Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 17 (24.4.1908)
- Date
- 1908-04-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 17 Mc. Llocv's Mocdenscvrur. seite 307 Die „Politische Correspondenz" berichtet über den Vorfall Folgendes: „Das Sakrileg erregte begreiflicherweiie die Erbitterung der Anwesenden. Als der k. u. k. Botschafter Graf Szecsen von dem Vorgänge Kenntnis erhielt, sprach er sogleich im Vatikan seine Entrüstung über das Geschehene aus Nachdem er den Zwischenfall dem Auswärtigen Amte mitgeteilt hatte, wurde er angewiesen, dem Kardinal- Staatssekretär auch das tiefe Bedauern und die Entrüstung des Freiherrn v. Aehrenthal zum Ausdrucke zu bringen." Der römische Korrespondent des „Vaterland" erzählt über die Szene unter dem Titel „Irrtümlicher Empfang der heiligen Kommunion" und sagt: „Die drei Israeliten befaudeu sich den ganzen Tag über in größter seelischer Aufregung und Professor Dr. F e i l b o g e n erklärte wiederholt seine Steigung zur Konvertier u n g." Durch das schwere, der gesamten Christenheit bereitete Aergernis haben die Schuldtragenden zu den Grundlehren des jüdischen Moralgesetzes sich in Gegensatz gestellt. Beim Schlußgottesdienst vom 23. d. M. sagte Oberrabbiner Dr. G üd em an n: ..Für uns Juden ist die Verpflichtung gegeben, den gottesdienstlichen Handlungen eines jeden Kultus Ehrfurcht entgegenzubringen. Wir müssen daher auch vom Standpunkt unserer Religion jenen ehrfurchtwidrigen Vorgang nicht bloß auf das Tiefste beklagen, sondern auch auf das Schärfste verurteilen. Diese Erklärung gebe ich hier von der Kanzel an heiliger Stätte im Namen des Vorstandes und sämtlicher Rabbiner unserer Knltnsgemeinde ab " Professor Feilbogen erklärt sich für unbeteiligt an der Affaire! Allein wir unsererseits können nur die Weisheit unserer Religionsvorschriften bewundern, welche jedem Juden d i e Teilnahme an R e l i g i o n s h a nd l u n gen anderer Konfessionen streng verbieten. Wir können es nur als ungehörig und unser eigenes jüdisches Empfinden verletzend beklagen, wenn ein Jude, und üb erdies ein Intellektueller, zur Teilnahme an einer spezifisch christlichen Religionshandlung, wie die Sakramentsspendung, sich drängt. Seine Teilnahme an der Kommunion muß unbedingt zu Konflikten führen, entweder mit seiner Umgebung, mit der Gesellschaft, deren Gast er ist, oder mit dem eigenen Gewissen, indem er die eigene innere Ueberzeugung prostituiert. Es ist selbstverständlich, daß, wenn man über seine Religion unterrichtet gewesen wäre, man Herrn Professor F. zur Teilnahme nicht zugelassen hätte. Seine so devot betonte Geneigtheit, die Taufe zu nehmen, wird die Leute in ihrem Jagdvergnügen im Geringsten nicht behindern. Das Geheul der Wiener antisemitischen Preßmeute wird ihn davon schon überzeugt haben. Sie sind ein zahlreich Volk — gespalten und doch wiederum geeint! Wenn die Einen nach seiner Seele schnappen, behindert das die Anderen nicht in ihrer Treibjagd auf den Kadaver. Auf die vielberufene christliche Liebe darf er sich verlassen! Ein Sohn des Judentums hat aber in seiner Geschichte tausendfache Ursachen, bei christlichen religiösen Zeremonien, auch wenn sie nicht gerade in der Sixtinischen Kapelle von dem Oberhaupte der Kirche vollzogen werden, nicht den Schaulustigen abzugeben, nicht nach hohen „Erlebnissen" zu lechzen, vielmehr ihnen meilenweit auszuweichen. Neben der Blutlüge hat der Aberglaube der Hostienschändung die zahlreichsten Opfer vom Judentume im Mittelalter gefordert und gab den meisten Anlaß zu Raub und Mord, zur Ausrottung ganzer Gemeinden. Im „D. V." vom Donnerstag, 23. d. M. liest man: „Hostienschändungen waren von jeher eine jüdische Spezialität und sogar die christliche Kunst hat sich einzelner der historisch beglaubigten Vorkommnisse dieser Art bemächtigt. Es sei hier zum Beispiele nur an den Zyklus der u der Brüsseler Kathedrale Sainte- Gudule in den weltberühmten Glasfenstern so meisterhaft verewigten Hostienschändunq durch Brabanter Juden