Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 15 (10.4.1908)
- Date
- 1908-04-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 15 L)r. ZZlocb's MocvenscdrM. Sette 373 Also fünfzig bezw. sechzig Jahre nach dem Tode Heinrich Heines und. Felix Mendelssohn-Bartholdys. die die Klangfarbe des deutschen Volksgemütes, wie männiglich bekannt, mit am wunderbarsten zu treffen verstanden, gerade hundert Jahre, nachdem die edelste Auslese vornehm empfindender Menschen im Salon einer Rahel Levin sich zusammengefunden, fangen jetzt — vielleicht? — die Juden an zu empfinden wie die Arier? Wie merkwürdig, könnte man meinen, daß, als die Deutsche Nationalversammlung in der Paulskirche in Frankfurt a. M., auch bereits vor sechzig Jahren, mit tieier Bewegung einem Gabriel Rießer lauschte, ja als diese erlauchte Schar den Juden Eduard Simson an ihre Spitze berief und ihn für würdig hielt, namens der Erwählten des deutschen Volkes dem Könige von Preußen die Kaiserkrone anzubieten, keiner etwas davon gemerkt hat, daß diese Leute keine Deutsche, keine Arier seien, sondern anders empfindende Fremde. Ja, als eine Anzahl hochgebildeter deutscher Männer im Zeichen Goethes nach einer dauernden Vereinigung strebte und für die Stellung des obersten Leiters nach einer besonders kongenialen, des großen Mannes würdigsten Persönlichkeit ausschaute, fanden die in Weimar versammelten Dichter und Denker wieder keinen Besseren, als den Juden Simson, der nebenbei auch auf Bismarcks eigenste Initiative die höchste richterliche Stellung im Deutschen Reiche bekleidete. Dem als Jude geborenen, kürzlich verstorbenen Juristen Heinrich Dernburg wurde' auch von Konservativen nachgerühmt, daß er einer der feinsten und tiefsten Kenner und Deuter germanischer Rechtsanschauungen gewesen sei. In jedem deutschen Zivilgerichtshof, sagte man, auf seine Werke weisend, sei er ein stiller Beisitzer gewesen. Und Berthold Auerbach, der Dichter des Barfüßele? Wie seltsam, daß die Gothaische Hofgesellschaft, die nach der einschlägigen Memoirenliteratur den Dichter der Schwarzwälder Dorfgeschichten umjubelte, bei dem früheren Talmudschöler von fremdem Empfinden nichts verspürte! — Als Gottfried Keller, entzückt von der Gemeinsamkeit ihres Denkens und Empfindens Moritz Lazarus das brüderliche „Du" anbot — wie grob wäre wohl Keller geworden, wenn man ihm bedeutet hätte, der andere sei ein Mann fremder Raffe, ein Fremder? Dergleichen Beispiele ließen sich unendlich vermehren. Was erläutern sie? Daß es heißt, die Wahrheit auf den Kopf stellen, wenn man zu verstehen gibt, daß die Juden „jetzt" anfangen zu empfinden wie die Arier, sie zeigen, daß derartige isolierende Begriffsbildungen wie „arisches Empfindungsleben", c.uf Menschen angewendet, die der heutigen Kulturgemeinschaft angehören, keine reale Basis haben und durch die Tatsachen fortwährend widerlegt werden. Es ist mir im Grunde herzlich gleichgültig, welcher Rasse ich entstamme, aber nicht gleichgültig ist es mir, welcher Nation ich mich heute zuzuzählen habe. Auf die Frage nach dem Wesen des nationalen Zusammenhanges antwortete Lazarus: „Geistige Gemeinschaft!" Und diese ist unabhängig von der Abstammung. Darum durfte auch Steinthal seinem Freunde und Schüler, dem evangelischen Theologen Glagau, schreiben, man könne ihn wohl davon ausschließen, ordentlicher Professor oder dergleichen zu werden, aber niemand sei im stände, ihn zu hindern, der deutschen Nation anzugehören. Das Pochen auf die Superiorität „arischen Empfindungslebens" wirkt aber umso komischer, wenn man sich vergegenwärtigt, daß die höchstentwickelten arischen Völker sich nun Jahrtausende lang vollgesogen haben an semitischen Gottesvorstellungen, daß sie für das Höchste und das Tiefste, was die Menschenbrust zu fassen vermochte, ihre Inspirationen ausschließlich suchten und fanden im Schrifttum des jüdischen Volkes. Und hat doch auch die Bibel, im Lichte des strengsten Kritizismus, jedes religiösen Nimbus entkleidet, noch immer nicht aufgehört, ein reich befruchtender Quell zu sein auch für unsere heutige Gefühlswelt! — In viel höherem Maße als die „heiligen" Schriften selbst sind es aber noch die in ihnen geschaffenen, vom Mythus umrankten Bilder überragender Persönlichkeiten semitischen Stammes, die das religiöse