Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 16 (17.8.1908)
- Date
- 1908-08-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 290 Dr. »locb s Mscdenscbrttt. Nr. 16 — „Allen Militärpersonen der verschiedenen Konfessionen soll au den dem Gottesdienste vornehmlich geweihten Tagen die Teilnahme an den Andachtsübungen ihrer Religionsgenoffenschaft ermöglicht werden. Wo es angeht, sollen die Truppen nach ihrer Religionsgenoffenschast gesondert, mindestens allmonatlich einmal zum Besuch des Gotteshauses geführt werden." Und der § 2, Absatz 1, des Dienstreglements sagt so schön (lftst): „Gottesfurcht ist die Grundlage eines moralischen Lebenswandels und eine Aneiferung zur treuen Erfüllung der Pflicht." Man sollte also glauben, daß die militärischen Vorgesetzten, welche ja — ob aus vollster Ueberzeugung und mit vollster Inbrunst, kann ich nicht kontrollieren — aber äußerlich so sehr die Gottesfurcht zur Schau tragen, strenge auch auf die Durchführung dieser Bestimmung sehen würden. Allein der jüdische Soldat kommt während seiner ganzen militärischen Dienstzeit selten oder gar nicht in die Lage, dem Gottesdienste seiner Konfeffion anzuwohnen. Für die prozentuell in weit geringerer Anzahl vorhandenen Soldaten mohammedanischen Glaubens wird in der liberalsten und ausreichendsten Weise gesorgt; die Fürsorge für sie geht sogar so weit, daß für die rituelle Verköstigung der mohammedanischen Soldaten gesorgt wird. Es wird ihnen ferner Gelegenheit geboten, daß sie ihre religiösen Andachts- Übungen und Waschungen vornehmen können, dann daß sie am Freitag das sogenannte Dzumnagebet von 11 bis 1 Uhr mittags sowie am Ramazan und Kurban-Beiramfeste das vorgeschriebene einstündige Gebet vor Sonnenaufgang in einer Moschee oder, wo keine vorhanden ist, im Freien, also im Kasernhof oder in einem eingerichteten Zimmer verrichten können. Seitdem die bosnischen Regimenter in Wien in Garnison find — ich glaube, in der Alserkaserne —, ist auch dafür gesorgt, daß ein eigener mohammedanischer Seelsorger aktiv bestellt ist, ein sogenannter Imam; auch ein eigener ständiger Betsaal ist in der Alserkaserne eingerichtet; und weil bekanntlich den Mohammedanern nur der Genuß des Fleisches von geschlichteten Tieren gestattet ist, ist dafür gesorgt, daß ihnen solches Fleisch verabreicht wird. Warum nicht auch für die religiösen Bedürfniffe der jüdischen Soldaten gesorgt wird, ist ganz unerklärlich, unbegreiflich und höchst ungerecht. Die jüdische Bevölkerung Zisleithaniens zählt l'.L Millionen, und es gehören weit über 20.000 Angehörige des jüdischen Glaubens, des jüdischen Volkes . . . (Abgeordneter Prochazka: Das sind die besten Kundschaften für Schweinefleisch bei den Delikateffenhändlern in Wien!) Verzeihen Sie, Herr Kollega, ich weiß ja, daß der Schinken ganz verjudet wird, aber das hat nichts zur Sache, und ich habe ja nicht die Juden von Wien vor Augen. Tausende und aber tausende gcsetzestreuer Juden gehören dem Militär an, warum soll für die Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse nicht gesorgt werden? (Abgeordneter Prochazka: Gewiß, aber Tausende von Juden fressen nur Schinken, aber feinster Prager Schinken muß es sein!) Ich glaube, Herr Kollega, wenn es sich um eine solche Sache handelt .... (Abgeordneter Prochazka: Sie wissen das gewiß bester als wir! — Ruf: Die Prager Schinken sind aber wirklich gut! — Heiterkeit.) Na also! Vizepräsident Dr. Zaeek (das Glockenzeichen gebend): Ich bitte, meine Herren, den Redner nicht zu unterbrechen! (Abgeordneter Prochazka: Wi plauschen nur ein bisserl! — Heiterkeit.) Abgeordneter Dr. Straucher (zum Abgeordn. Prochazka): Haben Sie noch elwas zu bemerken? (Abgeordneter Prochazka: Nein! Wenn Sie bald fertig werden, bin ich nicht böse!) Nein! Den Gefallen kann ich Ihnen nicht tun! Lassen Sie doch Ihre übel angebrachten Witze. Der § 30 des Dienstreglements sagt ausdrücklich, daß bei der Wahl der Menageartikel den verschiedenen Religionsgebräuchen Rechnung getragen werden soll, und wo die Berücksichtigung der Kultusforderungen einzelner nicht möglich ist, sei der Mannschaft das Menagegeld bar