Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 16 (17.8.1908)
- Date
- 1908-08-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Dr.1S Dr. Bloch’s , XXV. Jahrgang Lentralorgan für die gesamten Unter essen des Judentums. Wien, 17. AM 1908. - Lrscbeint jeden Freitag. - Brief-Adresie: Mten» IX/i, Dabngasse 15. Telegramm-Adresse: ZSlocb's Mocdenscbrttt, Miten. 0<5=== =0 Q? L. k. Postsp«rkr»ffrnsrnt Q Slesring-VerKebr Rr. 810.976, Aedattion und Administration: Wien IX/i, Dsbngasse Rr. 15. yTelefon Nr. 14.847. <1 oP ■ ■ Oo O Q “ J O p für V»fier»»Ntz: *j Halbjährig 8 Kronen: Einzelexemplare SO Heller. Für'» Mnslnnd: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Die 4mal aespalt) lene PetitzeUe 24 Heller. oP - ■- Qo Inhalt r Leitartikel: Das Attentat auf Potocki. — Aus dem österreichischen Reichsrate. — Rede des Abgeordneten Dr. Straucher. Eine Organisation der galizischen Inden in Wien. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Protest gegen die Resolution des Abgeordneten Schmid. — lieber das Armenwesen der Wiener israelitischen Kultusgemeinde. — Korrespondenzen: Oesterreichisches ,,Jto"-Komitee zur Regelung der jüdischen Auswanderung. Protestversammlung der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union". Das Blutmärchen in Boskowitz. Der Wiener Vertreter der „Kölnischen Zeitung" und die Judenschule. Verurteilung eines antisemitischen Abgeordneten« Breslau. Warschau. Amsterdam. Ein Pogromprozeß gegen die Brodkys. Ein jüdisches Mitglied der Petersburger Akademie der Wissenschaft. — Vermischtes: Allgemeiner Oesterreichisch-Jsraelitischer Bund. Wien. Verein „Tömech Ewjomin" zur Ausspeisung und Unterstützung armer jüdischer Zugereister. Akademischer Verein „Jüdische Kultur". Brigittenauer israelitischer Unterstützungsverein. Disziplinarverfahren gegen Dr. Porzer. Austritte aus dem Judentume. Austerlitz. Radnitz. Jägerndorf. Lobositz. Galgocz. — Feuilleton: Eleazar. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Das Attentat auf Potorln. Ganz Westeuropa ist in Erregung über die russische Tat, welcher der Statthalter von Galizien, Graf Andreas Potocki, zum Opfer fiel. Des ruthenischen Studenten Sizynski Schüsse wollten ein System in einem Manne treffen. Diesseits der russischen Grenze scheut man vor dieser Art des politischen Kampfes zurück. Wir glauben genug Waffen der Kultur zu haben, um nicht des Revolvers zu bedürfen, und Sizynski erscheint unserer Empfindung nicht wie einer der historischen Helden, die aus Idealismus zu Verbrechern werden, sondern als ein bedauernswerter Jüngling, bei welchem der nationale Fanatismus zum Wahnsinn umschlug. Wenn man aber daran gehen wird, ihn zu verurteilen, dann möge man an seine Mitschuldigen nicht vergessen. Denn seine Gewalttat war nur ein Echo der Gewalt, welche man bei vielen Gelegenheiten seinen Stammesgenossen, dem ruthenischen Volke, zufügte. In Galizien sind politische Raubritter zuhause, welche im ganzen Lande ein Faustrecht ausüben, welchen kein Mittel zu schlecht ist, um sich in den Besitz der Macht zu setzen. Die Ruthenen haben ihre Tyrannei in tausendfacher Form empfunden. Die Justiz, die Verwaltung, die Staatsgewalt in Form der bewaffneten Macht wurden ihnen gegenübergestellt, wenn sieihre geraubten natürlichen Rechte wieder zurückerobern wollten. Glauben denn diese Politiker, daß man ihre Gewaltstreiche ans'die Dauer mit Sanftmut und Ergebenheit hinnehmen wird, daß man es in alle Ewigkeit duldet, daß sie aus Galizien ein Land ihrer unbegrenzten Willkür machen? Der arme Potocki hat geerntet, was die Lachen gesäet haben. Mögen sie nur mit betrübten Mienen, wie Teilhaber am Märtyrertume ihres Statthalters hinter seinem Sarge herschreiten! Wenn die Sage wahr wäre, daß die Wunden eines Toten zu bluten beginnen, wenn der Mörder an die Leiche tritt, so werden sie auch rinnen, wenn treue Schlachzizen den toten Potocki auf die breiten Schultern heben. Man wird Sizynski richten nach Verdienst. Aber sein Prozeß wird der Prozeß gegen die Gewalthaber in Galizien sein, nur daß leider nicht alle auf der Anklagebank zu sehen sein werden, die Sizynski so weit gebracht haben. Wir Juden würden gegen diese unbekannten Mittäter laute Zeugen sein können. Denn auch uns wollte man immer so wie die Ruthenen zu Hörigen machen. Mit den unerhörtesten Verbrechen wurde von unseren Wählern das polnische Bekenntnis erpreßt, Familienväter wurden um Brot und Obdach gebracht, die Gefängnisse wurden mit Widerspänstigeu gefüllt. Das muß in einem Momente gesagt werden, in welchem Mitschuldige aus dem Verbrechen des Hauptschuldigen für sich Kapital schlagen wollen. Ordnung, Friede, Entwicklung sind die Töchter der Gerechtigkeit, die rasende Empörung stammt von der Gewalt und wächst mit dieser. Nichts wirkt demoralisierender und vergiftender im gesummten Volkskörper, als die traurige Wahrnehmung, daß die Inhaber der Macht die Geltung der Gesetze für sich nicht anerkennen, daß ihre Gewalt und Willkür alle Schranken bürgerlichen und staatlichen Rechtes durchbrechen. Russische Methoden der Gewaltherrschaft erzeugen unerbittlich russische Methoden der Abwehr. In Galizien wird allzu leichtsinnig mit dem Feuer gespielt. Bei den letzten Reichsratswahlen haben regierungstreue Männer den jüdischen Wählern m i t russischen „Pogromen" gedroht, wenn sie nicht nach dem Willen der Mächtigen ihr Wahlrecht ausüben. Die „russischen Methoden* sollten oben und unten gleichmäßig ausgeschaltet sein.