Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 16 (17.8.1908)
- Date
- 1908-08-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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SeUr 288 Nr. 16 Dr. Blocb's MocbenscbrLtt. sich stets in höchster Aufregung befand. Eines Abends sagte er: „Ich war heute beim Schießen und da ich im Rückstände bin, habe ich heute 85 Patronen in einer Tour verschießen müssen." Die rechte Achselfurche, wo der Ge ^ehrkolben angesetzt wird, war ganz blau angelanfen, ebenso der rechte Handrücken. Dieses Schießen war eine Liebesbezeugung des Rittmeisters Barda!" Um Ihnen das weitere Borlesen zu ersparen, will ich in Kürze bemerken, daß die Drohung mit der Degradation den armen Mann dazu gebracht hat, daß er eines Tages einen Selbstmord verübte. Als er mit-dem Tode rang, frug ihn sein Vater: „Warum hast du dies getan?" Da antwortete er: „Vater, Rtttmeister Barda ist schuld!" „Es wurde uns auch mitgeteilt, daß der Rittmeister mit Beziehung ans den Soldaten, der sich erhängt hatte, die Worte gebrauchte: „Ich habe schon lange kein Husarenfell gehabt." Auch sonst berichtet man über allerlei Plackereien. Wir fordern eine strenge Untersuchung. So berichtet das Organ der sozialdemokratischen Partei in Czernowitz, die „Volkspreffe". Der Vorfall hat sich im Februar dieses Jahres zugetragen. Ob dieser Vorfall offiziell zur Kenntnis der Heeresverwaltung, des Reichskriegsministeriums gebracht worden ist, ist mir nicht bekannt; ich habe mir aber vorgenommen, diesen Fall im Hause zur Sprache zu bringen, um auf diese Art zu veranlassen, daß die Heeresverwaltung in diesem Falle eine strenge Untersuchung führt, damit, wenn sich die Sache so verhält, auch tatsächlich die Schuldigen zur Verantwortung gezogen werden. Ich bitte, zu bedenken, welche Erregung sich in den Kreisen der Bevölkerung geltend macht, wenn derartige Fälle bekannt werden, und es ist dann nicht zu verwundern, daß immer mehr fich Unlust' zum Militärdienst in allen Volkskreisen geltend macht. Ist schon die Behandlung der Soldaten durch viele Unteroffiziere und auch Offiziere überhaupt eine barbarische, ungerechte und menschenunwürdige, so ist sie vielfach gegenüber den jüdischen Soldaten geradezu rücksichtslos. Welche Summe von Kränkungen, Zurücksetzungen, Beschimpfungen, Demütigungen und Erniedrigungen ein solcher jüdischer Soümt oft auszustehen hat, davon können Sie fich keine richtige Vorstellung machen, da muß man Augen- und Ohrenzeuge gewesen sein; das muß man sich vorurteilslos mitteilen lassen und darf sich nicht mit einem Achselzucken darüber oder der Ausflucht hinwegsetzen, es sei doch „nur" ein jüdischer Soldat. Es ist ein Mensch, der im staatlichen Heeresverband steht, der seine geraden Glieder, seine Gesundheit und sein Leben für die Gesamtheit, für alle Staatsbürger aufs Spiel setzt. Auch der jüdische Soldat gehört einem Volke an, welches vollen Anspruch auf unverkürzte Gleichberechtigung und volle Gleichwertigkeit erhebt. (Bravo!) Der Abgeordnete Winarsky und mein geehrter Gesinnungsuud Klubgenosse Dr. Gabel haben noch im Monate November des vergangenen Jahres eine Interpellation eingebracht, und zwar über einen Fall, der geradezu haarsträubend ist. Dieser Fall betrifft den Infanteristen Michael Herschkowits vom 51. Infanterie-Regiment und verhält fich diese Sache wie folgt (liest): „Sonntag den 24. November 1907" — also an einem Sonntag! — „am Nachmittag wurde in der Stiftskaserne in Wien der Rekrut des 51. Infanterie-Regiments Michael Herfchkovits von seinem Vorgesetzten, dem Korporal Johann Balint, erschossen." Wie mehrere Wiener Tagesblätter berichten, ist diese Tötung durchaus nicht auf einen Zufall zurückzuführen, sondern bildet den tragischen Abschluß einer Kette von Quälereien und Schikanen, denen der arme Rekrut seitens seines Vorgesetzten ausgesetzt war. So machte der Korporal strafweise mit dem Rekruten Gelercksübungeu, dann Uebungen mit dem Gewehr und gab ihm fchüeßlich den