Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-08-17 · 16 (17.8.1908) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
16 (17.8.1908)
Date
1908-08-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3020846-3021764-3021781--17266-3042131
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 16 Ar. Llocb s Mocvenscvrm. Seite 293 hingegen schicken dieselben Herren sehr fleißig ihre Reisenden nach Galizien und find mit den Aufträgen von dort sehr zufrieden. Um den in Wien lebenden galizischen Juden bessere Existenzbedingungen zu schaffen und den minder intelligenten Teil mehr zu kultivieren, wäre die Gründung einer galizischen Organisation sehr wünschenswert, dieselbe würde nicht nur ein Segen für die in Wien lebenden Galizianer sein, sondern sie hätte auch großen Einfluß auf die Entwicklung der Juden in Galizien. Der Organisation müßten sich die jüdischen Hofräte, Advokaten, Aerzte, Schriftsteller und Kaufleute, die galizischer Herkunft sind, anschließen. Um aber all diesen Herren Gelegenheit zu geben, sich in dieser Organisation zu betätigen, müßte selbstverständlich dafür gesorgt werden, daß dieselbe politisch vollkommen farblos sei, sie dürfte weder bei den politischen, noch bei den Kultusgemeindewahlen für oder gegen eine Partei Stellung nehmen. Die Organisation hätte einzig und allein dafür zu sorgen, daß Anträge, wie der früher erwähnte, in .Zukunft nickt mehr gestellt werden sollten, und wenn ein Arzt, Chemiker, Buchhalter oder Kommis sich irgendwo bei einem Juden um eine Stelle bewirbt, er deßhalb. weil er aus Galizien ist, nicht abgewiesen wird. Kulturell wäre dafür zu sorgen, daß man Abendkurse zur Erlernung der deutschen Sprache und kommerziellen Unterricht für die der Schule schon entwachsene Jugend liest, damit die jungen Leute aus Galizien, die täglich nach Wien kommen und Posten suchen, dadurch leichter ankommen können. In keiner anderen Weltstadt herrscht eine solche Animosität gegenüber galizischen Juden wie in Wien, und deßhalb ist es gerade hier besonders notwendig und sind die hier lebenden Juden Galiziens verpflichtet, für die Schaffung einer Organisation zu sorgen, um endlich einmal das grundlose Vorurteil verschwinden zu lassen. I. G r o b t u ch. Vom Jahrmarkt des Lebens. Protest gegen die Resolution des Abgeordneten Schmid. Die Abgeordneten Gabel, Galt, Gold, Adolf Groß, Koli scher, Kuranda, Loewenstein, Mahler, Ofner, Stand und S t r a u ch e r beschlossen einstimmig folgende Kundgebung: „Der Budgetausschuß hat bei der Verhandlung über die Mittelschulen einen Resolutionsantrag des Abgeordneten Heinrich Schmid angenommen, welcher die. Regierung auffordert, Erhebungen zu pflegen, wie das Zahlenverhältnis der jüdischen zu den christlichen Mittelschülern mit der wirklichen Bevölkerungsziffer in Einklang zu bringen sei, und dem Hause über den Erfolg dieser Erhebungen Bericht zu erstatten. Der Ausschuß hat sich vertagt, und es ist nicht mehr möglich, in derselben parlamentarischen Körperschaft, in welcher dieser Beschluß gefaßt wurde, gegen die ihm offenkundig innewohnende Tendenz gebührend Verwahrung einzulegen. Auch den Zeitpunkt abzuwarten, in welchem die beantragte Resolution im Hause zur Beratung gelangen könnte, scheint uns untunlich, weil eine Aktion, die auch in die parlamentarische Praxis jenes System der Rechtsungleichheit einzuführen trachtet, welches im sonstigen öffentlichen Leben des Staates leider allzu häufig Anwendung findet, sofort als solche stigmatisiert und von allem Anfänge an bekämpft werden muß. Der Budgetausschuß, der 52 Mitglieder zählt, hat mit 19 gegen 9 Stimmen, also mit einer reinen Zufallsmajorität, jenen Antrag angenommen. Wir können auch nicht glauben und wollen nicht annehmen, daß dieser Antrag im Hause die Majorität erzielen könnte, daß ein Volksparlament, berufen, die gleichen bürgerlichen Rechte aller zu