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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-04-24 · 17 (24.4.1908) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
17 (24.4.1908)
Date
1908-04-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 17 Vr. Vloch's Wochrnfchrift. Sette 309 Mein hochgeschätztes Fräulein! Ihnen ist ein Quid pro quo unterlaufen. Sie verwechseln den Leidenden mit dem Kranken. Am Antisemitismus krank find seine Bekenner, nicht seine Gegner, diese leiden nur darunter, somit ist in allererster Reihe den Kranken die Behandlung zuzuwenden, hat fie da Erfolg, so ist dem Leidenddn von selbst geholfen. Haben wir einmal die Krankheit und deren Sitz erkannt, so wollen wir auch ihren Ursachen nachforschen, vielleicht entdecken wir den daeiilns antisemitieus und das ihn vernichtende Serum. Schauen wir vor allem, wo diese epidemische Krankheit aufzutreten Pflegt. In leichtem Grade findet man fie überall, auch dort, wo keine Juden wohnen. In dem Falle ist sie eine völkerpsychologisch zu erklärende Abneigung, wie, fie auch zwischen verwandten Völkern aufzutreten pflegt. Die Krankheit, unter der wir hier leiden, der „fnror antisemitieus“, pflegt sich wohl aus der elfteren, aber immer nur durch Einwirkung von außen zu entwickeln. Der „furor antisemi* ticus“ grassiert in folgenden Ländern in der angegebenen Reihenfolge immer nachhaltiger: in Deutschland, Oesterreich- Ungarn, Rußland, Rumänien. Für uns kommt zuvörderst der österreichische Antisemitismus in Betracht. Lange noch vor Lueger und Schönerer hat sich die Abneigung gegen die Juden in den leitenden Stellen breit gemacht. Von Schmerling und Auersperg führt eine gerade Linie zu Ebenhoch und Geßmann, parallel mit dieser läuft eine andere von den gewesenen kommunalen Machlhabern bis in unsere Tage. Nur tat man damals verschämt, sah den Juden nicht und er verkroch sich, jetzt tritt man auf ihm herum; die ausgestreute Saat ist eben inzwischen üppig in die Halme geschossen. Wollen Sie also, hochgeehrtes Fräulein, die antisemitische Epidemie wenigstens eindämmen, so müssen Sie an den Herd derselben heranrücken, müssen den Finger auf die Wunde legen und den maßgebenden Persönlichkeiten erklären: Nur durch volle und faktische, nicht papierne, sondern ehrliche Gleichberechtigung der Juden im Staate können Sie ihnen ihre Menschenrechte wiedergeben. Seien Sie selbst unparteiisch gegen die Juden und ihre Pariastellung in Staat und Gesellschaft wird von selbst verschwinden. Schauen Sie doch, meine Herren, mehr nach dem Westen, als nach dem Osten. Haben Frankreich, Italien, England, Amerika die Gleichstellung der Juden mit der übrigen Bevölkerung zu bereuen? Insbesondere Frankreich, dieses Schulbeispiel für die schrecklichen Folgen der antisemitischen Verirrungen. Wie hat sich die Wirtschaft der Msline, Mercier, Max Regis bitter gerächt? Und wie sieht Rußland aus, gerade durch seinen Antisemitismus politisch und wirtschaftlich depraviert! Sehr geehrtes Fräulein! Nicht an abtrünnige, selbstsüchtige Bankiers verschwenden Sie selbstlose Mühewaltung. Seien Sie lieber unsere Fürsprecherin an den zuständigen Stellen: „Oben" und in Ihrem Milieu, und jeder Jude, weß politischer Richtung er sei, wird Ihnen aufrichtigen Dank zollen. Wien, 8. April 1908. Narziß Feuerstein. Vom Aabrmarkt des Lebens. Ein Urteil über das Schächten. Berlin. Ein längerer Artikel, den Dr. Wilhelm Dosq u e t über „die Fabrikation von Fleischkonserven in dem letzten Heft der „Deutschen Bierleljahresschrift" für öffentliche Gesundheitspflege" (Bd. 39) veröffentlicht, hat für weitere Kreise Interesse. Herr Dr. W. Dosquet schreibt: „Diejenige Schlachtmethode ist die beste, bei welcher am sichersten die Entblutung erreicht wird, weil das Blut die Neigung hat, außerordentlich schnell in Fäulnis überzugehen. Schlachtmethoden, die eine Lähmung der Gefäßnerven oder eine Erschütterung des verlängerten Markes herbeiführen, find zu vermeiden, damit sich das Blut mit starkem Drucke entleeren kann. Am zuverläffigsten ist der sogenannte Schächtschnitt. Die mittelst des sogenannten Bolzenschußapparates vorher beliebte Betäubung des Schlachttieres ist wegen ihres Einfluffes auf die gefäßerregenden Nerven beffer zu unterlassen." _ Leo Tolstoi und Berthold Auerbach. Der „Voffischen Zeitung" wird geschrieben: