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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-05-08 · 19 (8.5.1908) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
19 (8.5.1908)
Date
1908-05-08
Page
– (sequence 8)
Language
German
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«ekc 352 Dr. Lwcv s MocöekLSLörLN- Rr. IS W. Bär will eine Karenzzeit bis zu zehn Jahren ein-A führen. Dr. K a s e w i tz - Freiburg führt aus, es handle sichr! weniger um eine praktische als um eine prinzipielle Frage.A Mit Annahme der oberratlichen Verordnung sanktioniere man" die Politik der Feindseligkeit. Marx- Bruchsal vertritt den oberratlichen Standpunkt. Dr. Simon-Heidelberg will keinen Unterschied zwischen Ausländern und Einheimischen machen. Geh. Hosrat Dr. Rosin möchte warnen, dieser Frage eine allzu große prinzipielle Bedeutung beizumessen. Die tatsächlichen Verhältnisse liegen so, daß ein Unterschied zwischen ausländischen und deutschen Juden bestehe. Die aus dem Osten uns zuwandernden Elemente seien doch in vielfacher Beziehung, besonders in kultureller Beziehung anders geartet, als die deutschen Juden. Unsere jüdischen Gemeinden würden von deutscher Kultur und deutscher Gesetzgebung beherrscht und deshalb könne nur der Gesichtspunkt maßgebend sein: wie wird am zweckmäßigsten die Willensbestimmung bei der Bildung einer jüdischen Gemeinde hergestellt? Nach einer kurzen Pause erklärt Dr. Kasewitz- Freiburg, daß er und seine Anhänger an ihrer prinzipiellen Austastung festhalten, dem Kommiffionsantrag aber zustimmen, um das Zustandekommen der Verordnung zu ermöglichen. Es wird sodann der Kommissionsantrag angenommen. Die übrigen Bestimmungen werden ohne erhebliche Aenderungen nach der oberratlichen Vorlage angenommen. Neu ist die folgende Bestimmung: „Von der Wählbarkeit sind u. a. auch ausgeschlossen diejenigen, mit deren Zustimmung ihnen gehörige Kinder unter 16 Jahren aus der israelitischen Religionsgemeinschaft des Großherzogtums ausgeschieden sind." In der Schlußsitzung, nachmittags 3 Uhr beginnend, berichtet der Präsident über die Audienz beim Großherzog, der die Versicherung gab, daß er — wie in der Thronrede ausgesprochen — im Geiste seines Vaters regiere und an dem Wohle der Israeliten und ihrer Religionsgemeinscha t herzlichsten Anteil nehme. Die neue Gemeindeverfassung wird nach kurzer Debatte einstimmig angenommen. Dr. K a s e w i tz, Doktor Piukuß, Carlebach und Bauern erden als S y n o dala u s s ch n ß gewählt. Geheimer Oberregierungsrat Doktor Mayer, der Vorsitzende des Oberrats, schließt mit einem ausführlichen Ueberblick über die geleistete Arbeit die Tagung. Berlin. Der Hilfsverein der Deutschen Juden erhält folgendes Telegramm: Die städtischen Behörden in Kiew haben ein städtisches Gebäude für die Opfer der Ueberschwemmung zur Verfügung gestellt. Den Juden, die durch die Ueberschwemmung gelitten haben, wird die Aufnahme in dieses Gebäude verweigert mit der Motivierung, das Gebäude läge in einem Stadtteil, in dem die Juden kein Wohnrecht haben. Alexandrien. Mitte April fand in Alexandrien unter solennen Festlichkeiten die Eröffnung einer neuen jüdischen Schule statt. Das Schulgebäude ist ein Monumentalbau mit 45 Schulräumen, in welchem nahezu 1200 Kinder vollständig freien Unterricht genießen sollen. Die jüdische Gemeinde von Alexandrien und ihre neue Schule stehen unter dem Schutze der österreichischen Regierung. Das Gebäude und viele Privathäuser waren aus Anlaß der Eröffnungsfeier mit egyptischen, österreichischen und ungarischen Fahnen und Emblemen geschmükt. Unter den zahlreich erschienenen Festgästen sah man den Oberrabbiner von Alexandrien mit den gesamten Mitgliedern des Rabbinats, den Gouverneur Mustafa Pascha, Prinzen Assiz Hassan, Bruder des Khedive, Polizeidirektor Hopkin von Bey, den gesamten Gemeinderat, den österreichisch-ungarischen Botschafter Grafen Koziebrodsky, der aus diesem Anlässe aus Cairo gekommen war, die Konsule für Oesterreich, England, Frankreich, Griechenland und Dänemark, den Vizekonsul aus Italien. Baron Jacques de Manaste machte die Honneurs. Außerdem erschienen die Geistlichen aller christlichen und koptischen Konfessionen. Die Eröffnungsrede hielt der österreichische Konsul, der der jüdischen