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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-03-27 · 13 (27.3.1908) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
13 (27.3.1908)
Date
1908-03-27
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr 13 Dr. Llocb's Mocbenscbritt. Seite 243 Innern, Mr. 28 alp Die8 9), spricht sich gegen die Zulassung aus. Er sagt: „Ich war stets der Meinung, daß die Legislatur dieses Landes, seit den frühesten Zeiten, als eine christliche Betrachtet, leine Körperschaft sei, welche mit Recht und gutem Gewissen Jemanden vom jüdischen Bekenntnisse zulassen könne." Gelächter erregte die Rede eines Mr. Spooner. Dieser erklärte in der denkwürdigen Debatte „über Rothschild", die sich zu einer regelrechten Judendebatte auswuchs, die Juden für „eine höchst interessante Nation" (Hört! Gelächter!). Er sagt ferner: „Diese Nation ist interessant, wenn wir auf ihre Vergangenheit blicken, noch mehr aber, wenn wir ihre Zukunft betrachten." Und nun artet seine Rede in einen salbadernden Predigerton aus, wenn er sich weiter vernehmen läßt: „Was uns leitet, ist die volle und entschiedene Ueberzeugung, daß eine christliche Versammlung ganz christlich sein sollte, wenn wir erwarten, um was wir beten, den Segen des allmächtigen Gottes bei unseren Bemühungen, die Schicksale eines freien und christlichen Volkes gut zu lenken." Der liebe Gott hat, wie man sieht, auch damals manche menschliche Niedertracht decken müssen. Dem Mr. Spooner sekundiert Mr. Newdegate. Obgleich er das gesetzliche Vorgehen des Oberhauses anerkennt, so gesteht er zugleich, daß er jeden Versuch für die Aufnahme der Juden ins Unterhaus, wie er es getan, beständig bekämpfen und sein Votum gegen den Antrag abgeben werde. Eine wahrhaft staatsmännische Rede hielt Lord John Russell. Er spricht der Opposition seine Anerkennung aus, daß sie ihre Entgegnung in parlamentarischer Form gehalten hat. Er hat an der Opposition nichts auszusetzen, freue sich aber über den Erfolg, welchen die Forderung für jene Zulassung erfahren habe8).!Ü i] Man schreitet zur Abstimmung. Für den Antrag Ruffels stimmen 69, dagegen 37 Abgeordnete. Die Majorität beträgt demnach 32. Baron Rothschild schreitet, begleitet von Ruffell und Smith, zu dem Tische des Hauses. Er spricht einige Worte mit dem Klerk Sir Marchant und dieser ruft aus: „Das ehrenwerte Mitglied wünscht auf das Alte Testament, welches für seinGewissen bindend ist, beeidigt zu werden. Der Speaker: „Er werde beeidigt auf das Alte Testament" (,,1,6t; him be sworn on the Old Testament“). Lautes Bravo erschallt von Seiten der Majorität. In dem erwähnten Schreiben Schlesingers heißt es nun weiter: „Der Baron (dies habe ich von einem Augenzeugen) setzt den Hut auf den Kopf und schwört die gewöhnliche Eidesformel, die oben erwähnten sechs Worte („Auf den wahren Glauben eines Christen") auslaffend und dafür ausrufend: „So help me .Jehovah!"10) Nun Unterzeichnete er die Akte und wurde dem Speaker offiziell vorgestellt, welcher dem ehrenwerten Mitgliede mit „sichtbarer Wärme" die Hand drückte. Das neue erste jüdische Parlamentsmitglied nahm nun seinen Sitz auf den Bänken der Opposition (Wighs) ein, zwei oder drei Sitze von Lord Russell entfernt. Wenn man bedenkt, daß zweihundert Jahre vor diesem denkwürdigen Tage im Jahre 1858 die in England einwandernden 8) Spencer Horatio Walpole (geboren 11. September 1806)* Führer der konservativen Partei, als solcher Gegner Lord John Rüssels, Führers der Wighisten (geboren 18. August 1792, gestorben 28. Mai 1878). (Vergl. seine Biographie von Althaus im „Neuen Plutarch". Bd 6, 1879.) 