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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-03-27 · 13 (27.3.1908) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
13 (27.3.1908)
Date
1908-03-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 832 L)r. Lloco s MocbenscvrM. Nr. 13 eine solche Anstalt, in Kärnten, Steierinark, Niederösterreich und Böhmen besteht auch je eine. In Ungarn sorgt der Staat in mustergittiger Weise. Ganz Deutschland zählt über 100 solcher Anstalten. In Wien sind 3 und in Perchtoldsdorf eine Privatanstalt. Außerdem erhält der Verein „Providentia" einen Tageshort für solche Kinder. Man rechnet 1 Zurückgebliebenen auf 1000 Seelen. Das gäbe 1500 jüdische Idioten in Oesterreich. In der Tat ist die Majorität der Kinder in den Privatanstalten jüdisch und auch die öffentlichen Anstalten haben jüdische Kinder. Die Resultate der Erziehung an solchen armen Wesen sind ungefähr folgende: Ein Drittel der Kinder bringt es zur vollen Erwerbsfähigkeit, ein Drittel ist gänzlich unheilbar, ein Drittel bringt cs bis zur Ausübung leichter Beschäftigungen. Dabei ist zu bemerken, daß diese Spezialpädagogik noch am Anfang ihrer wissenschaftlichen Begründung steht, daß die bisherige Arbeit im großen und ganzen auf Lehrversuche und Lehrerfahrungeu beruht. Die Kosten einer solchen Anstalt, bei der möglichst Einzelunterricht sein sollte, sind nicht gering, sie find aber bezahlt, wenn man Menschenleben rettet oder doch Eltern Sorgen um ihre Kinder benimmt. Vor Jahren suchte ich durch die Rabbiner in Oesterreich die Zahl der jüdischen zurückgebliebenen Kinder zu erheben. Mancher freudige Zuruf wurde mir zuteil, manche Aufmunterung. Und ein Maun war es besonders, der mit mir an diesem Werke schaffen wollte, der verstorbene Präsident der Repräsentanz der böhmischen Landesjudenschaft, Dr. Moritz Lichtenstern in Prag. Er schrieb mir am 26. September 1903: „Es muß etwas geschehen". Auch ich sage es heute: Es muß etwas geschehen! Was die Protestanten und Katholiken fertig bringen, muß auch den Juden gelingen. Ich rufe hiermit alle, die für Erziehung, Unterricht, Bildung, Gesittung Sinn haben, alle, welche Mitleid und Erbarmen fühlen, auf, damit wir im Jubeljahre unseres Kaisers uns zusammentun und den Grund legen für eine Jubiläums st iftung zu einer Erziehungsanstalt für jüdische Schwachsinnige und Epileptische. Ich hoffe, mein Ruf wird nicht umsonst sein. Die Redaktion dieses Blattes wird gerne die Beitrittserklärungen aunehmen und an mich leiten. Wien. Direktor Dr. S. K r e n b e r g e r. Gerechtigkeit zweiter Klaffe. Während der ganzen vergangenen Woche war die öffentliche Meinung unausgesetzt im Kochen. Der Fall Wahrmuud wurde mundgerecht gemacht, teils nach römischitalienischer Art, teils nach dem offiziellen österreichischen Kochbuch, alle Zeitungen des Reiches waren Heizmaterial, der Nuntius war der Küchenchef, dem aber das sonst so gefügige christlichsoziale Personal nicht gehorchte. Das Ganze aufessen wird das Parlament müssen und der Unterrichtsminister wird davon Gesundheitsstörungen bekommen, die ihm das längere Verweilen im Amte nicht mehr lange gestatten dürften. Wir Juden setzen uns absolut nicht an die christlichrituelle Tafel, wenn wir auch wohl ein staatsbürgerliches Recht darauf haben, zu verlangen, daß an den auch von uns mitbezahlten Universitäten Wissenschaft und nicht Tendenz vorgetragen werde, und wenn wir auch dem Anwachsen der klerikalen Macht Widerstand entgegensetzen sollten, die uns gegenüber stets eine Tyrannei gewesen ist. Eine diesbezügliche Abwehrtätigkeit müssen wir aber wohl oder übel auf eine andere Gelegenheit sparen. Aus Anstand und Vernunft. Denn den Kern der Affäre Wahrmund bilden Streitigkeiten um Lehren und Begriffe der katholischen Religion und da muß das Feingefühl uns wohl sagen, daß unsere Einmischung, wenn sie auch eine andere, etwa die staatsrechtliche Seite der Frage betrifft, doch den Eindruck einer unpassenden Anmaßung machen müßte. Weiters wäre es untex den heutigen Verhältnissen, da der