Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 15 (10.4.1908)
- Date
- 1908-04-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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©eut 274 Dr. LLocb's Mocbenscbrttt. Nr. 15 »bald Lehren, die die Menschen gegen einander verstimmen und verbittern' müssen, Eingang finden in der wiffenschaftlichen Publizistik, ja in demjenigen Bereiche geistigen Schaffens, der der planmäßigen Jugenderziehung gewidmet ist, und wo es längst als heiligste Aufgabe erkannt sein sollte, alles zu pflegen, was die aufwachsenden Menschenkinder mit sympathischen Impulsen erfüllt und das Unkraut der Ueberhebung nicht emporwuchern läßt in jungen Gemütern. Die sozialen und sonstigen Kulturaufgaben der Gegenwart erheischen gebieterisch straffe Zusammenfassung aller Elemente fortschreitender Gesittung, ganz unabhängig von den mannigfachen äußeren und inneren Ausprägungen, in denen alle — unnütz aufzuzählenden — Verschiedenheiten der jeweiligen Entwicklung sich widerspiegeln. Das ungebildete Urteil ist fertig beim Erkennen der an der Oberfläche wahrnehmbaren Abweichungen; der einen weiteren Gesichtskreis erfassende, aus reicherer Lebenserfahrung und Weltkenntnis schöpfende Kulturmensch sucht in die Tiefe zu dringen, wo das menschlich Gemeinsame, Wertvolle sich oft scheu verbirgt. Alle Kulturgeschichte kommt beinahe hinaus auf die Ueberwindung äußerer Gegensätze, auf das Sichbewußtwerden des innerlich Gemeinsamen. Wer denkt hier nicht an den Erbfehler deutscher Uneinigkeit? Fremd für den Oberbaiern „empfand" anscheinend der Ostfriese, der Pfälzer für den Pommern. Der „Kantöligeist" der „Leute vou Seldwyla" und ihrer Nachbarn belustigt uns in Kellers Novellen. Als ich nach längerem Aufenthalte im Auslande, wo man nur das deutsche Vaterland gerne als ein einheitliches Ganze ansah. vor Jahrzehnten heimkehrte, war ich überrascht, bei ganz gebildeten Leuten in Berlin einem tiefwurzelnden Vorurteil gegen — die Sachsen zu begegnen. Daß Berliner und Hamburger einander nicht ausstehen konnten, war von jeher selbstverständlich. Und nun erst die Baiern und die Preußen. Etwas Raffenfremderes als der „Preuß" gab's ja gar nicht! Alle Kultur, so ließ man sich verlauten, beruht auf Differenzierung. Ein ausgezeichnetes Schulbeispiel für das Gefährliche der Teilswahrheiten, die von den Gläubigen als unumstößliches Dogma, als „Heilswahrheiten" verkündigt werden. Nein, nein! die Differenzierung ist nur die eine Kulturfunktion, die als notwendiges Korrelat der Integration bedarf. Es ist eben kennzeichnend für die unser geistiges und gesellschaftliches Leben verwüstenden Zeitkrankheiten, daß bald eine blöde Intoleranz platzgreist gegen harmlose Sondergemeinschaften, deren individuelle und historische Berechtigung ein unausstehlicher Autokratismus einem geistlosen Nivellement geopfert sehen will, bald ein mittelalterlicher Rassen- und Standesdünkel namentlich in gewiffen akademischen Kreisen sich breitmacht, die in der Wege geradezu kindischer Exklusivität ihren Persönlichkeitswert zu erhöhen glauben, des Wortes vergeffend: „Setz' Deinen Fuß auf ellenhohe Socken, Du bleibst doch immer, was Du bist." Wo Krankheiten find, forscht man nach Ursachen. Auf den Spuren Darwins und der Seinen pflegt man sie zu suchen, wiewohl doch der Begründer der Entwicklungslehre gerade die Veränderlichkeit der Arten gelehrt und gezeigt hat, wie Ererbtes veränderter Umgebung sich anzupassen sucht. Mißverstanden hat man ihn gewiß, wenn man aus dem rohesten Daseinskampf innerhalb der Tierwelt Normen und Regulative glaubt herleiten zu dürfen für menschliche Ordnungen in Gegenwart und Zukunft. Dieses unheilvolle Mißverstehen hat auch unzweifelhaft zu den Wahngebilden mit hingeführt, die überall eine herrschende Rasse und dienende Rassen sehen will. Dazu hat die fortschreitende Naturwiffenschast, namentlich auf den Gebieten der Heilkunde, immer