9) Der Parlamentsbericht nach dem „Standard" vom 26. Juli (pag. 2 l'U Kolumne und pag. 3 '/, Kolumne). Der Herausgeber des „Israelitischer Volkslehrer", an den der Brief gerichtet ist, macht zu dieser Eidesleistung die Bemerkung, aß er die Richtigkeit der Mitteilung, Rothschild habe bei dieser Ge- .egenheit den heiligen Gottesnamen ausgesprochen, bezweifle. Es wäre sehr auffallend, daß hier, wo ein Jude gewürdigt wurde, in den Gesamtrat der Nation einzutreten, dieser das Gefühl hervorgerufen hätte, wir Juden hätten einen „Besondergott". Der „Standard" sagt darüber nichts, bemerkt nur, Rothschild hätte den Eid auf das Alte Testament geleistet, und wäre dann vom Staatskanzler und vielen ehrenwerten Mitgliedern, Russell, Hayter, Crawford, Headlam, Bowyer, beglückwünscht worden. Juden als Ausländer betrachtet wurden, eine Fremdenabgabe entrichten mußten und kein Grundstück erwerben konnten und noch 1753 von allen weltlichen Aemtern ausgeschloffen waren, dann begreift man den Enthusiasmus, der alle Juden erfüllte und aus dem mehrfach erwähnten Schreiben Schlesingers hervorleuchtet, angesichts der Tatsache, daß nun ein Jude in dem ehrwürdigen Parlamente Englands saß. Ich kann nicht umhin, einige Worte aus diesem Briefe hier mitzuteilen. Es heißt darin wörtlich: „Chanukka feiern und Lichter anzünden in den acht Tagen, ist gewiß ein wohlbegründetes Fest und schöner Brauch; aber mich däucht, daß an allen Enden der Welt, wo nur zwei Juden sich treffen sollten, Feierlichkeiten dürften angeordnet werden, ob des endlichen enormen Sieges, den die Israeliten errungen." Dazu macht Leopold Stein, Herausgeber der Zeitschrift: „Der israelitische Volkslehrer", die Randbemerkung: „Ganz einverstanden." Dr. Leopold Stein begeisterte sich auch zu einer Zusatzstrophe, die er einem Gedichte anfügte, mit dem er den Erwählten der City of London schon am 15. August 1850 besungen, als dieser seinen Sitz im Parlamente noch nicht einnehmen konnte. Diese Zusatzstrophe sei hier angeführt. „Und also kam's. Acht Jahre wohl vergingen, Eh' auf der Freiheit morgenroten Schwingen Die lichte Botschaft strahlend drang empor; Doch hat Dein Miterwählter") kühn gerungen, Bis er den Geist des Widerspruchs bezwungen, Daß er die Stimme gab zum Jubelchor. — Gott segne Abbion! — Auf, mächtige Nation, Zieh' vorwärts, lichtwärts Deine hehren Pfade! Dich führt der Gott des Rechtes und der Gnade. — Wer an diesen Versen vielleicht Anstoß nehmen sollte der verzeihe sie, da die wahre Begeisterung des Dichters aus ihnen spricht. Doch wenden wir uns der denkwürdigen Sitzung selbst wieder zu. Kein Zweifel — das Torie-Ministerium Derby, das damals am Ruder saß und in welchem Disraeli (der spätere Graf B e a c o n s f i e l d ") Schatzkanzler und Malmesb u r y, Minister des Aeußern war, hatte eine Niederlage erlitten. Wurde doch der Minister des Innern, Walpole, von John Russell fast gänzlich geschlagen. Es intereffiert uns auch, zu hören, wie sich der getaufte Jude Disraeli, der Schatzkanzler des Ministeriums, welcher 1878 zur Höhe seines Ruhmes als imperialistischer Staatsmann Großbritanniens gelangte, 1858 zur Frage der Zulaffung der Juden ins Parlament verhielt. Nach der uns vorliegenden brieflichen Mitteilung erfahren wir die immerhin wichtige Tatsache, daß sich Disraeli an der Debatte nicht beteiligte, „er schwieg, wie immer" (war demnach der große Schweiger des englischen Parlaments), aber er stimmte mit 3 anderen Ministern für Rothschild, während der Rest des Kabinetts gegen ihn stimmte. Der getaufte Jude hatte also sein jüdisches Gefühl nicht ganz verleugnet, wie wir es von dem Dichter des „Endymion" und „David Alroy" auch nicht anders erwarten. Was Malmesbury anlangt, so hatte er auch in der Affaire Mortara, welche gerade damals die Gemüter so heftig bewegte, sich nicht gerade im judenfteundlichen Sinne benommen. Doch dies zu besprechen, ist hier nicht am Platze. Ehe Rothschild seinen Parlamentssitz einnahm, begrüßte er insbesondere Disraeli. Was mochte bei dieser Begrüßung in dem Herzen des getauften Juden Vorgehen, als dieser charakterstarke Mann vor ihm, dem Renegaten, stand. Ueber Gefühle können wir jedoch nicht referieren. Eine Stunde nach der Zulaffung des Barons versammelten sich zahlreiche Mitglieder der jüdischen Gemeinde in der „London- Tavern" (im größten Saale Londons), um in diesem Meeting ihrer Freude und Anerkennung darüber Ausdruck zu verleihen, ") Gemeint ist Lord John Russell. 1J) Benjamin Disraeli, Sohn des Isaak Disraeli, Earl of Beaconsfield, geb. 21. Dezember 1804, 1817 getauft, seit 1837 Parlamentsmitglied; gestorben 19. April 188 . (Gesamtausgabe seiner Werke 1881 in 10 Bänden erschienen.)

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