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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-04-24 · 17 (24.4.1908) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
17 (24.4.1908)
Date
1908-04-24
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 17 Vr. Blrntz's Wochenfttzrtst. Sette 317 hat: die größten Wunder des XIX. Jahrhunderts sind Napoleon und Helen Keller, gewährt das Kapitel „Innerer Optimismus", von dem im Nachstehenden der Schluß zitiert werden soll als ein ergreifendes Glaubensbekenntnis dieser tapferen Seele. Helen Keller schreibt: „Am Ende meiner Studienzeit schau ich vorwärts, die Brust mit stolzen Hoffnungen geschwellt, was für eine Tätigkeit die Zukunft mir Vorbehalten haben mag. Mein Anteil am Getriebe der Welt mag beschränkt sein, aber die Tatsache, daß es Arbeit ist, macht ihn kostbar. Ja, der Wunsch und der Wille, zu arbeiten, ist an sich schon Optimismus. Vor zwei Generationen schleuderte Carlyle sein Evanlium der Arbeit in die Welt. Den Träumern von der Revolution, die Lustschlösser von einer Glückseligkeit bauten und, wenn dieselben von den unvermeidlichen Stürmen weggeweht wurden, Pessimisten wurden — jenen unfruchtbaren Gestalten eines Endumyon, Alastor, Werther rief dieser schottische Bauer, auch ein Manu der Träume, aber in der harren, praktischen Welt laut seinen Glauben an die Arbeit zu: „Seid nicht' länger ein Chaos, sondern eine Welt!" Schaffet, schaffet! Und wäre es auch nur das kümmerlichste, kleinste Bruchteilcheu eines Produktes, schafft es, in Gottes Namen! Es ist das Aeußerste, was du in dir hast; also raus damit! Auf. auf! Was du auch tust, tu es mit all deiner Kraft! Wirke, so lange es Tag ist, denn es kommt die Nacht, wo Niemand wirken kann!" Man hat von verschiedenen Seiten behauptet, Carlyle hätte die Menschen von der rauhen Wirklichkeit ablenken und sie durch schwere Arbeit und Anstrengung, den Blick zur Erde gesenkt, ihr Elend vergessen machen wollen. Das ist Carlyles Absicht nicht. „Tor!" ruft er. „Das Ideal liegt in dir selbst; das Hindernis liegt gleichfalls in dir selbst. Schaffe das Ideal heraus in die armselige, erbärmliche Wirklichkeit! Liebe, denke, glaube und sei frei!" Es ist klar, was er meint: daß arbeiten, produzieren das Leben aus den Chaos herausbringt, das Individuum zu einer Welt, einer Ordnung macht; und Ordnung ist Optimismus. Auch ich kann wirken, und weil ich gerne mit Kopf imb Hand arbeite, bin ich Optimistin. Ich glaubte immer, ich würde behindert werden in dem Wunsche, etwas Nützliches zu leisten. Aber ich habe gefunden, daß, obgleich die Wege, in denen ich mich nützlich machen kann, nur wenige sind, doch die Arbeit, die sich mir eröffnet, endlos ist. Der freudigste Arbeiter im Weinberge mag ein Krüppel sein. Wenn ihn auch die anderen übertreffen, so reifen doch auch alljährlich in der Sonne für ihn volle Trauben. Darwin konnte auf einmal nur eine halbe Stunde arbeiten; und doch hat er in vielen fleißigen halben Stunden den Grund zu einer neuen Philosophie gelegt. Ich möchte gerne eine große und edle Aufgabe erfüllen; aber meine vornehmste Pflicht und Freude ist es, auch niedrige Aufgaben so zu behandeln, als ob sie groß und edel wären. Ich pflege stets zu bedenken, wie ich den Anforderungen, die jeder Tag an mich stellt, am besten gerecht werden kann, und 'ich freue mich darüber, daß andere das leisten können, was mir versagt ist. Der Historiker Green sagt, daß die Welt vorwärts gebracht wird, nicht allein durch die gewaltigen Taten ihrer Helden, sondern ebenso durch die vereinten geringen Antriebe jedes ehrlichen Arbeiters; und dieser Gedanke allein genügt mir, um mich in dieser dunklen Welt und Weite zu leiten. Ich freue mich über das Gute, das andere tun; denn ihre Tätigkeit gibt mir die Gewähr, daß mit oder ohne mein Mitwirken das Wahre und das Gute gesichert stehen. Ich habe Vertrauen, und nichts, was auch immer eintreten mag, stört mein Vertrauen. Ich erkenne die Güte der Macht, die wir alle als die höchste verehren — Ordnung, Schicksal, Weltgeist, Natur, Gott. Ich erkenne diese Macht in der Sonne, die alles wachsen läßt