erinnert." Von den Vorgängen berichtet ein altes Lied, das beiläufig also anhebt: „Das waren die bösen Juden Zu Brüssel im Belgerland, Das waren die bösen Juden, Die einstens auf sich luden Gar arge Schmach und Schand. Sie hatten viel Geld im Kasten, Allein die frommen Herren, Die guten Pfafflcin, haßten Das Geld in der Juden Kasten Und hätten es selber gern. Darob sie verklagen ließen, Die Juden in frommer Wut Sie täten die Hostien spießen Und freventlich vergießen Das daraus geflofiene Blut." Die Juden wurden 1369 gefangen gesetzt, gefoltert und zum Tode verurteilt. Am 22. Mai wurden sie auf einem Karren durch die Stadt gefahren, auf dem großen Markte vor der Katharinenkirche wurde ihnen mit glühenden Zangen das Fleisch vom Leibe gerifien und auf dem Wollendriesplatz wurden fie lebendig verbrannt. Der Tag der Judenverbrennung wurde regelmäßig gefeiert — zu Ehren „der Würde des heiligen Sakramentes". Vergebens hat bereits eine Proklamation des Magistrates vom Jahre 1580 die Grundlosigkeit aller gegen die unglücklichen Juden erhobenen Beschuldigungen konstatiert, „daß es sich auf das Entschiedenste ergeben habe, daß die angebeteten Stücke der Hostien nie geblutet hatten, daß fie nicht durchstochen, ja nicht einmal durch Eisen berührt worden seien" — die Kirche festigte die Ueberzeugung von der Schuld der Juden, denn sie wurden ja verbrannt und man hatte sich in ihre Habe geteilt. 1820 wurde der vierhundertfünfzigste Jahrestag des Judenmordes feierlich begangen, 1870 das fünfhundertjährige Jubiläum pomphaft gefeiert. Der Erzbischof von Mecheln zelebrierte die Messe im großen Ornat. Die Tragödie der Juden in Passau (1477) ist in verschiedenen Bildern und auch auf einem Holzschnitt im Münchener Kupferstichkabinett verewigt. Die Unterschrift auf dem Bilde erzählt, daß ein „leychtfertiger vnd verzagter mensch weylandt genant Cristoff eysen greißhamer, vergessende seiner sel selygkayt", den Juden um einen rheinischen Gulden eine geweihte Hostie zugewendet habe. Man bringt „den leychnam christi" in die Synagoge, um ihn von neuem zu kreuzigen. Kaum hatte einer der Juden „mit scharpfem Messer" in das Sakrament gestochen, als daraus Blut zur Erde floß und „eins kindes angesicht erschynen". Die Juden erschrecken, schicken sofort je zwei Partikeln nach Prag, nach Salzburg und Neustadt, den Rest werfen fie in einen glühenden Backofen. „Haben sy gesehen 2 engel sundj 2 tauben auss dem ofen flygen." Der Dieb der Hostie wird entdeckt. Er sagt „ungezwungen solch gross vbel und mer" von den Juden aus. Auf Befehl des Bischofs werden diese gefangen gesetzt und auf die Folter gebracht. Sie bekennen sich schuldig, zeigen auch das M sser, den Stein, die Stätte des Verbrechens und jenen Backofen. In ihrer Angst nehmen vier von ihnen das Christentum an. Sie werden am Erichtag nach Judica mit dem Schwerte hingerichtet. Etliche Wochen später wird der Hostiendieb „nach ordnung des rechten mit gluenden zangen" zu Tode gepeinigt. Zwei Juden, „die das sacrament behylten", werden gleichfalls mit glühenden Zangen zerrissen, die übrigen, die „vmb das sacrament gewyst haben, verprent". Die Synagoge wird zu der bis heute erhaltenen Salvatorkirche umgebaut. „Aber auch sonst ist doch die Sache längst klargestellt, daß das Talmudjudentum wohl nichts so sehr haßt und mit Spott überschüttet, als gerade dieses christliche Mysterium" — versichert das „Deutsche Volksblatt." Eine Handschrift der Wiener Hofbibliothek erzählt eine ähnliche Greueltat: „Im Jahre des Heils 1338 wurden in Pulka, also nicht gar weit von Wien, die Juden von den Priestern der Hoftienschündung beschuldigt und grausam niedergemetzelt, ohne daß der Bischof von Passau, zu dessen Diözese Pulka gehörte, eingeschritten wäre. Herzog Albrecht II. meldet dem Papste Benedikt XI. den Vorfall und spricht die Ansicht ans, es sei nur auf den Raub des Jndengutes abgezielt worden. Zu Neuburg und Werhatsdorf habe nämlich ein Priester eine nicht geweihte Hostie mit Blut gefärbt und ausgesprengt, die