Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 18 (1.5.1908)
- Date
- 1908-05-01
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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Seite 342 Dr. MoiL's Mocbens<Drttt. seinen Leistungen irgendwie Aufhebens zu machen, gibt er von seinem eigenen, mitunter nichtsweniger als positiven Ueberfluffe oder zieht Gleichgesinnte dazu heran, trägt er Trost und Hilfe und gütigen Zuspruch in die Hütten der Armen und Dürftigen, an das Lager Schwerkranker und Verzweifelnder. Jede Dankesbezeugung, jede Anerkennung ist ihm eine Last, denen er am liebsten aus dem Wege geht, sich ihnen nach Tunlichkeit zu entziehen trachtet. Aengstlich und beinahe neidisch wacht er über seine Schützlinge und Protektionskinder, in seiner Schöpfung mag er keinen anderen Schöpfer leiden und seine begonnenen Werke möchte er am liebsten ganz allein aus eigenen Mitteln zur Durchführung bringen. Nur höchst ungern, mit ordentlichem Widerstreben entschließt er sich dazu, die Mitwirkung weiterer Kreise in Anspruch zu nehmen, und dies nur in Fallen, wo eine solche aus schwerwiegenden, den Erfolg der Sache beeinflussenden Gründen absolut nicht zu umgehen ist. Sorgfältig, nicht selten auch mit einem gewissen Aufwande an Raffinement, weicht er jedem Bekanntwerden seiner Gaben und Spenden aus; „Anonymus" oder eine sonstige, diskrete Chiffre ist ihm der liebste Deckmantel bei öffentlichen Sammlungen, bei Neugrüudungen humanitärer Anstalten, zu denen er seinen Rat sicherlich reichlichst beigetragen hat. Sein Ehrgeiz besteht eben nur darin, als guter, mildtätiger, in einer Wolke unsichtbar schwebender Genius seines Amtes zu walten und an seine Person und sein ganzes Tun und Handeln den gleichen Maßstab anzulegen wie an den Staat. Der beste ist der, von dem man am wenigsten spricht. Mag man ihn nun einen „sonderbaren Schwärmer", einen unverbefferlichen Idealisten, dem auch die unvermeidlichen schlechten Erfahrungen seinen Glauben an die Menschheit nicht zu erschüttern uud zu rauben vermögen, schelten - etwas von einem Sonderling, aber mit entschieden liebenswürdigem Einschlag steckt ja tatsächlich in ihm — über seine naiven, ganz und gar antiquierten Passionen in höchster Verwunderung, in maßlosem, von Ironie nicht freien Staunen die weisen Köpfe schütteln, und seine wahre und wahrhaftige Bescheidenheit in ihr Gegenteil, in eigenartige Eitelkeit verkehren wollen. Eines ist dabei zu bemerken: Menschliche Schwäche — zugestanden nota bene, daß es eine ist — in dieser Form und in diesem Gewände, verdient unter allen Umständen Beachtung und Würdigung; schon deshalb, weil sie überall bei ihrem Auftreten nur wohltuende Spuren, im doppelten Sinne dieses Wortes genommen, hinterläßt. Der zweite, der bunten Musterkarte entnommene Vertreter humanitärer Ideen verlangt das Auflegen ganz anderer, lebhafter und greller,in'S Auge fallender Farben. Den allerhöchsten Wahlspruch macht er zu dem Seinigen. Nur von dem Herauziehen der großen Massen, von der Flucht in die Oeffentlichkeit erhofft er die Verwirklichung seiner Pläne. Nur das Zusammenwirken und Jneinandergreifen aller Kräfte wie bei einem kunstgerecht ersonnenen Mechanismus bieten ihm die einzige Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit zur Erreichung des gedachten und angestrebten Zieles. Je mehr Sprachrohre und Organe, desto schnellere Verbreitung, desto rascheres Hinaustragen und Hinausdringen der Kunde von dem geplanten Unternehmen in alle Lande, eine umso