Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 15 (10.4.1908)
- Date
- 1908-04-10
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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i-cuc 282 Dr. Lwcb's MoedenscdrM. St:. 15 Wie wenige es gibt, die des Lebens schwerste Kunst, das Leben selbst, verstanden haben, die das Dasein in seiner Tiefe und Höhe erfaßt haben und an denen die dunkeln, bösen Ereignisse wie Oel abrannen. Das sind wohl die letzten Mohikaner und sie fühlen sich so fremd amd so einsam in dieser nervösen, hastigen, unruhigen Zeit, daß sie ihre Memoiren schreiben, die ein Ereignis sind, weil sie keine Ereignisse enthalten. ... In diesem Buche gibt es intime, jüdische Familienszcnen, Einzelheiten von wunderbarer Anziehungskraft, die wie Märchen wirken. Und das schönste jüdische Fest, Pessach, ist auch am schönsten hier geschildert. Es muß eine feierliche und schöne Erinnerung für die alte Frau sein, wenn sie soviel Herz in diese Schilderung legte. Sie wird wieder zum Kinde, sie zitiert freudig in der gespannten Erwartung der kommenden Feiertage, sie nimmt regen Anteil an den religiösen und häuslichen. Vorbereitungen und jede Kleinigkeit wird ihrer empfänglichen Kiuderseele zum Erlebnis. Der nahende Pessach übergießt sie mit einem Schimmer von Glückseligkeit und Feierlichkeit. In diesen Tagen lebt sie das tiefe Leben aller naiven, sehnsüchtigen, gläubigen Juden. Den Sederabend läßt sie mit seiner ganzen königlichen Hoheit noch einmal auf sich wirken und findet für ihn die eindruckvollsten, innerlichsten Worte. Fast wird sie poetisch, die alte Frau in der Erinnerung: ... Mich aber hielt etwas zurück, das ich mir um nichts entgehen lassen wollte. Es war „Schir haschirun", das Hohe Lied, das Lied der Lieder Salomos, von dem ich jedes Wort, jeden Ton mit meiner ganzen Seele aufnahm. Die herrliche Verschmelzung von Tönen und Worten wirkte auf das Kindergemüt berauschend: ich lauschte entzückt. Das ganze Lied wurde im Rezitativ in sieben Tönen gesungen ... Es hat sich so lebhaft, so unvergeßlich in meine Seele eingeprägt, daß ich den Anfang noch heute, an meinem späten Lebensabend, auswendig kann. Was gäbe ich darum, noch einmal in meinem Leben das Lied so schön singen hören zu können ... Ja, das sind sie, die Schauer des Hohen Liedes, die geheimnisvollen Empfindungen der „Hagada" und des ganzen Sederabends überhaupt. Sie wirkt so, diese Feier, von tiefster Innerlichkeit, von der Heine schreibt, daß sie „wehmütig heiter, ernsthaft spielend und märchenhaft geheimnisvoll ist, daß selbst diejenigen Juden, die längst von dem Glauben ihrer Väter abgefalleu sind, im tiefsten Herzen erschüttert werden, wenn ihnen die alten wohlbekannten Passahkläuge zufällig ins Ohr dringen." Sie weiß das alles, die alte Frau, und hat dieser Feier einen breiten Raum gelassen, weniger aus literarischer lleberlegung, denn sie ist keine Literatur, als aus einem lieben, echten jüdischen Empfinden heraus. Und deshalb fesselt sie uns so. Sie bringt die jüdische- Saite in uns zum Schwingen und siehe da, wir bemerken plötzlich, daß noch ein großer Reichtum an Gefühlen in uns liegt. Wer sollte da noch über manche, wie soll ich sagen, altmodische Ansichten rechten! Unsere sind vielleicht moderner, aber nicht schöner, aus dem ganzen Leben dieser Frau atmet der große Zug warmer Menschlichkeit. Und die Seele der lieben, alten Pauliue Wengeroff ist aus sehr gutem Hause, wenn, wie einer unser Tiefsten behauptet, die eigentliche Heimat der Seele wirklich nur die Vergangenheit ist. ______ Thekla Blech. Blogg S. I. Koheleth Schelomo. Neu bearbeitet und mit mit einem- Anhänge versehen von Prof. Dr. A. Sulzb a ch. Rödelheim, Lehnberger u. Co., 1908. Als Salomo Salman, London 1722 sein. . Koheleth Schelomo herausgab, ahnte er wohl kaum, daß dieses Buch als eine Art Postille sich dauernd im jüdischen Hause eiubürgern und noch zwei