Die russische Intelligenz rüstet sich, den achtzigsten Geburtstag Tolstois zu begeben. Bekanntlich hat der Philosoph von Jaßnaja- Poljana auf alle für diesen Tag in Aussicht genommenen Huldigungen und Ehrenbezeugungen verzichtet. Man könnte Leo Tolstoi, der in seinen Werken den Talmud so gerne zitiert, an den talmudischen Ausspruch erinnern: „Wenn ein König oder Gelehrter auf Ehrenbezeugungen verzichtet, so bleibt's dennoch eine ehrenhafte Pflicht, ihm trotz der Verzichtleistung Huldigungen darzubringen." Die Verehrer Tolstois werden vermutlich nach diesem Grundsatz verfahren. Der Geburtstag des greisen Denkers und Poeten zu Jaßnaja-Poljana wird wieder einmal Gelegenheit bieten, auf den langen Weg zurückzublicken, den Tolstoi in seiner fast sechzigjährigen Schaffenszeit zurückgelegt hat, und all die Entwicklungsstufen zu überschauen, die vom Dichter Tolstoi zum Denker und Religionsphilosophen führen. In seinem langen taten- und erfolgreichen Leben hat so mancher ausländische Denker und Schriftsteller seinen Weg gekreuzt, auf seinen Geist einen nachhaltigen Einfluß geübt und sein Denken und Handeln in wesentlich neue Bahnen geleitet. Zu den Schriftstellern, die Tolstor in jungen Jahren lieb gewann und denen er seine Liebe bis in sein Greisenalter bewahrte, gehört Berthold Auerbach. Bis zur Stunde verehrt Tolstoi in dem Schöpfer der deutschen Dorfgeschichte einen bedeutenden Künstler und „Apostel der Menschlichkeit". Die von allen Auerbach'schen Werken am wenigsten gekannte Erzählung „Neues Leben" machte auf den jungen Grafen Leo Tolstoi einen derart gewaltigen Eindruck, daß er daran ging, den dem Buche zugrunde liegenden Gedanken in die Tat umzusetzen. Tolstoi machte den ernsten Versuch, den Lieblingsgedanken des Auerbach'schen Helden im praktischen Leben zu realisieren. In Auerbachs Erzählung steigt Graf Eugen Falkenberg — dies der Name des Romanhelden — freiwillig mit Gefahr seines Lebens in die Beschränkung der Bauernwelt nieder. Nach einer abenteuerlich verlebten Kindheit besucht Graf Falkenberg die Jesuitenschule und lernt später das Leben der vornehmen Welt als Offizier kennen. Im Jahre 1848 wird er in Schleswig-Holstein irre an der monarchischen Ordnung und schlägt sich zu den badischen Freischaren. Kriegsgefangen, entspringt er aus dem Kerker, und mit Geld und falschen Pässen ausgerüstet will er nach Amerika fliehen. Auf Schleichwegen zum nächsten Hafen trifft er im Walde einen in ein weltfremdes Dorf versetzten Schulmeister, Eugen Baumann» dem er die Mittel gibt, auszuwandern, indessen der Graf als Baumanns ..Tauschmann" in Europa bleibt. Er nennt sich nunmehr Eugen Baum mn und steckt sich das hohe Ziel, ein Lehrer des Volkes zu werden und ein neues Geschlecht zu erziehen. Diesem Eugen Baumann wollte Tolstoi nacheisern. Eine interessante Episode von einem Besuch Tolstois bei Auerbach erzählt Anton Bettelheim in seiner Auerbach-Biographie: Zehn Jahre nach der Veröffentlichung von „Neues Leben" trat emes Tages ein Fremdling in Auerbachs Zimmer mit den Worten: Ich bin Eugen Baumann. Der Gast sprach mit solchem Ungestüm und sah so wild aus, daß Auerbach ein wenig erschrack, in der Besorgnis, ein Mann, der im wirklichen Leben Eugen Baumann hieß, wolle ihn wegen Namensmißbrauchs vor Gericht laden. Der seltsame Gast war indessen Graf Leo Tolstoi. Als Doppelgänger Eugen Baumanns sab sich Leo Tolstoi deshalb an, weil er, von Auerbachs Lehrgeschichte im Innersten gepackt, auf seinem Gute eine freie Volksschule gegründet und selbst, wre Eugen Baumann, als Lehrer die Bauernkinder von Jaßnaja-Poljana so lange unterrichtet hatte, bis ihm die russische Polizei das gewaltsam verwehrte. Zur Entstehungsgeschichte von Michelangelos König David. Florenz, Mitte März 1908. Bor kurzem fand im hiesigen kunsthistorischen Institut eine Versammlung von Kunsthistorikern statt, in welcher Doktor Gotschewsky über die Entstehungsgeschichte von Michelangelos David sprach. Bekanntlich lautete die Aufgabe, aus einem schon in Carrara von Bartolomeo di Pietro behauenen Marmorblock von 5'40 m Höhe eine Statue zu bilden. Der Block war zwischen den Beinen durchbohrt und aller Wahrscheinlichkeit nach der linken Hüfte verhauen. Michelangelo hat deshalb den Schwerpunkt so weit nach rechts verlegt. Die

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