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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-05-08 · 19 (8.5.1908) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
19 (8.5.1908)
Date
1908-05-08
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 856 Dr. Blocks Mocdenscbrttt. Nr. 19 Feuilleton. Kasche-Kea. Skizze nach dem Jüdisch-Deutschen des D. P i n s k y. Wer kann so wie Basche-Lea die Waren ausrufen, die sie im Korb liegen hat? Wenn Basche-Lea mit ihrer klangvollen, Hellen Stimme beginnt: „Frische Eier, Zwiebeln — wie Marmelade, Petersilie, zuckersüße Aepsel, saftige Birnen Hab ich" usw. — dann hört man's in der zehnten Gasse. So behaupten es wenigstens alle Marktweiber. Allein, Basche-Lea schreit nicht so einfach in den Tag hinein, bloß um zu schreien. Nein. Ihr Ausrufen gleicht eher dem kunstvollen Singen des Chasan in der Schul. Es klingt so melodisch. Es ist so tonreich und variabel. „Es ist wie gedrechselt", meinen die Marktweiber. Und den Dienstmädchen wird dabei so wohl zu Mute, daß sie darüber fast ihre Bestellungen vergessen: sie wahnen sich wieder in Basche-Leas Stube und durchtanzen in Gedanken noch einmal die Quadrille des letzten Schabbes. „Eine feine Ware!" winken die Weiber mit den Köpfen auf Basche-Lea, sobald diese ihren „Gesang" beendet. „Ja, ja, ein sauberes Ding!" Basche-Lea genießt die Liebe aller ihrer Kolleginnen. Ja, diese tun sich sogar etwas zugute auf die „gesanglichen Leistungen" Basche-Leas. Ganz besonders seit dem Tage, wo der alte Pan Grinliewitsch, der schon einige Jahre infolge einer Lähmung der Beine zu Bett liegen muß, über die Stimme Basche-Leas derart in Entzücken geriet, daß er sich mit Aufgebot aller seiner Kräfte im Bett aufrichtete und mit lauter Stimme zum Fenster hinausrief: „Horch, was die Jüdin für 'ne schöne Stimme hat!" Auch gelächelt hatte er dabei. Er gedachte Wohl der Zeiten, wo er, noch ein schneidiger Kavalier, zu den feurigsten Anbetern aller stimmbegabten Damen zählte, ob diese nun als Sterne erster Größe in der Oper glänzten, oder bloß als kleine Sternchen in irgend einem Caf6-Chantan. ... Basche-Lea ist eine junge Frau von etwa 32 Jahren, mittelgroß. Sie trägt eine Perrücke, wie es das rabbinische Judentum vorschreibt; indeß würde ein Uneingeweihter diese für eigenes Haar halten: so schön sitzt sie ihr. Ihr Kleid ist alt und geflickt, aber tadellos sauber, und sitzt wie angegossen. Einst war Basche-Lea sehr hübsch. Brünett, mit üppigem Haar und schwellender Brust! — Und heute? — Das Gesicht gelb und runzlig. An Stelle der früheren Anmutsgrübchen aus den Wangen — dicke Falten, die Zeichen vorzeitigen Hinwelkens. Nur die Augen haben noch ihr Feuer bewahrt, und ihre Lippen umspielt noch ein liebliches, frohes Lächeln. Und wenn sie mal schelmisch mit den Augen blinzelt, erhält ihr Antlitz ein so prächtiges Aussehen, daß ihre Freundinnen sich in jene Zeit zurückversetzt glauben, da Basche-Lea noch ein junges mutwilliges Mädchen war. „Ja, das war ein feuriges Ding!" sprechen dann ihre Freundinnen; „ein Blitzmädel!" „Und was ist sie heute?" fragt mit einem vielsagenden Lächeln eine Händlerin. „Basche-Leike!" antwortet eine zweite in einem Ton, als liege in diesem Deminutivum die völlige Erklärung dessen, was Basche-Lea jetzt sei. Basche-Lea hat viele Artikel zu verkaufen, gleichsam um viel „fingen" zu können. Man sieht sie stets mit einem Korb voll Eiern auf dem rechten Arm und einem mit Aepfeln auf dem linken, in Begleitung ihrer drei Kinder. Das älteste, ein Mädchen von zehn Jahren, trägt einen Korb mit Pflaumen und einen mit Petersilie, Mohrrüben und Rettig. Ihr folgt ihre fiebenjährige Schwester, einen Korb voll Kohl mit beiden Händchen vor fich hinhaltend. Und geschloffen wird der Zug durch einen kleinen fünfjährigen Jungen, der um den Hals einen Kranz trägt von Zwiebeln — wie Marmelade. Für Basche-Lea ist alles gangbare Ware. Kaum erscheint irgend ein