und das Leben erhält. Ich befreunde mich mit dieser unerklärlichen Kraft und bin vollkommen bereit, froh und tapfer jedes Los zu ertragen, das mir der Himmel auferlegen mag. Das ist meine Anschauung vom Optimismus." Gegen das Kapitel „Aeußerer Optimismus" wären allerdings einige Einwendungen zu erheben; denn den schönen Glauben an einen inneren Fortschritt der Menschheit, an eine Brüderlichkeit, an eine wachsende Liebe und Güte in der Gegenwart, daran, daß das Ideal Lejsiugscher Toleranz seiner Erfüllung entgegengehe und daß die Zeit nahe, wo Kornfelder keine Schlachtfelder mehr sein werden, kann sich wohl nur ein Wesen bewahrt haben, dessen Seele selbst voll Liebe und Güte ist, dem aber — man muß hier sagen glücklicherweise — die Sinne verschlossen geblieben sind, um von den Massenmorden im russisch-japanischen Kriege und von den grausamen Pogromen in Rußland etwas zu sehen und zu hören. Sehr hübsch und von einer Tapferkeit, die die Tochter des freien Amerika kennzeichnet, sind Helen Kellers Betrachtungen im dritten Kapitel des Buches, das den Titel führt „Praktischer Optimismus". Da schreibt sie: „Der Schriftsteller, dessen Stimme durchdringen soll, muß Optimist sein, und seine Stimme schöpft ihre Kraft und Bedeutung oft erst aus seinem Leben. Das Leben Stevensons ist bereits zehn Jahre nach seinem Tode eine Tradition geworden; er hat seinen Play unter den Geistesheroeu bekommen, der herrlichste Literat seit Johnson und Lamb. Ich entsinne mich einer Stunde, wo ich mutlos und nahe daran war, zu straucheln. Tagelang hatte ich mich an einer Aufgabe herumgequält, die sich nicht lösen lassen wollte. Mitten in meiner Verlegenheit las ich eine Abhandlung Stevensons, wobei ich das Gefühl bekam, als ob ich mich draußen gesonnt hätte, anstatt über einer schwierigen Aufgabe den Mut zu verlieren. Ich versuchte es wieder mit neuer Kraft, und es gelang mir, fast ehe ichs merkte. Ich habe seitdem vielmals gefehlt, aber mich niemals wieder so niedergeschlagen gefühlt, wie damals, bevor mir dieser starke Prediger meine Lekrion erteilte „mit lächelnder Miene". Man lese Schopenhauer und Omar und mau wird die Welt allmählich ebenso hohl und leer finden, wie sie selbst sie fanden. Liest man dagegen Greens „Geschichte Englands", so erscheint einem die Welt von Helden bevölkert. Ich wußte nie, warum Greens Geschichte so stark und lebeuswarm auf mich einwirkte wie ein Roman, als ich seine Biographie las. Da erst begriff ich, wie seine rasche Phantasie die hmt-.n, nackten Tatsachen des Lebens in neue, lebendige Trännie verwandelte. Als er und seine Frau zu arm waren, um sich Feuerungsmate, ial zu kaufen, pflegte er mit ihr vor dem ungeheizten Kamine zu sitzen und sich eiuzubilden, es prassele ein wohltuendes Feuer darin. „Zwingt eure Gedanken," sagte er, „verbannt die düsteren und ruft die heiteren herein. Es liegt eine tiefere Weisheit darin, manchmal die Augen zu verschließen, als eure Bücherphilosophen zugeben wollen." Jeder Optimist fördert den Fortschritt und beschleunigt ihn, während jeder Pessimist die Welt aufhält. Die Felge des Pessimismus im Leben eines Volkes ist dieselbe wie ini Leben des Individuums. Der Pessimismus ertötet den Trieb, der. den Menschen drängt, gegen Armut, Unwissenheit und Verbrechen anzukämpfen, und vertrocknet alle Quellen der Freude in der Welt. Im Geiste verlasse ich das Land, -welches die Armen emporhebt, und besuche Indien, die Unterwelt des Fatalismus, wo dreihundert Million«n menschlicher Wesen, kaum Menschen, in Unwissenheit und Elend gesunken sind und sich noch immer tiefer in den Sumpf stürzen. Warum sind sie so? Weil sie Jahrtausende lang die Opfer ihrer Weltanschauung gewesen sind, die sie lehrt, daß die Menschen wie Gras sind, und daß das Gras vergeht und es kein Grün mehr gibt auf Erden. Sie sitzen im Dunkeln und lassen sich von den Verhältnissen, die sie bemeiftern sollten, Niederdrücken, bis sie keine Menschen mehr sind, sondern Drahtpuppen, die tanzen und sich verbeugen, wenn man an ihnen zieht. Nach einem kurzen Leben kommt der Tod und

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