Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-08-17 · 16 (17.8.1908) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
16 (17.8.1908)
Date
1908-08-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021764-3021781--17259-3042124
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Seite 286 Dr. Llocv's MloedenscbrM. Rr. 16 A«- dem österreichische« Reichsrate. In seiner Rede über die Interpellation Hock in Angelegenheit des Professors Wahrmund sagte Abgeordneter Dr. Pattai: „Hier handelte es sich den Interessenten darum, dem Judentum einen Liebesdienst zu erweisen, dessen Träger daran Gefallen finden, wenn das christliche Gefühl Angriffe erleidet; so lange der § 303 des Strafgesetzbuches besteht, muß er gehandhabt werden und darf nicht zu Unguusten der Christen eine Ausnahme gemacht werden. Die Katholiken in Oesterreich könnten übrigens am allerleichtesten diesen Paragraph entbehren. (Sehr wahr!) Würde man diesen Paragraph aufheben, so würde das Judentum bitten, ihn zum Schutz ihrer Konfession wieder einzuführen." Zunächst ist neuerdings zu konstatieren, daß Professor Dr. Wahrmund aus dem Antisemitismus hervorgeaangen ist, seine und seines Vaters Angriffe gegen das Alte Testament, welche nicht bloß von der gesamten antisemitischen Preßmeute, sondern auch von den Führern der christlichsozialen Partei wiederholt mit Jubel ausgenommen worden sind, haben ihn schließlich dazu gebracht, auch in dem Neuen Testament und in der Kirche etwas dem Deutschtum Fremdes zu erkennen uod anzufeinden. Wahrmund sen. hat den Gott der Bibel blasphemisch geschmäht, das Sittengebot des Alten Testamentes auf das Gemeinste karikiert, dafür wurde er vom Wiener „Vaterland" gepriesen und Exzellenz Freiherr von H e l f e r t schrieb Jubelhymnen über diese neuen Offenbarungen. Nun enthalt zwar § 303 des österreichischeu Strafgesetzes eine Bestimmung zum Schutze gesetzlich anerkannter Religionsgesellschaften. Allein wer die Geschichte Oesterreichs während der letzten zwei Jahrzehnte kennt, der weiß auch, daß gegenüber Juden und Judentum die Wirksamkeit des § 303 völlig suspendiert war. Die blutigen Hetzschriften von Wahrmund sen. gegen daS Judentum, die Reden Schneiders. Liechtenstein s und Luegers — wurden sie denn jemals von der Polizei beanständet? Wie oft erschienen Deputationen der israelitischen Kultusgemeinde und anderer Korporationen, um Schutz zu erbitten gegen die unerträglich gewordenen Hetzereien in den Versammlungen; hat das alles jemals irgend einen Erfolg erzielt? Als einmal der verewigte Justizminister Graf Schönborn eine solche Deputation des Kultusvorstandes mit dem Versprechen eines neuen Strafgesetzes, dessen Entwurf der Minister dem Abgeordnetenhause eben vorzulegen im Begriffe war, zu vertrösten suchte, da sagte der damalige Kultuspräses Arminio Cohn in seiner schlichten Art: „Was brauchen wir neue Gesetze. wenn die alten nicht ausgeführt werden." Und hat Herr Dr. Pattai an seine eigene Vergangenheit so ganz vergessen? Und wenn er sich an seine eigenen Reden nicht erinnert, seine Wirksamkeit als Anwalt und Rechtsbeistand des Prof. Dr. August Rohling in Prag kann doch unmöglich seinem Gedächtnis ganz entschwunden sein. * * * Das „Linzer Volksblatt" vom 7. April schreibt in seiner Wut gegen Wahrmund: „Wenn Dr. Rohling, ein katholischer Priester, seine Hochschulprofeffur aufgeben mußte, weil er das Wesen des Judentums in wirklich wissenschaftlicher Weise zu beleuchten wagte, dann muß ein Mann wie Wahrmund, der in der seichtesten und zynischesten Art auch als Profeffor nur den Kirchenhaß und Unglauben predigt, unter allen Umständen von seiner Lehrkanzel verschwinden. Dr. Rohling hat für jene, die ihn widerlegen können, einen hohen Preis ausgeschrieben und bis heute hat sich ihn noch kein jüdischer Universitätsprofeffor verdienen können. Wahrmund wird sich wohl hüten, seine „Wissenschaft" auch mit seinem Gelbe zu verteidigen, weil er .sich selbst nur zu gut bewußt ist, daß sie keinen Schuß Pulver wert ist." Demgegenüber ist zu konstatieren, daß Prof. Dr. August Rohling des angebotenen und vollzogenen Meineides öffentlich überführt, daß er ferner als notorischer Fälscher durch die vom k. k. Wiener Landesgericht bestellten Sachverständigen Prof. Dr. Nöldecke in Straßburg und Prof. Dr. August Wünsche in Dresden entlarvt worden ist. Es wurde der Beweis erbracht, daß dieser Professor Dr. August Rohling hebräische Texte auch