt an ihr freudloses Dasein, das reich an Entbehrungen ist, an Kummer und Sorgen. Erinnerungen werden wach und ziehen an ihrem geistigen Auge vorüber: eine bunte Reihe mannigfaltiger Bilder, an Düsterkeit und Trübsal einander überbietend. Einzelne dieser Bilder sind von so packender Schaurigkeit, daß Basche-Lea am ganzen Körper erbebt und ihre Stimme zu zittern beginnt. Aber sie rafft sich zusammen, sie singt wieder laut und immer lauter, um die Schauer und Schrecken aus ihrer Seele zu bannen. Ob ihr das gelingt? — Hier entsteht vor ihr das Bild eines Kindes! Und daneben drängt sich ein zweites Bild hervor: das zeigt ein hungriges, schmutziges, vernachlässigtes Kind. Und find doch beide Bilder mit einander identisch. Zeigen doch beide die kleine Basche-Lea! . . . Dort ein Kind, wie die Natur es geschaffen hat — und hier das arme Opfer der Not und des Elends! — Und was singt nun Basche-Lea? Die Töne find leise, schmelzend, bebend; fie erzählen von den Vorgängen, die sich in der Seele der Sängerin abspielen. Und wiederum sind es andere Bilder, die vor Basche-Lea austauchen. Sie sieht sich als Köchin im Hause eines reichen Mannes, vor dessen Zudringlichkeit sie sich nicht zu bergen weiß. Aber schnell möchte ihre Phantasie über diese peinliche Erinnerung hinweghuschen — und die Gäste gewahren am Gesang ein steigendes Tempo. . . . Und wie nun Basche-Lea weiter daran denkt, wie froh und unverzagt, wie frisch und lebendig fie einst gewesen, — da wird sie von Wehmut und Aerger zugleich ergriffen, fie weiß nicht warum, — und ihre Stimme wird immer leiser, immer leiser, als ob sich die Sängerin schämte. — Und einmal, da hatte Basche-Lea in großer Gefahr geschwebt: ihr drohte Gewalt! Und wiederum beginnt die Stimme zu zittern und zu schmelzen; die Sängerin weint wohl! . . . Und rasch durchlebt Basche-Lea nun in Gedanken ihr ganzes ferneres Leben. Da ist die Liebe, die sich, ihr selbst unbewußt, in die Seele schleicht. Dann die glücklichen Stunden, die fie mit ihrem Freunde auf dem Hausflur verbringt, wenn sich alle im Hause zur Ruhe begeben haben, und dann der Hochzeitsabend, an dem sie sich so überaus glücklich fühlte, daß sie sogar ein munteres Lied anstimmte. Und endlich die schweren Jahre des Ehestandes, die bittere Not, das Leben „von der Hand in den Mund". Die nunmehr völlig hereingebrochene Dunkelheit stimmt die Sängerin immer trauriger und trüber. ... Und alle ringsum find wie verzaubert, wie zu Stein erstarrt. Man wagt sich nicht zu regen, man wagt kaum zu atmen. Das siebenjährige Töchterchen lehnt sich an die Kniee irgend eines Mädchens, stützt mit beiden Händen ihren kleinen Kopf und läßt keinen Blick von der Mutter. Ihr kleines Gefichtchen ist gerötet, ihre Augen glühen, und das kleine Herz schlägt ungestüm in der kleinen Brust. Im Sommer, bei geöffnetem Fenster, erklingt Basche-Leas Stimme weithin durch die arme Gasse. An den Türen und Toren der baufälligen Häuschen fitzen die armen Einwohnerinnen des Gäßchens, die Köpfe auf die Hände gestützt; leise stimmen sie mit ein in den Gesang Basche- Leas, und fie haben weder die Lust noch die Kraft, sich von ihrem Platz zu erheben, sich von Basche-Leas bezaubernden Gesang loszureißen, der auch in ihnen schmerzliche Erinnerungen wachruft. Aber gegenüber, in der finsteren Betstube der Schneider, verrichtet man gerade das Abendgebet. In der Stube ist es noch dunkel, und die Gemeinde betet unter dem Einflüsse der melancholisch stimmenden Dämmerung, andächtig und innig. Doch da mit einemmal tönt der Gesang Basche-Leas herüber — und die Andacht ist gestört. Die Gedanken der Betenden verwirren sich, ihre düsteren Züge klären sich auf, das eifrige Hin- und Herbewegen des Körpers läßt nach, und die Lippen öffnen und schließen sich immer langsamer. Nur der fromme Rabbi bleibt standhaft; er reibt sich die Stirn, um die bösen Gedanken zu verscheuchen. Er ruft laut: „Na was ist denn das!" Die Worte wirken ernüchternd auf die ganze Gemeinde. Man rafft sich zusammen, man beginnt wieder inbrünstig zu beten, den Körper hin- und herbewegend. Aber das Herz, das bleibt wie zusammengeschnürt. Noch ein hoher, langgedehnter Ton erklingt, und dann wird's still. Basche-Lea hat ihren Gesang beendet. — Die Gäste atmen tief aus. Es entsteht ein Geräusch, — Stimmen werden laut, — man lobt die Sängerin: — „Ei, das war gesungen!" — „Ist das eine Stimme!" — „Ja, das nenn ich ein Weib!" — Nur das kleine Töchterchen läuft zur Mutter hin. umschlingt ihren Hals und schmiegt sich an fie so derb, so fest . . . „Mutter, ich liebe dich so sehr", ruft fie mit dem ganzen Feuer kindlicher Zärtlichkeit. Und der Mann kriecht von Ofen herunter und fragt mit tränenbebender Stimme: „Nun, was sagt ihr zu meinem Altchen? was?" Basche-Lea lächelt von neuem. KtrraUrr. Knabenalter, (Der Weg der Jugend. II. Roman von Hermann Blumenthal, Marquardt u. Co. Verlagsanstalt G. m. b. H. Berlin W 50.) Vor einem Jahre hatte ich Gelegenheit, den ersten Band dieses großangelegten Romanes kurz zu würdigen. Nun liegt vor uns der zweite Band und er steht dem ersten an Innerlichkeit und Ernst des Schaffens in keiner Weise nach.