neuer Handelsgegenstand auf dem Markt, so hört man ihn schon in Basche-Leas „Gesang" als neue Einlage. Und immer paßt die Melodie zum Text; immer klingen die Töne „wie gedrechselt", sagen die Marktweiber. Von dem Eifer und der Unternehmungslust Basche-Leas erzählt man sich Wunderdinge. Noch nie hat man sie untätig sitzen sehen; sie ist immer aus den Beinen, immer auf der Suche nach irgend einem Verdienst; nach allen Seiten sendet sie ihre Blicke. „Das ist Feuer und Flamme!" spricht von ihr der ganze Markt. * * * Ganz anders verbringt sie jedoch den Sabbat und die Feiertage. Gleich nach dem Mittagessen räumt sie das Zimmer auf, wäscht ihre Kinder und kleidet sie an; darauf kleidet sie sich selbst um und wartet auf Besuch. Dieser besteht aus ihren Kundinnen, den Dienstmädchen aus nahen und fernen Straßen. Gewöhnlich erscheinen auch einige „Kavaliere" — und nun geht das Tanzen los. Freilich ist es in dem kleinen und niedrigen Stübchen ein wenig eng, aber wer wird darauf achten! Man setzt sich auf die Bettstellen, auf den Tisch, aufs Fensterbrett, — nur um die Mitte des Zimmers frei zu lassen. Dirigiert werden die Tänze von Basche-Lea selbst, die auch unter leiser Begleitung aller Tanzenden die passenden Melodien singt. Sie ist immer ein „Herr" und führt die Damen wie ein echter „Kavalier". Ihre Bewegungen und Wendungen sind so kühn, so lebendig, „daß man sich vor Verwunderung auf den Kopf stellen möchte". So lautet das allgemeine Urteil. Ihr Mann, der, wie er behauptet, vom Tanzen nichts hält, streckt sich auf dem Ofen aus, hält seinen kleinen Sohn neben sich und wendet, den Kopf auf die Hand gestützt, keinen Blick von seiner „Alten". Er ist selig; sein Herz hüpft nur so vor Entzücken. Und Basche-Lea wird immer lustiger, lebhafter, leidenschaftlicher. Sie kann keinen Augenblick ruhig sitzen. Sie hüpft, sie fuchtelt mit den Händen. Sie blinzelt mit ihren glänzenden Augen. Sie ringt und streitet mit jedem. — Da wird plötzlich von einer Seite der Wunsch geäußert, Basche-Lea möge den „Zigeuner" tanzen. Dies Wort wirkt elektrisierend auf alle Anwesenden. Und mit stürmischen Bitten drängen alle auf sie ein, den „Zigeuner" zu beginnen. Und Basche-Lea läßt sich nicht lange bitten. Ja, häufig kommt es nicht mal zu einer Bitte. Schon die spontane Erinnerung an den „Zigeuner" genügt manchmal, um Basche-Lea in eine fieberhafte Erregung zu versetzen, deren sie nicht eher Herr werden kann, als bis sie ihrem unbändigen, stürmischen Drange genüge getan hat. . . . „St! Platz da!" ruft sie. Die Gäste schieben sich zur Seite, um der Tänzerin mehr Raum zu lassen, und diese stellt sich in einer Ecke des Zimmers hin, mit der einen Hand ihren Rock ein wenig hochhebend, mit der anderen ein Tuch über dem Kopf haltend. Noch eine kühn-zuckende Achselbewegung, ein leichtes Schwenken des Tuches — und nun beginnt sie, die Melodie vor sich hinfingend, den Tanz der Zigeuner. ... Wild-verwegen ist der Zigeunersang. In ihm hört man das ganze unruhige, abenteuerliche Zigeunerleben. Bald erbraust er stoßartig-stürmisch, gleich dem Wind, der durch die freie, weite Steppe dahinsaust, die zeitweilige Heimat des unstäten Zigeuners, bald flüstert er wie das wahrsagende.Zigeunerweib, das aus den Karten die Zukunft verkündet, dann wird er stärker und stärker und brüllt wie der Bär, der an der Kette des Zigeuners tanzt, jetzt aber fällt der Ton und klingt so geheimnisvoll leise, gleich der vorsichtigen Beratung der Zigeuner vor einem Pferdediebstahl, und nun schwillt er wiederum an und dröhnt und stampft, als ob taufend Menschen den Dieb verfolgten, der mit der Schnelligkeit eines Pfeils auf dem gestohlenen Pferde über die Steppe dahinfliegt. Aber wilder noch und zügelloser ist der Zigeuner Tanz. Er gleicht dem Wirbelwind, der über die weite, endlose Steppe dahineilt, unaufhaltsam, ganze Sandhügel vor sich hertreibend.

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