Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 13 (27.3.1908)
- Date
- 1908-03-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 13 L>r. Zölocb's Moebenscbrm. Seit» 231 gleichen der Maffenabfütteruug. Individuelle Behandlung ist auch hier bester. Man gebe dafür unseren Rabbinern Zeit und wecke ihre Lust, Freund, Mittler und Berater zu jein. Ueber den hohen ethischen Wert dieser drei Funktionen können Goethe, Lazarus und der Briefwechsel Herbarts belehren. Was sonst an wohltätigen Einrichtungen für das Kind geschaffen werden kann, wie Kinderspitäter, Kinderhorte, Asyle, Krippen, Findlingsheime, Bewahranstalten, Waisenhäuser, Erziehungsanstalten für die verwahrloste, blinde, taubstumme, epileptische und schwachsinnige Jugend sind gewiß gut, vortrefflich und nötig, aber vor allem tut die Grundlage not: jüdische Erziehung, Pflege jüdischer Ideale. Für Kinderhospitäler haben Juden schon in aller Welt Geld hergegeben. Wir haben aber vereinzelt jüdische Kinderspitäler. Sie sind jedoch notwendig, weil in solchen Spitälern oft Missionstätigkeit getrieben wird und weil jüdische Aerzte an ihnen Beschäftigung finden könnten. Sie wären nicht notwendig, wenn die Schätzung des Menschen nicht vom Bekenntnis abhängig gemacht würde. Die Juden werden zu eigenen Humanitätsanstalten gedrängt. Und so kann man verlangen, daß die für die überall judenfeinfeindlichen Institutionen verwendeten geistigen und materiellen Machtmittel nur für jüdische Zwecke verbraucht werden. Es scheint uns diese Forderung als beste Taktik im Kampfe um volle Gleichberechtigung; die „reinliche Scheidung" wird die eigene Kraft erkennen lasten, sie stärken und anderseits eine fühlbare Lücke entstehen machen, die wahrscheinlich auch zu besserer Einsicht führen wird. „Viribus unitis“ soll der Jude für seine Interessen kämpfen, damit er als Macht bewertet werde und mit Macht das Recht durchsetze. Und neben diesem allgemein erziehlichen und realpolitischen Grunde für die Gründung eigener Humanitätsanstalten zwingt dazu das sogenannte „Wirtsvolk". Es schließt unsere Intellektuellen vom Amte aus, verhängt über unseren Mittelstand die Aussperrung und setzt für die Aufnahme der Juden in die allgemeinen Humanitätsanstalten einen numsrns elausus fest Die perzentuelle Beschränkung der Juden auf allen Gebieten in Rußland ist dort, wo der Absolutismus noch ganz kräftig waltet, eine offene, hier bei uns, im konstitutionellen Staate, eine geheime, bureaukratische. Und wir können doch nicht warten, bis die diesbezügliche „Erlösung" kommt. Wir können doch nicht unsere Intellektuellen verschwinden, unseren Mittelstand verderben und unsere Schwachen, Armen und Hilfsbedürftigen untergehen oder verhöhnen oder quälen lassen. Der Kampf um die volle Gleichberechtigung muß auch damit ausgenommen werden, daß die Juden au allen Kulturbestrebungen größten Anteil nehmen und sich in jeder Weise und in jeder Hinsicht als wertvolles Kulturelement erweisen, dessen Aufnahme für den Staat selbst von Vorteil ist. Die Lage, in die uns der Gegner drängt, ist von uns zur Stärkung unserer kulturellen.Position zu benützen. Daher haben wir für besondere Humanttätsanstalten zu sorgen. Von allen oben aufgezählten besitzendie österrreichischen Juden bereits eine Blinden- und Taubstummenanstalt, Kinderhorte, Bewahranstalten. Es fehlen ihnen Krippen, Asyle, eine Erziehungsanstalt für schwachsinnige und epileptische Kinder, eine für die verwahrloste und verbrecherische Jugend und Findlingsheime. Immerhin noch genug. — Der Zweck der Krippen ist, mittellosen Eltern, besonders solchen, die der arbeitenden Klasse der Bevölkerung angehören, die demnach bei Tage ihrem Erwerbe nachgehen müssen, während dieser Zeit für ihre gesunden Kinder von der Geburt an bis zum vollendeten zweiten Lebensjahre Aufnahme, Ueberwachung und Verpflegung in eigens hiefür eingerichteten Anstalten zu gewähren. Sie sind eine Erweiterung der Bewahranstalten nach unten. Dle ersten Krippen wurden 1846 ta- Paris von Firmin Marbeau errichtet. Von, dort verbreitetes