neue Zusammenhänge aufgedeckt zwischen körperlichen Phänomenen und der Willens- und Empfindungssphäre. Daher übertreibende Verallgemeinerungen hinsichtlich der physischen Einflüsse auf Geist und Charakter, auch im Leben großer Volksschichten. In den Verallgemeinerungen lauert die Schlange, latst anguis in generalibus, sagt Harnack einmal sehr treffend in seinem „Wesen des Christentums". Zu alledem kommt als Wesentliches die vielfache Abkehr des öffentlichen Geistes von den Ueberlieserungen der Auftlärungszeit. Man blickt hochnäsig herab auf die französische Revolution mit ihrer Verkündigung der Menschenrechte. Der liberale Gedanke ward zur „liberalen Phrase". Bismarck und Treitschke taten ein Uebriges. In dieser allgemeinen Rückwärtserei wurden die vernichtenden Niederlagen, die die körperlich so unansehnlichen Japaner den Russen beibrachten, vielfach als ein befreiendes, beglückendes Ereignis empfunden. Ein Berliner Oberlehrer hatte beim Ausbruch des Krieges gemeint, die ins Auge fallende physische Ueberlegenheit der Russen, des „Ariers" über den Zwerg von Japaner lasse bei keinem verständigen Menschen Raum für einen Zweifel an dem endgültigen Siege der Russen. Es kam anders. Der Geist hatte einmal wieder gesiegt! Der Geist, der sich den Körper baut, der Geist, der Hexenwahn und Glaubenskriege überwunden hat, der Geist, der — keine Erfindung jüdischer Journalisten! — alle Hindernisse zu überwinden weiß, die Bosheit und Unverstand ihm entgegenstellen in seinem Ringen nach Menschenbefreiung und Menschenveredelung. P. J. Korrespondenzen. Aus der Plenar-Sitzung des Kultusvorstandes vom 29. März und 5. April 1908 unter dem Vorsitze des Präsidenten Herrn Dr. Alfred Stern. Beginn 10 Uhr vormittags. Im Einlaufe befinden sich: Die Mitteilung, daß Herr Salo Cohn das Bild des Malers Lazar Krestin „Der Thoraschreiber" angekauft und der Versorgungsanstalt zum Geschenke gemacht habe. Eine Spende von Herrn Gustav Holzer für Arme per K 20.—. Den Spendern wird der Dank votiert. Errichtung einer neuen Mikwah. In Durchführung des Plenarbeschlusses vom 27. November 1907, betreffend die Errichtung einer Mikwah durchdie; Kultusgemeinde, wurde der in Aussicht genommene Bauplatz erworben, grundbücherlich in das Eigentum der Kultusgemeinde übertragen und find auch die auf demselben haftenden Satzposten getilgt und zur Löschung gebracht worden. Ueber mehrfache an den Kultusvorstand gelangte Eingaben in dieser Angelegenheit sollen nunmehr in den nächsten Tagen die Pläne und Kostenvoranschläge vorgelegt und sohin unverzüglich mit dem Bau begonnen werden. Diesfalls wurden nach längerer Debatte die erforderlichen Beschlüsse gefaßt. Ueberlassung von Grab stellen an den türkisch-israelitischen Gemeindeverband. Ueber Ansuchen des Vorstandes des türkisch-israelitischen Gemeindeverbandes wird demselben eine Anzahl von Grabstellen auf der israelitischen Abteilung des Zentralftiedhofes zu einem gegenüber der normalen Gebühr erheblich ermäßigten Preise überlaffen. In der am 5. April 1908 stattgehabten Plenarsitzung wurde im Einvernehmen mit dem Rabbinate der Beschluß gefaßt, eine in Wien zu errichtende Koscher-Selchwaren- Fabrik unter gewissen Modalitäten unter die Aufsicht des Rabbinates zu stellen. Den Interessenten, welche in Betreff der Errichtung einer solchen Fabrik eingeschritten find, werden jene Bestimmungen mitgeteilt, durch welche das Kaschrus der zu erzeugenden Selchwaren in vollkommener Weise ficherzustellen sein soll, wonach auch die diesbezügliche Verlautbarung in den öffentlichen Blättern ergehen wird. Subventionen werden bewilligt: Dem Bethausvereine Oseh Tow, Mikdosch M'at, Emunas Awes, dem Talmud-Thoraverein für die westlichen Bezirke, dem Asylvereine für Obdachlose und dem I. öffentlichen Kinder-Krankeninstitute im I. Bezirke. Nach Erledigung einer Reihe von Stiftungs- und Personalangelegenheiten wird die Sitzung geschlossen.