Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 15 (10.4.1908)
- Date
- 1908-04-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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•eite 270 Dr. Blocb’s MocbenscbrLtt. Nr. 15 stehen und die Sonne. So lange es licht genug ist, werden sich die Juden ihre Sache schon allein ausmachen. Und als die Wüstenwanderer in Palästina eiuziehen, geht alles ohne Wunder, nur mit dem nackten Schwert. Das ist die herrliche Lehre des Festes und derHagadah: Flüchtende Sklaven verwandeln sich in herrische Sieger; nicht weil sich der Körper geändert hat, sondern der Geist. Allerdings kann das schöne letzte Ende nicht kommen ohne den guten Anfang, nämlich ohne die Rettung des Moses. Nicht die aus den Fluten des Nil, sondern seine Rettung für das Judentum. Seine Mutter blieb seine Amme und die Erzieherin seiner Kinderjahre und das genügte, um aus Moses bei Hofe nicht einen vornehmen Egypter werden zu lassen, sondern ihn als warmblütigen Juden zu erhalten, der Mitgefühl mit seinem ungerecht leidenden und darbenden Volke hatte. Einer Frau also ist die Rettung des Judentums zu verdanken, eine religiöse Parabel, die sich in ebenso vielen Einzelfällen wiederholt, als jüdische Kinder zur Welt kommen und in ihr zartes und treues Gemüt von der ersten Erzieberin die Poesie und der Glaube des Judentums versenkt worden sind oder eine stumpfe Gleichgültigkeit. Das jüdische Haus ist die beste Schule deö Judentums und die Frau der verantwortliche Lehrer. Denn sie hauptsächlich ist im Stande, Gefühl zu erzeugen, das stark genug ist, dem kühlen Verstände zu widerstehen, der unserer Jugend die Vorteile des Lebens in anderen Lagern zeigt. Machen wir uns den bitteren Spaß und betrachten wir, wie es unsere Frauen damit halten. Zu welcher Größe sie jetzt bei uns heranwachsen, da doch unsere Not . immer größer wird und das Verlangen, daß auch das Weib voll Verständnis und Würde zur Hilfe herbeieile wie bei anderen bedrängten Völkern. Die Tschechen haben fast ihre ganze Macht den Frauen zu verdanken. Die jungen Jüdinnen — sucht sie hinter Modeblättern im Kaffeehaus, sucht sie im Lichte der von ihnen aufgeputzten Weihnachtsbänme, aber sucht sie nicht bei jüdischen Festen und nicht an der Sedertafel. Sie sind es, welche die Schuld haben an der Verzögerung unserer Befreiung. Sie mit ihrem riesigen Einfluß auf Väter, Freunde und Söhne. Sie geben den Ton an, sie geben vor, für Aestyetik zu schwärmen und für große Taten. Ist es ihnen nicht ästhetisch genug, nicht groß genug, daß jetzt die Juden um ihre innere Befreiung ringen, daß sie sich aus den Juden des Moses in die Juden des Josua verwandeln, aus Nachläufern und Sklaven in trotzige, ehrliebende, selbstbewußte Kämpfer? Jochebed, die Mutter, und Mirjam, die Schwester, waren die Retterinnen des Judentums. Bis sie sich in jeder jüdischen Familie finden werden, wird sicher auch ein Moses auferstehen für unsere Not. „Freche" und dumme Jude«. Jenseits der Leitha spielen sich Vorgänge ab, die wir Juden mit weit aufgerissenen Augen verfolgen. Der ungarische Liberalismus stirbt, oder vielmehr er ist schon tot. In jugendlichem Alter ist er einem plötzlichen Tode erlegen, nachdem er ewige Jahrzehnte geblüht hatte und zu den schönsten Hoffnungen berechtigte, dann aber so hinfällig wurde, daß eine winzige Kleinigkeit genügte, um sein Lebensflämmchen auszulöschen. Folgendes die Geschichte seiner letzten Erkrankung: In Ungarn drüben haben sie unter Szilagyi die Ehegesetze reformiert und es auch katholischen Ehegatten sreigestellt, ihre Trauung bloß durch den Standesbeamten und nicht auch durch den Pfarrer vollziehen zu lassen. Man kann nicht behaupten, daß das eine Störung des religiösen Gefühles sei, denn es steht jedermann frei, mit seiner Braut auch vor den Altar zu treten. Aber die auf ihre Rechte eifersüchtige Kirche erklärte den Krieg gegen die Möglichkeit, sie bei einer Eheschließung zu umgehen, und in ihrem Schatten kämpften viele, deren Klugheit eine demonstrative, mau möchte