nur zu lesen kaum in der Lage ist, und er hat gegenüber Dr. Bloch eine derart jämmerliche Rolle gespielt, daß er die Flucht aus dem .Gerichtssaal ergreifen mußte und ihn die Kurie selber nach einigen Jahren fallen gelassen hat. * * * Verächtliches Renegatentum. Unter dem Titel: „Ein Nachlänfer der Christlich- Sozialen" schreibt die deutschliberale „Bohemia": Im Abgeordnetenhause gab es heute eine unerquickliche Sensation. Der Abgeordnete von Nikolsburg und Göding Professor Redlich hielt in der Debatte über das Arbeitsministerium eine Rede, welche — man sagt nicht zu wenig, man sagt nicht zu viel — die Entrüstung der deutsch fortschrittlichen Partei, der Professor Redlich angehört, hervorgerufen hat. Der Abgeordnete von Nikolsburg steht ohnehin, seitdem er dem Abgeordnetenhause angehört, in regem Verkehr mit den Christlich-Sozialen. denen er sich merkwürdigerweise anzuschmiegen bestrebt. Erstrahlt, wenn er mit dem Abgeordneten Bielohlawek ein Gespräch führen kann, und schmunzelt glücklich, wenn er mit christlichsozialen Abgeordneten Händedrücke austauscht. Wegen seiner Abstammung bildet er mit noch zwei anderen Abgeordneten traungerweise das Hindernis für die Bildung einer einheitlichen, großen deutschen Partei. Aber seine Abstammung hinderte ihn nicht,sich mit den Eh ristli ch-S oz i a l en auf den allervertrautesten Fuß zu.stellen,und hinderte ihn heute nicht, eine Rede zu halten, welche nicht mehralszweid e u t i g bezeichnet werden kann wie eine frühere Rede desselben Abgeordneten, sondern als der Ausdruck einer vorgeschrittenen Gesinnuugslauheit erscheinen muß. Herr Professor Redlich hat ein förmliches Vertrauensvotum für das Ministerium Dr. Geßmänn ausgesprochen, der ihm zum Dank dafür später in den Couloirs fast um den Hals gefallen ist, und er hat mit solcher Begeisterung gesprochen, als ob es geradezu ein deutschfortschrittliches Interesse wäre, daß fortan die Gewerbeschulen unter die christlichsoziale Fürsorge gestellt werden. Während alle deutschfreiheitlichen Abgeordneten gerade an der Ueberweisung der Gewerbeschulen-an das neue Ministerium dengrößten Anstoß nehmen, hat sich Professor Redlich auch in diesem Punkte auf den Standpunkt der christlichsozialen Partei gestellt. Das war ein Buhlen um die Gunst der Lueger-Partei, wie es noch niemals von einem deutschfreiheitlichen Abgeordneten gehört u urde, und es ist ein ganz besonders pikantes Moment in der Sache, daß Professor Redlich als der Träger eines sogenannten jüdischen Mandats in Mähren gilt. Objektivität gegen die Christlich-Sozialen könnte man auch ihm verzeihen; aber war heute so abstoßend wirkte, war die aufdringliche Liebedienerei, als welche seine Rede bezeichnet werden muß. „Salyme tanzt vor Herodes!" rief der sozialdemokratische Abgeordnete Freundlich dem Professor Redlich zu, als dieser sogar den persönlichen Eigenschaften des Ministers Geßmann besonderes Lob spendete. Die deutschfreiheitlichen Abgeordneten demonstrierten sofort nach der Rede gegen ihren Kollegen Redlich, indem sie sich von ihm zurückzogen; dafür wurde dem fortschrittlichen Redner die Genugtuung, von den Christlich-Sozialen Dr. v. Wittek, Bielohlawek, Zeiner und anderen beglückwünscht zu werden. Wer zum Verräter wird an Volk und Religion um eitler Vorteile willen, der sinkt bald, wenn Bedürfnisse es erheischen, zum Handlanger der Antisemiten und der Reaktion herab. Abg. Seitz charakterisierte Herrn Redlich als Hausjuden der antisemitischen Partei! Wir müssen leider diesen Schimpf schweigend hinnehmeu, Herr Professor Dr. Redlich ist eben eine Golusblüte und seine aufgeputzte Wissenschaft erinnert an den nackten Indianer im Zylinder und Lackstiefletten — ein Assimilationsfrüchtel. Dort in Innsbruck, im frommen Tirolerland, kämpft Prof. Wahrmund mit Einsatz seiner ganzen Existenz gegen eine kirchliche Dogmatik, welche der menschlichen Vernunft die Zwangsjacke anlegt; hier bei uns begibt sich Prof. Redlich zum katholischen Gastlichen und leistet ohne Gewissensbedenken den feierlichen Eid auf die katholischen Glaubensartikel. Bei den Reichsratswahlen wirbt er nm die Stimmen jüdischer Wähler' und verspricht, ihre Interessen in sorgsame Hut zu nehmen. Im Parlament bekennt er sich zur „liberalen" Partei und wird ein freiwilliger Helfershelfer der antisemitischen Reaktion! Ein unbestreitbares Talent von hoher Vielseitigkeit!. Leidex

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.