Befehl, Marschadjustierung anzulegen und die UÄuugen fortzusetzen — alles an einem Sonntag Nachmittag! Schließlich forderte er den Rekruten auf, niederzuknien, nahm ihm das Gewehr ab und mtt dem Ausrufe: „Jetzt bete!" erschoß er ihn. Ich will den Inhalt dieser Interpellation nicht weiter verlesen, aber ich will einige Stellen aus der Antwort des Herrn Landesverteidigungsministers vorlesen. Der Herr Landesverteidigungsminister hat in der Beantwortung dieser Interpellation in der Sitzung vom 11. Dezember vergangenen Jahres folgendes gesagt (liest): „Ich beehre mich, dem hohen Hause vor allem die Mitteilung zu machen, daß sich der in den Interpellationen behandelte Vorfall nach dem Ergebnisse der bisherigen Erhebungen bedauerlicherweise tatsächlich in der geschilderten Weise ereignet hat." Also der Minister gibt selbst zu, daß sich dieser Vorfall so zugetragen hat, wie er in den Interpellationen der Herren Abgeordneten Winarsky und Dr.. Gabel geschildert worden ist. (Unerhört!) Und dann erzählt der Minister folgendes (liest): „Infanterist Michael Herfchkovits des Infanterie-Regiments Freiherr v. Probszt Nr. 51 wurde am 24. November d. I. gegen 3 Uhr 45 Minuten nachmittags im Zugszimmer 62 der Stiftskaserne durch einen vom Korporal Johann Balint desselben Regiments aus einem Dienstgewehre abgegebenen Schuß getötet. Laut der im kurzen Wege eingeholten Akten befahl am genannten Nachmittage Korporal Balint dem Herfchkovits, in langsamen Marschtempo im Zugszimmer zu marschieren, was Herfchkovits auch tat. Sodann ließ Balint durch zwei Infanteristen zwei Bänke Übereinanderstellen, damit Herfchkovits über dieselben springe. Da er dies nicht ausführen konnte, ließ ihn Balint durch die Bänke kriechen und. rief schließlich, er werde den Herfchkovits erschießen, man solle ihm ein Gewehr bringen. Während ein Infanterist ein Gewehr holte, entnahm Balint aus seinem Koffer eine scharfe Patrone, seiner Angabe nach einen Versager. Balint lud das Gewehr, brachte es in Anschlag, der Schuß ging los und Herfchkovits stürzte lautlos zusammen." So schilderte der Minister selbst den Vorfall. Seine Exzellenz ist hier im Hause anwesend. Dies ist seine Antwort. Dann erklärte Seine Exzellenz folgendes (liest): „Ich kann nicht umhin, dem Gefühle der Entrüstung über diesen geradezu, empörenden Vorfall Ausdruck zu geben und halte nur mit Rücksicht auf die im Zuge befindliche Untersuchung mit einer schärferen Verurteilung zurück. Ich kann auch versichern, daß die ganze Armee die gerechte Entrüstung, die über dieses traurige Vorkommnis in der Oeffentlichkeit platzgegriffen hat, im vollsten Maße teilt. Nach Abschluß des eingeleiteten Strafverfahrens, dessen Beschleunigung ich betrieben habe, werde ich nicht verfehlen, das Ergebnis dem hohen Hause mitzuteilen." Meine Herren! Wir find jetzt im April 1908 und haben noch nichts über eine Hauptverhandlung, über eine Bestrafung des Mörders oder über ein etwaiges Resultat der Strafuntersuchung gehört. Ich will damit durchaus nicht der Ehre der Armeeverwaltung nahetreten. Ich setze Vertrauen in die Erklärungen und Zusicherungen Seiner Exzellenz des Herrn Landesverteidigungsministers, daß in diesem entsetzlichen Falle wirklich Recht gesprochen werden wird, Recht ohne Unterschied der Person, Recht ohne Unterschied der Konfession, ohne Unterschied des Standes. (Zustimmung.) Nur so kann in einem Rechtsstaat, in einem Kulturstaat, das Vertrauen derjenigen gewonnen werden, welche den schweren Militärdienst für die Gesamtheit zu leisten haben. (Beifall.) Ich weiß nicht, meine Herren, was eigentlich die verschiedenen Weisungen, Verordnungen und Reglements nützen, wenn in diesem gewaltigen Körper, wo eine eiserne Disziplin herrschen soll, die Weisungen der höchsten militärischen Behörden einfach ignoriert werden. (Zustimmung.) In der Reihe dieser traurigen Fälle verweise ich auf den so furchtbaren Fall des jüdischen Hotelierssohnes Rückenstein in Kolomea, der fich im Oktober- 1898 zugetragen hat