wahren, die kulturellen Interessen der Gesamtheit zu schützen, das Gedeihen aller zu fördern, einer Maßregel seine Zustimmung geben könnte, welche kulturell und moralisch gleich verwerflich ist, die durch die Verfassung jedermann gewährleistete Lernfreiheit verletzt, die Zugänglichkeit der öffentlichen Lehranstalten für alle ohne Unterschied illusorisch macht. Wir besorgen auch nicht, daß eine ihrer Pflicht bewußte Regierung der in dieser Resolution enthaltenen Anregung Folge leisten könnte, denn die Regierung, berufen, ein Hüter des Rechtes zu sein, kann durch keinen Beschlußantrag verpflichtet werden, kulturelles Recht und beeidetes Gesetz zu verletzen. Nichtsdestoweniger müssen wir diesen offenbar neuerlichen Vorstoß gegen die gleichen bürgerlichen Rechte der jüdischen Bevölkerung sofort mit aller Entschiedenheit zurückweisen. Eingedenk unserer Pflicht, unter den uns anvertrauten Gesamtinteressen insbesondere auch das Recht der jüdischen Bevölkerung auf Anerkennung als gleiche, vollberechtigte Staatsbürger im Parlament zu vertreten, werden wir im geeigneten Zeitpunkte im Hause jenen volksbildungsfeindlichen Antrag bekämpfen; aber bis ins tiefste in unserer persönlichen und staatsbürgerlichen Würde verletzt, fühlen wir uns gedrängt, schon heute von jenem Resolutionsanlrage des Budgetausschusses und der ihm innewohnenden Tendenz an die öffentliche Meinung des gesitteten Oesterreich zu appellieren. Wir legen feierlich Verwahrung ein gegen eine Aktion, welche in schroffem Widerspruche steht zu dem Staatsgrundgesetze, das volle Lernfreiheit gewährt, zu dem Streben nach Wissen,' welches der Kulturwelt innewohnt, zu dem modernen Leben, das theoretische und praktische Bildung verlangt, um schaffend wirken zu können und im Wettbewerbe der Staaten und Völker zu bestehen. Wir legen solennen Protest ein gegen jenen Antrag, welcher die Rechtsgleichheit verletzt und geeignet ist, Oesterreich zum Hohn der gesitteten Welt auf das Kulturniveau Rußlands und Rumäniens herabzudrückeu." Weder das Armenwesen der Wiener israelitischen Knltnsgemeinde. Vortrag, gehalten anläßlich der Generalversammlung des israelitischen Frauen-Vereines, Wien-Hietzing am 5. April 1908 von Rudolf Kraus, leitender Beamter im Wohltätigkeits-Amte der israel. Kultusgemeinde. Hochverehrte Damen und Herren! Vor allem erlaube ich mir, Ihnen für die mich ehrende Einladung, in Ihrem hochansehnlichen Vereine zu erscheinen, meinen besten Dank auszusflrechen und will ich, mich im Rahmen des mir gesetzten Themas haltend, vom Armenwesen, wie es der Vorstand der Wiener Kultusgemeinde durch seine Institutionen und Organe ausübt, sprechen. In der verschiedensten Weise können Arme eine Unterstützung erhalten. Es gibt einzelne und gewiß edel veranlagte Menschen, welche, da sie nicht alle Armen unterstützen können, sich einen gewiffen Kreis von Armen wählen und diese Armen nach Maßgabe ihrer Mittel und nach bestem Können unterstützen. Die Abfassung der stiftbrieflichen Bestimmungen bei Legaten und Widmungen beweist dies und die Institute, welche von Stiftern und hochherzigen Philanthropen für Waisen. Witwen, Kranke, Taubstumme, Blinde, sowie für kleine Kinder (sogenannte Kinderbewahr-Anstalten) gegründet wurden, find doch gewiß nicht genug zu schätzende Denkmale für diese edlen Menschen, die, da sie eben nicht allen helfen konnten, für einen Zweig der Armut ihr Bestes getan haben. Der Kultusgemeinde als solcher liegen Tag für Tag Ansuchen um alle Arten von Unterstützungen vor. Es ist kaum glaublich, in welch verschiedener Gestalt die Not und das Elend in den Familien sich bildet, oder wie grausam oft das Schicksal gerade an den Bedürftigsten herantritt. Selbst die reichsten Mittel und die beste Fürsorge find oft nicht imstande, den Schrecken der Not auch nur teilweise entgegenzutreten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.