Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 15 (10.4.1908)
- Date
- 1908-04-10
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15 Vr. Lloch's Wochenschrift. Wette 381 „Ku-ku! Ihr werdet ewig leben . . . Ku-ku! Es gibt keinen Tod . . . Ku-ku! Die Gräser verkünden nun die Totenauferstehung . . . Ku-ku, ku-ku, ku-ku! ..." -i- Ach! wie traurig, wie öde ist die ganze Natur, wenn ihr das Gras fehlt — der Reiz der Berge und die Zierde der Täler. Wie herrlich doch find die Wiesen, wenn fie grünen! Die Blumen, sie prangen und kokettieren, die Gräser aber sind bescheiden und keusch. Ach! wie Prachtvoll ist ja der grüne Teppich, den die Natur über den Schemel Gottes ausbreitet. Wo Gras, dort Leben! -i- * Und Ihr, liebe Vögel. Köstlich ist Euere große Hymne für die grünen Spielzeuge des jungen Frühling. Es kam zu mir ein Kind, die Hände voll ausgerissenen Grases. Und es fragte mich: was mag denn dies sein? Konnte ich aber ihm antworten, dem Kind? Was das Gras sein mag — ich weiß es ebensowenig wie das Kind. * Doch meine ich: das Gras sei das Symbol meiner Gedanken, durchwebt mit grünen Seidenfäden der Hoffnung . . . Und vielleicht ist es gar das Taschentuch des Schöpfers, das von oben für uns als ein Geschenk herunterfiel; und das nun irgendwo in einer Ecke die Initialen seines Eigentümers trägt, damit wir sie lesen — und fragen sollen: Wessen? Und vielleicht ist das Gras selber ein Kind — das zierliche Kind der Kräuter? Vielleicht aber ist es gar eine Art von Zauberschrift, die zu uns spricht: Sehet, wie ich doch überall sprosse und wachse: zwischen weißen, schwarzen, gelben und roten Völkern ... Ich gebe allen, allen gleich: was ich ihnen nur geben kann und erquicke sie alle, alle gleich ... * * Doch sachte! Mir scheint, mir scheint: das Gras sei das ungeschorene Haar der Gräber ... Ich weiß, ich weiß schon! Ihr wachset aus der Brust hervor: aus der Brust alter und junger Leute, die ich vielleicht geliebt — wenn ich fie gekannt hätte . . . Ich weiß, ich weiß schon! Ihr seid das verkörperte Lächeln der schönen Frauen, die nicht mehr schön sind. Ich weiß, ich weiß schon! Ihr seid die Zunge jener Münder, die einst sich schloffen — und doch offen blieben . . . O! wenn ich doch die Dustsprache übersehen könnte, die fie ausatmen. Redet doch, Ihr Zungen! Redet doch, Ihr ewigen Zungen! Erzählet: was ist denn aus den alten und jungen Leuten geworden? Was ist geworden aus den Müttern und ihren Säuglingen? Erzählet doch! * * Ja! Ich fühle, was Ihr antwortet; ich verstehe, was Ihr erzählet: „Sie leben, fie leben alle! Niemand ist unter ihnen gestorben. Das kleinste Gräslein sagt uns: es gibt keinen Tod. Alles strebt vorwärts und vorwärts, Alles keimt höher und höher empor. Ein ewiger Marsch, ein Galopp — ins Leben der Ewigkeit . . ." * Sei gegrüßt, Gras! Du — das Symbol meines Jchs. Unter dem weißen Leichengewande des Winters webt und lebt Deine Seele-. . . Noch seufzt der Schnee unter den müden Schritten des Wanderers. Noch malt der Frost seine toten Blumen. Doch unter Schnee und Eis gebiert die Erde . . . Schon höre ich die tiefen Geburtswehen, die aus den abgestorbenen Wiesen hervorsteigen. Und bald fingt die Schwalbe und bald schluchzt der Kuckuck: „Ku-ku ... Ich gratuliere! Ich gratuliere Dir. meine liebe Welt, zu Deinem erstgeborenen Gras! Ku-ku! Es gibt keinen Tod! Ku-ku, ku-ku, kn! ..." Die Memoire« einer Großmmtter.*) Eine alte Frau, die am Abend ihres Lebens steht und deren Leben sich in der interessantesten Periode des litauischen Judentums abrollte, hat ihre Erinnerungen geschrieben und schon das gütige Antlitz, das uns auf der ersten-:Innenseite entgegensieht, verhindert, daß man das Buch mit jenen Gefühlen zu lesen beginne, die man Memoiren im allgemeinen entgegenzubringen pflegt. Jenseits von Raffiniertheit und Kunstfertigkeit, in ihrer patriarchalischen, nahezu biblischen Art, haben diese Erinnerungen fast nur einen ausgesprochenen Enpfindungswert. wenn sie uns auch geschickt und ohne viele Worte mit den Zuständen der damaligen Zeit genügend vertraut machen. Und darin gerade liegt vielleicht der eigentliche Reiz des Buches. Memoiren, die einen großen, geschichtlichen Hintergrund haben und die Ereignisse einer wichtigen Zeit wiederzugeben berufen sind, haben nicht den intimen Zauber, den ein Werk von so großer Gemütstiefe und so angenehm subjektiver Auffassung ausströmt. Es ist ein jüdisches Haus, das uns die Verfasserin in lebendiger Weise und mit jenem Humor, der alten, klugen Leuten eigen ist, so anschaulich schildert, ein jüdisches Haus mit den streng erhaltenen Sitten und Gebräuchen der jüdischen Eigenart, die für uns Jungen schon etwas Historisches haben. Aber für uns alle, die wir den realen Wert der Heimat nicht kennen, sind sie ein Stück Heimat und geben uns in der Gleichartigkeit unserer Erlebnisse den ideellen Ersatz der Tradition. Was wir selbst nicht mehr kennen, kennt unsere Mutter und auch unsere Großmutter hat uns gewiß in einer traulichen Dämmerstunde einst alle diese Geschichten erzählt. Das ganze Buch ist der Inhalt einer solchen Dämmerstunde, in der Erinnerungen aufleben und eine alte Frau zu erzählen beginnt. Am Scheidewege ihres Lebens, beim Sonnenuntergang, wendet sie sich noch einmal um und umfaßt ihre ganze Vergangenheit mit liebeswarme» Blicken. Durch eine Zeit voll Sturm und Drang, durch ein wildes Chaos von mißhandelten Gefühlen, bösen Ereignissen, Unterdrückung und ohnmächtiger Wut, hat der stille friedliche Weg dieser Greisin, die mit ihrem gütigen Herzen über all diesen Ereignissen thront, in ein glückliches Alter geführt. Und hier fühlt sie sich gedrängt, dem Leben, trotz aller Bitternisse, ihren Dank abzustatten und richtet ihn an die junge Generation, in der sie lauter Enkel sieht und der sie mit diesem Buch, ihren mahnenden Erinnerungsgruß sendet, als eine beharrliche, freudige Lebensbejaherin. Sie ist die geistige Ausgabe von Chamisso's „Waschfrau", die der Dichter beneidet: Und ich an meinen Abend wollte, Ich hätte diesem Weibe gleich Erfüllt, was ich. erfüllen sollte In meinen Grenzen und Bereich, Ich wollt', ich hätte so gewußt Am Kelch des Lebens mich zu laben. . . . *) Pantine Wengeroff: Memoiren einer Großmutter. Bilder aus der Kulturgeschichte der Juden Rußlands im XIX. Jahrhundert. Band 1. Mit einem Geleitwort von Dr. Gustav Karpeles. Berlin, Verlag M. Poppelauer, 1908.