fanatische Judenhaß immer wie eine Bestie zum Sprunge bereit liegt, eine Schädigung unserer eigenen Position und schließlich eine .Schädigung der freiheitlichen Sache, wollten wir auch im mindesten nur irgend eine Partei ergreifen. Wir sind der am wenigsten kompetente Faktor in der ganzen Angelegenheit und es zeugt von der politischen Reife der österreichischen Juden, daß sie während des ganzen Wahrmundturuiers als Zuschauer auf den Galerien blieben und ihre Beifalls- und Mißfallsäußerungen klüglich für sich allein behielten. Auch in diesen Blättern wurde und wird die Affäre des Innsbrucker Professors nur soweit behandelt werden, als sie zur Beleuchtung eines anderen Falles dient, der mit ihren Anfängen in einer Linie läuft. Also Wahrmund hat die katholische Kirche oder wenigstens das religiöse Gefühl seiner Zuhörer und Leser beleidigt und die Behörden haben die ethische Pflicht des Staates zu erfüllen vermeint, als sie ihm mit ihren schärfsten Waffen entgegentraten. Es ist ein Paragraph darüber vorhanden, der mit vollem Recht die Herabwürdigung einer gesetzlich anerkannten Kirche oder Religionsgenossenschaft verbietet. Mit vollem Rechte — denn mau kann es nicht dulden, daß ein dummer oder ein schlechter Kerl das arbeitsame und friedliche Zusammenleben der Bürger stört, indem er Aergernis erregt durch die Beleidigung eines hohen sittlichen Gefühls. Es mag dahin gestellt , sein, ob dieser Paragraph von seinen Schöpfern in dem Sinne gemeint war, daß in seinen Machtbereich auch die wohl erwogenen Forschungsergebnisse eines Universitätsprofessors fallen, der wohl irren mag, aber doch nicht die Absicht hat, jemanden zu beleidigen und irgend etwas herabzuwürdigen, sondern nur die Wahrheit verbreiten will. In diesem Falle würde sich die Tatsache Herausstellen, daß ein Gerichtssenat oder wer immer über die Sache entscheidet, als ein vom österreichischen Staate beigestelltes Ketzergericht fungiert. Sei dem wie immer. Mag Professor Wahrmund im. Namen des Kirchenrechtes, seiner eigenen Wissenschaft, Recht oder Unrecht geschehen, so ist und bleibt es doch ausschließliche Sache der Katholiken, ob sie mit diesen oder jenen Mitteln Orthodoxie oder Freigeisterei in ihrem Bekenntnis beschützen wollen. Wir Juden stellen für uns nur das Eine fest, daß im Falle Wahrmund die Justizbehörde gegen den Professor mobilisiert wurde, daß die volle Strenge des Gesetzes gegen ihn angeweudet werden soll und daß darüber hinaus der Ministerpräsident und andere offizielle Persönlichkeiten, welche jedenfalls unparteiisch zu bleiben hätten, eine entschieden feindliche Haltung gegen den Innsbrucker Hochschullehrer angenommen haben. Dies alles geschah auf die Erklärung offizieller katholischer Kreise, daß ihr religiöses Gefühl verletzt worden sei. Die Empörung schlug turmhohe Wogen, auf denen das ganze Staatsschiff schwankte. Warum aber gibt es im vollkommen gleichen Falle nicht einmal Wellen der Entrüstung, wenn genau, so wie in Innsbruck eine staatlich anerkannte Religionsgenossenschaft gröblich beleidigt und herabgewürdigt wird, allerdings nur die jüdische? Die klerikale Presse schreit Zeter und Mordio über den Zusammenbruch der Sittlichkeit, der Ministerpräsident ist unwirsch und der Justizminister schickt gepanzerte Staatsanwälte aus, weil jemand die Grundlage der menschlichen Gesellschaft, die Religion, ins Wanken brachte. Aber mit einem Wortbruch der Gesetze, mit einem verbrecherischen Stillschweigen der Behörden läßt man es täglich und stündlich geschehen, daß Millionen loyaler und ehrlicher Staatsbürger in ihren heiligsten religiösen Gefühlen auf das Gröblichste verletzt werden. Der Innsbrucker Professor ist ein Jünger der Wissenschaft und hat in ihrem Namen gesprochen, er hat also wenigstens mildernde Umstände. Nichts aber als das nackteste, nichtswürdigste Verbrechen nicht nur im Sinne des Paragraphen über Religionsstörung, sondern auch gemäß den gesetzlichen Bestimmungen über Haß und Aufreizung begehen unausgesetzt die jour-

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