Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 13 (27.3.1908)
- Date
- 1908-03-27
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 342 Dr. Llocb's Mocbenscbrltt. Rr. 13 Mißlitz. Am 14. d. M. starb in den schönsten Mannesjahren Herr Oberkantor Zlottzenko und wurde unter größter Beteiligung Mer Korporationen und der ganzen Bevölkerung am 16. d. M. zu Grabe getragen. Der Verblichene, der sich sowohl durch Fachkenntnis und besonderen Pflichteifer auszeichnete, war vordem Oberkantor in Tyrnau, Siklos und Holics. Sein Andenken sei gesegnet. .Prag. (Vortrag Dr. Arnold Rosenbacher.) Das bevorstehende Kaiser - Regierungsjubiläum bietet dem Zentralvereine zur Pflege jüdischer Angelegenheiten Veranlassung, den gedeihlichen Entwicklungsgang der Prager jüdischen Gemeinde unter der Regierung Sr. Majestät in einer Darstellung von hervorragend zuständiger Seite den intereffierten Kreisen vorzuführen. Es hat sich nämlich der Präsident der Prager israelitische« Gemeinderepräsentanz, Herr Dr. Arnold Rosenbacher, über Einladung des Vereinsausschusses bereit erklärt, in einem allgemein zugänglichen Vorträge am Samstag den 28. März 1908, halb 8 Uhr abends, im Festsaale des Palais Colloredo- Maunsfeld: „Die Entwicklung der Prager jüdischen Kultusgemeinde während der 60jährigen Regierungszeit des Kaisers Franz Joseph I." zu beleuchten. Der Vortrag, der aus authentischen Quellen schöpft, verspricht viel des Neuartigen und Interessante» zu bringen. Karlsruhe. Die am 15. d. M. vollzogenen Wahlen zur israelitischen Landessynode, die wegen des Gebetbuchstreites diesmal von besonderem Interesse waren, haben den Sieg der Reformgegner gebracht. Von 21 gewählten Synodalen sind 15 Gegner der Gebetbuchreform. Die Wahlbeteiligung war außerordentlich stark, an manchen Orten bis zu 100 Prozent. Karlstadt. (Requiem.) Die Karlstädter isr. Kultusgemeinde hat durch Veranstaltung der am Sonntag den 22. d. M. abgehaltenen Gedächtnisfeier ibrer Pietät für ihren verdienstvollen Präsidenten weiland Dr. Friedrich Stern erhebenden Ausdruck verliehen. Der aus diesem Anlässe schwarz drapierte Tempel war in seinen Rängen durch ein distinguiertes Publikum besetzt. Die Spitzen der Behörden, des Gerichtes und zahlreiche Korporationen waren durch Deputationen vertreten. Die Trauerfeier begann mit dem Rezitieren eines Psalms durch Oberkantor David Meisel, worauf der verstärkte Tempelchor den Lnosed wirkungsvoll exekutierte. Hierauf würdigte Rabbiner Dr. Schick >n kroatischer Sprache die zahllosen, hervorragenden Verdienste des Verstorbenen. Nach Verrichtung eines Gebetes gelangte durch Oberkantor Meisel LI mole rachamim in ergreifender Weise zum Vortrag, womit die Trauerfeierlichkeit ihr Ende hatte. Lpeetator Judenexzesse in Jaffa. Während einer Feier des jüdischen Purimfestes überfielen auf Befehl des Kaimakam Polizei und Soldaten die jüdische Herberge in Jaffa und verwundeten dreizehn Juden, darunter mehrere schwer. Zwar ist die Bevölkerung einstweilen noch ruhig, doch werden weitere Ausschreitungen seitens des Kaimakam befürchtet, wenn nicht die Konstantinopler Zentralbehörde gegen die Wirksamkeit dieses Beamten einschreitet. Feuilleton. Da» fünfzigjährige Jubiläum brr Zulassung br» erste« Jude«, Karo«» Kyouel Rothschild, i« das englische Parlament, Montag. 26. Juli 1858. (Nach gleichzeitigen Originalberichten mitgeteilt von Dr. Max Grüufeld) Schon im Jahre 1850 wurde Baron Lyonel Rothschild von der „City of London“ ins Parlament gewählt. Seinen Sitz im Unterhause konnte er aber erst im Jahre 1858 eiunehmen. „Tantae molis erat“. Der Grund, weshalb es 8 Jahre dauerte, ehe der Erwählte auch sein Recht alS Parlamentsmitglied ausüben konnte, war, weil er den Schwur, den die Mitglieder beider Häuser bei ihrer Aufnahme leisten müssen, den Schwur auf die Konstitution, der mit den Worten endigt: „Auf den wahren Glauben eines Christen", nicht ablegen wollte. Der 8jährige Streit wurde durch eine Bill beerdigt, die vom Oberhause ausging. Der Antrag. des Hauses der Lords