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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-05-01 · 18 (1.5.1908) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
18 (1.5.1908)
Date
1908-05-01
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 338 Dr. Llocv s Mloevenscvrttt. Nr. 16 er in Bezug , auf Alter und romantischer Lage in keiner Weise hinter dem alten Prager und alten Wiener Judenfriedhof (in der Seegasse) zurückstehe. Schwer muß es aber jeden pietätvollen Menschen betrüben, wenn er sieht, in was für einem vernachlässigten Zustande sich dieser ehrwürdige Ort befindet. Ein großer Teil der Grabsteine, halb in die Erde versunken, manche geborsten und nur notdürftig zusammengefügt, manche ganz zerbrochen am Boden liegend, von Moos bewachsen, sehen sie io einer baldigen Zerstörung entgegen. Ich möchte nun an die maßgebenden Kreise den Appell richten, daß noch in diesem Jahre, bevor im Herbst ein ftühzeitiger Schneefall dies verhindern könnte, die zerbrochenen Grabsteine entfernt und an einem geeigneten Ort der weiteren Vernichtung entzogen werden. Die Epitaphien aber, die nicht mehr erhalten werden können, sollen wenigsten getreulich kopiert werden, damit der familiengeschlechtlichen Forschung, die seit einiger Zeit bei uns Juden wieder aufzublühen scheint, nicht viel schätzbares Material entzogen wird. Dem jüdischen Museumverein in Wien aber möchte ich zur Kenntnis bringen, daß in einem in der Nähe des Preßburger alten Judenfriedhofes gelegenen Schuppen sich zwei Sänften befinden, die von dem berühmten Chacham Sofer benützt wurden, sich aber jetzt in völlig vernachlässigtem Zustande befinden. Ich hoffe, daß der jüdische Museumverein in Wien sich die Erhaltung dieser beiden, für die Kulturgeschichte wichtigen Objekte zur angenehmen Pflicht machen wird. Hochachtungsvoll Raphael Treuenberg. „Zur Naturgeschichte des Renegatentums". Aus Ungarisch-Brod wird uns geschrieben: Ung.-Brod, den 24. April 1908. GeehrteRedaktion! Wir haben unseren Abgeordneten Herrn Prof. Redlich zur Rechtfertigung seiner letzten Rede aufgefordert. Derselbe hielt bei uns Mittwoch eine Wählerversammlung ab, er rechtfertigte sein Verhalten, erklärte, ohneweiters zuzugeben, daß er übers Ziel geschossen habe, und gab seinem Bedauern Ausdruck, in jenen Ausführungen zu wenig Rücksicht auf die Gefühle der jüdischen Wähler genommen zu haben, und versprach, in Zukunft eine fteifinnige Politik zu befolgen, hielt eine 1 ^ständige Rede, mit welcher die jüdischen Wähler vollständig zufrieden waren. Ich lege Ihnen Bericht bei mit der Bitte um Veröffentlichung. Hochachtungsvoll M. H. Brammer Vorsteher. * * * Nachschrift der Redaktion. Nachdem der Bericht bereits in einigen Tagesblättern publiziert worden ist, entfällt die Notwendigkeit einer Wiederholung. Wir dürfen jedoch die Tatsache nicht verschweigen, daß in der Beurteilung des politischen Verhaltens, welches der Herr Abgeordnete Redlich im österreichischen Parlament beobachtet, die einstimmige Meinung der jüdischen Oeffentlichkeit des In- und Auslandes wesentlich abweicht von der Auffassung der jüdischen Wähler in Ung.-Brod. In ganz Oesterreich und auch außerhalb der Grenzen unserer Heimat stimmt man überein mit dem Urteil des Herrn Prof. M a s a r y k, daß die Reden des Herrn Professor Redlich jedem fteiheitlich gesinnten Menschen ein peinliches Gefühl bereitet haben. Die Bluthetze in Ungarn. Das Anwachsen der christlichsozialen Organisation in Ungarn hat in diesem Jahre bereits ihre bösen Früchte gezeitigt. Die Agitation dieser gemeingefährlichen Partei hat überall, wo sie eiusetzt, Verdummung und unerbittlichen Judenhaß im Gefolge. Sie ist rückschrittlich sowohl in ihren Anschauungen, wie auch in ihren Kampfmitteln. Sie schreckt auch vor der Auffrischung des Blutmärchens nicht zurück und es ist bei dem großen Netze, das die Christlich-Sozialen anläßlich der eben , verflossenen Peffachtage über ganz Ungarn gesponnen, ein wahres Glück, daß es in allen Fällen, in denen