sagen politische Religiosität als ein sehr gutes Mittel zum Vorwärtskommen findet. Gegen die Ehegesetze fanden mancherlei Demonstrationen von Privatleuten statt, über die man zur Tagesordnung überging. Nun aber kam ein demonstrativer Protest von einer Person und Seite, die man absolut nicht übersehen wollte. Aus Dummheit nicht übersehen wollte. Denn hätte man es einfach zur Kenntnis genommen, daß der Sektionschef im Ministerium für Kultus und Unterricht Baron Barkoczy als Beistand bei einer Ziviltrauung zum Zeichen der Mißachtung sich bei der Eheverkündigung nicht erhob, so hätte der Mann mit seiner klerikalen Propaganda der Tat im engsten Kreise einen Schlag ins Wasser getan. So aber stürzten sich die unvorsichtigen Zeitungen auf den Fall, walzten ihn aus und trugen ihn der Oeffentlichkeit vor, offenbar in der Absicht, gegen den notorischen Klerikalismus im Unterrichtsministerium, dem Ministerium Apponyis, anzustürmen. Der Sturm wurde zwar mühelos abgeschlagen, dafür aber erreichte es die Publizistik, den kampfbereiten Klerikalismus in weiten Kreisen zu wecken, in denen man bis jetzt gezögert hatte, aber schon lange bereit war, die zweifelhaften Sitten durch ein aufmunrerndes böses Beispiel vollends verderben zu lassen. lG->Mun ereignete sich im Anschlüsse an die Zeitungskampägne noch eine höchst überflüssige Lächerlichkeit und Dummheit. Die Affäre Barkoczy kam nämlich auch im ungarischen Reichstag zur Sprache. Das ist wohl im Prinzipe ganz in der Ordnung. Man kann ein sehr lebhaftes Interesse daran haben, daß ein hoher Staatsbeamter sich nicht gegen die Gesetze des Staates auflehut und daß Barkoczy nach seinem entschiedenen Bekenntnis zum Klerikalismus nicht mehr an der Spitze der Mittelschulsektion bleibt wie bisher. Aber was er getan hat, ist nun einmal in eine Kardinalfrage des katholischen Ritus eingeschlossen, und wenn noch so viele Nebenumstände vorhanden waren, so durfte in einem solchen Falle ein Jude nie und nimmer den Angriff eröffnen. Der demokratische Abgeordnete Ernst Brody"tat-§s..dennoch. Er streifte zwar die religiöse Seite mit keinem Worte und stellte sich ganz auf den Standpunkt des beleidigten Staatsbürgers. Aber er sprach vergebens viel, um zu begründen; der andere hört aus allem nur heraus, daß sich ein Jude in Angelegenheiten der katholischen Kirche hineingemengt habe. Und wenn ein Christ die Geduld eines Osterlämmchens besäße und wenn sein Christentum nicht einmal an Sonntagen zum Vorschein kommt, so regt sich in einem solchen Falle mit Recht seine schroffste Entrüstung und er wird dem offenen Antisemitismus in die Arme getrieben. Das hat der Abgeordnete Brody mit seiner lächerlichen Interpellation denn auch glücklich erreicht. Warum hat er sie denn eigentlich eingebracht? Glaubte er das von den Römern belagerte freisinnige Kapitol noch retten zu können, da sich doch im Reichstag nicht ein einziger liberaler Christ bereit fand, den Liberalismus gegen die Kirche zu schützen? So hat ihm denn das Ministerium eine kühle Antwort gegeben, zugleich aber ist der schreiende, rohe Antisemitismus im ungarischen Reichstag wie aus einem Vulkane hervorgebrochen, von rechts und links regnete es feindselige und höhnende Bemerkungen gegen die Juden, die Kontraredner verwahrten sich mit den schärfsten Ausdrücken gegen die Beleidigung der katholischen Kirche durch Juden, das Ministerium ApPonyi und sein Klerikalismus sind unerschüttert, dagegen sind die katholische Volkspartei und die Unabhängigkeitspartei mit Lärm und fliegenden Fahnen in das Lager des schärfsten Antisemitismus übergegangen, haben Barkoczys Tat demonstrativ bejubelt. Kleine Ursachen, große Wirkungen — Barkoczy ist nicht aufgestanden, dadurch ist der ungarische Liberalismus umgefallen. Er hat schon lange nicht existiert, niemals vielleicht. Der ungarische Bürger war mit dem Juden ein Herz und eine durstige Seele, aber immer nur im Wählerverein. Die beiderseitigen Frauen haben niemals mit einander verkehrt und ins Gentrykasino durfte Bruder Zido nicht herein. Mit