Gemeinde für das großartige Kulturwerk den Dank und die Anerkennung der österreichisch-ungarischen gemeinsamen Regierung ausdrückte. Hierauf sprach der Präsident des jüdischen Schulkomitees Edgar ^Suarös, dessen Bemühungen das Zustandekommen der Schule zu Mauken ist. In einer glänzenden Rede wies er nach, daß das siwahre Judentum stets ein wichtiger moralischer und kultureller Faktor in der Geschichte der Menschheit sei. „Dieselbe Religion und derselbe Glaube", schloß der Festredner, „die unsere Vorväter die Talmud-Thora schaffen hießen, hat diese neue Schule, in welcher dem Thorastudium ein Ehrenplatz eingeräumt werden soll, zustande gebracht." Nun traten die Schüler selbst auf den Plan. Die Deklamation einer kleinen Volksschülerin hatte alle Anwesenden so ergriffen, daß der österreichische Konsul ihr an Ort und Stelle den Lävy-Preis von 200 Francs zuerkannte. Dann hielten mehrere Schulknaben Reden und Vorträge in arabischer, französischer, hebräischer und englischer Sprache. Nach einem Segensspruch des'Oberrabbiners von Alexandrien auf den Kaiser- König Franz Joseph I. und den Khedive schloß der österreichischungarische Botschafter die erhebende Feier mit einer großen Lobrede auf die Kulturbestrebungen der Juden. Hierauf wurde unter Leitung der Direktrice Madame Lövy der Rundgang im Gebäude vorgenommen. Nikolaus der Gütige. Der russische Ministerpräsident Stolypin erließ dieser Tage ein Zirkular, darin er Maßregeln zur Verhütung von Pogroms empfiehlt, um die Beruhigung des Landes und die Herstellung geordneter Zustände herbeizuführen. Unter einem begnadigt aber der Zar sämtliche Pogromhelden. Keiner der Mörder ist bisnun hingerichtet worden. Fürchterlich war das Gemetzel in Bialystok, insbesondere auf dem Bahnhof, wo der Stationsvorstand selbst und einige Stationsbedienstete an den Morden teilnahmen. Die erste Gerichtsuntersuchung ergab solche Argumente, daß das Gericht nach den ersten Sitzungen sich genötigt sah, die Verhandlung zu vertagen, um die ganze Sache einer neuen Uutersuchung zu unterwerfen. Das zweite Gericht verurteilte die Schuldigen zur Zwangsarbeit und zum Verlust der bürgerlichen Rechte. Nun sind alle diese Helden begnadigt worden. Nur einen sind acht Jahre Zwangsarbeit in ein Jahr Gefängnis umgewandelt worden. Dieser hat folgendes getan: Als einige verwundete Juden auf dem Platze vor dem Bahnhof liegen blieben, eilte er herbei und zerschmetterte ihnen mit dem Fuße und einem Stein den Schädel. Nach dieser Heldentat trat er ruhig zur Seite und reinigte seine blutbedeckten Stiefel im Grase. Die Nachricht von dieser Begnadigung wird von den Organen des Verbandes des russischen Volkes unter der fettgedruckten Ueberschrift: „Kaiserliche Begnadigung" verbreitet. — Zar Nikolaus liebt den Frieden, wie man sieht, und unterschreibt nur ungern ein Todesurteil; er ist gütig. Es wird Herrn Stolypin demnach recht schwer werden, die Pogromisten abzuschrecken, so lange der gütige Nikolaus regiert. Das New Aorker „Morgen-Journal'' vom Montag den 6. April bringt unter der Ueberschrift: „Ist Prohibition für Staat und Bevölkerung gut, oder sind liberale Gesetze vorzuziehen" folgenden Brief: „Geehrte Herren! Sie stellen mir die Frage, ob ich Prohibition für gut für den Staat halte. Meiner Meinung nach müssen alle Gesetze ernstlich durchgeführt werden. Aber bezüglich der Sonntagsgesetzgebung huldige ich liberalen Ansichten. Denn wenn man Menschen zwingt, einen Tag in bestimmter Weise zu begehen, so schafft man statt der Sonntagsruhe Sonntagsunruhe. Die „Sabbathweiher" werden zu „Sabbathsrevlern". Vom religiösen Standpunkt aus ist der Sabbath eine Einrichtung, zum Besten der Menschheit gedacht. Um die Menschenfamilie zu lehren, wann man ruhen soll, dazu ist der Sabbath geschaffen worden. Daß der Tag die Zeit der Arbeit und die Nacht die Zeit der Ruhe ist, das lehrt uns Tier- und Pflanzenwelt. Die Sonne geht auf und ruft alles zur Tätigkeit. Der Adler steigt hoch in die Lust, um die Strahlen des Lichtes zu empfangen. Die Blätter am Baum, die Knospe am Strauch entfalten sich dem Licht und schließen sich beim Dunkelwerden. Es ist die Natur, die uns lehrt, daß der Tag da ist zur Arbeit, die Nacht zur Ruhe.

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