der Versuch gemacht wurde, den Juden eine Ritualmordgeschichte anzudichten, geglückt ist, den „Fall" rasch aufzuklären, noch ehe ein größeres Unglück geschah. Ueber den Fall in Szinevaralja wurde bereits berichtet. Hier seien noch einige typische Fälle erzählt: Große Aufregung verursachte vorige Woche in Raab eine polizeiliche Anzeige des Taglöhners Ferdinand Boroß. Der Genannte hatte, nachdem er die ganze Stadt alarmiert hatte, die Anzeige erstattet, daß sein siebenjähriges Töchterchen Marie spurlos verschwunden sei. Beim Unterfertigen des Protokolles bemerkte Boroß zum Polizeikommissär: „Es steht geschrieben (!.), daß die Juden das Blut eines Christenkindes für ihre Osterfeiertage gebrauchen". Man bemühte sich, diesen Dunkelmann bei der Polizei darüber aufzuklären, daß das Judentum kein Christenblut brauche, aber Boroß blieb steif und fest dabei, daß seine Marie dem Schicksale der Esther Solymossy von Tisza-Eszlar (!) verfallen sei. Der Mann gab diese Ueberzeugung erst auf, als die Polizei nach langem Suchen die kleine Marie, die mit einigen Gespielinnen sich auf einer außerhalb der Stadt gelegenen Wiese Herumgetrieben hatte, herbeigeholt hat. Aber selbst dann noch schrie Boroß, daß „die Juden wahrscheinlich doch erschrocken seien und das Kind freigelaffen hätten, denn es steht geschrieben Ein zweiter Fall wird aus Hermannstadt berichtet: In der Nacht des 19. v. M. wurde der Schächter der Gemeinde Sina, Jakob Perlmutter, durch einen schreklichen Lärm vor seinem Hause' aus dem Schlafe geweckt. Perlmutter ging ans Fenster und gewahrte zu seinem nicht geringen Schrecken eine lärmende Menge — es waren die Arbeiter der unweit des Dorfes gelegenen Sägewerke — die in drohender Haltung die Herausgabe des 2V2 jährigen Mädchens des Subunternehmers Dobra forderten. Vergebens beteuerte Perlmutter, daß das gesuchte Kind sich bei ihm nicht befinde, und vergebens berief er sich auf seinen Fuhrmann, daß er, als er an demselben Tage aus der Stadt einfuhr, niemanden mit sich hatte; die Arbeiter ließen nicht locker und drohten, den Schächter zu töten und sein Haus anzuzüuden, wenn er das Kind nicht herausgebe. Zum Glücke für Perlmutter passierte der Gendarmerieposten auf seinem Streifzuge in diesem kritischen Momente die Gasse, in welcher sich die Szene abspielte und Perlmutter wurde aus seiner gefahrvollen Lage befreit. Mehrere Gendarmen begaben sich noch in derselben Nacht in das Sägewerk und fanden nach eingehender Untersuchung das Kind in einer zur Wohnung seiner Eltern befindlichen Kammer in einem Wasserbottich ertrunken. Es wird nun die Untersuchung nicht nur gegen die revoltierenden Arbeiter, sondern auch gegen die Eheleute Dobra wegen sträflicher Unachtsamkeit geführt werden. . . . Budapest. Die Protestanten haben im ganzen Lande eine Bewegung eingeleitet, um den Tendenzen des katholischen Volksbundes entgegenzutreten. Kürzlich fand in Großwardein in dieser Angelegenheit eine Versammlung der evangelischen Kirche des Komitats Bihar statt. In der vorhergehenden Versammlung der evangelischen Geistlichen wurde die zu befolgende Aktion besprochen, wobei längere Reden gehalten wurden, in denen gegen den katholischen Bolksbund und seine reaktionären Tendenzen in scharfer Weise Stellung genommen wurde. Es wurde auf den Fall Barkoczy und mehrere ähnliche Vorkommnisse verwiesen, die das Vorwalten der Reaktion bezeichnen und die gefährlich find für den Liberalismus und den konfessionellen Frieden, die beide Bedingungen des Emporblühens des Landes bilden. In der darauf folgenden Versammlung wurde die Notwendigkeit des Kampfes der Protestanten im Interesse der Aufrechterhaltung und Pflege des Liberalismus betont und die Einleitung einer Landesaktion zur Gruppierung der Protestanten gegenüber den reaktionären Bestrebungen des katholischen Volksbundes beschlossen. Hinter dem Rücken des katholischen Volksbundes steht die reichstägige Volkspartei mit Rakovszky an der Spitze.

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