Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 14 (3.4.1908)
- Date
- 1908-04-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Sk. 14 Vr. Vloch's Wochenschrift. Seite 355 vorschwebte, nicht das geeignete Menschenmaterial vorhanden war. Als die jüdische Einwanderung größer wurde, waren auch die Erfolge der jüdischen Farmerkolonien günstigere. Heute gibt es in New-Jersey z. B. drei Musterkolonien: Alliance, 'Rosenhahn und Karmel mit über 200 Farmerfamilien, welche 8000 Acres Land bearbeiten. Im ganzen dürfte man heute in Amerika 8000 Farmerfamilien zählen, die auf der Höhe der modernen Anforderungen stehen, zu der fie sich nach zielbewußter Ueberwindung aller Schwierigkeiten emporgeschwungen haben. Wäre die jüdische Einwanderung endlich einmal geregelt, so würde die Zahl der jüdischen Farmer stetig wachsen, was sehr viel zur Lösung der Ueberfüllungsmisere in den großen Städten beitragen würde. Die Erfolge David Lirbins. Die italienische Regierung hat im Wege ihrer auswärtigen Vertretungen die Mitglieder des „Internationalen Agrikultur- Instituts" verständigt, daß der permanente Ausschuß am 23. Mai d. I. in Rom eine Beratung abhalten wird, um den Arbeitsplan des Institutes festzustellen. Der durch den permanenten Ausschuß ausgearbeitete Arbeitsplan wird dann der im Herbste d. I. abzuhaltenden Vollversammlung der Vertreter aller beteiligten Staaten zur Genehmigung vorgelegt werden. Bekanntlich ist der Initiator dieses internationalen Instituts der Jude David Lubin, ein aus Rußland stammender, in Sagramento (Kalifornien) lebender Gelehrter. Die Wichtigkeit der Idee Lubin's wurde vom König Victor Emanuel von Italien bald erfaßt und durch ihn auf diplomatischem Wege bei den übrigen Staaten gefördert. Heute gehören dem Institute bereits 46 verschiedene Staaten, darunter sämmtliche Großmächte Europas und die Vereinigten Staaten von Nordamerika, an. Dank der munifizenten Schenkung des Königs Victor Emanuel wird die interessante Versammlung bereits in dem der Vollendung nahen eigenen Palais des Institutes in Rom abgehalten werden. Die Juden iu Chile. In ganz Europa reisen jetzt Agenten herum, um Auswanderer für Chile zu gewinnen. Mehrere europäische Regierungen haben Warnungen vor einer Auswanderung nach Chile erlassen. Der in Petersburg erscheinende „jüdische Emigrant" veröffentlicht aus diesem Anlasse die folgenden interessanten Daten über die Juden in Chile: Chile liegt im südlichen Teile von Südamerika, am Stillen Ozean unweit von Argentinien. Das Land besitzt viele natürliche Schatze und obgleich der Weg dahin ein recht weiter und beschwerlicher ist, würden Europäer öfter dahin auswandern, wenn die chilenische Bevölkerung nicht dafür bekannt wäre, daß die Gastfreundschaft nicht ihre hervorragendste Tugend ist. Diesem Umstande ist es zuzuschreiben, daß das fremde Element in Chile nicht mehr als 3 Prozent der gesamten Einwohnerzahl ausmacht. Gegenwärtig finden sich in ganz Chile ungefähr 500 jüdische Familien, von denen 300 in der Hauptstadt Santiago, einer großen Handelsstadt mit 400.000 Einwohnern, wohnen. Die Juden von Santiago teilen sich in drei von einander abgeschiedene soziale Gruppen: 1. französische, englische und deutsche (also westliche) Juden. Diese beschäftigen sich zum größten Teile mit Handel. Die meisten von ihnen wohnen hier schon seit langer Zeit und leben im großen Ganzen in guten Verhältnissen. Der Juwelenhandel liegt fast ausschließlich in den Händen der französischen und englischen Juden, ebenso die Kleiderkonfektion. Die deutschen Juden sind besonders als Schöpfer und Inhaber der großen Hotels von Santiago bekannt. Diese Gruppe ist in keiner Weise organisiert. Viele große jüdische Kaufleute scheuen sich öffentlich zum Judentum zu bekennen, weil ihnen das in ihrem Geschäfte schaden könnte. Diese Gruppe Juden steht in gar keiner Beziehung zur 2. Gruppe. Das sind russische und polnische Juden, die sich hauptsächlich mit Zigarren- und Tabakhandel beschäftigen. Unter diesen finden sich auch verschiedene Gewerbetreibende. Einer von ihnen z. B., ein gewisser Rabinowitsch, ist der Besitzer der größten Schlosser-Werkstätte von Santiago. Außerdem gibt es auch eine kleine Anzahl von Hausierern, die mit verschiedenen kleinen Waren umherziehen. Bis zum Jahre 1904 hatte auch diese Gruppe keine eigene Organisation. Um diese Zeit, anläßlich der hohen Feiertage, lud der obenerwähnte Rabinowitsch einige jüdische Familien, die ein ständiges Minjan gründeten, zu sich ein. Vorläufig ohne Vorbeter, ja selbst ohne Sefer-Thora. Allmählich wuchs