zu bezahlen. Ich begehre von der.Kriegsverwaltung nichts anderes, als die strikte Durchführung der Gesetze und der Bestimmungen des Dienstreglements sowie die strikte Durchführung aller jener Erlässe und Verordnungen, die so vielfach die Registraturen belasten ohne daß aber diese Bestimmungen tatsächlich, durchgeführt würden. Wir können uns die vielfachen Zurücksetzungen nicht gefallen lassen, denn dadurch soll uns Juden nur der. Stempel der Minderwertigkeit aufgedrückt werden. Sehen Sie, wie es da mit den anderen Konfessionen bestellt ist. Für die Soldaten aller Konfeffionen find aktive Militärgeistliche bestellt; so für die römisch-katholischen: 1 apostolischer Feldvikar, 1 Feldkonsistorialdirektor, 2 Feldkonfistorialsekretäre, 2 Feldsuperioren I. Klasse, 13 Feldsuperioren II. Klasse, 2 Akademiepfarrer; für die griechisch-katholischen: 2 Felderzpriester; für die griechisch-orientalischen: 2 Weltpriester; für die evangelischen: evangelische Feldsenioren, 1 für jene Helvetischen Bekenntnisses und 1 für jene Augsburger Bekenntnisses; für die mohammedanischen Soldaten: mohammedanische Seelsorger: 2 Imams II. Klasse für die bosnisch-herzegowinischen Truppen. Für die jüdischen Soldaten aber gibt es keinen einzigen aktiven Militärseelsorger. Das ist geradezu auffallend. (Abgeordneter Prochazka: Wahrscheinlich sind zu wenig Juden!) O nein, da find Sie sehr im Irrtum, es find nicht zu wenig Juden. Uebrigens werden ja vielfach Juden aus der Armee hinausgedrängt. (Abgeordneter Prochazka: Das ist kein Unglück!) Für Sie ist es allerdings kein Unglück. Wenn Juden zum Militär kommen, heißt es, sie überschwemmen das Militär — kommen sie aber nicht, dann entziehen sie sich dem Militär. Ihnen kann man es ja nicht recht machen, das wissen wir sehr gut. Wenn der Jude sich bescheiden abwärts hält, dann ist er rückständig (Gelächter), wenn er aber mittut und seine Rechte fordert, ist er gleich frech und arrogant! (Abgeordneter Prochazka: Der Jude ist immer frech!) Ich glaube das Gegenteil, Sie provozieren immer^ Ich könnte Ihnen mit mehr Recht sagen, daß Sie ftech sind. Hören Sie. mir lieber zu...Wh- Mchen^Sie keine solchen Zwischenrufe! . ' " Nun ist es geradezu auffallend, daß in den verschiedenen Korpsbereichen, zum Beispiel Lemberg, Wien, Przemysl, Prag, Krakau und Budapest, in denen Tausende jüdischer Soldaten dienen, gerade für diese kein einziger aktiver Militärseelsorger angestellt ist. (Ah, Rabbiner!) Ja! Ich versichere Sie, daß diese mindestens soviel Kenntnisse mitbringen wie die Seelsorger anderer Konfessionen. (Abgeordneter Prochazka: Das ist zwar nicht richtig, aber für Ihre Religion genügt es Ihnen, also stellen Sie sie an! — Abgeordneter Dr. Mahler: Wir haben nicht das Recht, sie anzustellen!) Sie stellen alle anderen Militärseelsorger an und bezahlen sie aus dem Staatsbudget, also aus den Steuergeldern der ganzen Bevölkerung, sonach auch der Juden; Sie müssen daher aus diesen allgemeinen staatlichen Mitteln auch die Seelsorger der anderen Konfessionen, also auch der jüdischen, bezahlen, nicht bloß der römisch-katholischen. (Abgeordneter Prochazka: Gewiß! Ich meine das auch so!) Also doch einmal Einsicht. Nach dem Ausweise der Heeresverwaltung entfallen in Oesterreich auf je einen Seelsorger 2029 Mann römisch-katholischen Glaubens, 2433 Mann griechisch-katholischen Glaubens, 2753 Mann griechisch-orientalischen Glaubens, 2360 Mann evangelischen Augsburger Bekenntnisses, 2665 Mann evangelisch reformiert, 990 Mann Mohammedaner. Für die Juden wieder nichts! Auf diese Art züchtet die Staatsverwaltung selbst die Demoralisierung, dadurch wird aber der Eindruck der Minderwertigkeit des jüdischen Volkes und seiner Angehörigen hervorgerufen. Dagegen protestieren wir mit allem Nachdruck. Wir find nicht minderwertig! Wir find in diesem Staate vollwertige und gleichberechtigte Staatsbürger. Wir verlangen diese Gleichberechtigung als Staatsbürger und die Gleichwertigkeit als Volk. Wir bringen die gleichen Opfer an Gut und Blut für diesen Staat und tragen die gleichen Lasten. Die fortwährenden Zurücksetzungen müssen endlich aufhören! (Beifall.)