Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 18 (1.5.1908)
- Date
- 1908-05-01
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 18 Dr. Vlocb's Mocdenscdrin. Seite 339 Charles L. Hallgarten. Frankfurt a. M. 20 April. Gestern ist hier Herr Charles L. Hallgarten, einer unserer angesehensten Männer, nach kurzem Leiden im 69. Lebensjahre verschieden. Hallgarten hat während der fünfundzwanzig Jahre, die er in Frankfurt lebte, feine bedeutende Tatkraft und fein großes Vermögen in den Dienst der Wohltätigkeit gestellt. Namentlich hat er für die Alliance Israölite Universelle und für die bedrohten und vertriebenen Juden in Rußland außerordentlich viel geleistet. Er war Mitglied fast sämtlicher Wohltätigkeitsgesellschaften Frankfurts und hat auch manches Gute auf dem Gebiete der Wohnungsreform geschaffen. Sein Ableben wird in allen Kreisen Frankfurts auf das Lebhafteste betrauert. Am meisten hat aber die deutsche Judenheit an ihm verloren, in deren Dienst er den Hauptteil feiner Lebensarbeit gestellt hat. Noch vor wenigen Tagen hat er in einer Vorstandsfitzung der „Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler" präsidiert. Hallgarten war ein Philanthrop großen Stils, ein Mann, der ohne jedes Streben nach öffentlicher Bewunderung für alle humanitären Bestrebungen stets in großartigster Weise seine reichen Mittel zur Verfügung stellte. Aber nicht nur diese, sondern seine ganze Persönlichkeit, sein reiches Können und seine unermüdliche Arbeit widmete er der Humanität auf allen Gebieten. Sein Name wird unvergessen bleiben! Berlin. Herr Dr. Paul Nathan hat sich zum zweiten Male nach Palästina begeben, um persönlich daselbst die Vorbereitungen für die nächsten Schulgründungen des Hilfsvereins der Deutschen Juden zu treffen. Der Hilfsverein der Deutschen Juden hat nunmehr, nachdem der Umfang des Schadens und der genaue Plan für das Hilfswerk festgestellt ist, weitere 10.000 Franks zugunsten der Geschädigten in Haskien überwiesen. Zwei Depeschen aus Rußland. Der Telegraph meldet aus Petersburg, daß der Abgeordnete Niffelowitsch, der bekanntlich in der Duma eine Gefetzesvorlage, betreffend die Aufhebung der Rechtsbeschränkungen der Juden einbringen will, mit Stolypin eine Unterredung in dieser Angelegenheit gehabt habe. Stolypin versicherte, daß die russische Regierung ohnedies alle erforderlichen Maßnahmen getroffen habe, um die befürchteten Judenhetzen unmöglich zu machen, ferner habe der Ministerrat bereits im Jahre 1906 für die Aufhebung gewisser Rechtsbeschränkungen der Juden plädiert. Doch warne er (Stolypin) ihn, die Vorlage bereits in der nächsten Dumaseffion einzubringen, da er die Zeit für verfrüht halte; er möge vielmehr bis zur zweiten Duma warten. — Wer das liest, der muß allen Ernstes daran glauben, daß endlich für die russischen Juden die Zeit des Schreckens vorbei und auch für diese Unglücklichen die Morgenröte angebrochen sei. Wer dem Telegraph vertraut, der vernimmt ferner, daß in der nächsten Sitzung der Duma eine eigene Kommiffion sich bilden wird, die sich ausschließlich mit der Judenfrage zu beschäftigen hat. Kaum hat der Leser indes dieses Telegramm zu Ende gelesen und sich ehrlich über diesen gewaltigen Fortschritt gefteut, findet er im selben Blatte eine zweite Depesche, die unmittelbar hinter der obenerwähnten steht. Diese Depesche ist auch aus Petersburg, nur ist ihr Inhalt ein wesentlich verschiedener; nämlich: Die wegen der Bjelostoker Judenhetzen zur Einreihung in die Arrestantenkompagnie verurteilten Nasarenko, Zesarsky und Jegorow sind begnadigt worden. Dem wegen derselben Judenhetze zu achtjähriger Zwangsarbeit verurteilten Dsemjanowitsch ist die Strafe in ein Jahr Gefängnis umgewandelt worden. . . . Eigentlich jeder Kommentar überflüffig; wer es nicht glauben will, der mag sich selbst überzeugen. Die beiden Depeschen stehen wirklich hintereinander. Ebenso wie ein altes Wort vom „geduldigen Papiere" spricht, mag es nun von einem „geduldigen Telegraph" sprechen. Derselbe Draht sendet die beiden, ach so verschiedenen Nachrichten zu uns herüber. So sehen also die „Maßnahmen" aus, von denen Herr Stolypin erzählt hat; das brauchte man nicht erst zu telegraphieren, denn jeder von uns hat sich längst sein Bild von dieser echt russischen Menschlichkeit gemacht, die mit der einen Hand das Opfer an den Haaren faßt, um zu verhindern, daß es in den Abgrund stürzt, und mit