die Zahl der Mitglieder; man brachte einen Fonds von 1500 Piaster zur Unterstützung in Not geratener Familienväter zusammen und man beschloß, weiter zu sammeln, um ein Beth-Hamidrasch errichten und einen Rabbiner anstellen zu können. Bis heute find alle diese Projekte nur fromme Wünsche geblieben. Erstens weil es noch immer an den nötigen Geldmitteln mangelt, hauptsächlich aber aus dem Grunde, weil man befürchtet, daß die streng katholisch-klerikale Regierung ihre Zustimmung zu solchen Schöpfungen verweigern würde. Diese Befürchtung ist so stark, daß das Komitee beschloß, dem Verein den Namen „Kosmopolitischer Wohltätigkeitsverein" zu geben, weil er sonst nicht bestätigt worden wäre. Der Verein zählt jetzt 40 Mitglieder und der mindeste Mitgliedsbeitrag beträgt zwei Piaster pro Monat. Vor kurzer Zeit sind in Valparaiso (der erste Hafen von Chile) zehn neue jüdische Familien (70 Seelen) aus Rußland angekommen. Fast alle Männer fanden in den in der Nähe der Stadt gelegenen Mineralwerken Arbeit. 3. Die dritte Gruppe Juden in Santiago bildet unter ihnen die unterste soziale Schichte. Es sind das ungefähr 50 Familien, die erst vor nicht langer Zeit aus Buenos-Aires hieher übersiedelten und alle in der schmutzigen San-Diego-Straße sich niederließen. Es sind fast lauter Ratenhändler, Geldmäkler und Verkäufer von auswärtigen Losen. Diese Gesellschaft wird von den übrigen Juden sehr mißachtet, da sie oft mit den Behörden in Konflikt geraten und den guten Ruf der übrigen Juden schädigen. In Valparaiso wohnen ungefähr 60 jüdische Familien, zumeist Kaufleute. Wie erinnerlich, wurde die Stadt vor einigen Jahren von einem heftigen Erdbeben heimgesucht, dem die halbe Stadt zum Opfer fiel. Sechs jüdische Familien wurden ebenfalls von den Trümmern begraben. Die Stadt ist bis heute noch nicht ganz aufgebaut. Die Arbeit geht langsam von statten und es gibt Gassen, aus denen noch nicht einmal der Schutt abgetragen wurde. Die große Herberge, in welcher man die Emigranten unterzubringen pflegte, ist anläßlich der Erderschütterung ebenfalls eingestürzt und bis heute nicht wieder aufgebaut worden. Gegenwärtig werden die Emigranten in Notbaracken beherbergt. Auch in den übrigen größeren Städten von Chile wohnen Juden in geringerer Zahl. So in Punto Arenas 30, in Concepcion 15, in Anta Panasto 15, in Tenica 10, in Andes 10, in Tranien 5 Familien usw. Die Juden von Chile haben gar keine Gelegenheit, ihren Kindern jüdischen Religionsunterricht erteilen zu lassen, da die meisten Schulen in den Händen der katholischen Geistlichkeit sind, und die Eltern verhalten sich der Sache gegenüber vollkommen indifferent. In ganz Chile findet sich kein Rabbiner oder Schachet. Korrespondenzen. Wien. Am 25. März d. I. fand in den Sälen der B'nai Brith-Vereinigung „Eintracht" unter dem Vorsitze des Präsidenten Herrn Prim. Dr. F l e i s ch m a n n die erste G eneralversammlung des Vereines zur Gründung und Erhaltung des Kaiserin Elisabeth-Institutes für israelitische Krankenpflegerinnen statt. Unter den Anwesenden bemerkte man unter Anderen den Präsidenten der israelitischen Kultusgemeinde Herrn Dr. Alfred Stern, den Vizepräsidenten Herrn Landesschulrat Dr. Gustav K o h n, die Vorstandsmitglieder die Herren Professor E h r m a n n, Professor P o l l a k, Hofrat Rappap o r t, Max F r a n k, S t e i n e r, den Direktor des Spitales der israelitischen Kultusgemeinde Herrn Hofrat Professor O s e r, den Prim Professor Dr. Zuckerkand!, ferner die Herren Dr. Moriz Schnabl. Prim. Dr. I n f e l d, Doktor Eomund Kohn, Dr. I. Samuely und den Herausgeber dieses Blattes Dr. Bloch. Dem vom Schriftführer des Vereines, Herrn Dr. Moriz Laub, zur Verlesung gebrachten Jahresberichte, der mit lebhaftem Beifalle ausgenommen wurde, entnehmen wir folgendes: Der Verein will eine in Deutschland bereits viel erprobte, in Oesterreich aber völlig neue Idee zur Ausführung bringen. Nicht einfache jüdische Wärterinnen sollen herangebildet werden, sondern es soll Mädchen und alleinstehenden Frauen aus besseren Gesellschaftskreisen mit Intelligenz und höheren ethischen Begriffen ein Beruf erschlossen werden, der ihnen bei dauernder Versorgung die Möglichkeit gibt, armen Patienten im Spitale, wohlhabenden Kranken in ihrem Hause und — wenn möglich — auch im Sinne einer Distriktskrankenpflege unbemittelten Kranken in ihrem Heime wohl vollende Pflege zu bieten. Im Frühjahre 1907 wurde im Hause IX., Sechsschimmelgaffe 7, eine Wohnung für die Oberin und die Schülerinnen gemietet, während im Garten des israelitischen Spitales —