bestimmtere Gewähr für Gelingen und Erfolg. Gewiß, die moderne, schnelllebige, weitausgreifende Zeit erfordert neue, energische, mitunter auch drastische Kampfesmittel, von denen sich unsere Vorfahren in ihrer Bedächtigkeit und Gemütlichkeit bis an ihr seliges Ende nichts träumen ließen. Auf allen Gebieten fühlt man einen Hauch dieser neuen Strömung, dieses in die Manivolierung gelegten Prestiffimo, und auch in die Errichtung neuer Wohlfahrtsinstitute, auch in die Leitung bereits bestehender Heimstätten und Zufluchtsorte für Schwerbeladene muß ein frischer Zug gebracht, mit alten, keine Existenzberechtigung mehr besitzenden Traditionen und Vorurteilen gebrochen werden, will man der sich überall breitmachenden Konkurrenz erfolgreich begegnen, sich nicht aus dem Feld« schlagen und überflügeln laffen und seinen Schöpfungen sozusagen einen Platz in der Sonne, der ihren Fortbestand verbürgt, erobern. Wird es einerseits zum groben Fehler, wenn den Ideen nicht die gehörige Zeit zum Ausreisen, zur Klärung, zum Annehmen konkreterer Formen gelaffen wird, und tragen Hast und Ueberstürzung, weil verbunden mit Oberflächlichkeit und Flüchtiakeit, gleich im Vorhinein alle Merkmale des sicheren Verfalles, der Zerstörung in sich, so wird andererseits bei Beobachtung und Anwendung der entgegengesetzten Taktik jeder Fortschritt, jedes Vorwärtskommen gehindert, jedes Gedeihen, jedes AuSbreiten gehemmt. Bei zu unsicherem Tappen, zu leisem Auftreten der maß- und ausschlaggebenden Faktoren ist das doch sicherlich mit Mühe und Schwierigkeiten, nicht selten auch mit Hintansetzung der eigenen Persönlichkeit geschaffene Werk sein Lebelang nur ein verkümmertes, in seiner Entwicklung und seinem Wachstum stehen- und zurückgebliebenes Bäumchen, das sich nie zu der von seinem Herrn und Meister sicherlich erträumten Höhe — wer will nicht gleich mit seinen Geisteskindern bis nach Wölkenkuckucksheim, hinauf? — aufschwingen kann und wird. Abseits vom Wege stehend, auf dem Alles ringsumher lustig in die Halme schießt, nach allen Seiten Wohlfahrt und Segen spendend mid verbreitend, fristet es nur ein verborgenes, unbekanntes Dasein, eigentlich Niemandem so recht zu Nutz und Frommen, am allerwenigsten Denjenigen, die einst im Schatten seiner breiten Aeste und Zweige, seiner himmelragenden Krone ihrem Nuhededürfnisse genügen, von den Mühseligkeiten und Beschwerden des Lebensweges Erholung finden und frische Kräfte für die weiteren Lebenskämpfe sammeln sollten. Zugegeben also: Fort mit den veralteten, verrosteten, ausgedienten Waffen, und im beschleunigten, dem Jahrhunderte der Nr.18 Elektrizität und der Motorep angepahten Tempo gearbeitet. Aber — und dies kann nicht mit genügendem Nachdrucke betont werden — dabei nur ja nicht die goldene Mittelstraße verlassen, das Wohltun nicht mit hypermodernen, amerikanischen Reklammitteln, die dasselbe nachgerade zum Sport erniedrigen müssen, ausüben. Immer der großen, erhabenen Aufgaben und Mission eingedenk sein, vor die man von einem gütigen Geschicke gestellt wurde, und auch in seinem gewiß lobenswerten Eifer nicht Lber's Ziel schießen, des Guten nicht zu viel tun. Zum Animieren, zur aktiven oder passiven Beteiligung an Werken der Mildtätigkeit, zum Erwecken und Warmhalten des Interesses für eine gute Sache, zum Uebertragen der eigenen Begeisterung für eine solche auf Andere, dazu gehört nebst einem für das große Elend, für den großen Jammer der Menschheit schlagenden Herzen noch gar Vieles und Mancherlei, will