der anderen Hand dem noch in den Lüften Schwebenden das Meffer in die Brust stößt. Die Juden im russischen Militärdienste. In der Dumakommission für Landesverteidigung kam unter anderen auch die Zulassung der Juden zum Militärdienst zur Sprache. Die reaktionären Parteien stellten den Antrag, daß die Juden in Zukunft aus dem Militärdienste ausgeschloffen werden sollen. Ein gemäßigter Rechter schlug vor, daß den Juden das Recht gegeben werde, sich durch eine Militärtaxe vom Dienste loszukaufen. Merkwürdig war auch die Haltung der Oktobristen, deren Wortführer den unsinnigen Antrag stellte, daß jeder Jude der zur Assentierung komme, befragt werde, ob er beim Militär dienen wolle. Nur wenn er sich hiezu bereit erklärt, soll er zum Militärdienst zugelaffen werden. Erklärt ein Jude aber offen, daß er nicht dienen wolle, so sei er auch ohne Taxe vom Dienste fernzuhalten. Die letzteren Antragsteller gingen von der irrigen Meinung aus, daß die Juden, wenn ihnen die Wahl selbst überlaffen bleibe, auch so nicht in den Militärdienst eintreten werden. Die jüdischen Mitglieder der Duma gaben die Erklärung ab, daß die Juden alle in diesen Anträgen und Vorschlägen zum Ausdrucke gelangenden Anschauungen mit Entrüstung zurückweisen. Was die Juden verlangen, ist bloß eine humanere Behandlung im Dienste und eine Gleichstellung mit den übrigen Soldaten. Die Kommission beschloß schließlich, der Duma die Aufrechthaltung des heutigen Status guo zu beantragen und eine eventuelle Neuregelung der Stellung der Juden zur ruffischen Armee bis zu jener Zeit, wo der ganze Komplex der Judenfrage der Duma zur Beratung vorliegen werde, zu vertagen. Oberrabbiner Dr. Moriz Löwy in Temesvar. Die innerstädtische israelitische Kultusgemeinde in Temesvar hat einen herben und schier unersetzlichen Verlust erlitten. Laut einer telegraphischen Nachricht, welche Samstag abends halb 8 Uhr aus Abbazia an das Präsidium der innerstädtischen Kultusgemeinde gelangte, ist dort nachmittags 5 Uhr der langjährige Oberrabbiner der Kultusgemeinde Dr. Moriz Löwy im Alter von 59 Jahren infolge eines Herzschlages gestorben. Die Kunde von dem Ableben des allverehrten und beliebten Oberrabbiners verbreitete sich noch in den Abendstunden mit g oßer Schnelligkeit in der Stadt und erweckte in allen Kreisen die tiefinnigste Teilnahme. Die innerstädtische israelitische Kultus gemeinde hielt am 26. d. M. vormittags halb 11 Uhr eine außerordentliche PlenarversammU ng, in welcher der Vorsitzende Präsident Salamon v. Sternthal dem verblichenen Oberrabbiner einen warmen Nachruf widmete und dessen Verdienste um die Kultusgemeinde würdigte, worauf die Gemeinde auf seinen Antrag einhellig beschloß, die irdische Hülle des Verblichenen auf Kosten der Gemeinde heimbringen zu lassen, und wurde zu diesem Zwecke der Repräsentant und Chewra-Vorsteher Hermann Klein nach Abbazia entsendet. Ferner wurde das Andenken des Oberrabbiners und seine Verdienste protokollarisch verewigt und der trauernden Familie die tiefste Teilnahme ausgesprochen. Ferner wurde beschloffen, das Andenken des Verblichenen dadurch zu ehren, daß sein Name bei jeder Maskir (Seelenfeier) genannt wird. Wie wir vernehmen, werden bei der Trauerzeremonie sieben Rabbi Mitwirken. Sowohl am innerstädtischen israelitischen Tempel, als auch am Elisabethofe und am Rathause wurde zum Zeichen der Trauer die schwarze Fahne gehißt. -i° * Dr. Moriz Löwy wurde in Mosdos (Somogyer Komitat)als der Sohn des dortigen Rabbiners Moriz Löwy geboren, absolvierte die Mittelschulen in Budapest und bezog dann das Rabbiner-Seminar in Berlin, wo zu seinen Schulgenoffen auch der gegenwärtige Szegediner Oberrabbiner Dr. Emanuel Löw zählte. Nach Beendigung feiner Studien am Seminar wurde Dr. Moriz Löwy 1879 als Oberrabbiner nach Temesvar berufen, nachdem der damalige Oberrabbiner Dr, Max Hirschfeld nach Wien übersiedelte. Bemerkenswert ist. daß es damals in Temesvar nur eine einzige Rabbistelle gab. 1881 ehelichte Dr. Moriz Löwy die Tochter des als Kanzelredner berühmten Nagykarolyer Oberrabbiners Mayer-Perls, Hermine Perls, mit der er eine überaus glückliche Ehe führte Derselben cntsproffen vier Söhne, der Affckuranzbeamte Alexander Lengyel, die auch journalistisch tätigen Jurtsten Dr. Ladislaus und Ernst Lengyel, sowie Eduard Lengyel, der gegenwärtig noch das Obergymnäsium absolviert. Dr. Moriz Löwy war nicht nur ein ausgezeichneter Kanzel-