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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-04-10 · 15 (10.4.1908) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
15 (10.4.1908)
Date
1908-04-10
Page
– (sequence 7)
Language
German
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«r. 15 Dr. Llocb's MocdenscbrtN. Seite 275 Der „Ungar aus Amerika" und der Wiener Gemeinderat. In der letzten Sitzung des Wiener Gemeinderates berichtete Bürgermeister Dr. Lueger, daß ein seit 26 Jahren in den Vereinigten Staaten lebender Ungar, namens Ignaz Roth, in New-Iork anläßlich des 60 jährigen Regierungs-Jubiläums des Kaisers für Zwecke des Hospitals, das die Gemeinde aus diesem Anlasse errichtet, 1000 Kronen gespendet habe. Der Spender bemerkte in dem Briefe, er habe in den Zeitungen gelesen, daß die Festlichkeiten für das Regierungs-Jubiläum auf Allerhöchsten Wunsch unterlassen werden sollen, was den Bürgermeister zu der Bemerkung veranlaßte: „Ich bin in großer Verlegenheit, ob ich die 1000 Kronen annehmen soll oder nicht, denn wie Sie wissen, hat Se. Majestät gestattet, daß der Festzug stattfindet. Wenn ich trotz dieser Aenderung der Anordnungen den Betrag von 1000 Kronen zu dem angedeuteten Zweck verwende, so glaube ich, daß der Spender damit vollkommen einverstanden sein wird." Der Dank wurde durch Erheben von den Sitzen ausgedrückt. Der antisemitische Wiener Gemeinderat war sichtlich in nicht geringer Verlegenheit, als er diese Spende zur Kenntnis nahm, denn der Spender Ignaz Roth ist nicht nur „ein Ungar", was schon an sich den Herren Wienern recht unangenehm ist, sondern er ist auch Jude. Wäre Herr Ignaz Roth irgend ein Verbrecher, so hätte' das „Deutsche Volksblatt" sicherlich sich veranlaßt gesehen, dem Namen Ignaz Roth jenes perfide Ausrufungszeichen (!) anzuhängen, das es jedem nur irgendwie jüdisch klingenden Verbrechernamen zu applizieren pflegt. Aber Herr Ignaz Roth hat dem antisemitischen Gemeinderat 1000Kronen geschickt, so wird von den „zwei Uebeln das Kleinere gewählt", und er wird ganz verschämt „ein seit 26 Jahren in den Vereinigten Staaten lebender Ungar" genannt. Diese 26 Jahre, die Herr Ignaz Roth fern von Europa lebt, mögen übrigens als Entschuldigung für seine Handlung gelten, denn sonst hätte er wissen.msisien, haß.^so lange die jetzige Rathausmajorität am Ruder sein wird, weder ein Jude, noch ein Ungar, geschweige denn, wenn er das Malheur hat, Beides zugleich zu sein, in dem zu errichtenden Wiener Gemeindespitale ein gern gesehener Gast sein wird. Wien. Herr Dr. Bernard Hausner hat in seinem Artikel „Die Maturitätsprüfungsreform und der jüdische Religionslehrer" beinahe in allen Punkten geirrt. Eine Richtigstellung ist umso dringender notwendig, als die Oeffentlichkeit die Position der jüdischen Religionslehrer an den Mittelschulen oft genug verkennt. Die israelitischen Religionslehrer sind nicht Nebenlehrer, sondern Lehrer. Sie nehmen offiziell an der Maturitätsprüfung teil, sind Mitglieder der Prüfungskommission und haben bei jüdischen Abiturienten U r t e i l u n d S t i m m e. Es ist gar kein Zweifel, daß das von großer Wichtigkeit ist. Ich weiß aus meiner Erfahrung und mancher meiner ehemaligen Schüler wird es bestätigen, daß der Religionsprofessor manche Rettung vornehmen kann. Daß auch Volksschullehrer an Gymnasien als Religionslehrer tätig sein könnten, ist für Wien ausgeschlossen. Rabbiner Dr. D. F e u ch t w a n g, Inspektor des isr. Religionsunterrichtes an Mittelschulen, Obmann des Verbandes der isr. Religionslehrer. Generalversammlung derPester Chewra-Kadischa Die Pester Chewra-Kadischa hielt Sonntag unter Vorsitz des Präsidenten Julius Winterberg ihre Jahres-Generalversammlung ab. Nachdem der Präsident die Anwesenden begrüßt hatte, wurde der Jahresbericht vorgelegt, welcher ein vollständiges Bild der Humanitären Tätigkeit entwirft. Der Bericht gedenkt zunächst des Wechsels im Präsidium. Herr Jakob Boschan hat nach sechsjähriger verdienstvoller Tätigkeit mit Berufung auf sein vorgeschrittenes Alter sein Ehrenamt zurückgelegt; an seiner Stelle wurde einstimmig Herr Julius Winterberg gewählt. Eines der hervorragendsten Momente des Vereinslebens war die Stiftung Dr. Stefan Freunds von 100.000 Kronen für ein Siechenhaus für chronische Kranke. Die Anstalt, welche einen Kostenaufwand von 780.000 Kronen erheischt, ist bereits in Bau begriffen und dürfte im Herbst d. I. unter Dach gebracht werden. Der Bericht widmet