Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 19 (8.5.1908)
- Date
- 1908-05-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 19 Vr. LToch s Wochrnschrift. Sette 347 manche Stelle seiner Schriften wirkte in aller Einfalt seines eckigen Ausdruckes berauschend wie ein Heldengesang auf die Gemüter, die vom idealen Zug der Zeit ergriffen waren. „Es gibt noch einen Lehrer im Ideal", sagte Kant gegen Schluß der Vernunftkritik, und diesen allein müßten wir den Philosophen nennen. Er selbst ist trotz aller Fehler seiner Deduktionen ein solcher „Lehrer im Ideal" geworden. Die bleibenden Errungenschaften der Kantischen Philosophie liegen in der Kritik der reinen Vernunft, und auch hier nur in wenigen fundamentalen Sätzen; allein eine Philosophie ist nicht nur bedeutend durch diejenigen Bestandteile, welche die Prüfung des Verstandes aushalten und den gesicherten Schätzen menschlicher Erkenntnis zugezählt werden.Schöpfungen einer gewagten und gleichsam unbewußt dichterischen Kombination, welche eine strenge Kritik wieder zerstören muß, können durch ihren Geist und Gehalt eine tiefere und großartigere Wirkung ausüben, als die lichtvollsten Lehrsätze und die menschliche Kultur kann so wenig die treibende Glut dieser in ihrer Form vergänglichen Offenbarungen entbehren, als den erhellenden Lichtstrahl der Kritik. Philosophisch unvermittelt dagegen vollzieht sich bei Heine die Heimkehr zu dem persönlichen Gotte. Daß ihm das System Hegels keine Befriedigung zu gewähren vermag, ist doch wohl kein zureichender Grund, über die Philosophie überhaupt den Stab zu brechen und über den vorhin verhimmelten Spinoza zur Tagesordnung überzugehen, dessen Lehre ihm aus der Seele gesprochen war; wie aus einem seiner — nebenbei bemerkt, die Philosophie höchst stiefmütterlich behandelnden — Gedankensplitter über „Religion und Philosophie" erhellt, der nichts weniger als gedankentief lautet: „Der Gedanke der Persönlichkeit Gottes als Geist ist ebenso absurd, wie der rohe Anthropomorphismus, denn die geistigen Attribute bedeuten nichts und sind lächerlich ohne die körperlichen." Freilich erscheint ihm Spinoza im Nachworte zum „Romancero" in einem neuen, ganz veränderten Lichte. Er macht plötzlich die Entdeckung: „Der Gott der Pantheisten, dies arme träumerische Wesen, ist nnt der Welt verwebt und verwachsen, gleichsam in ihr eingekerkert und gähnt dich an, willenlos und ohnmächtig. Um einen Willen zu haben, muß man eine Person sein, und um ihn zu manifestieren, muß man die Ellbogen frei haben." Heine übersieht dabei, daß die Willensfreiheit beileibe nicht im Sinne der Willkür, etwa der Verrichtung von Wundern zu fassen ist, daß der Wille die Macht Gottes keineswegs von der notwendigen Ordnung der Dinge entbindet. Spinoza erwiderte seinen Gegnern, welche den Standpunkt einnahmen, die Vollkommenheit Gottes erfordere, daß ihm gegenüber die Dinge gar keine Notwendigkeit haben, treffend, daß Gott unvollkommen, unbeständig und wandelbar wäre, wenn sein Beschluß erst mit und in der Zeit zustande kommen würde. Also ist der göttliche Beschluß ewig, in der Ewigkeit aber gibt es keine Unterschiede der Zeit; es ist daher unmöglich, daß der göttliche Beschluß sich jemals ändert oder jemals aufhört zu sein. Dies würde seiner Ewigkeit widerstreiten, demnach ist der göttliche Beschluß unabänderlich. Ebenso unabänderlich ist, was vermöge dieses Beschlusses geschieht. Ein anderer Beschluß ist ein anderer Wille also ein anderes Wesen Gottes; ein Gott, der ebensogut dieses als jenes beschließen, ebensogut diese als eine andere Ordnung der Dinge wollen kann, ist ein Gott, welcher sein Wesen verändert, mit anderen Worten, ein Gott, der nicht ist, was er ist. Es leuchtet also ein, daß die durch Gott gewollte Ordnung der Dinge ebenso notwendig und unabänderlich ist, als die durch ihn nach der inneren Notwendigkeit seines Wesens bewirkte. Der Wille Gottes kann an der Notwendigkeit