Empfindungsleben der arischen Völker entwickelt und gestaltet haben und noch beherrschen. Um nun mit einem logischen 8a!to wortalo über diesen gräßlichen Widerspruch hinwegzukommen, hat man mit gedanklich sehr rohen Kunstgriffen sich zu helfen gewußt. Für die Gläubigen genügte die übernatürliche Einwirkung, die „Gnade", die den Auserwählten zu teil geworden, einerseits, der „Fluch" andererseits, der nach der Kreuzigung Christi auf dem jüdischen Stamme lastete. Für die „aufgeklärten" Rasienfanatiker lag die Sache schwieriger. Mit allerhand sophistischem Scharfsinn, mit Aufwendung von allerlei angeblich historischem und ethnographischem Material konstruierte man sich die Hypothese, die man wie ein Dogma oder wie eine wissenschaftliche Wahrheit verkündete, der Zimmermannssohn aus Nazareth sei gar nicht jüdischen Stammes, sei ein Arier gewesen. Da nun über den historischen Jesus das geschichtlich beglaubigte Material bekanntlich auf sehr schwachen Füßen steht, war es umso leichter, jene paradoxe These denen glaubhaft zu machen, die es mit dieser Frage nicht so ehrlich nehmen mochten wie Lesfings Klosterbruder, für den „unser Herr doch ein Jude gewesen ist". Wie stehts aber mit Paulus, wie mit allen Aposteln? — Gustav Freytag, gewiß, um einmal im Kraftjargon zu reden, ein bis ins Mark der Knochen germanischer, arischer Mann, schrieb einmal in einem Aufsatz, den ich unter seinen gesammelten Schriften leider nicht wiedergefunden habe, man möge sich einmal vorstellen, zur Zeit als die Jünger Jesu hinausgezogen in alle Lande, um Juden und Heiden das Evangelium zu verkünden, da hätten unsere stolzen „Arier" aus der Mauer gestanden und jenen Sendboten des Heils ins Angesicht geschaut: unsere „Arier" wären vermutlich sehr enttäuscht gewesen, denn wie sie nach ihrer Theorie von der Beständigkeit der Raffenanlage zugeben müßten, sei ein hohes Maß von Wahrscheinlichkeit dafür vorhanden, daß zum Beispiel die Nasen jener heiligen Männer von dem uns geläufigen Schönheitstypus nicht weniger abgewichen hätten, als es bei vielen ihrer heute unter uns wandelnden Stammesgenossen der Fall sei. Ja, Freytag hat Recht gehabt: wir müffen uns, auch wenn wir uns gern die Adelsmenschen vorstellen, etwa wie Wilhelm von Kaulbach in seinem Turmbau zu Babel uns den herrlichen griechischen Jüngling und hoch zu Roß den wanderlustigen, stattlichen Germanen zeigt, wir müffen uns wohl oder übel mit der Vorstellung befreunden, daß es ein „krummnafiger" Jude gewesen ist, der uns zum Beispiel das dreizehnte Kapitel des ersten Korintherbriefes geschrieben hat, das heißt mit das Schönste und Ergreifendste, was für arisches, wie für nicht arisches Empfinden den Menschen jemals verkündet worden ist. Freilich, der Beschauer des Kaulbachschen Wandgemäldes gewinnt von dem Nebeneinander semitischer und japhetitischer Typen einen sehr harmonischen Eindruck. Eine wundervolle junge Mutter stellt mit ihren Kleinen sehr wirksam das patriarchalische jüdische Familienleben dar. beschützt durch die ragende Gestalt des Hohepriesters. Kaulbachs beide Rassentypen miteinander gleichsam versöhnende Auffassung entsprach den in den geistig führenden Kreisen herrschenden Anschauungen um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Man könnte nun einwenden, daß diese Anschauungen auch heute noch die herrschenden wären, ja, daß die aller geistigen Knechtung zum Trotz fortschreitende Geistesfreiheit, wie die Revolution der menschenverbindenden Verkehrsmittel die kulturfreundlichen Solidaritätsgedanken nur noch befestigt und vertieft hätten, daß es daher ein müßiges Beginnen sei, ein so schweres Geschütz zu richten gegen das Pygmäentum kurioser Eigenbrödelei. Diese von jeher in liberalen Kreisen weit verbreitete Denkweise glaubt aller Gefahr zu entgehen, wenn man wie Vogel Strauß den Kopf in den Sand steckt. Gewiß, gegen die einzelne Persönlichkeit des Doktor X-A, der in seines Herzens Redlichkeit und seines Kopfes Unklarheit sich für berufen und verpflichtet hält, der im Dunkeln tappenden Menschheit neue Lichter anzuzünden, soll man, auch wenn die objektive Schädlichkeit ihres Lehrens und Wirkens mit Händen zu greifen wäre, mit der Milde und Schonung Vorgehen, die allen gebührt, die „reinen Herzens" find. Viel bedenklicher wird aber die Sache.