den verstorbenen Mitgliedern Jakob Deutsch, Leopold Keppich, August Kohner, Leopold Feiwel, Sigmund Kohner, Leo Veigelsberg, Dr. Paul Mandel, Sigmund Groß, Adolf Freund, Karl Beim, Dr. Moriz Brüll, Ludwig Mendl einen pietätvollen Nachruf. Für Unterstützungen hat der Verein 147.733 Kronen und für Krankenpflege 72.655 Kronen verwendet. Bestattet wurden 1650 Personen. Das Vereinsvermögen beträgt 3,223.642 Kronen. Das Budget pro 1908 weist 634.545 Kronen Einnahmen und 649.768 Kronen Ausgaben, somit ein Defizit von 25.223 Kronen auf. An Spenden zur Verteilung an Arme find 18.520 Kronen eingefloffen. Der Bericht und das Budget wurden zur Kenntnis genommen und der Vereinsleitung das Absolutorium erteilt. Der Präsident schloß hierauf die Generalversammlung mit einer schönen, poetischen Rede, die wir nachstehend im Wortlaute wiedergeben: „Geehrte Generalversammlung! Vor Allem nochmals unseren Dank, daß Sie uns Männer brachten, die wert und würdig sind, sich ihnen anzugliedern, denn darauf wollen sicher wir bedacht sein, den jetzigen Hochstand der Chewra- Kadischa nicht zu vermindern. Die alljährliche Generalversammlung ragt wie ein Meilenstein auf unserem Lebenswege: ein Stück ist wieder durchgelaufen, der Blick zurück zwingt den, der hören kann und sehen, zum Denken und Betrachten — wohl auch zum Sprechen, zumal es uralter Brauch und ganz charakteristischer Zug jüdischen Geisteslebens feit jeher war, in der Versammlung, die dem Gemeinwohl dient, befruchtender Anregung nachzuspüren, daß die alltägliche Wirksamkeit sich neu belebe und erfrische und dieses unser Haus scheint mir die dafür berufene Stelle, denn ich denke mir die Chewra-Kadischa als pochend Herz im Leib des Judentums, das klopft und bebt mit edler Gewalt, vom Wechsel der Ereignisse getrieben. Was draußen in der Zeiten Flucht uns das Verhängnis bringt, hier klingt es nach, wir aber wissen lange, wie man des Lebens Last und Schwere zwingt, wie man es trägt, erträgt und überwindet - die sondergleichen Meister der Entsagung — das Eine aber haben wir erfahren und auch zumeist am eigenen Weh erfahren, kein Hieb trifft so schwer, wie der von Bruderhand. Im Weisheitsschatze unserer Alten birgt sich ein Spruch, an Worten knapp, doch inhaltsschwer, ich will's versuchen, ihn zu deuten: Es heißt, Du sollst dem Durstenden Den nächsten Weg zur Quelle weisen, Daß keine Seele Schaden leide. Die seine nicht und nicht die Deine! Der Gnadenbrunnen, der uns fließt, der uns das erste Wiegenlied gemurmelt, das ist der hohe Zauber der Familie, der angestammte mächtige Herzenszug. die unlösliche Liebe zu unserem Volke, die Seelenruhe im Banne der alten Lehre. Denn unser Gluck liegt nur nach innen! Wohl uns. so lang wir um den Brunnen friedlich lagern, doch weh, dem Schwachgewordenen, den in böser Stunde das alte Erbübel ergreift, die wahnwitzige Gier nach äußerer Geltung, .die Fieberglut krankhafter Eitelkeit, daß taumelnd er nach Schattenbildern jagt, den rechten Weg verliert, vom Dämon der Begehrlichkeit gepeitscht, dem Durst erliegt und lechzend niederbricht. Ihr, Brüher, die Ihr Krankenwache pfleget, jetzt ruft die Pflicbt, herbei zum Dienst, wir wollen Stütze sein den Strauchelnden, zur Quelle seine Schritte rückwärts leiten, mit Sanftmut und Geduld sein Aug' entschleiern, den heißen Kopf mit guten Worten kühlen, vielleicht erhalten wir den Sinkenden, vielleicht erhebt er sich noch vor dem Falle! Und wenn es nicht gelingt, den Mann für uns zu retten, wenn er dem Gift erliegt, das ihm das schnöde Weib, die arglistige Schlange ins Ohr gezüngelt. mit falschen Worten ihn bestrickt, betört, ihm das Gewissen lähmt, daß es nicht aufschreien kann in ernster Stunde und er's vermag, herausgemürbt und von der Stammeswurzel losgerissen, ein angezweifelt Dasein fortzufristen. . . welch traurig Bild, verhüllen wir sein Antlitz, mit Kummer faßt uns der verwandte Jammer und schwer wird es zu glauben, was geschieht: Ein Ueberwinder ward zum Ueberläufer, ein Zeitgenosse zum Verräter! Sein Bestes warf er hin, die blanke Seele, den Edelwert und läuft als falsche Münze durch das Leben. Und was als Schönstes wir im Innern bergen, was uns erquickt in trübseliger Zeit, das Winterholz gesammelt in holder Jugend, die alten kalten Tage zu erwärmen, des Menschenherzens reinste, feinste Blüte, das Erinnern, er hat's geknickt, zertreten und vernichtet. Das „Einst" liegt eingesargt in seiner Brust.

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