Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 13 (27.3.1908)
- Date
- 1908-03-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 234 Dr. Llocb's MocvenrcdrlN. Nr. 13 cl£ kriegsgewohnter Staat ansieht. Wie ein Hagestolz so betrachtet wird, als ob er seine Bestimmung als Mann nicht erfüllt hätte und daher nicht als „ganzer Mann" geachtet wird gegenüber jenem, der „seine" Familie gegründet hat, genau so ist er mit der Auffassung einer Rasse oder einer Nationalität, die nirgendwo ihren Staat hat. Daß die Juden einmal „ihren" Staat hassen, ist schon zu lanae her, heute und seit so vielen Jahrhunderten ist die jüdische Rasse staatlos. Aus diesem Defekt, der manchen sehr Vernünftigen wie der Mangel eines Schattens bei Peter Schlemihl erscheint, ergibt sich nun die eigentümliche Mißachtung, welche die Juden inmitten der sie umgebenden Völker zu erleiden haben. Man stelle sich aber vor, es cxistiere oder entstünde heute irgendwo ein jüdischer Staat. Sofort wäre eine Art völkerrechtlichen Respekts vor dieser irgendwo existierenden politischen Macht vorhanden. Ein Staat, nicht größer als irgend ein Schweizer Kanton, würde schon vollkommen genügen, und ein monarchischer Staat wäre für Erhöhung dieses Respektes noch bester als ein republikanischer. Wenn nun in der Hauptstadt dieses und jenes europäischen Staates Gesandte jenes jüdischen Staates ankämen, in großer Uniform auffahren und ihre Kreditive überreichen würden, wenn man dann, wie ja natürlich, wüßte, daß dieser Staat oder dieses Staatlein eine so und so große Anzahl von Soldaten besitzt, mit denen er Jenen, die „hkneinfallen", webe tun kann und auch Kriege zu führen vermag, daß dieser Staat, so klein er auch ist, doch ganz erträglich in der groben Politik mitintriguieren kann, daß er, respektive sein pfiffiger Minister des Aeußern religiöse und anthropologische Prinzipien geschickt zu verwerten versteht, um sich mit diesen und jenen Völkerschaften, etwa in Hocharabien und Egypten oder wo immer zu alliieren u. s. w. — dann würde man sich bedenken, sich so leichthin gehen zu lassen; jede Beleidigung eines Juden wäre ja dann nicht mehr bloß eine unmoralische Handlung, über die man sich leicht hinwegsetzen würde, sondern ein Fall für eine völkerrechtliche Reklamation-". lieber die Bedeutung Poppers als Denker schreibt die „Vossische Zeitung": Ei« origineller Deuker. (Zum 70. Geburtstage Joseph Poppers.) Einer der mutigsten, unbefangensten und konsequentesten Denker unserer Tage, der Soz'alphilosoph, Dichter und Techniker Joseph Popper begeht heute in Wien, von wo er seit einer langen Reihe von Jahren aus seinem stillen Heim bedeutende Werke in die Welt sendet, seinen siebzigsten Geburtstag. Die Bezeichnungen, die hier dem Namen des genialen Mannes hinzugefügt wurden, deuten auf die Vielseitigkeit seines Geistes und seines Wirkens; aber dieses Hervortreten auf scheinbar so entgegengesetzten Gebieten hat mit Zersplitterung oder Mangel der Konzentration nicht das Mindeste zu schaffen; die in so verschiedene Literaturbereiche gehörenden Werke Poppers werden nicht nur durch die Einheit einer starken Persönlichkeit, sondern auch durch die nach allen Seiten ausstrahlende Lichtfreudigkeit, durch den unbedingten Wahrheitsdrang, der sich in allen seinen^ Untersuchungen betätigt und auch seine dichterischen Arbeiten ideell durchleuchtet, und durch die edle Freiheit einer humanen Lebensanschauung zusammengehalten. Popper wurde als Sohn deutscher Eltern in dem tschechischen Städtchen Kolin geboren, absolvierte die technischen Studien in Prag und Wien und trug sich schon als junger Ingenieur mit weit ausblickenden Ideen und überaus fruchtbaren wissenschaftlichen Anregungen. In das Jahr 1862, das vierundzwanzigste seines Lebens, fällt eine denkwürdige Episode, deren schon einmal in diesen Blättern (anläßlich der Besprechung eines Popper'schen Buches, in dem 1903 erschienenen Feuilleton „Sozialphilosophisches", Nr. 267) Erwähnung geschehen ist.. Mittellos, ohne einflußreiche Freunde und Förderer, die es ihm ermöglicht hätten, eine ausführliche Denkschrift herauszugeben oder gar einen Erfindergedaukeu durch ein kostspieliges Modell zu versinnlichen, überreichte der blutjunge Ingenieur damals der Wiener Akademie der Wissenschaften in versiegeltem Kuvert einen technisch-wissenschaftlichen Aufsatz mit der Bitte, nach zwanzig Jahren die Siegel zu lösen und so die Priorität