der Dinge nichts ändern. Wenn Heine ferner findet, daß Spinozas Gott im Grunde gar kein Gott ist, wie denn überhaupt die Pantheisten eigentlich nur verschämte Atheisten sind, die sich weniger vor der Sache, als vor dem Schatten, den sie an die Wand wirft, vor dem Namen fürchten, so stelle ich ihm Goethe gegenüber, dessen Aenßernngen über Spinoza auf einen entgegengesetzten Gruudton gestimmt sind. Er schreibt am 9. Juni 1785 nach dem Empfange der „Briefe über die Lehre Spinozas" au Jacobi: „Du erkennst die höchste Realität an, welche der Grund des ganzen Spinozismus ist, worauf alles übrige ruht, woraus alles übrige fließt. Er beweist nicht das Dasein Gottes, das Dasein ist Gott. Und wenn ihn andere deshalb Atheum schelten, so möchte ich ihn Theissimum und Christianissimum (!) nennen und preisen." Im nächsten Briefe vom 21. Oktober schreibt er ihm: „Daß ich über Dein Büchlein nicht mehr geschrieben, verzeih! Ich mag weder vornehm noch gleichgültig scheinen, Du weißt, daß ich über die Sache selbst nicht Deiner Meinung bin, daß mir Spinozismus und Atheismus zweierlei ist." Noch deutlicher und kälter ist der Brief vom 5. Mai 1786: Dein Büchlein habe ich mit Anteil gelesen, nicht mit Freude . . . Wie weit wir von einander abstehen, habe ich erst recht wieder aus dem Büchlein selbst gesehen. Ich halte mich fest und fester an die Gottesverehrung des Atheisten und überlasse euch alles, was ihr Religion heißt und heißen müßt. Wenn Du sagst, man könne an Gott nur glauben, ... so sage ich Dir, ich halte viel aufs Schauen." Es muß hier noch ein Moment in Betracht gezogen werden, an welchem die landläufigen Klassifizierungen des Spinozismus scheitern. Spinoza bekennt, den Konischen Kritizismus gewissermaßen vorwegnehmend, ausdrücklich, daß wir nur zwei Attribute der absoluten Substanz, das Denken und die Ausdehnung, erkennen; Gott habe aber noch zahlreiche andere Attribute, die für uns in undurchdringliches Dunkel gehüllt sind. Non dico, me deum omnino cognoscere, sed me quaedam ejus attributa, non autem omnia, neque maximam intelligere partem. So sind die fachlichen Gründe, welche Heines Abfall von der Philosophie veranlaßt haben, eigentlich gar nicht ernst zu nehmen. Den Ausschlag dürfte die leibliche Veränderung, die mit ihm vor sich gegangen war, gegeben haben. Des armen, gebrochenen, jahrelang mit dem Tode ringenden, unter qualvollen Schmerzen sich wie ein Wurm windenden Dichters bemächtigte sich himmlisches Heimweh. Wie ergreifend klagte er doch inmitten seines parodierenden Uebermutes in dem Nachworte zum „Romancero": „Existiere ich wirklich noch? Mein Leib ist so sehr in die Krümpe gegangen, daß schier nichts übrig geblieben als die Stimme, und mein Bett mahnt mich an das tönende Grab des Zauberers Merlinus, welches sich im Walde Brozeliand in der Bretagne befindet, unter hohen Eichen, deren Wipfel wie grüne Flammen gen Himmel lodern. Ach, um diese Bäume und ihr frisches Wesen beneide ich dich, Kollege Merlinus, denn kein grünes Blatt rauscht herein in meine Matratzengruft zu Paris, wo ich früh und spät nur Wagengerassel, Gehämmer, Gekeife und Klaviergeklimper vernehme. Ein Grab ohne Ruhe, der Tod ohne die Privilegien der Verstorbenen . . . Das ist ein trauriger Zustand." In diesem jammervollen Zustande liegt der Schlüssel zu seiner geistigen Veränderung. Wenn man auf dem Sterbebette liegt, wird man sehr empfindsam und weichselig und möchte Frieden machen mit Gott und der Welt. Der Umschwung ward ihm erleichtert durch das Wiedersehen eines alten trauten Bekannten, dem er einst, ein formenschönheitstrunkener, genußseliger, seine Hände nach den goldenen Früchten des grünen Lebensbaumes ausstreckeuder und nach Kalokagathie, schöner Sittlichkeit lechzender Hellene, bei aller Verehrung und Bewunderung für ihn kühl bis ans Herz gegenüberstand, weil er in dem irrigen Glauben befangen war, daß er der Asketik fröhne. (Fortsetzung folgt.)