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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-08-17 · 16 (17.8.1908) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
16 (17.8.1908)
Date
1908-08-17
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Rr. 16 Erite 296 Ar. MScvs lölocöengcBrttiu seinem Fortkommen zu buten, seine Studien zu fördern, es zü kleiden und ihm auch Vergnügungen mancher Art zu schaffen. Doch gar manches Kind, und es sind leider viele, hat das Unglück, schon in seinem frühesten Alter der fürsorglichen Hand und des herzlichen Mitgefühles der Eltern entbehren zu müssen. Des Waisenkindes nimmt sich der Waisenverein in Vertretung der verstorbenen Eltern an. Durch die Hochherzigkeit der Familien Baron Springer, Ritt. v. Gutmann und der edlen Frau Merores-Jtzeles, entstanden in Wien drei Waisenhäuser für eine beschränkte Anzahl jüdischer Knaben und Mädchen. Der größte Teil der Waisenkinder jedoch ist nicht in Waisenhäusern untergebracht, sondern bei eigenen Familienangehörigen; einige befinden sich in fremder Pflege. Aber nicht alle Kinder, die der elterlichen Fürsorge entbehren, sind Waisenkinder. Die sogenannten „verlassenen Kinder" bilden ein eigenes Kapitel im Armenwesen. Das uneheliche Kind, das zumeist von der Mutter als Last angesehen wird und verstoßen und verlassen gegen das geringste Entgeld bei Haltefrauen sein elendes Dasein fristet und die traurigsten Kinderjahre verlebt, ist es nicht ärger daran als das Waisenkind? Der Staat und die Kommune, sie sorgen für das Kind, sie bezahlen eine Verpflegsgebühr und lassen die Erziehung des Pfleglings überwachen. Die Kultusgemeinde nimmt sich dieser Kinder, die seitens des Magistrates oder der Findelanstalt bei Pflegeparteien untergebracht sind, in der Weise an, daß sie die Verpflegsgebühr der Behörde von monatlich K 8.— resp. K 12.— oder K 16.— aus Wohltätigkeit auf K 25.— bis K 30. ergänzt und auf diese Art in den meisten Fällen den Kindern eine bessere Verpflegung verschafft. Außerdem erhalten die meisten dieser Kinder die Bekleidung durch die Kultusgemeinde und werden von den Mitgliedern der Bezirkskommissionen allmonatlich inspiziert. Wiederholt hat der Kultusvorstand veranlaßt, daß die bei katholischen Parteien untergebrachten Kinder zu jüdischen Familien in Pflege gebracht werden. Jedoch werden dem Amte bei Durchführung der Abnahme eines in katholischer Pflege befindlichen jüdischen Kindes dadurch Schwierigkeiten bereitet, daß z. B. der christliche Vormund seine Zustimmung verweigert oder daß. sich das Kind an die Partei durch die besonders gute Behandlung und auch umgekehrt, die Partei sich an das Kind gewöhnt hat. Für in katholischer Pflege untergebrachte Kinder leistet die Kultusgemeinde den Parteien eine monatliche Prämie von K 4.— bis K 10.— gegen den Nachweis, daß das Kostkind den jüdischen Religionsunterricht regelmäßig besucht und auch dem Jugend-Gottesdienste beiwohnt. Hier wäre es eine erwünschte Abhilfe, wenn ein Heim für verlassene jüdische Kinder errichtet weiten würde und ich richte die große Bitte an die edlen Damen und Herren, zur Verwirklichung dieser Idee ihr Möglichstes beizutragen. Zu diesem Zwecke stehen Legate und große Stiftungen zur Verfügung, wie dies wiederholt durch den hochherzigen Anwalt der verlassenen Kinder, Herrn Dr. Maximilian Steiner schriftlich und mündlich hervorgehoben wurde. Es wäre ein sehr segensreiches und dankenswertes Unternehmen, durch Zuwendung größerer Spenden und Stiftungen das seit Jahren fruchtbringend angelegte Kapital zur Errichtung eines Asyles für verlassene Kinder genannt „Mannheimer Kiuder-Asyl", dessen verfügbare Fonds dermalen noch ungenügend find, der Aktivierung näher zu bringen. In die Kategorie der verlassenen Kinder gehören auch solche, die durch Schicksalsfügung teilweise der elterlichen Fürsorge entbehren müssen. In der heutigen, den Juden gar so erschwerten Zeit verläßt so mancher Ernährer gezwungener Weise seine Familie mit dem ehrlichen Vorsatze, falls er auswärtig einen Verdienst gefunden hat, Geld zur Erhaltung der Familie zu senden, aber es gelingt ihm nicht, die Familie bekommt keine Gelder und darbt. Hier hilft die Kultusgemeinde mit monatlichen Beiträgen für die Erziehung der Kinder. Es kommt auch vor, daß der Ernährer nicht im Stande ist, für seine Familie zu sorgen; die arme Familienmutter berichtet, ihr Gatte ist unheilbar krank, er befindet sich in einer Heilanstalt, in der Irrenanstalt, oder er ist leichtsinnig, kümmert sich nicht um seine Familie, er hat sich gegen das Gesetz vergangen und verbüßt eine längere Strafe. In diesen verschiedenen Fällen gibt die Kultusgemeinde nach genauester Prüfung jedes einzelnen Falles aus dem Konto für die Verpflegung der verlassenen Kinder monatliche Erziehungsbeiträge. Im Einvernehmen mit der Behörde, d. i. der n.