der in dem Aufsatz ausgesprochenen Gedanken festzustellen. Als im Jahre 1882 in einer Akademiesitzung das Kuvert geöffnet wurde, konnte sich der bekannte Physiker Simony, der mit der Mitteilung des Inhalts betraut war, ein keineswegs weichlicher Mann, bei seinem Berichte über die geniale Arbeit, die zwanzig Jahre verborgen geblieben war, der Tränen nicht enthalten. Die bald darauf in den Sitzungsberichten der Akademie der Wissenschaften veröffentlichte Schrift war „Heber die Benutzung der Naturkräfte" betitelt und enthielt den ersten Vorschlag elektrischer Kraftübertragung mit ausführlicher praktisch verwertbarer Nutzanwendung auf elektrisch bewegte Vehikel, also eine Erfindung, die zwischen Einreichung und Veröffentlichung der Arbeit ans Licht gedrungen, 1882 in den ersten elektrischen Trambahnwagen bereits verwirklicht war und heute unser Verkehrswesen in so außerordentlicher Weise beherrscht. Waren Popper auch die materiellen Früchte seiner Denkertat und der dröhnende Erfinderruhm auf dem lauten Markte entzogen, so erwies ihm die wissenschaftliche Welt doch alle ihm gebührende Ehre und sein technisches Genie hatte sich inzwischen auch praktisch auf anderen Gebieten durchgerungen. Eine Reihe von Erfindungen, darunter der nach Popper benannte Luftkondensator, fanden in der industriellen Welt volle Anerkennung und Verwertung, und zugleich befestigten ausgezeichnete Arbeiten aus den Gebieten der Mathematik, Physik und Technik, darunter ein hochgeschätztes Werk über Flugtechnik, Poppers Ansehen in technisch-wissenschaftlichen Kreisen. Das klare und mutige Denken des außerordentlichen Mannes und seine ingeniöse Gabe der Konstruktion bemächtigten sich aber gleichzeitig auch andere Gebiete. Ende der Siebziger-Jahre erschien (zu Voltaires hundertstem Geburtstage) Poppers seither wiederholt aufgelegte sozialphilosophische Schrift: „Das Recht zu leben und die Pflicht zu sterben" eine tiefgreifende Betrachtung über die wirtschaftlichen und ethischen Grundlagen eines Zukunftsstaates, die sich von den meisten Staatsrrmanen und „Utopien" dadurch unterscheidet, daß sie im wesentlichen erfüllbare Postulate aufstellt, mit den gegebenen Bedingungen der Menschennatur und der Kultur rechnet und die Besserung der allgemeinen wirtschaftlichen Lebensbedingungen keineswegs durch die Vernichtung der Individualitäten oder ihrer Betätigung erkaufen will. Das merkwürdige Buch ist seinerzeit in der „Vossischen Zeitung" in ausführlicher Weise kritisch gewürdigt worden, und so sei heute nur bemerkt, daß der fruchtbare Gedanke einer Nährarmee, die nach der Meinung des Autors ähnlich wie unsere heutige Wehrarmee zu organisieren wäre, in ihren Grundzügen zwei Ideen, die heute infolge mancher Krisen alle Sozialpolitiker beschäftigen, nämlich die Verwirklichung des Rechtes auf Arbeit und die Versicherung gegen Arbeitslosigkeit vorwegnimmt. Eine kleinere Schrift Poppers schlägt gedanklich in interessanter Weise die Brücke von seinen technischen zu seinen literarischen Neigungen. Die um die Mitte der Achtziger-Jahre erschienene Arbeit betitelt sich „Die technischen Fortschritte nach ihrer ästhetischen und kulturellen Bedeutung" und legt in interessanter Weise dar, wie das ästhetische Element nicht etwa als eine willkürliche Zutat, sondern von innen, aus der Empfindung heraus (allerdings mit Ausschluß der sogenannten „Schöngeisterei") in das Technische hinübergreift. Trat hier schon ernstes Kunstverständnis und ein aus dem Gegenstand in die Form hinübergeflossener künstlerischer Zug zutage, so war man nichtsdestoweniger überrascht, als Popper Ende der Neunziger-Jahre mit einer ausgesprochen poetischen Produktion, mit einer Sammlung von Novellen, Legenden und Fabeln, denen er den Namen „Phantasien eines Realisten" gab, auf den Plan trat. Er tat es zunächst unter dem Decknamen Lynkeus, lüftete aber das Visier, als es zum Kampfe mit bornierten Gegnern kam, die gegen die in dem Buche poetisch versinnlichten Ideen Sturm zu laufen versuchten. Die etwa fünfzig Erzählungen, die Popper da zusammenfaßt, erinnern in der Formgebung an das Vorbild der Lessingschen Fabeln und der Herderschen Parampthien, indem sie, an überlieferte Motive und Tonarten anklingend, den Legenden neue Ideen zugrunde legen und die Fabeln in neue Spitzen auslaufen lassen. Der gedankliche Gehalt der graziös vorgetragenen, überaus mutigen, aber nie eine feine Empfindung verletzenden