gipfelte im folgenden Vermittlungsvorschlage: Das Haus verharrt dabei, daß Mitglieder beider Häuser bei ihrer Aufnahme den Schwur auf die Konstitution mit den Worten: „Auf den wahren Glauben eines Christen" endigen müßten, daß es aber aus Rücksicht vor dem im zweiten Hause, (dem Hause der Gemeinen), so oft ausgesprochenen Prinzip folgende Ausnahme zur Annahme des Unterhauses Vorschläge: „es soll beiden Körpern individuell freistehen, Mitgliedern, die gegen die obige Formel Bedenken tragen, mit der Aeu^erung solcher Schlußworte Zulassung zu gestatten, die ihnen (den eintretenden Abgeordneten) am meisten bindend erscheinen". Dieser Antrag wurde nach dreimaliger Lesung im Oberhause, und nachdem er die dreimalige Verhandlung im Unterhause passiert hatte, zum Gesetze erhoben. *) So wurde der 26. Juli 1858, an dem dies geschah, zu einem in der Tat denkwürdigen Tage in der neuesten Geschichte der Juden. Nach einem mir vorliegenden Parlamentsberichte im „Standard" und einem in begeisterten Worten schwelgenden Schreiben* 2) über die so bedeutungsvolle Parlamentssitzung, will ich es nun versuchen, dieses für die jüdische Geschichte so epochale Ereignis zu schildern. Die Sitzung des. Parlaments war für Mittag anberaumt, obgleich das Haus sich sonst stets Abends und Nachts versammelte, und war schon dadurch als eine außerordentliche („extraordinäre") gekennzeichnet. 116 Parlamentsmitglieder waren anwesend. 3) Bei Eröffnung des Hauses nahm Baron Rothschild, begleitet von einer Anzahl von Freunden, auf der Bank,, unter der Galerie, auf der Oppositionsseite, Platz. Der Speaker 4 *) (Sprecher, Präsident) nimmt das Wort: „Das Mitglied, das seinen Platz einzunehmen wünscht, wolle an den Tisch kommen, um beeidigt zu werden." Baron Rothschild trat hierauf, von Lord I. R u s s e l l °) und Mr. I. H. Smith geführt, vor das Haus. Mr. Warren erhebt sich „für die Ordnung". Er will das Haus ^befragen. Der Sprecher: „Die Verhandlung beim Eintritt eines Mitgliedes genießt das Privilegium, nicht unterbrochen zu werden." Sir Marchant, der Klerk des Parlaments 6 7), überreicht hierauf dem Baron Rothschild eine Abschrift des Eides, wie er von dem Gesetze vorgeschrieben ist, den zu leisten der Baron ablehnt, indem er erklärt, daß sein Gewissen ihn daran verhindere. Im Aufträge des Speakers zieht er sich auf den Platz unter der Galerie zurück. Die denkwürdige Debatte beginnt nun. Interessant zu hören ist, welche Argumente die Gegner der Zulaffung Rothschilds vorbrachten. Einer dieser Hauptgegner war der bereits genannte Mr. Warren^). Er bekennt, daß er sich weder von persönlichen Motiven gegen Baron Rothschild leiten lasse, noch von irgend welchen Beweggründen gegen den alten Stamm, dem der Baron angehöre. Er erachte jedoch die Zulassung eines Juden in das Parlament als unverträglich mit dem ch r i st l i ch e n Charakter der Legislatur. Daher fühle er sich berufen, dem Anträge des edlen Lords (Ruffell) ein Nein entgegenzustellen. Russell hatte nämlich beantragt, der Baron möge so schwören, wie ihm beliebe. Auch der Minister des ’) Lord John Ruffel beantragte, den letzten Satz des Eides durch die Worte zu ersetzen: „So wahr mir Gott helfe". s) Das Schreiben röhrt von Herrn Louis Schlesinger in London her und ist an den Herausgeber der Zeitschrift „Der israelitische Volkslehrer" gerichtet. 3) In bem zitierten (Schreiben wird ausdrücklich erwähnt, daß sich zu dieser Sitzung über 100 Mitglieder eingefunden hatten, während in den verflossenen 8 Tagen nie mehr als 50 Mitglieder anwesend waren, denn man befand sich am Schlüsse der Session. 4) Es wird hervorgehoben, daß der „Speaker", der sonst nur bei außerordentlichen Anlässen redet, in jener Sitzung mehreremale das Wort ergriff. b) Der berühmte Staatsmann, Minister und Abgeordnete. 6) »Clerk of Parliament«, Schriftführer. 7) Samuel Warren, Romanschriftsteller und Rechtsgelehrter, geboren 23. Mai 1807, gestorben 29. Juli 1877. In seinem Werke: „Aus dem Tagebuche eines Arztes" zeigt er sich als Gegmr der Juden.