sich diese für den hilfsbedürftigsten Teil der Jugend be-K stimmte Einrichtung über alle Kulturländer. In Wien werden» 7 Krippen von einem Verein erhalten, dem wohl viele Juden als Spender, Stifter und Mitglieder angehören und die einige jüdische Aerzte besuchen, aöer in der Leitung ist nur eine Jüdin oder vielmehr, wie ich glaube, gewesene Jüdin. Es wäre sehr wünschenswert, zu erfahren, wie viel jüdische Kinder in den Krippen verpflegt wurden und werden. Da die Proletarisierung der Juden stetig wächst und auch die Frau mitverdienen muß, wäre die Schaffung von Krippen in Verbindung mit Bewahranstalten und Kindergärten besonders in Galizien und Bukowina ein wohltätiges Werk, und die Anregung hier gilt sowohl der Baron Hirsch-Stiftung als dem Hilssverein für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien. Sie würden dadurch den besten Grund für eine gesunde und kräftige Bevölkerung legen. Asyle nennt man entweder Bewahrungs- und Pflegeanstalten für unrettbare, nicht entwicklungsfähige Idioten oder auch Rettungshäufer für sittlich kranke Kinder. Für letztere hat der erste österreichische Kinderschutzkongreß in Wien vom 18. bis 20. März 1907 eine rege Teilnahme gezeigt, weil die Zunahme jugendlicher Verbrecher und jugendlicher Verwahrlosung eine schon viel berührte und beklagte Tatsache ist. Es wurde dort angegeben, daß die Zahl der jugendlichen Verwahrlosten in ganz Oesterreich etwa 13 bis 14 auf 10.000 betrage. Würde man den gleichen Satz auf die l'/z Millionen österreichischer Juden übertragen, so gäbe es unter ihnen fast 3000 jugendliche Verwahrloste. Bei einem Satz von 10 auf 10.000 würden es noch immer 1500 sein. In Deutschland nehmen jüdische Waisenhäuser gewöhnlich auch Verwahrloste auf. Ich selbst fand in den drei niederösterreichischen Rettungshäusern und selbst in der Korreklionsanstalt in Korneuburg Jahr für Jahr jüdische Knaben untergebracht. Wenn daher jetzt für Waisenhäuser gespendet wird, wenn solche erweitert oder neu errichtet werden, dann möge man auch in ihnen Verwahrloste aufnehmen, denn die Verwahrlosung hat entweder im schlechten häuslichen Milieu oder in der abnormalen Anlage den Grund. Kinder, deren sittliche Mängel durch den ersten Fall veranlaßt sind, finden die rechte Stätte im Waisenhaus, wenn es nach dem Familienprinzip und mit Arbeitsstätten eingerichtet ist. Die anderen können in Anstalten für geistig Zurückgebliebene mit untergebracht werden. Jedenfalls sei die Aufmerksamkeit auch der jüdischen Oeffentlichkeit auf die Verwahrlosten gelenkt und die Fürsorge für sie noch wärmer und dringender empfohlen als manches, was in letzter Zeit geschaffen oder geplant wurde. Wir Juden sollten nicht e i n verwahrlostes und verbrecherisches Kind haben! Eine Ursache der Verwahrlosung ist sicher auch das Findlingswesen, wie wiederum Findlinge verwahrloste Mütter haben. Auch jüdische Findlinge gibt es in neuerer Zeit! Die Familienerziehung solcher wird manchen künftigen Schaden aushalten. Mit besonderer Sorgfalt soll hier vorgegangen werden. Auch auf dem eben erwähnten Jugendfchutzkongreß wurde es betont, daß für Findlinge beste Wahl der Pflegeparteien zu treffen sei. Hiefür könnten, was Auswahl und wirksame Aufsicht betrifft, unsere vielen Frauenwohltätigkeitsvereine und unsere sehr vielen Geselligkeits-, Bekleidungs- oder sonstigen Wohltätigkeitsvereine wirken. Es scheint uns, daß manche darunter bessere Zwecke damit verfolgten, als bisher. Die eigene langjährige Erfahrung und Arbeit bestimmen mich aber, besonders für eine Erziehungsanstalt für schwachsinnige und epileptische Kinder einzutreten. Wer wie ich die Aufgabe hat, in den Seelen solcher Kinder das Licht der Erkenntnis zu entzünden, den Willen zur Tat zu bilden, und nicht überall helfen kann, wo er gerufen und gefragt wird, der weiß, wie groß das Bedürfnis nach solchen Anstalten ist. Die christliche, ^beziehungsweise katholische Charitas in Niederöfterceich »sammelt und wirbt ruhig für denselben Zweck, in Oberkösterreich haben die Protestanten und die Katholiken je