-ö. Landes-Findelanstalt oder dem Wiener Magistrate, und weniger oft mit Wohltätigkeits-Vereinen gemeinsam sorgt die Kultusgemeinde für diese verlassenen Kinder, indem sie Verpflegs- und Bekleidungsbeiträge gibt, schwachen Kindern in einer Ferienkolonie Aufnahme erwirkt und sie nach Möglichkeit durch freiwillige Pfleger sowie durch honorierte Lehrpersonen inspizieren, resp. unterrichten läßt. Den geehrten Damen und Herren dürfte es kaum bekannt sein, wie schwer es ist, geeignete Pflegeparteien für diese verlassenen Kinder der Behörde zu nominieren. Es melden sich zwar viele Leute, zumeist Frauen, die sich mit der geringen Bezahlung bescheiden würden, jedoch nicht in der Lage find, sich die erforderlichen Wohnungs- und andere von Pflegeparteien zü fordernden Bedingungen zu verschaffen. Der Kultusvorstand hat es auch versucht, zart gebaute Kinder außerhalb Wiens in Pflege zu geben. Einige Jahre waren einzelne Kinder bei dem Leiter der jüdischen Schule in Austerlitz mit bestem Erfolge untergebracht. Der Mann hat aber aus Altersrückfichten dieses Amt wegen der vielen Mühe, die es mit sich führt, aufgegeben. Seit zirka zwei Jahren befinden sich auch einige Kinder als Pfleglinge der Kultusgemeinde Wien in der Obhut jüdischer Familien in Schaffa und will man versuchen, auch fernerhin Kinder in gesunden Gegenden Mährens und Niederösterreichs in Pflege zu geben. Der Leiter der 'n.-ö. Landes-Gebär- und Findelanstalt, Herr Direktor Dr. Riether, gibt sich in nicht genug anerkennenswerter Weise die größte Mühe, dem Wunsche der Kultusgemeinde nachkommend, die jüdischen Kinder zu jüdischen Parteien in Pflege zu geben. Neuerlich ist er an der Arbeit, eine andere Kategorie von Pflegeparteien zu suchen, und zwar Familien, welche die ledige Mutter mit ihrem eigenen Kinde sofort nach Austritt aus der Gebärklinik in Pflege nehmen und durch mindest 4 Monate bei sich belassen. Dafür soll die Pflegepartei für Kost und Quartier eine noch zu bestimmende Verpflegsgebühr erhalten, hingegen diese, zumeist ledigen Mütter verpflichtet sein, ihr Kind zu beaufsichtigen und zu säugen, sowie bei den häuslichen Arbeiten der Haltefrauen mitzuhelfen. Solche jüdische Pflegeparteien für jüdische Mütter und deren Kinder zu nominieren, wäre gewiß eine Wohltat und eine wichtige Aufgabe der Frauenvereine. Der in der vorwöchentlichen Nummer der „Dr. Bloch's Oesterreichischen Wochenschrift" von dem geehrten Herrn Dr. S. Krenberger gebrachte Artikel: „Das Kind", welchen wohl die meisten der hier versammelten Damen und Herren gelesen haben dürften, enthielt in ausgezeichneter und fein durchdachter Weise manche wichtige und beherzigenswerte Mahnung und Lehre eines warm fühlenden jüdischen Pädagogen, in welcher Form dem jüdischen Kinderelende gesteuert werden könnte und sollte. Es wäre wünschenswert, wenn diese schönen Anregungen im Jubiläumsjahre unseres erhabenen gütigen Monarchen verwirklicht werden würden. In einer Ansprache, die der greise ehrwürdige Rabbiner Dr. Schmied! hielt, verglich er die edlen Damen und Herren, die sich mit Wohltätigkeit befassen, mit den Engeln, welche auf der berühmten Jakobsleiter auf- und niedersteigen, sich in das mühevoll zu erklimmende Mansardenstübchen hinauf-, wie auch in den dumpfen Kellerraum der Armenwohnungen hinab begeben, um Not zu lindern und dem Elende zu steuern. Auf der höchsten Sprosse dieser Leiter sah unser Erzvater Jakob, Gott selbst. Und darin, sagte der ehrwürdige Rabbiner, liegt die höchste Anerkennung, das ist der göttliche Segen für diejenigen hochherzigen Menschenfreunde, die sich persönlich mit Armenpflege befassen. An dieses Bild erinnere ich mich stets, wenn ich an die edelmütige Tätigkeit unserer jüdischen Frauenvereine denke, und

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