man seine eigene Würde und diejenige des Falles, dessen Anwalt man ist, wahren. Gründliche Menschenkenntnis, richtiges Beurteilen der Charaktere und Individualisieren jedes Einzelnen; viel Takt, jeglicher Mangel an Empfindlichkeit und das Verhindern des Hinübergreifens der Angelegenheit auf das persönliche Gebiet, endlich auch das Verständnis für den paffenden Moment des Heran- und Hervortretens mit seinem Anliegen und die rechtzeitige Ausnützung desselben. Denn sonst ist sehr oft mit der gemerkten Absicht auch gleich die Verstimmung, nicht selten auch die frostige, abweisende Miene da, und zum Schaden der Sache, der man doch so gerne genützt hätte, stellt sich auch das Refus, je noch der Lebensart und Wohlerzogenheit des Betreffenden, in verblümter oder auch unverblümter Weise ein. Es gibt eben Situationen, wo weniger — mehr ist, und ein dem eigenen Enthusiasmus aufgesetzter Dämpfer hat schon mitunter dem Anderen Zeit zur Einkehr in sich selbst, zur Ueberlegung gelassen und ist zuguterletzt, schon beinahe wider alles Erwarten, denn doch zum Förderer des Ganzen geworden. A m a l i e B r ü l l. Neue Bücher. Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden. Herausgegeben vom Bureau für Statistik der Juden. Redaktion: Dr. Arthur Ruppin und Dr. Bruno Blau, Berlin-Halensee, Johann Sigmundsstraße 3. Z.Jahrgang. April 1Ö08. Heft Nr.4. Inhalt: I. Abhandlungen: 1. Dr.Arthur Ruppin, Berlin: Die berufliche Gliederung der Juden in Hessen. 2. Dr. Jakob Thon, Berlin: Der Anteil der Juden am landtäflichen Besitz in Galizien. 3. Dr. Bruno Blau, Berlin: Schulbesuch christlicher undjüdischer Schüler im Großherzogtum Baden (1905/1906). 4. Norbert We l d l e r, Berlin: Die Geisteskrankheiten unter den Juden Oesterreichs in den Jahren 1882—1902. II. Statistisches Archiv: Frequenz der öffentlichen höheren Mädchenschulen in Preußen 1906. Frequenz der Universität Straßburg. Eheschließungen in Elsaß- Lothringen. Die Baron Hirsch-Schulen in Galizien. Die wirtschaftliche Lage der jüdischen arbeitenden Klasse in Rußland. Die Juden im russischen Militärdienst. III. Berichtigung Im Verlage von M.W. Kaufmann, Leipzig, erschienen: „Aus Neue israel. Iugen db üch erei. „Saron". Unterhaltendes und .Belehrendes aus alter und neuer Zeit. Herausgegeben von I. Herzberg". S u l a m i t. Jüdische Dichtungen aus alter und neuer Zeit. (Neue Folge.) Die drei Nationen. Erzähl, von Dr. Ludwig Philipp so n. H e r m o n. Sagen und Legenden, Fabeln und Parabeln aus den rabbinischen Schriften. (Neue Folge.) Moses ben Maimon. Sein Leben, seine Werke und sein Einfluß. Zur Erinnerung an den siebenhundertsten Todestag des Maimonides. Herausgegeben von der Ges e l lschaftzur Förderung der Wissenschaft des Judentums durch Professor W. Bacher, Dr. M. Braun, Professor Dr. S i m o n s e n unter Mitwirkung von Rabbiner Dr. I. Guttmann, stellvertretendem Vorsitzenden der Gesellschaft. Band I. Buchhandlung Gustav Fock, G. m. b. H. Leipzig, 1908. Unsere Hoffnung. Redaktion und Administration: Wien, XI/3, Scholzgasse Nr. 11. V. Jahrgang. Heft Nr. 4. April 1908. Inhalt: Zu Pessach. Dr. I. Niemirower: Moses. Dr. Ernst Müller: Das jüdische Kolonisätionsgebiet Judaeas. Dr. Jos. Meist: Georg Brandes. Ben Samuel: Rudolf Nassau gest. Schalom Asch: Palästinareise. Marek Scher lag: Licht. I. L. Perez: Er spielt für den Teufel. Oskar Rosenfeld: Vision. Dr. Rothblum: Judenjungen. Bücherschau: Hebräische Melodien, herausgegeben von Dr. I. Moses, besprochen von Arthur Freud. Literarische