Jahrhunderte später eine alledrings wesentlich erweiterte und ins Hochdeutsche übertragene Auflage erleben werde. Es war ein glücklicher Gedanke des bekannten Verlages, eine solche Neubearbeitung des verdienstvollen Buches in Angriff zu nehmen, doppelt glücklich die Wahl des Herausgebers. Mit der ihm eigenen Sorgfalt und Gründlichkeit hat dieser den Text revidiert, durch belehrende Anmerkungen erläutert, vor allem durch einen „Anhang" über Synagoge und Gebet, über unsere religiösen und nationalen Feste und über die Stellung der Frau nach Talmud und Midrasch den Inhalt des Buches beträchtlich bereichert und seinen Wert erhöht. Auch in dem neuen Gewände wird es sicherlich in unseren Häusern recht bald freundliche Aufnahme finden. G. David Rothblum: „Golus." Skizzen und Erzählungen. Jüdischer Buch- und Kunstverlag, Brünn. Die Ausgabe der Kritik ist es, den Künstler zu erkennen. Und nur jener Kritiker vermag dem Lesenden zu tieferem Verständnis, dem Autor zu größerer Klarheit über sich und seine Ziele zu verhelfen, der mit objektiver Gerechtigkeit urteilt. Ein Kritiker wird nie zu jenem Grade der Erkenntnis gelangen, die man „Objektivität" und „objektive Gerechtigkeit" zu benennen pflegt, wenn er aus den persönlichen Bedürfnissen seiner Individualität, subjektiv aus seinen Stimmungen heraus urteilt. Er wird den Genießenden verwirren, seine natürliche Eindrucksfähigkeit hemmen, den Autor selbst entweder entmutigen oder schmeichlerisch einlullen — und schließlich niemandem als sich selbst zu Gefallen gemacht haben. Darum möchte ich jetzt bei Beurteilung von Rothblums „Golus" nicht über alle Möglichkeiten und Weiten der Kunst des Erzählens sprechen, möchte dem Dichter nicht Perez, noch Asch Vorhalten. Ich möchte nur in ein paar Strichen die Art Rothblums zeichnen. Man sieht ihm seine Anfängerschaft an, man spürt sie fast überall. Der Stil ist nicht überall glatt und fließend, oft hat man sogar den Eindruck, eine Uebersetzung vor sich zu haben. Doch zeigt Rothblum in diesen Skizzen schon deutlich seine Physiognomie: Gefällige Anmut der Form, die freilich nicht überall glücklich bewältigt wird, reicher, wechselnder Inhalt, der in dem Leser die jüdischesten Gefühle wachzurufen vermag. Und eine leise, wohltuende Wehmut, die einen sanften Schatten über die Dinge breitet. Wer diese Skizzen gelesen hat, dem wird der Name Rothblum bleiben und mit Spannung den nächsten Werken des Autors entgegensetzen. _ I. Hellmann. Nene Bücher. Ost und West. Illustrierte Monatsschrift für modernes Judentum. Herausgegeben von Leo Win z. Verlag Ost und West. Berlin W 8. Organ der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft der „Alliance Jsraölite Universelle". 8. Jahrgang. Heft 4. April 1908. Inhalt: Dr. A. Coralnik: Volksweisheit. Josefa Metz, Berlin: Rast in der Wüste (Gedicht). G. Kutn a: Der Patriarch Jsak in der bildenden Kunst (mit 10 Illustrationen). Dr. I. Eliaschoff: Die Jargonliteratur. Ben- Ami: An einem Erew-Pessach. Bernh. Münz: Wiener hebräische Epitaphien. Bogumil Zepler: Ales Beiß. (Noten.) Mitteilungen aus dem Deutschen Bureau der „Alliance JsraÄite Universelle": Die fünfte Tagung der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft der Alliance Jsraclite Universelle am 25. Februar 1908 in Berlin. II. Die Alliance Jsraelite Universelle und die echt russischen Leute. III. Das Hilfswerk in Marokko. IV. Die Allianceschulen in Kairo. V. Die Falaschas. VI. I. M. Bielefeld. VII. Notizen. Der Schlemiel — Inserate. Dr.S. Funk (Boskowitz). Die Juden in Babylonien. 200—500. Mit einer Karte von Babel, II. Teil. Verlag von M. Poppelauer, Berlin, 1908. Vear b o o k of the Central Conference of American Rabbis. Volume XVIII edited by Tobias Schanfarber, Samuel Hirschberg and Josef Stolz. Year book editorial Committee. 1907—5667. Containing tbe Proceedings of the Convention held ad Frankfort, Michigan, ü. S.'A. Juli 2 to 8, 1907.